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Fukushima: nichts geht mehr

Es ist ruhig geworden um Fukushima. Kein Wunder: irgendwie passiert da ja auch nichts.

Es ist ruhig geworden um Fukushima. Kein Wunder: irgendwie passiert da ja auch nichts. Und unsereins muss sich schließlich noch um andere Sachen kümmern. Freitag: Kate und Willy werden verheiratet. Samstag: Borussia Dortmund wird Meister. Sonntag: Johannes Paul wird selig. Montag: Osama bin Laden auch. Das sind alles Weltereignisse! Okay, die Sache mit Fukushima war auch eins. Ein Weltereignis, ja sicher, hat ja auch ganz schön was bewirkt. Aber Entschuldigung: die Geschichte ist jetzt fast zwei Monate alt. Wie sagte noch Stepi? „Lebbe geht weiter.“ Na also.

Fukushima – ehrlich gesagt: da geht gar nichts mehr. Nichts gegen Atomkraftwerke in Japan. Das AKW Onagawa zum Beispiel: das ist bei einem Nachbeben Anfang April kräftig beschädigt worden.

Aus einer ganzen Reihe von Lecks läuft dort radioaktiv verseuchtes Wasser aus. Da hätte man gewiss mehr draus machen können. Nun ist das aber auch schon vier Wochen her. Will sagen: damit braucht nun wirklich niemand mehr anzukommen. Damit kann man keine Oma hinterm Ofen hervorlocken. Das AKW Onagawa wird – genau wie die Blöcke in Fukushima – von der Firma Tepco betrieben.

Ganz im Gegensatz zum AKW Tsuruga. Das gehört nämlich der Konkurrenz namens Japco. Tsuruga liegt im Westen Japans, in der Präfektur Fukui – vier Atomkraftwerke, 13 Reaktoren, die größte Atomkraftwerksdichte der Welt. Nun ja, und da im AKW Tsuruga, um genau zu sein: im Block 2, hat sich jetzt der zweite Störfall binnen kurzer Zeit ereignet, weshalb das Ding heruntergefahren werden muss. „Was genau in dem Atomkraftwerk vor sich geht, ist völlig unklar“, heißt es bei Telepolis. Die Informationspolitik von Japco folgt dem gleichen Muster wie dem von Tepco. Und so ganz genau will es wohl auch niemand wissen.

Die japanische Regierung nicht, die sowieso nicht. Und wir? Erstens: wie soll unsereins denn schon dahinter kommen? Und zweitens: was soll dabei schon groß herauskommen? Das höchste der Gefühle wäre doch ein Drehbuch à la Fukushima. Und damit sind wir – ich sagte es ja bereits zu Beginn – durch. Denn da passiert ja nichts. Jedenfalls irgendwie nichts Neues. Sie erinnern sich: erst ein Super-GAU, dann zwei, dann drei, dann vier – dann konnte nicht mehr viel passieren; denn die beiden restlichen Reaktorblöcke sollen einigermaßen verschont geblieben sein.

Klar: seither gelangt die radioaktive Strahlung in die Atmosphäre, in den Boden und ins Meer. Kein Wunder, dass die Radioaktivitätswerte im Meer vor Fukushima inzwischen „stark erhöht“ sind, „100- bis 1000-fach höher als im Normalfall“. Aber mal unter uns: ist das eine Nachricht? – Nein. Schon eher eine Nachricht ist: „AKW-Betreiber will radioaktives Meerwasser dekontaminieren“. Nicht schlecht, aber: neues Verfahren, unerwünschte Ionen, die gefiltert werden – das versteht doch wieder kein Mensch. Wenn schon eine Meldung über die Rettung der Welt, dann „bin Laden abgeknallt“ – das versteht man wenigstens.

Das ist nämlich wirklich ganz schön kompliziert, die ganze Sache mit dem Filtern. Nicht nur im Wasser, auch in der Luft. Da geht großflächig logischerweise gar nichts, muss aber auch nicht. Gut wäre schon einmal, wenn das was draußen nicht geht, drinnen klappen könnte. Also im AKW. Damit die Arbeiter, die sich kümmern könnten, nicht sofort tot umfallen. Das ZDF scheint die Pressemitteilungen von Tepco recht originalgetreu, also unzensiert, zu bringen: „Tepco will die Gefahr, die von dem havarierten Kernkraftwerk seit dem Tsunami vom März ausgeht, endgültig bannen.“ O-Ton ZDF-heute.

