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Afghanistan: Truppen nach Hause, Taliban in den Schurken-Club

Foto. flickr.com / army.mil

Am Freitag hat die Bundeswehr in Afghanistan mit einem von ihr angeforderten Luftangriff viele Dutzend Menschen getötet. Das passiert, wenn man im Krieg ist. Aber ist dieser Krieg nötig? Wegen des Wahlkampfes wollten deutsche Politiker das bisher kaum diskutieren. Immerhin hat der Bundespräsident zu einer gesellschaftlichen Debatte aufgerufen. Auf geht's.

Warum sind wir in Afghanistan? Zu dieser Frage, und damit unseren Zielen, müssen wir erstmal zurück. Die Antwort: Weil am 11. September, vor mittlerweile acht Jahren, zwei Flugzeuge ins WTC geflogen sind. Es ging darum, innerhalb weniger Wochen die Präsenz von Al-Qaida in Afghanistan zu beenden, und damit weitere aus dem Land geplante Terroranschläge zu verhindern. Dazu mussten die Taliban besiegt werden, die Al-Qaida duldeten.

Dieses ursprüngliche Ziel ist seitdem ziemlich ausgefranst. Ziviler Aufbau, Demokratisierung, Staatlichkeit, Menschenrechte, Bekämpfung des Opiumanbaus kamen Stück für Stück hinzu. Ich halte diese Ziele für unerreichbar, schon gar nicht durch westliche Intervention. Eine ausländische Armee kann Tanklaster in die Luft jagen - aber Stammesdenken, fehlende Aufklärung, Korruption, Klientelstrukturen, mangelnde Staatlichkeit kann sie nicht überwinden.

Zurück also zum ursprünglichen Ziel: wie sorgen wir dafür, dass es in Afghanistan keine Terrorlager gibt, in denen ein Anschlag auf Deutschland geplant wird, ohne dass wir davon mitbekommen? Im letzten Teil der Frage liegt schon ein Teil der Antwort. Wir sollten zurück zu einer Sicherheitspolitik ohne Militäreinsatz, und das ist leider reine Realpolitik. Eine Lösung könnte so aussehen: ein Deal mit den Taliban, Geheimdienste, ein regionaler Politik-Ansatz.

Im Zentrum steht ein politisches Abkommen mit den Taliban: wir ziehen unsere Truppen ab,

Foto. flickr.com / army.mil

Am Freitag hat die Bundeswehr in Afghanistan mit einem von ihr angeforderten Luftangriff viele Dutzend Menschen getötet. Das passiert, wenn man im Krieg ist. Aber ist dieser Krieg nötig? Wegen des Wahlkampfes wollten deutsche Politiker das bisher kaum diskutieren. Immerhin hat der Bundespräsident zu einer gesellschaftlichen Debatte aufgerufen. Auf geht’s.

Warum sind wir in Afghanistan? Zu dieser Frage, und damit unseren Zielen, müssen wir erstmal zurück. Die Antwort: Weil am 11. September, vor mittlerweile acht Jahren, zwei Flugzeuge ins WTC geflogen sind. Es ging darum, innerhalb weniger Wochen die Präsenz von Al-Qaida in Afghanistan zu beenden, und damit weitere aus dem Land geplante Terroranschläge zu verhindern. Dazu mussten die Taliban besiegt werden, die Al-Qaida duldeten.

Dieses ursprüngliche Ziel ist seitdem ziemlich ausgefranst. Ziviler Aufbau, Demokratisierung, Staatlichkeit, Menschenrechte, Bekämpfung des Opiumanbaus kamen Stück für Stück hinzu. Ich halte diese Ziele für unerreichbar, schon gar nicht durch westliche Intervention. Eine ausländische Armee kann Tanklaster in die Luft jagen – aber Stammesdenken, fehlende Aufklärung, Korruption, Klientelstrukturen, mangelnde Staatlichkeit kann sie nicht überwinden.

Zurück also zum ursprünglichen Ziel: wie sorgen wir dafür, dass es in Afghanistan keine Terrorlager gibt, in denen ein Anschlag auf Deutschland geplant wird, ohne dass wir davon mitbekommen? Im letzten Teil der Frage liegt schon ein Teil der Antwort. Wir sollten zurück zu einer Sicherheitspolitik ohne Militäreinsatz, und das ist leider reine Realpolitik. Eine Lösung könnte so aussehen: ein Deal mit den Taliban, Geheimdienste, ein regionaler Politik-Ansatz.

