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ACTA Proteste: Der Tag, der alles geändert hat

In Ruhrgebiet | Am 12 Februar 2012 | Von Stefan Laurin

Gestern hat sich die politische Landschaft in Deutschland verändert. Tausende sind sich auf den vielen Demonstrationen ihrer Stärke bewusst geworden. Sie werden sich ab jetzt häufiger zu Wort melden – und sie werden gehört werden.

Am 18. Februar 1975 besetzten Winzer und Anwohner in der kleinen baden-würtembergischen Gemeinde Whyl den Bauplatz, auf dem das Badenwerk ein Atomkraftwerk errichten wollte. Der Protest war erfolgreich, das Kernkraftwerk Whyl wurde nicht gebaut. Und die Platzbesetzung war ein Fanal: Mit ihr wurde die Anti-AKW Bewegung zu einem Massenphänomen. Aus ihr ging nur knapp fünf Jahre eine neue Partei hervor, die die politische Landschaft der Republik verändern sollte: Die Grünen.

Gestern war wahrscheinlich wieder einer dieser Tage, nach dem nichts mehr so ist wie vorher. Was die Besetzung des Bauplatzes Whyl 1975 für die  Anti-AKW-Bewegung und die Grünen war, waren die Anti-ACTA-Proteste gestern für eine digitale Bewegung, für die es noch gar keinen richtigen Namen gibt und die Piratenpartei.

Ich war gestern auf der Demo in Dortmund und war überrascht, wie viele gekommen waren. Das da, wo mit hunderten gerechnet wurde, waren auf einmal Tausende – und das war überall so. Für viele, die gestern gegen ACTA auf die Straße gegangen sind, war es vielleicht die erste Demonstration in ihrem Leben. Viele waren jung – deutlich unter 20. Und man spürte ihre Begeisterung als sie merkten, dass sie nicht alleine sind, dass sie eine Bewegung sind. Und dieses Bewusstsein wird bleiben. Und es wird dafür sorgen, dass es künftig mehr solcher Tage geben wird. Eine Bewegung ist sich ihrer selbst bewusst geworden, weiß nun um ihre Stärke und Größe. Und sie wird sie nutzen – von Tag zu Tag mehr.

John Perry Barlow schrieb in seiner 1996 verfassten Unabhängigkeitserklärung des Internets:

Ihr erschreckt Euch vor Euren eigenen Kindern, weil sie Eingeborene einer Welt sind, in der Ihr stets Einwanderer bleiben werdet. Weil Ihr sie fürchtet, übertragt Ihr auf Eure Bürokratien die elterliche Verantwortung, die Ihr zu feige seid, selber auszüben.

16 Jahre nachdem Barlow seinen Text geschrieben hat, ist er noch immer aktuell und treffend. Für die, die gestern demonstrierten, ist das Internet nicht eine technische Option, nichts etwas das man nutzt wie ein Auto, eine Waschmaschine oder ein Lexikon sondern ein Lebensraum. Und sie gingen auf die Straße, weil sie das Gefühl hatten, dieser Lebensraum wird angegriffen. Sie gingen auf die Straße, um diesen Lebensraum zu verteidigen. Was wir gestern erlebten, waren große Freiheitsdemonstrationen, denn darum ging es im Kern: Um Freiheit.

Noch einmal Barlow:

Wir besitzen keine gewählte Regierung, und wir werden wohl auch nie eine bekommen – und so wende ich mich mit keiner größeren Autorität an Euch als der, mit der die Freiheit selber spricht. Ich erkläre den globalen sozialen Raum, den wir errichten, als gänzlich unabhängig von der Tyrannei, die Ihr über uns auszuüben anstrebt. Ihr habt hier kein moralisches Recht zu regieren noch besitzt Ihr Methoden, es zu erzwingen, die wir zu befürchten hätten.

Regierungen leiten Ihre gerechte Macht von der Zustimmung der Regierten ab. Unsere habt Ihr nicht erbeten, geschweige denn erhalten. Wir haben Euch nicht eingeladen. Ihr kennt weder uns noch unsere Welt. Der Cyberspace liegt nicht innerhalb Eurer Hoheitsgebiete. Glaubt nicht, Ihr könntet ihn gestalten, als wäre er ein öffentliches Projekt. Ihr könnt es nicht. Der Cyberspace ist ein natürliches Gebilde und wächst durch unsere kollektiven Handlungen.

Ihr habt Euch nicht an unseren großartigen und verbindenden Auseinandersetzungen beteiligt, und Ihr habt auch nicht den Reichtum unserer Marktplätze hervorgebracht. Ihr kennt weder unsere Kultur noch unsere Ethik oder die ungeschriebenen Regeln, die unsere Gesellschaft besser ordnen als dies irgendeine Eurer Bestimmungen vermöchte.