Pressefreiheit bedeutet eben auch, Nachrichten nicht zu verfälschen, das Subjekt der Meldung selbst möglichst authentisch zu Wort kommen zu lassen. Wir technisch Interessierten fragen uns natürlich, wie Tepco das machen will, dieses endgültige Bannen. Richtig: erst einmal die Luft filtern. „Zunächst wird jetzt ein Ventilations- und Filtersystem installiert, um die Radioaktivität in der Gebäudeluft auf ein Zwanzigstel des jetzigen Wertes zu senken. Dann werden erstmals wieder Arbeiter in den Reaktorblock 1 geschickt. Den Zugang zu dem Gebäude sollen spezielle Zelte ermöglichen.“

Sehen wir einmal vom letzten Punkt ab, fällt diese ZDF-Meldung unter „Fürsorgepflicht des Arbeitgebers“. Es sind nämlich inzwischen wahrlich genug Arbeiter ernsthaft verstrahlt worden. Dass darüber hinaus (deshalb die Zelte) die Gesundheit der Bevölkerung im Mittelpunkt aller Tepco-Bemühungen steht, bedarf nicht der besonderen Erwähnung: ihretwegen findet der heldenhafte Kampf der Arbeiter ja statt. Denn es kann nicht so weitergehen! Die Strahlenbelastung in Japan steigt ständig; die Regierung reagiert darauf, indem sie die zulässigen Grenzwerte nach oben „korrigiert“. Da mag Toshiso Kosako, der Atomberater der Regierung, der selbigen Rechtsbruch vorwerfen, zurücktreten und dabei noch so viele „Tränen der Wut“ vergießen …

In Fukushima passiert nichts, jedenfalls nicht viel Neues. Die Strahlung entweicht – ins Wasser, in den Boden, in die Luft. Minute für Minute, Stunde für Stunde, Tag für Tag. Nichts Neues. Zum Jahresende, meint Tepco, könne es gelingen, diese unkontrollierte Freisetzung von Radioaktivität zu stoppen. Wie genau, hatten die Herren nicht gesagt. Ehrlich gesagt: da geht gar nichts mehr in Fukushima. Es ist ruhig geworden um Fukushima. Können Sie sich noch daran erinnern, wie neugierig anfangs auf die Wettervorhersagen geschaut wurde? Welche Windrichtung wird für Japan vorhergesagt? Nicht, dass der Wind die Partikel nach Tokio treibt! Nun ja, das ist jetzt fast zwei Monate her. So etwas läuft heutzutage wirklich nicht mehr.

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4 Kommentare zu “Fukushima: nichts geht mehr

  • #1
    Stefan

    Interessant ist nicht nur, dass niemand mehr drüber spricht. Sondern mit welch atemberaubendem Tempo all das, was seit der Katastrophe gesagt worden ist, sich in Nichts auflöst…
    http://unkreativ.net/wordpress/?p=11343

  • #2
  • #3
    Will

    „Japan hat viele Menschen die ich liebe die nun leiden
    wichtig dass viele Menschen leiden, viele Menschen sehen Seelen
    erschüttern, beben Lippen beben
    schreien stummen Erdbeben
    ich bebe vor Wut und Verzweiflung
    bebe weil ich nicht lebe und keine Liebe bekomme
    und so viel schenke tränen fluten wellen Wolken,
    Stürme, wilder Himmel Bruder hilf
    dunkle wellen starke Wellen tränen und salzig und heiß
    kleine Insel viele Füße, nackte hilflose dreckige Füße,
    schwarze Füße, kalte Füße, trampeln treten stampfen
    Hände klebrige heiße Hände, schwitzige Hände, nasse Hände
    schlagen hämmern halten zu aber nicht zusammen
    brodel Kessel, brodel Kessel, enge viele Menschen eingekesselt
    ohne Ausweg, Hitze schmelzen,
    Wut brodeln kochen dampfen wiesen Himmel
    Wind, wo ist der Wind der die Wolken verweht,
    grauer Himmel schwerer Himmel gelber Himmel,
    Wolke um die ganze Welt
    regne nieder vergifte mich
    ich kann nicht mehr leben“

    http://willbee.de/wp/?p=1037

  • #4
    Marc Raschke

    Es liegt doch aber an uns, dagegen etwas zu tun. Bei den Ruhrbaronen sind doch Journalisten am Werk – sollen die das Thema doch täglich neu bringen – immer mit einem anderen „Spin“ … das ist zugegeben eine Herausforderung, aber über das „ewig Gleiche, nur etwas abgewandelt“ zu berichten, gelingt doch auch Fußball-Journalisten 😉

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