Im Zentrum steht ein politisches Abkommen mit den Taliban: wir ziehen unsere Truppen ab, und ihr habt es nur noch mit der afghanischen Armee zu tun, lasst im Gegenzug Al-Qaida nicht zurück ins Land und sorgt dafür, dass die bestehenden Terrorlager aufgelöst oder zumindest nicht ausgebaut werden.

Um unser eigentliches Ziel zu erreichen, Terroranschläge auf eigenem Boden zu verhindern, setzen wir auf unsere Geheimdienste. Die Welt hat sich seit 9-11 verändert: die wissen mittlerweile, wo Afghanistan liegt. Seitdem hat es zwar Anschläge in Europa gegeben, aber nicht mehr im Maßstab 9-11.

Pakistan spielt eine ebenso große Rolle für die Taliban und Al-Qaida und kann andersrum viel für die Stabilisierung Afghanistans tun. Das Land sollte in den Fokus der Bemühungen rücken. In Afghanistan überschneiden sich außerdem zur Abwechslung mal iranische und westliche Interessen. Eine entsprechende Zusammenarbeit würde die Region ebenso stabilisieren und insbesondere dem Opiumschmuggel weh tun.

Als Joker für alle Weltverbesserer, denen nackte Realpolitik zu nackt ist, kann man es ja weiterhin mit Entwicklungshilfe probieren. Die ist aber ein Thema für sich und schon an wesentlich aussichtsreicheren Kandidaten gescheitert.

Durch diesen Mix würden die Taliban durch ihre militärische Stärke vermutlich wieder die Macht in Afghanistan übernehmen (ich glaube nicht, dass die afghanische Armee es mittelfristig mit ihnen aufnehmen kann – man könnte sie ja aber trotzdem unter der Hand unterstützen, ohne das beschriebene Abkommen mit den Taliban zu verletzen). Über diese letzte Konsequenz sollte von Anfang diskutiert werden. In der Logik westlicher Außenpolitik ist sie aber zweitrangig.

Denn es ist ja nicht so, dass ein Deal mit den bösen Taliban ein Präzedenzfall wäre. Man müsste eher sagen: willkommen im Club! Schurken in aller Welt werden von Europa auch nach dem Ende des Kalten Kriegs noch akzeptiert, weil sie westliche Interessen vertreten. Wir stellen uns gut mit dem Hause Saud und dem Kollegen Ghaddafi, weil wir deren Öl brauchen. Warum nicht auch mit den Taliban, weil wir keine Terrorangriffe mehr wollen? In Sachen Menschenrechten, insbesondere Frauen, nehmen die sich alle nicht viel.

Bleibt noch die Sachen mit der Opiumproduktion, die angeblich Terrorismus finanziert. Aber die hat uns vor 9-11 nicht interessiert und rechtfertigt auch jetzt nicht die Präsenz ausländischer Truppen (die sie ja bisher auch nicht wirklich in den Griff bekommen haben). Es ist in Afghanistan eben nicht alles so schwarz und weiss, wie man es gerne hätte: die Taliban bekommen mittlerweile Gelder aus US-Entwicklungshilfe, und die Behörden verdienen genauso kräftig am Opium wie alle anderen.

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23 Kommentare zu “Afghanistan: Truppen nach Hause, Taliban in den Schurken-Club

  • #1
    David Schraven

    Dieses Thema sehe ich genauso. Kein Politiker kann den Eltern eines Toten Soldaten aus Herne den Grund für den Tot nennen. Es gibt keine vernünftige Antwort auf das: WARUM?

  • #2
    Christoph

    Also ich muss diesem Artikel widersprechen. Nachdem man sich einmal der Problematik angenommen hat, kann man nicht einfach schmollend sagen: „Jetzt haben wir doch keinen Bock mehr!“ Es wäre ein Verrat an allen Afghanen, die kooperiert haben in dem Vertrauen auf Hilfe. Die vermutlich eintretende Rachewelle der Taliban an „Verrätern“, wäre wissentlich in Kauf genommen wurden. Da könnte man diesen Personenkreis gleich erschießen, und würde ihnen vermutlich wenigstens Folter und Demütigung ersparen…

    Ich bin der festen Überzeugung, dass der Afghanistan Einsatz einer der fundamentalen Fehler der letzten Jahre gewesen ist (siehe dazu auch Kommentar 1), aber wenn man sich einmal auf ein solches Abenteuer eingelassen hat, kann man sich nicht mehr aus der Verantwortung stehlen.