Auch diese Fremdheit war gestern zu spüren. Die wenigen Grünen, die Sozialdemokraten und die Anhänger der Linkspartei die dabei waren, wirkten, so aufrichtig ihr Engagement auch gewesen sein mag, als Fremdkörper. Es war nicht ihre Demonstration, es war nicht ihr Thema. Sie konnten das, was da passierte, natürlich mit ihrem Verstand erfassen. Fühlen konnten sie es nicht.

Anders die Piraten. Es war ihr Tag, nicht nur in Dortmund. Und es war der erste Tag einer neuen sozialen Bewegung. Es  war sehr schön, das zu erleben, dabei gewesen zu sein. Danke.


7 Kommentare zu »ACTA Proteste: Der Tag, der alles geändert hat«

  1. #1 | ator1980 sagt am 12. Februar 2012 um 16:01

    Gestern war ich auch auf der dortmunder Demo unterwegs und war sehr positiv überrascht wie viele junge leute mitgezogen sind.Andererseits ist es auch die Generation Internet die sich da gestern mobilisiert hat.Spätestens jetzt muss man sich eingestehen das es ein völlig neues Weltgeschehen ist und es Menschen sind die übergreifend der Gesellschaft interagieren.
    Willkommen zur Welt 2.0.

  2. #2 | D-punkt sagt am 12. Februar 2012 um 18:11

    in wyhl ging es darum innerhalb des kalten krieges eine unendlich tötliche waffe aufzuhalten, so wie es eben in kapitalistischen zeiten niemals eine eine friedliche nutzung der atomenergie geben wird weil die verhältnisse selbst krieg sind, gegen die armen, die menschen. da jetzt etwas herbeizuphantasieren und von bewegung zu träumen ist doch arg unanalytisch, da gehen eben ein paar mittelständler auf die straße um ihre privilegien des gelangweilten alltags zu demonstrieren, viel mehr auch nicht. mit zensur hat doch von den weigsten da einer ein problem solange nur runtergezogen werden kann was die freizeitindustrie als sinnleere reproduziert. mag sein das der ein oder die andere darüber auch weiter politisiert wird, aber whyl? … nein, das ist völliger blödsinn, mit verlaub.

    zensur zielt nicht darauf, dass etwas nicht (mehr) gesagt wird.
    zensur zielt darauf das etwas nicht (mehr) gedacht wird.

    Weg mit §129a!
    Weg mit §129b!
    ob das zb. den netz-kids zu vermittlen ist bezweifel ich erstmal.

    Weg mit §88a!
    dann verstehens auch alle …

  3. #3 | jkadhks sagt am 12. Februar 2012 um 18:18

    Oh, Stefan Laurin wird sentimental – wie schön. Das ist schon Grund genug, um der Anti-ACTA-Bewegung etwas positives abzugewinnen. Denn andere Gefühlsregungen als der sonst so verbreitete Zynismus tun diesem Blog wirklich gut.

  4. #4 | D-punkt sagt am 12. Februar 2012 um 21:25

    der obige kommentar von “marc” tut rassistische propaganda kund.
    “kultur” ist nichts natürwüchsiges, zu behaupten unterschiedliche kulturen würden zwangsläufig krieg gegeneinander führen wenn ein “maß” erreicht sei ist nichts als rassismus, wenn man sich diese aussage angesichts der tatsächlichne verhältnisse von reichtum und armut anschaut, es ist ideologie der herrschenden.
    der quatsch entspricht im wesentlichen dem rechten propagandabuch “clash of civilisations”; da hilft es auch nichts sich selbst nicht rechts zu verorten.

    ein weiteres beispiel ist das gerede von der kampffloskel “überbevölkerung”.
    diese beiden ansätze, “kulturen” seien ein naturhafter zustand und krieg zwischen ihnen somit ebenso “natürlich”, und das eben nicht genug für alle da wäre und die welche nichts zu essen habe eben überflüssig sind, dies sind kernpunkte rechter programmatik. und bei wem “dialektik nicht zieht” kann nur hirnverbrannt sein.

    ich geh von aus sowas ist der durchschnittliche piraten-typ.
    demnach, wyhl … nein. da fehlt jegliches bewußtsein.

  5. #5 | Stefan Laurin sagt am 12. Februar 2012 um 21:29

    D-Ounkt: Marc ist gelöscht. Der ist mir in der Sauerland-Ticker Hektik durchgerutscht. Sorry. Nein, ich glaub nicht dass das ein Pirat war. Das war einer der Rechten die hier jeden Tag versuchen durchzukommen und normalerweise gelöscht werden.

  6. #7 | Fundraising-Wochenrückblick vom 13.-19.02.2012 | sozialmarketing.de - wir lieben Fundraising sagt am 20. Februar 2012 um 18:03

    [...] ACTA Proteste: Der Tag, der alles geändert hat digiges: Wir erklären das Netz, nicht den Krieg. SPON: Acta und die Politik des Abgrunds [...]

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