
Seit ein paar Wochen verfolgen wir die Tätigkeiten der Firma TVT.Media aus Hürth beim WDR. Dabei sind wir auf einige sehr seltsame Geschichten gestoßen, über die wir auch schon berichtet haben. Nun gibt es wieder neues. Die TVT.Media gilt in der Fernsehwelt als umtriebiges Unternehmen, zumindest wenn es um die Autobranche geht. Für nahezu alle namhaften Hersteller war das Unternehmen schon tätig. Sei es BMW, VW oder Opel, Mercedes, Saab oder Volvo - TVT.media produzierte Werbe- und Imagefilme für alle, die zahlten.
Doch die Beschäftigung mit der Industrie reicht der Firma offensichtlich nicht. Sie versucht sich gleichzeitig als Produzent von Beiträgen im unabhängigen Fernsehen. Zum Beispiel in der Sendung "Servicezeit: mobil" des WDR. Wie jetzt bekannt wurde, hat TVT.media einen Rahmenvertrag mit dem Sender geschlossen, der die Hürther zu den wichtigsten Lieferanten des beliebten Auto-Magazins macht. Der Vertrag erlaubt es der TVT.media, quasi außer Haus die wichtigsten Beiträge des Ratgeber-Programms zu gestalten. Ein WDR-Sprecher bestätigte inzwischen den Vertrag.
Im Klartext bedeutet das: Eine PR-Firma aus der Autoindustrie hat entscheidenden Einfluss auf eine der wichtigsten Auto-Sendungen im öffentlich rechtlichen Rundfunk. Auch wenn die Beiträge der Sendung inhaltlich von der Redaktion abgenommen werden, bleibt ein Nachgeschmack.
Zumal in der Ratgebersendung "Servicezeit: mobil" Kaufempfehlungen gegeben werden: Welcher Wagen ist im Alltag der beste, und warum sollte man dieses oder jenes Auto erwerben? Der WDR genießt bei diesen seinen Ratschlägen großes Renommee, vor allem weil er, anders als die Privatstationen, einen großen Vertrauensvorschuss in puncto neutraler Berichterstattung genießt. Doch genau die steht jetzt infrage, die Innenrevision ermittelt wegen des Verdachts auf Schleichwerbung in der Servicezeit gegen die TVT.media, wie der Sender bestätigt.
Es geht um einen Verstoß gegen eine interne Dienstanweisung von WDR-Intendantin Monika Piel. Das Dokument liegt uns vor. Darin wird unter dem Titel "Über die Annahme von Zuwendungen und Geschenken" der Umgang mit "Produktionshilfen" geregelt: Generell solle auf Zuwendungen der Wirtschaft beim Programmmachen verzichtet werden, erklärt Piel, um "dem Missbrauch" vorzubeugen. Konkret verbietet sie die "unentgeltliche Überlassung von Testfahrzeugen".
Doch unsere Recherchen legen nahe, dass die TVT.media für ihre WDR-Produktionen kostenlos überlassene Wagen aus der Autoindustrie benutzt hat. In der "Servicezeit" tauchen immer wieder Beiträge der TVT.Media auf, in denen offensichtlich Wagen aus den Pressestellen der Autokonzerne vorgeführt werden, auch nach Inkrafttreten der Piel-Weisung. Es gibt keine Hinweise im Programm, dass es sich dabei um Hilfen bei der Produktion gehandelt habe. Dabei berichten ehemalige Mitarbeiter, dass die Autos von einigen TVT.media-Mitarbeitern auch privat unentgeltlich genutzt worden seien.
Wie eng die Verflechtung zwischen Autoindustrie und TVT.media tatsächlich ist, zeigt ein Blick in die Referenzliste der Firma: Nach Auskunft einer an der Produktion beteiligten Person hat TVT.media zum Beispiel im Auftrag des Autokonzerns VW Filme über das Modell Phaeton erstellt. Diese sollten, so war vertraglich festgelegt, nicht für Werbung und Werbefilme eingesetzt werden und waren allein für redaktionelle Beiträge von Fernsehsendern vorgesehen. Möglicherweise wurden Werbung und Berichterstattung hier vermischt.
Auffällig ist zudem, wie die Rolle der TVT.media als WDR-Zulieferer systematisch gesteigert wurde. In einem internen Schreiben aus dem WDR wird etwa der Vorwurf erhoben, freie Mitarbeiter seien aus der Servicezeit gedrückt worden. Sie hätten schlicht keine Aufträge mehr bekommen. Danach seien sie mit sanftem Druck dazu gebracht worden, für die TVT.media zu arbeiten. Dort hätten sie für deutlich weniger Honorar als zuvor Beiträge produziert, die anschließend als Zulieferung der TVT.media in der Servicezeit ausgestrahlt worden seien. Ein WDR-Sprecher sagte, der Einsatz der freien Mitarbeiter sei Sache der Redaktion. Und es sei unbekannt, dass freie Mitarbeiter aus der Sendung gedrängt wurden.
Wir bleiben an der Geschichte dran. Wir wollen wissen, was steckt dahinter. Wenn einer noch HInweise hat, wie die Verflechtungen funktionieren. Wir freuen uns über Tipps unter david.schraven@ruhrbarone.de



Das hört sich ja nach einer bösen Geschichte an. Wer steckt denn hinter der TVT? Und warum macht der WDR solche Sachen; alleine Sparwille kann es doch nicht sein, oder?
Comment von Paul Havers — 15. Dezember 2008 @ 08:25
Der WDR steht unter großem finanziellen Druck, das ist der Grund zu solchen Lösungen. Und das hat auch etwas mit den stagnierenden Gebührengeldern zu tun. Außerdem ist er hochgradig verschreckt, weil seine Zielgruppe ausstirbt.
Die meisten Fakten, die Ihr auflistet, sind sehr leicht im Internet zu recherchieren. Das sind doch keine Geheimnisse.
(Habt Ihr Euch mal gefragt, wie tägliche Wissenssendungen im Privatsendungen mit Berichten über die Herstellung von Produkten gefüllt werden? Indem diese Berichte von den Firmen komplett gekauft werden.)
Recherchiert mal Karl-Heinz Angsten, der beim WDR bis vor kurzem Programmentwickler war… Er ist wieder dort, wo er herkam: bei der Firma, die er zuvor bevorzugt beauftragte und die weiterhin viele (soapige) Produktionen für den WDR produziert. Geschäftsführerin: seine (Ex-)Frau. Und dann gibt es da noch eine andere Firma… Viel Spaß!
Comment von Denken hilft — 17. Dezember 2008 @ 01:32