    Das deutsche Soldaten mit ihrem Leben bezahlen müssen war doch bereits vor Beginn des Einsatzes vorhersehbar. Mein Vorschlag wäre daher eine Partei zu wählen, die sich auf den eigentlichen Bundeswehr Auftrag besinnt und keine weiteren Dummheiten im Ausland mehr beginnt.

    Bezüglich einer Lösung der aktuellen Situation in Afghanistan: Bildung Bildung Bildung und gleichzeitig Aufbau Aufbau Aufbau! Bildung wird dafür sorgen, dass die Menschen auch alternative Weltbilder präsentiert bekommen, und wem es dann wirtschaftlich gut geht, wird auch keine extremen Gruppen wie die Taliban mehr unterstützen.

  • #3
    Franz Kollege

    @Christoph – die Frage ist nur, wie lange das dauert. 10 Jahre? 20 Jahre? Da herrschen gesellschaftlich und kulturell einfach ganz andere Voraussetzungen.

    Eines Tages müssen wir unseren Fehler korrigieren. Da fängt man besser jetzt an, und spart dabei deutsche und vor allem afghanische Tote.

  • #4
    Stefan Laurin

    @Franz: Wenn wir gehen werden nicht weniger Afghanen sterben, sondern die Taliban werden ein Blutbad anrichten – vor allem unter Leuten die sich auf uns verlassen haben.

  • #5
    Christoph

    @Franz Kollege: Ich sehe das genau wie Stefan. Das die jetzige Situation für alle Beteiligten total be******** ist, und korrigiert werden muss ist vollkommen richtig. Ich meine selbst die Afghanen, die uns wohlgesonnen sind, fühlen sich sicher nicht wohl damit. Ich fände es zumindest nicht besonders berauschend, wenn Soldaten dauernd vor meiner Haustür patroullieren.
    Nichtsdestotrotz ist eine Wiedereinsetzung der Taliban keine Option (mehr). Es würden sehr wahrscheinlich Racheakte folgen.
    Die Toten hätten die Politiker – bzw. die Gesellschaft – die den Afghanistan Einsatz mitgetragen hat und dann diesen Abzug beschließt, dann wissentlich in Kauf genommen. Dieselbe Argumentation gilt, da imho Opfer unter deutschen Soldaten von Anfang an wahrscheinlich waren, auch für diese.
    Es bleibt also die Frage was tun. Ein Maß anzusetzen, welches die bessere Option ist, ist glaube ich schwierig bis unmöglich. Aber es gibt schon einige Argumente, warum man in dieser Abwägung einen sofortigen Abzug nicht gut heißen kann.

    – Vermutlich werden weniger deutsche Soldaten in der mittelfristigen Zukunft sterben, als afghanische Kollaborateure nach einer Widereinsetzung der Taliban (einfaches Abzählen der möglichen Toten. Schwierig weil der Wert eines jeden Lebens für alle Angehörigen unendlich groß ist. Aber auch Afghanen haben Angehörige, nicht nur deutsche Soldaten).

    – Soldaten, im Gegensatz zu Zivilisten, müssen die Möglichkeit in einen Kriegseinsatz getrieben zu werden in Kauf nehmen. Es wird in Deutschland keiner gezwungen zur Bundeswehr zu gehen. In der Tat wird man aufgefordert durch die Möglichkeit Zivildienst zu beantragen, sich gewissenhaft mit gerade eben dieser Möglichkeit auseinanderzusetzen.

    – Ein sofortiger Abzug würde als Verrat aufgefasst werden, und so langfristig Nährboden für eine weitere Entwicklung von zukünftigen Terroristengenerationen bieten.

    Da ich allerdings das Gefühl habe, mich im Wesentlichen mit meinen Argumenten zu wiederholen, werde ich euch in Zukunft vor weiteren länglichen Kommentaren verschonen, so lange die Diskussion keine neue Wendung nimmt 😉

  • #6
    Stefan Laurin

    @Christoph: Dann bringe ich mal einen neuen Aspekt ein: Wie die Diskussion um den Angriff auf die Tankwagen zeigt, sind wir überhaupt nicht mehr in der Lage einen solchen Krieg zu führen. Es gibt keinen schönen und netten Krieg – im Krieg geht es letztendlich darum mit militärischen Mittel seine Ziele durchzusetzen. Das ist nie human, da sollte man sich auch nicht von den Militärs verarschen lassen. Gerade ein asymetrische Krieg ist immer ein Krieg mit Opfern auf Seiten der Zivilisten – was Gruppen wie die Taliban nicht weiter stört. Können wir noch einen solchen Krieg führen oder halten wir die Diskussion und die Bilder die er bringt nicht aus? Wenn wir die Frage mit Nein beantworten, müssen wir gehen.

