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20 Okt 10

Johan Galtung – Integrationsdebatte vom Kopf auf die Füße gestellt

In Auf dem Platz | 13 Kommentare | Von Gastautor

Johann Galtung Foto: David Lisbona/cc/Wikipedia

Johan Galtung, ein Großer der Friedenswissenschaften, blickt auf 80 Lebensjahre zurück. Von unserem Gastautor Ronald Milewski.

Am 24. Oktober dieses Jahres vollendete Johan Galtung, einer der Begründer der modernen Friedens- und Konfliktforschung, sein 80. Lebensjahr. Während Galtung seinen Jubeltag feiert und Thilo Sarrazin in aller Munde ist, wird zeitlich parallel in Hagen das Institut für Frieden und Demokratie an der Fern-Universität, dem der norwegische Jubilar lange Jahre Mentor war, in ziemlicher Stille „abgewickelt“. Prof Dr. Hajo Schmidt, Direktor des Instituts geht in Rente und mit ihm nach aller Wahrscheinlichkeit das Institut, das er 1995 mitbegründet hat. Friedenswissenschaften gehören nicht zum Grundfächerangebot einer deutschen Universität. Die FernUniversität hat sich zu einer „Nicht-Weiterführung“ der Studienangebote entschlossen. In der Hoffnung, dass mehr als der Geist des Instituts weiterwirkt, haben dessen Mitarbeiter daraufhin Anfang dieses Monats zu einer „Bilanztagung“ eingeladen.

Johan versus Thilo

Galtung, norwegischer Weltenbummler in Sachen Friedensforschung und -stiftung, ist der Ruhrregion seit nunmehr 15 Jahren durch sein Engagement am Institut für Frieden und Demokratie der FernUni Hagen verbunden. Einerseits indem er für die Studiengänge dort einen umfassenden Studienbrief mit dem Titel „Frieden mit friedlichen Mitteln“ verfasst hat, andererseits  indem er regelmäßig zu Präsensseminaren zur Einführung Studierender in die von ihm entwickelte „Transcend-Methode der Konfliktbearbeitung“ herkommt. Zudem feiert der Norweger seine besonderen Geburtstage im Rahmen von Tagungen in Iserlohn oder Schwerte nach oder nahm, wie im Jahre 2001 geschehen, die Ehrendoktorwürde der FernUni entgegen. Die Liste der Auszeichnungen, Vermittlungsmissionen und Veröffentlichungen, Gast- und Honorarprofessuren des 1930 in Oslo geborenen Mathematikers und Soziologen ist lang. Dennoch sind ihm und seinem Ansatz bei Wikipedia lediglich drei Seiten gewidmet, Thilo Sarrazin derer neun. Johan: trois points, Thilo: neuf points. Dabei hätte Johan einiges mehr als Thilo zum Thema Integration zu sagen. Was ist da falsch gelaufen?

An der Fähigkeit zu polarisieren kann es bei der Minderpräsens im Online-Portal kaum liegen. Auch Galtung, Arztsohn aus gutem Hause, ist dafür bekannt, kein Blatt vor den Mund zu nehmen und Tacheles zu reden. In einem Interview mit Spiegel Online acht Tage nach den Angriffen auf das World Trade Center fordert er  bereits 2001, in Afghanistan auch mit den Taliban, wie er es selbst zuvor als Vermittler getan hatte, zu reden, nennt Huntingtons Buch über den „Clash der Kulturen“ einen Etikettenschwindel, den globalen Konflikt stattdessen einen Klassenkonflikt zwischen armen und reichen Ländern, Henry Kissinger den „Bin Laden Chiles“ und Joschka Fischer einen Nationalisten. – alles in einem Abwasch. Gleichzeitig warnt der Träger des Alternativen Nobelpreises und des Gandhi-Preises einmal in Fahrt gekommen vor einer kriegerischen Intervention in Afghanistan, entwirft einen Alternativplan am Verhandlungstisch und erinnert daran, dass auch Extremisten Gründe für ihr Verhalten haben. Ökonomen, einen schönen Gruß an Herrn Sarrazin, bezeichnet der Interviewte umgekehrt als Fundamentalisten, wenn sie „monochromatisch denken, also einem Text oder einer Lehre hörig sind“ und vermutet, dass westliche Ökonomen durch ihre Lehre mehr Menschen demütigen oder sogar töten „als die so genannten islamischen Fundamentalisten“.

