Die Wulffs – Wenn Marmor kalt wird

Der Bundespräsident Christian Wulff und seine Frau Bettina Wulff auf dem Pariser Platz in Berlin Foto: Franz Richter (User:FRZ) Lizenz: CC
Es ist traurig anzusehen, wie sich eine Nation an dem Haufen Elend „Wulff“, das wir in verschiedensten Pressekanälen und Webpräsentationen erleben dürfen, aufgeilt. Zuschauer in einem Amphitheater, die blutverschmierte Gladiatoren morden sehen wollen, hätten wahrscheinlich mehr Anstand – allerdings wussten diese Bettlakenträger auch nicht was alles mit ihren Steuern veranstaltet wird. Und wer in der privilegierten Obrigkeit so rumhängt, und es sich auf Kosten des kleinen Wurms gut gehen lässt. Vielleicht ist es auch einfach dieses Unwissen, was den Humanoiden, oder das was versucht Mensch zu sein, verständnisvoller werden lässt. Von unserem Gastautor Samir Shehadeh.
Bettina Wulffs Roman schlägt ein wie eine Bombe – zumindest im Bereich der Kritiken -, und es gibt ein regelrechtes Amazon-Rezensions-Bashing. Alles bisher Dagewesene wird in den Schatten gestellt. Selbst die Verfasser von „Harry Potter“ und „Shades of Grey“ verlieren an Rang im Vergleich zu Bettinas Amazonkritiken, und alles erinnert an einen unkoordinierten Flashmob. Nur sind sich alle Beteiligten bezüglich ihrer Wertungen natürlich „safe“.
Aber auch bei Herrn Wulff sieht es momentan nicht besser aus: Es wird gesagt, er habe alles verloren, und stehe vor einem Abgrund, einem Abgrund so tief wie das griechische Steuerloch, wie es wohl der gemeine Gazettenleser platt ausdrücken würde.
Job weg, Karriere ruiniert, verschuldet, und selbst das (Traum-)Schloss ist Vergangenheit. Und dann zieht die eigene Frau auch noch um die Häuser und packt aus, um Geld zu verdienen, mit dem wichtigen Vermerk, dass es sich hierbei NICHT um Prostitution handelt (böse Zungen sprechen von Buchhurerei). Vielmehr geht es darum, dem Volke zu zeigen, was da eigentlich alles von einem abverlangt wird als First Lady. Zustände wie in „Großmütterchen-Nachkriegsgeneration“, scheint es.
Werfen wir die Binse in den Hut: Vielleicht ist dieses Buch auch nur ein plumper, aber sicherlich erfolgreicher Versuch die Kassen noch schnell voll zu machen. Die nächste Binse: Das Verklagen des Konzerns Google fruchtet derweil doch nicht so, wie geplant, oder ist es doch der gelungene Coup einer PR-Referentin? Denn der fleißige Bürger weiß: „Rechnungen müssen auch nächsten Monat wieder bezahlt werden“.
Und wenn den in dieser Nation lebenden Menschen eines hoch anzurechnen ist, dann die Tatsache, dass wir für gute Kunst ungern zahlen, aber für Schrott ein Vermögen hinlegen. (Von einem 200-seitigen Blog zwischen zwei Pappdeckeln möchte man jetzt erst gar nicht anfangen zu berichten). In unserem Landstrich, auf den einige ungläubig schauen und sich denken: „DIE PRODUZIEREN MERCEDES!“ Zum Glück kennen sie unsere nationalen Familiengeheimnisse nicht, sonst würde das Ausrufezeichen im Suchfeld gewiss durch „Fragezeichen hoch Google“ abgelöst.