  • #7
    Christoph

    @Stefan: Ich habe schon vermutet, dass früher oder später irgendwer auf die Tanklaster zu sprechen kommt. Dass es keinen guten Krieg gibt, steht für mich außer Frage. Die Tanklastergeschichte ist meinem aktuellen Wissenstand nach nicht abschließend aufgeklärt. Beide Seiten behaupten, dass was für sie am besten ist. Das ISAF Oberkommando versucht einen Mittelweg (in etwa: 125 Tote, auch Zivilisten), entweder weil es einfach wahr ist, oder um selbst jegliche Rufschädigung abzuwenden.
    Ich möchte da drauf nicht weiter rumreiten, weil es im Endeffekt reine Spekulation wäre, was wirklich passiert ist, und wie militärisch relevant dieser Angriff wirklich gewesen ist.
    Fakt ist jedoch: Es gab einen Angriff, der zu Toten geführt hat. Die lokale Bevölkerung ist darüber empört, weil welche aus ihren Reihen dabei gestorben sind. So etwas gilt es so weit möglich zu vermeiden, und das nicht nur aus humanitären Gründen, sondern auch aus Gründen der Sicherheit der stationierten Truppen.
    Das es für den deutschen Staat eine einfache und saubere Lösung (in Form eines sofortigen Abzuges) gibt, halte ich jedoch weiterhin für unrealistisch. Die Bilder und Diskussionen würden nicht besser. Vielleicht ist folgende Zusammenfassung meiner Meinung am treffensten: Im Moment haben wir die Wahl zwischen a) Sch**** und b) noch größerer Sch****. Eines davon müssen wir dann so schnell wie möglich durchziehen und im Idealfall für die Zukunft endlich mal aus der Geschichte lernen.
    Wie meine Beurteilung der Möglichkeiten ist, sollte inzwischen klar sein, dass andere es anders sehen ist wahrscheinlich, schließlich basiert meine Einschätzung auch auf Hypothesen, wie sich wohl wer wann verhalten wird. Ich denke jedoch, dass ich durchaus im Bereich des Plausiblen liege…

  • #8
    Dennis

    Die Frage welche sich mir stellt ist, was ist denn die Konsequenz jener Position welche unter Verweis auf die Taliban einen Rückzug ablehnt?
    Das hätte ich doch gerne mal ausgeschrieben gelesen.

    Militärischer Sieg über einen Gegner der keine Kapitulationserklärung unterschreiben wird? Sicher nicht.

    Auslöschung aller Taliban inklusive Unterstützer? Abgesehen von der moralischen Frage, das hat schon in Vietnam nicht funktioniert.

    Es braucht zweifelsohne eine konkrete Exit-Strategie für Afghanistan im Verbund mit der Umsetzung einiger primär wichtiger Aufgaben. Den Taliban muss ein Rückzug der NATO unter Bedingungen angeboten werden (Beteiligung an einem afghanischen parlamentarischen System, keine weitere Unterstützung für Al Quaida) solange die NATO noch was anzubieten hat.

    Das bedeutet zwar keinen sofortigen Abzug, aber ein konkretes Abzugsdatum in den nächsten Jahren.
    Alternativ können wir aber natürlich weiterhin Menschen in dem verzweifelten Bemühen opfern, den Nimbus der Unbesiegbarkeit des westlichen Verteidigungsbündnisses zu erhalten.

  • #9
    David Schraven

    Ich finde vor allem einen Aspekt entscheidend:

    Stefan schreibt. „im Krieg geht es letztendlich darum mit militärischen Mittel seine Ziele durchzusetzen.“

    Ja müsste man dann nicht wenigstens ein Ziel haben, um diesen verdammten Krieg zu führen?

    Welches Ziel aber haben wir in Afghanistan, dass wir durchsetzen wollen? Den Drogenhändlerbruder von Karsai am Fleischtopf zu halten?

    Ich empfehle erneut die Literatur:

    http://www.nytimes.com/2008/07/27/magazine/27AFGHAN-t.html?_r=1&scp=1&sq=Karzai%20Opium%20Schweich&st=cse

    Zitat: „“Karzai was playing us like a fiddle: the U.S. would spend billions of dollars on infrastructure improvement; the U.S. and its allies would fight the Taliban; Karzai?s friends could get rich off the drug trade; he could blame the West for his problems; and in 2009 he would be elected to a new term.“““

    Dieser Krieg sieht für mich aus, wie ein Kampf „unsere Drogenhändler gegen deren Drogenhändler“ – bei dem wir versuchen, unseren Drogenhändler mit beiden zugedrückten Augen an der Macht zu halten.