Galtung als Prognostiker

Keilt Galtung im Gegensatz zu Thilo in die falsche Richtung aus? Ist er zu undiplomatisch für einen Friedenforscher, um ausführlicher Erwähnung zu finden? Als Wahrsager hat er sich immerhin insofern bewährt, als er 1980 für 1990 den Fall der Mauer vorhersagte und das sich anschließende Ende der Sowjetunion. Für den Fall des Eisernen Vorhangs sagte er obendrein mit immerhin 50prozentiger Trefferquote als neues Feindbild den Islam bzw. die Grünen voraus. Ich selbst durfte auf einer der Veranstaltungen, bei denen ich Mitte der Dekade Galtung in der Evangelischen Akademie Iserlohn erlebte, die Korrektur einer anderen seiner Vorhersagen life erleben. Galtung korrigierte seine im Jahr 2000 gemachte Prognose für den Untergang des US-Imperiums aufgrund der Präsidentschaft von George W. Bush von „2020 bis 2025“ auf „vor 2020“. Der Gast aus Norwegen, der sich seit Jahrzehnten theoretisch und praktisch um das Konzept des „Friedensjournalismus“ kümmert, bewies wieder einmal, für eine markige Schlagzeile gut zu sein. Dennoch machen Journaille und Talk-Shows aktuell einen Bogen um den Jubilar und stürzen sich auf Thilo.

Direkte, strukturelle und kulturelle Gewalt

Vielleicht liegt es auch an Galtungs Lebenswerk. Vielleicht ist es zu umfangreich, zu kompliziert, birgt zu wenig einfache Erklärungen? Galtung hat über mehr als fünf Dekaden verteilt zahlreiche innovatorische Konzepte entwickelt. Zöge man sie heran, könnten diese die aktuelle Integrationsdebatte befruchten,  so z. B.:

-       die Unterscheidung zwischen direkter, struktureller und kultureller Gewalt als Ursachenfaktoren von Konflikten und das Aufzeigen der Zusammenhänge zwischen diesen Dimensionen;

-       die Unterscheidung zwischen Penetration, Segmentierung, Marginalisierung und Fragmentierung zur Kennzeichnung struktureller Gewalt;

-       die Unterscheidung von vier menschlichen Bedürfnisklassen nämlich Überlebens-, Wohlbefindens-, Identitäts-, Freiheitsbedürfnissen, die bei Frustrierung zu Gewaltausbrüchen führen;

-       die Unterscheidung zwischen uns allen als menschlicher Spezies gemeinsamen Universalia, z. B. der physiologischen Basis des Verstandes, und „tiefenkulturell“ geprägten Partikularia, die weitgehend un(ter-)bewusst Einstellung, Annahmen und Verhalten von Menschen verschiedener Kulturen in unterschiedlicher Weise prägen.

Wer es einfacher haben will bei seinen Erklärungen, greife halt zu Thilo. Immerhin stellen die genannten Konzepte nur einen verschwindend kleinen Ausschnitt aus einem erheblich größeren Instrumentarium zur Analyse von Konflikten und Gewaltausbrüchen dar.  Dazu liefert die Transcend-Methode der Konfliktbearbeitung dem Berater das Handwerkszeug zum Umgang mit Konflikten. Den Anwendungsbereich für die Methode sieht Galtung umfassend sowohl im „Mikrobereich des inneren Menschen und der Familie“, im „Mesobereich der Gesellschaft“ und im „Makrobereich zwischengesellschaftlicher und überregionaler Konflikte“.

Globalisierung, Migration, Integration

Doch bleiben wir auf der mittleren Ebene und bei der Integrationsdebatte. Bereits 1997 beschäftigt sich Galtung mit den Konsequenzen dr Globalisierung und veröffentlicht seine Überlegungen in dem Buch „der Preis der Modernisierung“. Ein zentrales Anliegen ist ihm darin die soziologische Analyse innergesellschaftlicher Prozesse, die die Betrachtung der Bedeutung von  Migrationsbewegungen einschließt. Diese sieht Galtung als potentiell geeignet den Übergang von der modernen zur postmodern geprägten Gesellschaft mit den Folgen soziale Desintegration, Atomie, sprich Auflösung von Strukturen, und Anomie, sprich Verlust von Normen und Werten, zu beschleunigen.

