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38. Moers Festival 2009 – Nix Neues unter der Sonne II

In Alles über Pop, Glaube, Sitte, Heimat | Am 2 Juni 2009 | Von Thomas Meiser

Ich mag keine Konzertkritiken mehr. Auch nicht die richtig guten von Dobler in der jW. Ich mag auch keine Konzertkritiken mehr schreiben. Weil ich mich dann nur wieder aufrege.

 

(Bild: Portrait Simon Rummel, Composing: Ralf Wasselowski)

 

Und zum Moers Festival 2009 fällt mir auch nicht mehr viel neues ein. Was soll denn überhaupt noch neu sein an einem musikalischen Konzept, das seit fast vierzig Jahren für sich in Anspruch nimmt,  jährlich zu Pfingsten die Speerspitzen der improvisierten Musik zu präsentieren?

Und im Nebenprogramm laufen dann die Kassierer im kommunalen Jugendzentrum, um die Dorfjugend der einzigen richtigen niederrheinischen Großstadt überhaupt noch an das mit reichlich Hippiespirit beseelte Festival binden zu können. Da fällt einem doch wirklich nicht mehr viel zu ein.

Diese niedliche Groteske läßt sich aber trefflich als Beispiel für die organisierte Erfolgssicherung des Moers Festivals der letzten Jahre verstehen: Grundsätzlich kein Risiko einzugehen und dabei pi mal Daumen vier Tage lang Acts von überdurchschnittlicher Qualität einzukaufen – das versteht der künstlerische Leiter Reiner Michalke bestens.  Aber es heißt  "No Risk, no Fun" – und Exellenz läßt sich nicht aus Volksnähe ableiten.

Werfen doch mal einen Blick in den Moerser Alltag, der auf Michalkes Initiative hin ein Jahr lang von einem "Improviser In Residence" bereichert wird. Die Stadt Moers hält sich also einen richtigen Stadtmusikanten im Festivalkontext, Simon Rummel nimmt dort zeitweilig seinen Lebensmittelpunkt und erhält für sein Spielen Brot.  

Die Improviser soll in die Schulen und die Altersheime wirken, er soll zur Debatte stellen und seine Musik lehren, er braucht pädagogischen Impetus. Simon Rummel wird aber von Kennern des Moerser Kulturleben eher ein stilles Gemüt nachgesagt. Jedenfalls im Kontrast zur Vorjahresresidentin Angelika  Niescier, die die Herzen der Moerser einnahm. Ob also durch Simon Rummel, die Anbindung der Einwohner des Stadt an das Moers Festival verstetigt wird, muß sich zeigen und dürfte eine der wenigen offenen Fragen hin bis zum 40. Jubiläum des Moers Festival im nächsten Jahr sein.

Ansonsten könnte ich – wie immer – richtig schönen Krach empfehlen, der in Moers zu hören war: Nisennenmondai etwa. Das sind drei japanische Mädels mit Bass, Guitarre und Schlagzeug. Und die Drummerin ist ist so meditativ-akkurat wie Jackie Liebezeit bei Tago Mago von The Can. Ist ja ein Doppelalbum: Ich meine jetzt Halleluhwah.

Klingt übrigens so.

Genau genommen kann die Drummerin Sayaka Himeno über eine aeternale Folge wirbelige 16tel schlagen. Das können nicht viele. Eigentlich kaum welche.

Ihr müßt Euch das so vorstellen: Repetitive Musik ist sehr schwierig zu spielen. Der Schlagwerker, der etwa in Ravels Bolero die kleinen Trommeln bespielt, das Stück ist praktisch ein einziges Ostinato, aber eines, das crescendiert, der ist am Ende in der Regel tot gespielt, völlig verschwitzt, hallo Sauerstoff, weil das Stück bei der Takt-Durchhalterei eine ständige langsame Beschleunigung erfordert und der sich immer auf die langsame Beschleunigung konzentrieren muß.