    Die Machtfrage in Afghanistan aber zugunsten des einen oder anderen Drogenfürsten zu entscheiden, kann aber doch nicht das Leben eines Mannes oder einer Frau aus Dortmund, Berlin oder Gütersloh wert sein.

    Ich wünsche mir dass Jung den Eltern des nächsten toten Soldaten sagt:

    „Ihr ermordetes Kind war für Deutschland nützlich, weil der Bruder eines Drogenhändler in einem fernen Land an der Macht gehalten werden musste.“

    Tolle Begründung. Sehr überzeugend.

    Wenn es aber kein Ziel gibt, dann müssen wir den Krieg abbrechen – sofort. Und versuchen, da so heil wie möglich aus dem Schlamassel zu entkommen und möglichst niemanden dabei zu verlieren.

    Denkt keiner an die Soldaten dort vor Ort. Was zur Hölle machen die da? Laufen da rum als Zielscheiben.

    Das Leben und die Gesundheit der Soldaten ist mehr Wert als Kalendersprüche der Kriegsbefürworter:

    Dieser Satz von Christoph:

    ++++ Nachdem man sich einmal der Problematik angenommen hat, kann man nicht einfach schmollend sagen: ?Jetzt haben wir doch keinen Bock mehr!? ++++

    kann doch kein Kriegsgrund sein, auf dessen Basis Werner aus Wuppertal seinen Arm hergibt, Kathrin aus Rostock ihre Beine und Elmar aus Hattingen seinen Kopf.

    Die Opfer sind real und nicht virtuell.

    Wenn ich mir vorstelle, dass die Deutschen auch noch mit einem der abscheulichsten Diktatoren der Welt (dem Karimow aus Usbekistan) zusammenarbeiten, um diesen unsinnigen Krieg zu führen, fernab von Europa, dann wird mir ganz anders. Und das ganze auch noch von den früheren Anti-Krieg-Parteien SPD und Grüne, da wird mir ganz schlecht.

    Ich plädiere für ein Ende mit Schrecken und gegen ein Schrecken ohne Ende.

    Selbst wenn danach die Drogenhändler der Taliban gegen unsere Drogenhändler gewinnen sollten. Tja, dann ist das halt so.

    Auch in Simbabwe, Sudan und Saudi Arabien, etc… herrschen Leute, die ich nicht mag.

    Und auch aus Vietnam konnte sich die Amis zurückziehen und haben dennoch den kalten Krieg gewonnen.

    Also echt…….

  • #10
    Stefan Laurin

    @Christoph: Wir sind gr nicht weit auseinander. Die Tanklaster-Geschichte ist für mich kein Grund abzuziehen, sondern zeigt, dass wir als Gesellschaft nicht mehr in der Lage sind Kriege zu führen. Wenn 125 Tote in einem Krieg zu tagelangen Diskussionen führen ist das ein Zeichen für eine extrem pazifizierte Gesellschaft. Man muß nur einen Blick auf die täglichen Verlustzahlen in den beiden Weltkriegen zu werfen, um zu sehen, dass wir mental kaum mehr in der Lage sind einen Krieg zu führen und zu gewinnen.
    @Dennis: Ich weiß es auch nicht. Natürlich ist der Westen (und war es auch die UdSSR) in der Lage den Krieg in Afghanistan militärisch zu gewinnen. Nur können und wollen wir den Krieg nicht so führen, wie es dazu nötig wäre. Das ist nicht erst seit Vietnam klar, sondern seit dem Algerien-Krieg, den Frankreich militärisch gewonnen hatte, nur nicht das Land sein wollte, dass auf eine solche Weise Krieg führt (Und der Krieg in Algerien war wirklich übel). Wir brauchen eine Exit-Strategie, klar, dürfen die Menschen die sich auf uns verlassen aber nicht hängen lassen und brauchen auch eine Strategie wie man asymetrische Kriege führen kann. Es kann nicht sein, dass in einem Land Terroristen ausgebildet und Anschläge gegen uns geplant werden und wir uns nicht wehren können. Wer angegriffen werden kann, wird angegriffen – so einfach ist das.
    @David: Alles richtig. Auch unsere Verbündeten in Afghanistan sind zum großen Teil Pack. Dafür darf kein Mitbüger gefährdet werden. Aber da sind auch ein paar Mädchen die wieder auf Schule können (Viel zu wenige), es gibt Lehrer, Ärzte, Frauen die an Wahlen teilnehmen etc. Auch für die müssen wir eine Lösung finden. Und: Immerhin sind fast 50 Prozent der Afghanen zu diesen Wahlen gegangen. Es sind nicht alles Drogenhändler.