Wie gewohnt belässt es der Norweger nicht bei der Analyse, sondern schlägt gleich die Therapie vor, nämlich sich in Auflösung befindende hierachische Strukturen zu rekonstituieren („some big is necessary“) und durch horizontale Beziehungsnetzwerke in Arbeit und Freizeit („small is beautiful“) zu humanisieren. Um die Kulturbildung zu fördern und die Entkulturalisierung umzukehren, schlägt er zudem vor, „immanente und transzendente Religionen zu fördern“. Seinem Misstrauen gegenüber den Buch-Religion und seiner Sympathie für den Buddhismus ist die Ergänzung zu verdanken, „die sanfteren Aspekte der Religionen zu fördern und die härteren zurückzudrängen“. Wie gesagt, dieses hier äußerst grob umrissene Programm zum innergesellschaftlichen Umgang mit Globalisierungs- und Migrationsfolgen ist 13 Jahre alt. Daran gemessen räumt Angela Merkel mit ihrem apokalyptischen Fazit vom 16.10.2010, die Multikulti-Gesellschaft sei „absolut gescheitert“, nach 5 Jahren Kanzlerschaft vor allen Dingen das eigene Scheitern ein, Integrationsmechanismen auf den Weg zu bringen.

Dabei hatte Galtung 1997 noch den Konservativen die bessere Diagnose der Situation attestiert – wegen deren Augenmerks für strukturelle und kulturelle Komponenten. „Liberale, Marxisten und Grünen“ hatte er dagegen davor gewarnt, sich auf Fragen der Distribution von Rechten und Pflichten, Macht und Privilegien zu konzentrieren, und den „Linken“ ausdrücklich empfohlen, Kultur, Ethos und Religion ernster zu nehmen:

„Nichts von alldem wird sich von selbst ergeben, und in Krisenzeiten mag es geschehen, dass sich die Menschen auch den härteren Aspekten der Religionen mit ihren Botschaften der Abgrenzung … zuwenden.“ (aus: Johan Galtung: Der Preis der Modernisierung)

„Zentrale Korsettstange“ und „eierlegendes Wollmilchschwein

Galtung schaut inzwischen auf mehr als 50 Jahre aktive Friedensarbeit und –forschung zurück: Nach Kriegsdienstverweigerung und Gefängnis gründete er bereits 1959 das Internationale Friedenforschungsinstitut PRIO in Oslo, 1964 das Journal of Peace Research. Bereits Ende der 60’er Jahre wurde er dann auf einen Lehrstuhl für Friedensforschung an der Universität Oslo berufen, einen der ersten auf der Welt. Seit 1992 ist er zudem Direktor des von ihm gegründeten Transcend-Netzwerks für Frieden, Entwicklung und Umwelt, dessen zentrale Aufgabe in der praktischen Konfliktmediation nach der Transcend-Methode liegt.

Maßgeblichen Anteil an Galtungs Lehrtätigkeit am Institut für Frieden und Demokratie in Hagen hatte seit Gründung des Instituts 1996 der Hagener Philosophieprofessor und Direktor de Instituts Hajo Schmidt, der gleichzeitig  Leiter der an der FernUniversität angesiedelten Arbeitsgemeinschaft Friedenswissenschaft in NRW (LAG). Zur Bedeutung Galtungs für das Institut befragt nennt Schmidt diesen„eine zentrale Korsettstange unseres Lehrprojekts“.  Zwar habe das Institut immer auch konkurrierende Theorien studienverbindlich gemacht, doch habe sich Galtung stets dadurch hervorgetan, dass sich an ihm „eine ganz ungewöhnlich effiziente und glaubwürdige, für einen deutschen Professor fast unmögliche Verbindung von Theorie und Praxis belegen ließ“. Zudem habe Galtung in nicht unerheblichem Maße als Scharnier zwischen der deutschsprachigen und der internationalen Community und Diskussion fungiert.