Nisennenmodais Sayaka Himeno macht das langsame Beschleunigen in vierfacher Grundgeschwindigkeit, schafft sich rein wie das Drummertier in der Sesamstraße – und wenn Du jemals vor einem Schlagwerk/Drumkit gestanden hast – dann fragst Du dich: Wie macht die Göttin das?

Erdbeertortellettenartig kam direkt danach am Montag nachmittag Tim Isforts Tentett von umme Ecke, aus Moers nämlich. Der hatte Anja Losinger dabei, die ja gewissermaßen ihre Perkussionen tanzt, indem sie auf den Klangplatten ihres Bodenxylophones rumspringt. Das Ganze wird man ja wohl nochmal, in ein paar Wochen also, auf der Duisburger Traumzeit hören können – da ist Tim Isfort sonne Art künstlerischer Leiter.

Und so bleibt auch in Duisburg alles beim Alten.



5 Kommentare und 0 Ping(s) zu »38. Moers Festival 2009 – Nix Neues unter der Sonne II«

  1. #1 | Thomas sagt am 2. Juni 2009 um 18:04

    Kornelia Vossebein, die Pressesprecherin des Moers Festivals, wird im Frühherbst Geschäftsführerin der abgespeckten Essener Zeche Carl.

    Gerade, 1703 Uhr, teilt sie die üblichen Zahlen zu Moers mit:

    Sehr geehrte Vertreter und Vertreterinnen der Presse,

    das moers festival vom 29. Mai bis 1. Juni 2009 war ein voller Erfolg!

    Die Konzerte im Festivalzelt, Bollwerk 107 und den vielen anderen
    Spielstätten in der Moerser Innenstadt waren bei strahlendem Pfingstwetter
    sehr gut besucht. An Pfingstsamstag und Pfingstsonntag war das 2.500
    Menschen fassende Festivalzelt sogar ausverkauft. Insgesamt hatte das
    Festival an den vier Pfingsttagen knapp 12.000 Besucher und war damit noch
    einmal besser besucht als im Vorjahr.
    Ca. 20.000 Camper verlebten ein laut Polizei und Feuerwehr entspanntes und
    ruhiges Wochenende, der Händlermarkt im Freizeitpark zog an die 180.000
    Tagesbesucher und Neugierige an.
    Künstlerische Leitung, Geschäftsführung und Aufsichtsrat äußerten sich
    ausgesprochen zufrieden über den gesamten Verlauf des Festivals, besonders
    aber über die Begeisterung, die das Programm 2009 bei Publikum und Musikern
    ausgelöst hat.

    Das moers festival 2010 findet vom 21. bis 24. Mai 2010 statt.

  2. #2 | ch_we sagt am 2. Juni 2009 um 18:27

    War von euch niemand beim wundervollen Konzert der Lucky Dragons am Freitag? Ein Duo aus Los Angeles, dessen Freeform-Elektronik in gemeinsamer Improvisation mit dem Publikum unter Mithilfe eines Computer-Interfaces entsteht.

  3. #3 | Simon Rummel sagt am 21. Juni 2009 um 03:00

    was für kenner sollen das sein?
    simon

  4. #4 | Thomas sagt am 22. Juni 2009 um 10:57

    @Simon Rummel:

    Lokale Bürger, die seit Dekaden das Festival besuchen. Und seit es diese gibt, auch die Konzerte in der Kirche und im Rathaus.

  5. #5 | Simon Rummel sagt am 17. August 2009 um 19:08

    Ich glaube, die Kenner irren sich diesmal :-)
    Wenn sie in Moers leben, sind sie jedenfalls mehrmals im Monat herzlich eingeladen, Solo- und Ensemblekonzerte, Performances, Stummfilmabende mit improvisierter Musik, Werkstattkonzerte, Orchesterkonzerte, Ausstellungen, Konzerte des avant-moers-festivals, Radiosendungen und nicht zuletzt fast jederzeit meine Residenz zu besuchen. In diesem Sinne: Augen und Ohren auf, bitte! Herzen natürlich auch gerne.

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