Insofern muss man sagen, ist es nur gerecht, wenn die Wulffs jetzt auch mal richtig Geld verdienen mit einem Ding im Buchumschlag. Ein Großteil der deutschen Arbeitnehmer weiß auch nur zu genau wie hart das Leben zu bewältigen ist, mit einer läppischen Summe von 200.000,- Euro Ehernsold im Jahr. Zumindest liegt man des Öfteren Abends doch wohl im Bett und überlegt, was man bei einer so hohen Einkommensklasse alles machen könnte, doch dann verfällt man schnell in tiefe Depressionen, die einen um den Schlaf bringen. Da kann man nicht mal eben auf dem ganz großen Fuß leben. Ganz ehrlich: 200.000 € sind die Kaugummifüllung im hohlen Zahn.
Wir dürfen auch nicht so engstirnig sein und harsch urteilen. Wer von uns kann denn schon wirklich nachempfinden, wie es ist im sozialen Brennpunkt Großburgwedel, mit der Armutsfalle Ehrensold im Nacken? Oder wie man sich als Firstlady fühlt, mit nur schlecht sitzenden Designerkleidern, die nicht von der bequemen Stange kommen.
Zu unseligen und wirklich anstrengenden Veranstaltungen wird man gezwungen, auf denen man durchweg lächeln und edle Canapés in sich reinstopfen muss, während man sich verbissen fragt: Klaut das Personal daheim jetzt wieder?
Es ist auch nicht einfach, diesen ganzen, nicht mehr vom Sternekoch zubereiteten Mist in sich reinzustopfen. Und dass jetzt die alleinerziehende Durchschnittsbürgerin mit ihren Kindern gut und günstige Discount-Linsensuppe mit „magerem“ Schweinfleisch regelmäßig diniert, um halbwegs über die Runden zu kommen, ist auch einfach mal an dieser Stelle ein frecher Vergleich: Denn ohne Gewissen und bessere Grundvoraussetzungen hätte man auch jederzeit Politiker werden können. Selbst ist schuld, wer mit seinen Freunden keinen Andenpakt besiegelt, der einem ein besseres Sicherheitsgefühl bei beruflicher Verwirklichung gibt.
Und wenn der Besserverdienende Schulden macht, um die eigenen vier Wände anzusteuern – was ein normaler Vorgang ist, aber ach …. Solche Vergleiche wollen wir nicht, denn das ist Regina-Regenbogen-Stil, und irgendwie eine ganz andere Ausgangssituation … irgendwie.
Und sollte man mal die Arbeit verlieren, dann ist das auch gar nicht schlimm, denn es gibt ja genügend andere Arbeitsstellen. Und wer jetzt wieder rummeckert, dass er es nicht einsieht, Zeitarbeit für 4,89 Euro zu machen, bei der man keinerlei Rechte hat und wie ein moderner Sklave ausgebeutet wird, den muss ich an dieser Stelle ausbremsen. Auch Herr Wulff ist als gutes Vorbild vorangegangen und hat da nur schlecht bezahlte Zeitarbeit betrieben – er ist zwar nicht ganz unten angekommen, aber er muss vielleicht mal mit sicherem Abstand runterschauen. Und das hinterlässt schon einige Spuren auf der Seele.
Es sind einfach diese kleinen und feinen Unterschiede, die der Normalmensch als große und grobe Ungerechtigkeit empfindet, wenn da oben mal jemand weich fällt. Und mit einer besseren Einkommensklasse könnte man jetzt zumindest die guten Wulffs anrufen. Und ihnen schulterklopfende brüderliche Sprüche mit auf den Weg geben: „Wird schon, Leute! Einfach wie Schröder machen und ein bisschen Gas über die Sache wachsen lassen.“





#1 | Parachute doré sagt am 22. September 2012 um 09:12
“Ein Großteil der deutschen Arbeitnehmer weiß auch nur zu genau wie hart das Leben zu bewältigen ist, mit einer läppischen Summe von 200.000,- Euro Ehrensold im Jahr.”
natürlich weiß der Arbeitnehmer, was ein “Goldener Fallschirm” ist …: http://de.wikipedia.org/wiki/Goldener_Fallschirm
#2 | zockerjoe sagt am 22. September 2012 um 16:53
Möglicherweise hat irgendjemand diesen Text verstanden. Ich hätte dann gerne mal diese Stelle erklärt:
“In unserem Landstrich, auf den einige ungläubig schauen und sich denken: „DIE PRODUZIEREN MERCEDES!“ Zum Glück kennen sie unsere nationalen Familiengeheimnisse nicht, sonst würde das Ausrufezeichen im Suchfeld gewiss durch „Fragezeichen hoch Google“ abgelöst.”