Der Haken an der ganzen Sache: Galtung wird nun 80 und Schmidt geht in Rente. Anfang Oktober hieß es daher: „Was bleibt!? Bilanztagung der Hagener Friedenslehre“. Das Team des Instituts für Frieden und Demokratie lud alle diejenigen, „die das friedenswissenschaftliche Studienprogramm mit aufgebaut und durchgeführt haben, die es in der einen oder anderen Weise inhaltlich qualifiziert haben, und vor allem diejenigen, die an dem einen oder anderen Programm als Studierende teilgenommen haben“ in die Evangelischen Akademie Villigst ein. Spätestens im März 2012 sollen nun die letzten Masterstudierenden in Friedenswissenschaften ihren Studiengang beendet haben. Die FernUniversität will das Projekt aus studienorganisatorischen Gründen nicht weiterführen. Bezweifelt wird zudem die ökonomische Überlebensfähigkeit der Studienangebote und die Chance ein ähnlich universal einsetzbares „eierlegendes Wollmilchschwein“ (Originalton Hajo Schmidt) für die Nachfolge zu gewinnen.

Inzwischen bieten andere Universitäten vergleichbare friedenswissenschaftliche Angebote an. Doch Hagen ist und war insofern etwas Besonderes, als es sich bei den Studierenden um Postgraduierte, ‚in the field’ Tätige handelte, die um wissenschaftliche fundierte Reflexion und Optimierung der eigenen Praxis bemüht auf das Fernstudium angewiesen waren. Die Mitarbeiter haben letztlich zu einer „Bilanztagung“ eingeladen, weil es weiterhin Bemühungen gibt, das Institut an einer anderen Universität oder im außeruniversitären institutionellen Rahmen anzusiedeln.

Stuttgart 21 statt Ostermarsch?

In jedem Fall bleibt, maßgeblich von einem zweiten wissenschaftlichen Mitarbeiter des Instituts, Lutz Schrader, gefördert, ein unter dem Namen „Transcend Netzwerk für Konflikttransformation und Friedensförderung“ gegründeter eingetragener Verein. Dieser hat inzwischen mehr als 40 Mitglieder und sich u. a.  die Ausbildung zum Konfliktberater bzw. Trainer in der Galtungschen Transcend-Methode der Konfliktbearbeitung zur Aufgabe gemacht. Der deutsche Transcend-Ableger ist Teil des internationalen Transcend-Netzwerkes aus 350 WissenschaftlerInnen, TrainerInnen und AktivistInnen in über 80 Ländern. Diese leisten zurzeit konkrete Friedens- und Entwicklungsarbeit auf dem Westbalkan, im Kaukasus, in Sri Lanka, Uganda, Ecuador und im Nahen Osten tätig sind. Das Transcend-Verfahren ist gleichermaßen für die internationale Konfliktbearbeitung und die Bearbeitung innergesellschaftlicher Konflikte geeignet.

An der FernUniversität bleibt andererseits ein formal vergleichbar angelegter Weiterbildungs-Studiengang, nämlich der in den Umweltwissenschaften, erhalten. In diesem Zusammenhang sei ein knappes Dutzend Jahre nach dem historischen rot-grünen „Sündenfall“ im Kosovo und angesichts wahrlich zu respektierenden Bürgerprotests, siehe „Stuttgart 21“,  eine ketzerische Bemerkung erlaubt: Ist uns inzwischen, um es mit Galtungs Worten zu sagen, das Engagement gegen „Gewalt gegen die  Natur“ soviel wichtiger als das gegen „Gewalt gegen Menschen“, dass ein potenter Anbieter von Weiterbildung wie die FernUni Hagen die Ware Umweltwissenschaften für profitabler als die Ware Friedenswissenschaften hält? Immerhin „boomen“ mit der Rückkehr bewaffneter Konflikte auf den europäischen Kontinent die Entwicklung von Konzepten zur Traumatherapie und von sich offenbar rechnende Angeboten zur Ausbildung von TraumatherapeutInnen: „Honi soit qui mal y pense?

Kritiker

Zurück aber zu Johan Galtung, Im Rahmen der Abschlussveranstaltung der derzeitigen Transcend-Weiterbildung findet im Dezember in der Evangelischen Akademie Villigst ein Symposium zu dessen 80. Geburtstag statt. Und natürlich hat Galtung auch seine Kritiker, mich zum Beispiel. Ich tue mich in seinem multidisziplinären Ansatz besonders mit den Anleihen bei den Medizinwissenschaften und der Utilisierung psychoanalytischer Modelle schwer.  Daraus resultieren m. E. fragwürdige Tendenzen in der Theorie Galtungs, nämlich Nationen als „krank“ zu bezeichnen und ganzen Staatsgebilden „Syndrome“ zu unterstellen. Wer setzt sich schon „krank“ an den Verhandlungstisch?