  • #11
    David Schraven

    Ich hab noch einen Vorschlag, da raus zu kommen.

    Man kann Afghanistan ja auch teilen. In einen Nordteil mit den Tadschiken und den Hazara und einen Patschtunischen Süden. Den Süden überläßt man den Tabilan, den Norden päppelt man mit Geld und guten Willen.

    Der Norden konnte sich unter Achmed Shah Massud schon ohne Hilfe gegen die Taliban halten. Wenn die ihren eigenen Staat kriegen, könnten die sich vielleicht als unsere Verbündeten in der Region entwickeln.

    Nur eine Idee.

  • #12
    Christoph

    Auch wenn ich den sofortigen Abzug ablehne, bin ich natürlich für eine Exit Strategie! Diese muss jedoch gewährleisten, dass wir nicht durch diese Exit-Strategie mehr Schuld auf uns laden, als durch ein vor-Ort-bleiben.

    @David: Eine Teilung des Landes ist dabei grundsätzlich vielleicht gar nicht die allerschlechteste Idee, aber nur, wenn sich beide Teile gegeneinander selbständig behaupten können oder aber im mindesten eine einigermaßen glaubwürdige Erklärung diesbezüglich abgeben könnten (wie auch immer das gehen mag…).
    >>
    ++++ Nachdem man sich einmal der Problematik angenommen hat, kann man nicht einfach schmollend sagen: ?Jetzt haben wir doch keinen Bock mehr!? ++++

    kann doch kein Kriegsgrund sein, auf dessen Basis Werner aus Wuppertal seinen Arm hergibt, Kathrin aus Rostock ihre Beine und Elmar aus Hattingen seinen Kopf.<<
    Der Krieg ist damals von der Politik begonnen wurden. Werner, Kathrin und Elmar sind, wenn sie im Ausland eingesetzt werden, freiwillig in der Armee. Wer glaubt in der Armee würde man nicht von der Obrigkeit für Ziele benutzt, die nicht die eigenen sind, ist einfach total blauäugig. Die afghanischen Zivilisten, die ausnahmsweise keine aktiven Drogenloards sind, sondern sich ein besseres Leben erhoffen, weil sie sich von der ISAF Truppe zu Polizisten ausbilden lassen und ihre Töchter in Schulen schicken und ohne Burka rumlaufen lassen, haben sich nicht ausgesucht wo sie geboren sind, und auch nicht ausgesucht, dass wir sie damals von den Taliban „befreit“ haben. Sie haben uns aber vertraut als wir gesagt haben, wir wollen helfen. Sie jetzt zu opfern um unsere Soldaten zu schützen ist falsch genau wie der ganze Einsatz. Falsch und falsch ergibt aber nicht richtig…
    Und bevor jetzt behauptet wird, ich bin dafür das unsere Soldaten sterben. Das ist totaler blödsinn. Ich selbst kenne Leute die bei der Bundeswehr sind, und wünsche ihnen alles andere als Tod und Leid. Wenn es eine Lösung gibt, die ohne weitere Tote auskommt, bin ich dafür!

    @Dennis: Eine konkrete Exit Strategie kann nur darin bestehen, die versprochene Hilfe beim Aufbau eines Staates zu leisten, und sobald der Staat sich selbst tragen kann, abzuziehen. Der Abzug sollte dabei so schnell wie möglich und so spät wie nötig erfolgen.
    Weiterhin würde ich mir wünschen, dass die Bundeswehr wieder in ihrem ursprünglichen Auftrag der Landesverteidigung von Bundestag bestärkrt wird und nicht mehr für zweifelhafte Ziele verheizt wird.

  • Pingback: Abzug aus Afghanistan? « Rot steht uns gut

  • #14
    Torti

    Ein Abzug aus Afghanistan wird nicht in Berlin entschieden sondern in Washington. Deutschland sitzt in einer doppelten Falle. Ohne die USA ist dieser Krieg gar nicht zu führen und ohne die USA können die deutschen Soldaten nicht mal abziehen.

    Ich bin gegen diesen Krieg aber wie unsere Soldaten von der deutschen Politik dort behandelt werden ist unglaublich.