Hm, “Ausrufezeichen im Suchfeld” – “Fragezeichen hoch Google” , nee der Groschen will nicht fallen.
#3 | Puck sagt am 22. September 2012 um 23:44
Ich muß sagen, daß mich die Kommentare auf Amazon zu B. W.s Buch doch erstmal milde erstaunt haben. Nicht die Kommentare an sich, sondern, daß sie veröffentlicht wurden.
Einst habe ich nämlich genau dort versucht, einen 100%igen Totalverriß des neuen Romans von Mankell zu veröffentlichen. Natürlich ohne Herrn Mankell persönlich zu beleidigen. Aber es ging schon ziemlich klar daraus hervor, daß ich ds Buch für ein literarisches Desaster halte, auch wenn die meisten Kritiker das Werk über den grünen Klee gelobt hatten, und das habe ich ziemlich explizit erläutert.
Die Kritik wurde nicht veröffentlicht.
Logisch, dachte ich. Schließlich wollen die bei Amazon Bücher verkaufen – und dabei sollen auch die Kritiken der USER helfen. Auch die “kritischen”, wenn sie nicht allzu eloquent formuliert sind. Schließlich kann der unbeirrbare Fan “weitschweifig; langweilig; weit hergeholt” auch umdeuten als “tiefgründig; nicht auf billige Art reißerisch; fantasievoll”.
Wenn jetzt beleidigende Kommentare zu B. W. durchaus veröffentlicht werden kann das nur eins bedeuten: Daß diese beleidigenden Äußerungen letztendlich Werbung für das Buch sind. Wir verkaufen Trash und wir stehen dazu, weil jeder, der das Buch kauft, eben auch weiß, daß es Mist ist. Wir spielen alle ein Spiel, dessen Motto ist: WIR SPIELEN KEIN SPIEL, sondern wir wissen immer alle genau, was wir tun.
In dieses Bild paßt, daß die fast in Vergessenheit geratenen süffisanten Verdächtigungen, Frau W. hätte mal bei einem Escort-Service gejobbt, erst mit der Veröffentlichung des Buches wieder hochkochten.
Und man hat den Verdacht: Nicht, weil die Geschichte nicht stimmt – das wäre nicht so schlimm – sondern weil die Wahrheit einen so faden Geschmack hat. So einen faden Geschmack von Klinker-Eigenheim und Erbsensuppe und der Illusion, beim Urlaub mit Herrn Maschmeyer in der ersten Gesellschaft zu verkehren…
Oder wie Oscar Wilde das mal so treffend formuliert hat: It is perfectly monstrous the way poeple go about nowadays, saying things againgst one behind one’s back that are absolutely true.
#4 | Frauenkenner sagt am 24. September 2012 um 21:56
Die neuen Offenbarungen der B. W. sind die Ergüsse eines gelangweilten Eheweibchens, das am eigenen Mann, der niemals Rückgrat hatte, sondern Karriere stets im großen CDU-Mainstream gemacht hatte, nichts mehr finden kann. “Unentschlossenheit”, “Zögerlichkeit” und ähnliches wirft sie ihm vor, genau das Gegenteil von dem, was einen echten Mann ausmacht. OK, Wulff hat eine fette “Ehrenpension” – aber sonst? Politisch erledigt für alle Zeiten, bei der eigenen Frau (die er vermutlich sehr liebt) durchgefallen und von ihr öffentlich entblößt – wer möchte schon mit dem Mann tauschen?
#5 | Arnold Voß sagt am 25. September 2012 um 01:44
Was die Pension betrifft, würde ich schon.