Die aus diesen Anleihen resultierende Metaphorik führt Galtung gar in Sarrazins Nähe, wenn Galtung von einem sozio-kulturellen Code spricht, der dem genetischen Code vergleichbar sei:

„Die Kosmologie einer Zivilisation ist auch der sozio-kulturelle Code dieser Zivilisation, der die wesentlichen Botschaften transportiert, wie die Wirklichkeit zu konstruieren ist. Die biogenetische Parallele zum genetischen Code ist offensichtlich und beabsichtigt.“(aus: Johan Galtung, Frieden mit friedlichen Mitteln)

An dieser Stelle zeigt sich m. E. die Missverständlichkeit und  Gefährlichkeit der Anleihe bei medizinischen Modellen in der Darstellung großer Systeme. Suggeriert wird die in einem klassischen Verständnis von Genetik unbeeinflussbare Partikularität von Kulturen. Mit dem gewählten Sprachspiel gerät Galtung in die Nähe einfacher Erklärungsmuster Sarrazinscher Prägung.

„Karma“ statt „Trauma“?

Umgekehrt suggerieren die Anleihen bei tiefenpsychologischen Modellen deren universale Gültigkeit und erheben westliche Modelle zum Maßstab, dem sich alle anderen Zivilisationen zu beugen haben. Somit hätten wir das gleiche Problem, das wir seit der Verkündung der universellen Gültigkeit westlich geprägter Menschenrechte haben. Es ist psychoanalytisch gesprochen mit Widerstand derjenigen zu rechnen, die aus einer anderen Tradition heraus andere Erklärungsmuster für menschliches Verhalten gebrauchen: „Karma“ statt „Trauma“, „Thanatos“ oder „Unbehagen in der Kultur“.

Immerhin sollen „die, mit dem Karma-Glauben“ pauschal gesehen die friedlichsten Erdenbürger sein und stehen statistisch gesehen aktuell in der Bundesrepublik beim Integrationserfolg trotz der weitesten Anfahrt an Platz drei, auch wenn noch keiner in der deutschen Fußballnationalmannschaft angekommen ist.

Fazit

Die Eingangsfrage, nämlich, was Thilo Sarrazins besondere Öffentlichkeitswirksamkeit ausmacht, bleibt bis hierher unbeantwortet. Wir dürfen sie meines Erachtens getrost unbeantwortet lassen, denn sie lenkt ab. Sie richtet die Aufmerksamkeit weg von der Sache hin auf Thilo Sarrazins Person. Dessen Verdienst liegt jedoch darin, die Integrationsdebatte beschleunigt zu haben, nicht darin, sonderlich zu Lösungen beizutragen. Die sinnvolle Auseinsandersetzung mit dem Thema Integration sollte von daher  nicht allzu viel Aufhebens um seine Person und sein Buch machen und sich differenzierteren und breiter angelegten Positionen zuwenden. Im besten Fall könnte diese  Kehrtwende zu mehr Konfliktfähigkeit und Friedfertigkeit im buchstäblichen Sinne des Wortes führen.


19 Okt 10

Und der Preis für die schmierigste PR-Aktion geht an: Grubenmann

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Ich bin ein großer Junge. Ich rege mich selten auf. Nur ganz selten. Das Label Grubenmann hat es geschafft, meinen Blutdruck zu erhöhen. Mit der schmierigsten PR-Aktion, die ich in diesem Jahr mitbekommen habe. Wie jeder habe ich mich darüber gefreut, dass die 33 verschütteten chilenischen Bergleute in der vergangenen Woche gerettet werden konnten. Umso unverständlicher ist es mir, wenn man angesichts eines solchen Ereignisses als erstes daran denkt, wie man damit Geld machen kann, wie man es für eine schmierige PR-Aktion nutzen kann. Die Macher des Labels "Grubenmann" sind da anders. Sie haben ... weiterlesen →