    Man stelle sich vor: Deutschland verfügt über kein Transportmittel für gepanzerte Fahrzeuge. Jedes Fahrzeug muss von den Amis eingeflogen oder mit gecharteten ukrainischen Frachtflugzeugen. LÄCHERLICH !!!
    Auch der Luftschlag wäre ohne die Amis gar nicht gegangen,Deutschland hat kein Flugzeug das die Mission hätten übernehmen können.

    Selbst wenn wir diesen Krieg führen wollten. Wir haben nicht die militärischen Mittel dazu. Wir besitzen sie schlicht nicht.

    Die Bundeswehr bewacht dort in Kunduz nichts mehr, die Truppe ist nur noch mit der Eigensicherung beschäftigt.

    Wenn ich deutscher Kommandeur dort wäre würde mir auch das Hemd flattern wenn ich wüsste das 6 km von mir ein Haufen skrupelloser Taliban 2 Tankwagen hat und ich nichts habe um sie aufzuhalten.

    Wie das abgelaufen ist kann man übrigens hier nachlesen
    http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2009/09/05/AR2009090502832.html

    Vor den Menschen in Afghanistan, die zur Schule gehen, Ihre Felder bestellen oder wählen gehen.

    Das hat aber nichts mit der Bundeswehr zu tun sondern ist Mut und Zivilcourage der uns beschämen sollte.

  • #15
    Michael Kolb

    Why we fight!

    Als letztem ist es wohl Frank Capra leidlich gelungen, dies zu erklären, bei „uns“ will das nicht so recht funktionieren.

    Als ich hier von einer „Exit-Strategie“ las, kam mir die Eingangssequenz aus „One bridge too far“ in den Sinn: The plan, like so many plans in so many wars before it, was ment to end the fighting by christmas, and bring the boys back home!
    Zu Anfang, nach 9/11, hat es ja auch ganz gut funktioniert, mehr oder weniger schnell rein, Taliban bekämpfen, gunships over Tora Bora, al Quaida zerstreuen… Seek and destroy klappte dann schon weniger gut und nation building will mir nun als jene Brücke zuviel erscheinen, um die es im Film oben geht.

    Schon vor längerer Zeit habe ich aufgehört zu verstehen zu wollen, was in Afghanistan eigentlich geschieht und irgendwann mal geschehen soll, von daher kommentiere ich völlig aus dem Bauch und unbeleckt von jeglicher Sachkenntnis und, ich will es mal so sagen, zumindest bezogen auf die fehlende Sachkenntnis, bin ich nicht gänzlich allein. Ich bin angewiesen auf Quellen um zu „erfahren“, was in diesem Land geschieht. Meine erste Quelle (und die ist auch noch sekundär) ist Fontane. Spätestens seit seinem Gedicht aus dem Jahre 1859 ist Afghanistan bekannt als ein Land, dessen Bevölkerung angeblich nicht gerade zimperlich mit „Agressoren“ und „Invasoren“ umgeht. Afghanistan wird uns in der Folge geschildert als ein Land voller freiheitsliebender Krieger, die jeden bekämpfen, der es beherrschen will. Und jeder männliche Einwohner hat (mindestens) eine Flinte (später auch Büchse) im Stall versteckt. Das hat 2 1/2 mal gegen die Briten funktioniert und einmal gegen die UDSSR, merkwürdig, daß es gegen die Taliban nicht funktioniert hat. Die Eingriffe in die „persöhnliche Freiheit“ (so diese Formulierung in Afghanistan irgendeine Bedeutung haben sollte) der Afghanen durch die Taliban, waren so ziemlich die größten in der Geschichte dieses Landes… und plötzlich kann sich dieses Land, können sich diese Krieger nicht mehr dagegen wehren… ’schulligung, da beginnt mein Verstand an, sich abzumelden oder ich muss meine Schlussfolgerung anpassen, es sind eben doch nicht alle Afghanen Krieger, Fontane hat sich geirrt und Sale hat nur die falsche Taktik angewandt.

    Was bedeutet das nun für meine Meinung über „Afghanistan“? Ich verliere langsam den Glauben daran, daß die „Afghanen“ sich helfen lassen „wollen“, mit Mistgabeln die Sowjets verjagt, aber „nur“ 14.000 Soldaten in Kampfeinheiten der regülären afghanischen Armee, um für die „Freiheit“ des eigenen Landes zu kämpfen, das bekomme ich nicht auf die Reihe…

    Why we fight? In der Tat wohl nur noch für den Nebenmann in der Stellung.

