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Alltagssplitter (10): Friss, Vogel, und stirb!

In Ruhrgebiet | Am 30 Dezember 2012 | Von Gerd Herholz

Heiligabend 2012
 „Stille Nacht! Heilige Nacht! Alles schläft. Einsam wacht …“
Ich glaub‘, mich tritt ein Pferd! Nach dem Gänsebraten beginnt der Nachbar über uns gegen 22 Uhr 30 mit seinen Gästen ausgelassen Gangnam Style zu hopsen, auf Granitboden. Gelegentlich schrillt er „Jiiihaa, jiihaa!“. Was zu diesem Ponyhoftanz wirklich gut passt. Besonders die Damen in ihren Stöckelschuhen sind als famose Reiterinnen deutlich herauszuhören. Da muss also im Stall zu Bethlehem tatsächlich noch ein Hengst gewesen sein, neben Ochs und Esel, hätten Sie’s gewusst?
Kurz vor 24 Uhr verlassen dann alle das Haus, um bei einer X-mas-Party so richtig die Sau rauszulassen.

Ideelle Gesamtkapitulationistin
Apropos „Denn uns ist ein Kind geboren …“ (Jes 9,5a):
Auch NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft macht Freude.
Sie ist einst nicht nur aus der katholische Kirche aus- , sondern irgendwann bei den Evangelen auch wieder eingetreten. Und von dieser Drehtür-Communio scheint‘s ihr so schwindlig geworden zu sein, dass sie 2012 ausgerechnet in Namibia ihre arg verspätete kirchliche Trauung hat inszenieren lassen, stilvoll in weißem Brautkleid auf schwarzem Kontinent. Wollen wir hoffen, dass sie sich 2015 (nach zwei Jahren Katechumenenunterricht) in Jerusalem nicht auch noch firmen und filmen lässt.

Der Herr ist kein Hirte, die Dame kein Lamm?
Der WAZ-Mediengruppe antwortete Kraft im Dezember auf die Frage, ob die Religion ihr Halt gebe: „Ja. Sie bietet mir ein sicheres Wertefundament, um Entscheidungen treffen zu können. Nachdem ich aus der katholischen Kirche ausgetreten war, habe ich gemerkt, dass ich mich heimatlos fühlte. Deshalb habe ich mich mit der evangelischen Kirche intensiver beschäftigt und bin später dort eingetreten. Ich bin sehr froh darüber. Ich fühle mich geborgen in dieser Gemeinschaft.“
Das ist schön. Und den Religions-Anbieter zu wechseln, ist heute längst nicht mehr so schwer wie früher. Aber irgendwer sollte MP Kraft – bevor sie Kanzlerin wird – einmal sagen, dass das Christentum Werte vor allem beerbt und gesampelt hat, also nicht etwa begründet. Werte, Figuren, Bilder, Erzählungen, Mythen: Vieles aus der Bibel ist schlicht entliehen, remixt, man findet’s zuvor schon im Zweistromland, im Gilgamesch-Epos, in Ägypten, bei griechischen Philosophen und Literaten, in anderen Religionen …
Auf Anfrage der Staatskanzlei gäbe ich Literaturhinweise.

Aus Gründen ausgleichender Ungerechtigkeit lässt die SPD übrigens bis heute keinen offiziellen Arbeitskreis von Laizistinnen und Laizisten in der SPD zu. Da sei Gott vor.

Hallo, buddhistische Freunde, könntet ihr bitte an die zuständigen Stellen weitergeben, dass ich darum bitte, von jeglicher Wiedergeburt bei mir abzusehen. Danke.
Liebe hinduistischen Freunde, selbst an einem Leben als exquisitem Karma-Schinken bin ich nicht interessiert.
Liebe Muslime, Euch bitte ich zum wiederholten Male, den 72 jungen Frauen, die ggf. im Paradies auch mich warten sollten, falls ich noch zum Islam konvertieren und ein gläubiges Leben führen würde, Euch bitte ich also, diesen Kindfrauen bis dahin den Besuch von Besuch von Schulen und Universitäten zu erlauben. Und wenn sie mich dann als gebildete Dreißigjährige noch wollen – was willste machen …

Weihnachtsengel
Meine ältere Schwester, dieses Teufelchen, hat durch Heirat den schönen Nachnamen „Angeli“ erworben. Sie wohnt mit ihrem Mann in Oberstdorf (Allgäu). Ich frage sie am zweiten Weihnachtstag: „Und, lockt’s dich und Mann mit dem Älterwerden ins Ruhrgebiet zurück?“ Und sie antwortet wie aus der Pistole geschossen: „Wenn einer von uns beiden übrigbleibt, ziehe ich nach Duisburg.“ Und dann kriegt sie sich vor Lachen nicht mehr ein.

Homo sapiens (Trockennasenaffe)
Der bisher eher unbekannte Antikommunismus der Pharmaindustrie hat – wie die Medien jetzt melden – ziemliche Blüten getrieben. Wo es an Menschenaffen oder Ratten mangelte, griff die westdeutsche Pillen-Industrie bei der Erprobung von Medikamenten lange Zeit auf das aus ihrer Sicht wohl relativ ‚unwerte Leben‘ von DDR-Bürgerinnen und-Bürgern zurück, ohne dass die wussten, was da mit ihnen geschah.  Und der Arbeiter- und Bauernstaat kassierte die Zuhälter-Devisen. So wuchs zusammen, was zusammen gehörte, schließlich arbeitete auch die DDR am Neuen Menschen.
Doch auch heute und hierzulande, tief im Westen im Hartz-IV-Reservat, dürfte jetzt nach einer ärztlichen Behandlung hinterher niemand mehr sicher sein, woran er eigentlich gestorben ist: Kunstfehler, Tierversuch, Eigenurin, falsches Patientenarmbändchen am Handgelenk… Wer weiß, wer weiß.