18 Okt 10

Ruhr-Uni lobt neuen Personalausweis

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Glaubt man dem Bochumer Juristen Georg Borges wird der neue Personalausweis ein richtiger Burner. In einer Pressemitteilung der Ruhr Uni zu einer Studie von Borges heißt es: Der neue Personalausweis mit Chip, der ab 1. November ausgegeben wird, wird die elektronische Kommunikation erleichtern und sicherer machen. So lautet das Fazit von Prof. Dr. Georg Borges (Juristische Fakultät der RUB und "Arbeitsgruppe Identitätsschutz im Internet" - a-i3), der die Haftungsrisiken des neuen Ausweises untersucht hat. Sein über 350-seitiges Gutachten wurde am 15.10. dem Bundesministerium des Innern vorgestellt. Der Chipausweis erlaubt es seinem Inhaber, sich mit Karte und PIN für online-Behördengänge oder -Geschäfte sowie an Automaten anzumelden. ... weiterlesen →



26 Sep 10

Gute Gründe für den Glauben

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Aller Aufwand erwies sich letztlich als vergebene Liebesmüh: die groß angelegte Langzeit- und Querschnittsstudie konnte die Existenz Gottes nicht beweisen. Von unserem Gastautor Werner Jurga. Auch für ein Leben nach dem Tode konnte kein zweifelsfreier Nachweis erbracht werden. Zahlreiche Indizien ergaben sich jedoch zur Stützung der Hypothese von der Reinkarnation. Die vielen Zeugnisse deuten jedoch darauf hin, dass ausschließlich Menschen höherer Stände in den Genuss einer Wiedergeburt kommen, während für Angehörige des Fußvolkes mit dem letzten Atemzug definitiv Feierabend zu sein scheint. So konnten viele Interviewpartner davon berichten, im Vorleben Kaiser, König, Prinzessin oder ... weiterlesen →


24 Sep 10

“Freundeskreise Sarrazin und Kachelmann”: Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr

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Spam nervt. Ob für Viagra oder deren Nutzer. Oder: Wie man den Ruf eines Wettermannes endgültig ruiniert. Wer das Internet nicht erst seit gestern nutzt, hat mit Spam in drei- bis vierstelligen Mengen täglich zu kämpfen. Ärgerlich, wenn wie einst bei Compuserve überhaupt nur 100 Mails ins Postfach passen. Oder wenn jemand auf seinem Handy, Fax oder telefonisch zugespammt wird. Spamfilter führen wiederum dazu, daß irgendwann genau die entscheidende Mail des Chefs verloren geht. Wer etwas per Spam bewirbt, macht damit automatisch das betreffende Produkt unglaubwürdig - so geschehen beispielsweise mit sogenannten rauchlosen elektrischen Zigaretten, dem Ipad ... weiterlesen →


21 Sep 10

Wohin mit all dem Pazifismus? – Soja statt Zivi

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Muss der politisch korrekte Pazifist sich freuen oder darf er trauern? Wenn bald die Wehrpflicht ausgesetzt wird, verschwindet auch der Zivildienst. Er ist eine der wirkmächtigsten sozialen Errungenschaften der Republik, eine großartige kollektive Coming-Of-Age-Veranstaltung und bescherte mir den zweitschönsten Bühnenauftritt meines Lebens. Dazu später mehr. An kaum einer Stelle ist das Grundgesetz so ehrlich wie im Artikel 12a. Der beschäftigt sich mit dem Ersatzdienst, der längst zum Normalfall geworden ist. Geht es um die Bundeswehr in Afghanistan, krücken und eiern führende Militärpolitiker noch immer um den „wenn ihr so wollt, nennt ihn ruhig“- Krieg ... weiterlesen →


20 Sep 10

Na also – geht doch: Demo in Berlin

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Über 100.000 haben nicht nur gegen Angela’s Atom-Merkelpackung unterschrieben, sondern auch vor Ort in Berlin am Kanzleramt demonstriert.

Weiter so!