  • #16
    Heiko August

    @Michael Kolb:
    Die Afghanen können Krieger sein, wie sie wollen, wenn diese Krieger sich gegenseitig bekämpfen, taugt das Ganze nicht. Will sagen: auch die Truppen der Taliban rekrutieren sich nicht unwesentlich aus Fontanes afghanischen Kriegern.

    Ach ja: Die Sowjetarmee wurde mitnichten nur von den afghanische Kriegern verjagt. Da gab es unter Anderem noch eine nicht allzu unwesentliche Truppe, geführt von einem gewissen Osama Ibn L. und finanziert vom US-amerikanischen Geheimdienst CIA.

  • #17
    Manfred Michael Schwirske

    Hier wird diskutiert, als ob. Als ob nämlich wir hier unten oder Bundestagsabgeordnete oder der peinliche Herr Jung oder was weiss ich Ursachen und Hintergründe dieses Krieges kennen. Also benennen könnten.

    Es ist aber mindestens eine logische Option, zu denken, dass wir das nicht wissen, weil wir es nicht wissen sollen. Ich meine, dass diese intellektuelle Option sehr pausibel ist.

    Dass Afghanistan nicht stabilisierbar in unserem Sinne ist, scheint mir festzustehen. Da bräuchten wir nicht einmal Scholl-Latour, sondern die eigene Einsicht befragen.

    Insofern wären dann aber das Gerede, die Freude über Mädchen in Schulen und auch die Forderung einer Exit Strategie oder über Drogen blosse Rationalisierung eine Nichtwissens oder ein eigentlich blamabler Reinfall auf Inszenierungen.

  • #18
    Dietrich Stahlbaum

    VON KABUL NACH BOCHUM. Bericht einer Flucht 1981/82 (Ausschnitt)

    Ich hatte damals Gelegenheit, einen jungen afghanischen Wissenschaftler kurz nach seiner Flucht mit Frau und Baby aus Afghanistan zu interviewen. In seinem Bericht über die Hintergründe des sowjetischen Einmarsches, über die Geschichte seines Landes, über die Stammesstrukturen und den Widerstand erfahren wir die Gründe für das Scheitern aller fremden Mächte, die versucht haben, sich Afghanistan einzuverleiben. Ein Zeitdokument, wichtig zum Verständnis der heutigen Situation.

    Volltext =>
    http://www.webnews.de/http://zeitfragen.blog.de/2008/08/23/kabul-bochum-bericht-flucht-sowjetischer-besetzung-4626939/

    Weitere Beiträge zu Aghanistan => http://zeitfragen.blog.de/tags/afghanistan/

  • #19
  • Pingback: Kinder Verboten - der SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier und Human Rights Watch » ruhrbarone

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  • #22
    Jens Kobler

    Ich habe gerade noch einen guten Artikel zum Thema „the war on terror is part of the war on drugs“ gefunden:
    http://www.review.upeace.org/index.cfm?opcion=0&ejemplar=17&entrada=86
    (Dass D.S. – z.B. in 9 – meint, die Drogen hätten eh schon gewonnen, es ginge nur darum, von wem sie kommen, finde ich ein wenig … schlapp von einem, der sich ja auch sonst um die „Werners aus Wuppertal und Kathrins aus Rostock“ sorgt. Vielleicht sogar nicht mal schlapp, sondern parteiisch in Bezug auf globales Dealertum. Oder gleich alles ganz neoliberal legalisieren? Oder nach der Revolution mal verstaatlichen? – Und wo ist eigentlich die ehemalige Obama-Hochjubelei hin? War eher taktisch geprägt damals, oder?)
    Und jetzt bitte alle von irgendwelchen Drogen Abhängigen aus der SPD für den Abzug stimmen. Danke, reicht, klare Mehrheit. Bigott genug, für regierungsfähig erklärt – und dann wieder schnell abschmieren, bitte. Uh, der Entzug!
    P.S.: Eher zum Artikel: Komisch dass nie jemand fragt, warum (!) in die Tower geflogen wurde. Dass das nur mit religiösem Wahn zu tun haben soll, das betrifft vielleicht die Attentäter selbst, aber keinesfalls die Drahtzieher.

  • #23
    Paul Schütze

    ???
    abziehen und die afghanische armee sich selbst überlassen?
    abziehen und zulassen, dass die taliban wieder an die macht kommen?

    äh … lassen sie mich kurz nachdenken … NEIN
    wir können doch afghanistan nicht sich selbst und den krieg überlasen
    was ist denn das für eine einstellung?

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