Mehr Thermografie wagen!
Kennt noch jemand Peer Steinbrück? Der war mal Kanzlerkandidatendarsteller. Soll dann aber als Berater zu einem Energieriesen gegangen sein und Wärmebildkameras für Casinos mitentwickelt haben. Zu den Ergebnissen hält er Vorträge, die nächsten wird‘s Rosenmontag in Dubai geben und an der VHS Winsen an der Luhe dann Anfang April 2013.

Claim abgesteckt
Hallo Werbeagenturen, hallo Wirtschaftsberater! Für kommende Ostern hätte ich noch einen geschützten Claim (früher: Slogan) zu verkaufen:
„Frohe Eiertage!“
(© Gerd Herholz)

 


3 Kommentare zu »Alltagssplitter (10): Friss, Vogel, und stirb!«

  1. #1 | Helmut Junge sagt am 30. Dezember 2012 um 14:50

    “dass ich darum bitte, von jeglicher Wiedergeburt bei mir abzusehen. Danke.”
    Aha, Du willst Dich ohne Gegenleistung einfach davonschleichen. Die buddhistischen Freunde sind ja wohl selbst daran interessiert, müssen sich aber dafür sehr anstrengen.

  2. #2 | Gerd Herholz sagt am 31. Dezember 2012 um 11:10

    … ach, die Buddhisten sollen sich ruhig anstrengen, die glauben ja auch: Leben heißt Leiden. Den Satz will die südholländische Stadt Leiden jetzt sogar als Slogan übernehmen und ein erstes “Buddhas”-Restaurant hat auf dem Botermarkt auch schon aufgemacht: http://www.buddhas.nl/
    guten rutsch

  3. #3 | HolleSonnenberg sagt am 2. Januar 2013 um 01:42

    Sehe ich das richtig das Sie vom hier lesenden Publikum tatsächlich Mitleid erwarten weil Sie (offensichtlich junge) Nachbarn haben die an Weihnachten mal feiern wollen?
    Wo sollten diese das denn machen, wenn nicht in ihrer Wohnung? Und auch die Uhrzeit finde ich famos soweit keine kleinen Kinder darunter leiden mussten. Die Bescherung ist vorbei, der Abend neigt sich dem Ende, so viel kann da eigentlich nicht mehr zerstört werden denke ich….

    Und warum nicht auf Granitboden?
    Was ist an Granitboden so schlimm? Klar Teppich wäre an dieser Stelle vielleicht noch praktischer, aber die meisten von uns werden Nachbarn mit Laminat oder Linoleum haben, vielleicht noch Parkett, dies ist dann bei solchen Aktionen (wenn diese denn stören) deutlich dramatischer.
    Und dann ging die Feier auch nur 1 1/2 Stunden?
    Das ist doch extrem human, nicht mal um den Schlaf hat man Sie gebracht. Und was die Musikauswahl angeht, wundert es Sie wirklich das junge Menschen zum feiern eine Musik wählen die Ihnen nicht gefällt?

    Aber das was mich am meisten ärgert sind ihre Äußerungen bzgl. der “Damen in ihren Stöckelschuhen”.
    Falls sie wirklich die Gabe besitzen sollten zwischen einem herausragenden Nagel eines festen Schuhwerks (Arbeitsschuhe, Dogs, Rangers etc.) und einem Stöckelabsatz eines Damenschuhs anhand von Sprüngen durch Granitboden hindurch zu unterscheiden, dürfen Sie sich getrost als äußerst begabt ansehen und sollten die ungewöhnliche Fähigkeit irgendwie kommerziell nutzen.

    Wenn nicht, handelt es sich hierbei ausschließlich um Ihr Kopfkino in Kombination mit gewissen Ressentiments die alte Herren gelegentlich gegen junge Frauen in Stöckelschuhen zu hegen pflegen.

    Ich lese aus dem Teilabschnitt ihres Textes: Mimimimi, die jungen Leute sind so schlimm, die feiern Weihnachten gar nicht so wie es gedacht war, ihre Musik ist Scheiße und ihre Frauen ziehen sich nicht nur unschicklich an sondern benehmen sich auch nicht wie sich das für Damen gehört.

    Ein Text wie er vermutlich zu jeder Zeit von einem älteren Herren hätte geschrieben werden können. Vermutlich wurde es das auch.

    Den Rest ihres Textes habe ich nicht gelesen wie ich gestehen muss, ich hatte das Interesse verloren.
    Das mag eine seltene individuelle Eigenschaft von mir sein, aber ich muss ihnen gestehen das ich mich in meinem Leben einfach viel zu oft mit den Ressentiments von Menschen die einfach ihr halbes Leben in einem selbstreferenziellen Kontext verbrachten haben auseinandersetzen musste um oberhalb eines gewissen Bildungsgrades noch Toleranz zu zeigen.
    Ich glaube ich wünschte mir auch das es mir leid tun würde.

    Aber um zurück zu kommen auf meine Frage: Wollten Sie wirklich Mitleid? Meines haben Sie in jedem Fall.

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