16 Sep 10

“Atomkraft – Nein danke” – Volksabstimmung gegen die Berliner Merkelpackung

In Auf dem Platz | 3 Kommentare | Von Jo Frank

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Verraten und verkauft sind all die, die an den Atomausstieg geglaubt haben: Angela Merkel hat zugunsten der Atomlobby einen Deal durchgemogelt, der die jahrzehntelangen Bestrebungen, Atomenergie aus Deutschland zu verbannen, hintergangen hat und sich auch in zukünftigen Regierungen nicht mehr anullieren läßt. Doch es formiert sich Widerstand. Lange haben wir ihn nicht mehr gesehen, den netten "Nein Danke"-Aufkleber. Aus der Anti-Atom-Bewegung und der Anti-Atomraketen-Bewegung wurden die "Grünen", die heute schon zum verschnarchten Establishment gezählt werden, über das man nicht mehr berichten darf. Es wurden dann auch irgendwann in Deutschland keine neuen Atomkraftwerke mehr gebaut. Aber die alten ... weiterlesen →


7 Sep 10

Das Thema ja, aber Sarrazin nein

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6 Sep 10

Lob des Zwischenraums – Florian Neuners Buch „Ruhrtext“

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Und noch mal Emscherkunst 2010. Sie hat einen jungen Mann ins Ruhrgebiet gelockt, der den fremden Blick sehr ernst genommen hat. Den in Berlin wohnhaften gebürtigen Österreicher Florian Neuner. Seine Leidenschaften: Zu Fuß gehen und in Kneipen halt machen um mit Leuten zu reden. Ersteres kein großes Hobby der Ruhrstädter, zweiteres schon. Beides hat Neuner im Ruhrgebiet ausgiebig getan und darüber hat er ein Buch geschrieben:Ruhrtext. Text deswegen, weil er die Stadt wie viele seiner literarischen Vorgänger als solchen liest. Als gebaute Sätze mit einem semantischen Sinn der sich nur durch das gehen/flanieren, d.h. ... weiterlesen →


26 Aug 10

Waldorfschule Schloss Hamborn, das anthroposophische Zentrum in Ostwestfalen

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Ein Artikel des WDR über ein Gewaltopfer in der Waldorfschule Schloss Hamborn erinnerte unseren Gastautoren Andreas Lichte an seine dortige Hospitation. Hier sein erster Bericht. „Sag mal’, seh’ ich eigentlich nach Waldorf aus?!“ fragt mich die Gastmutter und Waldorflehrerin. „Nein, natürlich nicht!“ antworte ich wunschgemäss. Der typische, asexuelle Waldorf-Walle-Look ist das wohl eher nicht, aber natürlich gehört auch sie dazu. „Ich schicke meine Kinder ja zu ausserschulischen Aktivitäten nach draussen – das ist mir ganz wichtig, damit sie nicht im Ghetto untergehen“, sagt mir ein anderer Lehrer. Das „Ghetto“ ist die „anthroposophische Lebensgemeinschaft“ Schloss Hamborn, Westfalen, mit ... weiterlesen →


25 Aug 10

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In der Industrie bekommt man solche Einladungen ja ständig - im Journalismus begegnet nur den Kollegen aus dem Auto- und Lifestyleressort diese Peinlichkeit. Doch nun hat es auch mich erwischt! Ich erinnere mich noch, wie ich morgens den CeBIT-Messestand aufsperrte und die Kollegen der Partnerfirma T erst deutlich später und sehr angeschlagen am Stand erschienen: Wir sind gestern nacht in so einem Puff versackt Daß es sich dabei wirklich um ein Bordell handelte und nicht nur einen lockeren Spruch, wurde mir erst nach und nach klar, als einer nach dem anderen sich beklagte, wie schrecklich es doch da ... weiterlesen →


23 Aug 10

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Der WDR Köln ist bekannt für teure Prozesse mit millionenschweren Streitwerten um Namensrechte. Jetzt hat es eine beliebte und dennoch nicht vermögende Musikkneipe in Übach-Palenberg erwischt. Wer selbst viel Geld verdient, in einem Jahr mehr als andere im ganzen Leben, bekommt dennoch nie genug. Über Jahrzehnte gehen die Prozesse des WDR Köln um Namensrechte, einer der bekanntesten ging darum, einem Journalisten seine beruflichen und privaten E-Mails (erfolgreich) streitig zu machen. Doch mit massenweise als Marken eingetragenen Allgemeinbegriffen, ob nun Maus oder Monitor (nur die Tastatur scheint noch nicht auf den Kölner Sender reserviert zu sein), steht jeder ... weiterlesen →


23 Aug 10

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21 Aug 10

Ins Bett mit Ranga Yogeshwar: WDR Köln sucht Zuschauer, die sich über ihr Sexleben befragen lassen wollen

In Auf dem Platz | 8 Kommentare | Von Jo Frank

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