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„Geschlossene Grenzen treffen besonders die Ärmsten der Welt“

offenene_grenzenEin Interview mit den Beteiligten des Projekts Offene Grenzen.

Euer Projekt lehnt Grenzen zwischen Staaten ab. Was verbindet ihr jeweils persönlich mit Grenzen, das Euch motiviert, diese Initiative zu unterstützen.

Achim Fischbach: Ich halte die Öffnung der Grenzen für die größte Chance, die weltweite Armut zu bekämpfen und die Welt dadurch zu einem angenehmeren und friedlicheren Ort zu machen.

Jorge Arnez-Prinzhorn: Für mich sind Grenzen nur Linien im Staub. Es macht keinen Sinn, Menschen vorzuschreiben, wo sie leben dürfen und wo nicht.

Clemens Schneider: Wenn man genau darüber nachdenkt, sind Grenzen nichts anderes als Mittel, um andere davon auszuschließen, dieselben Chancen zu haben wie man selbst. So etwas ist unfair und unmenschlich.

Kalle Kappner: Undurchlässige Grenzen gehören heute zu den größten Hindernissen für viele Menschen, die ihren materiellen Lebensstandard, aber auch ihre persönlichen Freiheitsräume verbessern möchten. Und im Gegensatz zu den hausgemachten Problemen in der Dritten Welt haben wir im Westen es selbst in der Hand, Abhilfe zu schaffen.

Jorge Arnez-Prinzhorn: Das Thema hat für mich auch eine persönliche Note. Mein Großvater ist von Deutschland nach Bolivien ausgewandert, meine Familie ist dann später zurückgewandert. Was wir gemacht haben, sollte jeder tun dürfen, ganz egal welcher Nationalität er angehört. Diese Überzeugung motiviert mich sehr, offene Grenzen zu unterstützen.

Achim Fischbach: Geschlossene Grenzen treffen besonders die Ärmsten der Welt. Alleine aus humanitärer Sicht muss man diesen Menschen die Möglichkeit geben, ihr Leben enorm zu verbessern, indem sie in ein anderes Land ziehen und dort ihr Glück finden können.

Zur Zeit sind Grenzen eine Realität. Welche nehmt ihr konkret ins Visier?

Jorge Arnez-Prinzhorn: Es liegt nahe, mit den Grenzen in Europa zu beginnen. Also nehmen wir die europäische Grenzpolitik besonders in Visier.

Hanna Dietrich: Aufgrund der politischen Realitäten die EU-Grenzen. Das deutsche Grenzregime ist mittlerweile nur noch in diesem Kontext zu verstehen.

Clemens Schneider: Die Grenzen der EU natürlich, weil wir als Bürger dieses Staatenbundes dafür mitverantwortlich sind. Noch viel wichtiger erscheinen mir aber die Grenzen in den Köpfen: die sind unser eigentliches Arbeitsfeld!

Micha Anders: Im letzten Punkt stimme ich Clemens ganz besonders zu. Menschen neigen dazu, gegebene Umstände und Verhältnisse als unveränderbar und absolut wahrzunehmen. Dass in Europa und gar weltweit schon mehrfach faktisch völlige Freizügigkeit herrschte, ist heute kaum jemand bekannt, ja völlig unvorstellbar. Das Konzept der Territorialgrenzen und besonders die Grenzziehung am Mittelmeer zwischen Europa und Afrika ist in den Köpfen quasi zementiert. Diese Mauern des Denkens sollten wir zumindest versuchen zu abzutragen.

Was werdet Ihr konkret machen?

Jorge Arnez-Prinzhorn: Das, was Liberale tun müssen: Überzeugungsarbeit leisten. Eine Plattform wie Offene Grenzen soll Argumente sammeln, die sich dann andere Menschen ansehen können.

Kalle Kappner: Dass geschlossene Grenzen global ein großes Problem sind, ist vielen jungen Menschen in Europa nicht bewusst – die persönliche Erfahrung blieb ihnen glücklicherweise erspart. Es ist wichtig, das Bewusstsein für die Probleme und Ungerechtigkeiten zu schärfen.

Achim Fischbach: Wie versuchen zudem mit anderen, ähnlich aufgestellten Organisationen zusammenzuarbeiten.

Clemens Schneider: Zunächst werden wir versuchen, mit unsere Website und über Soziale Medien möglichst viele Menschen zu erreichen – ganz unabhängig von ihren politischen Überzeugungen. Langfristig hoffen wir natürlich auch, mit anderen Organisationen, die unsere Ziele teilen, zusammenarbeiten zu können. Dazu können Menschenrechtsgruppen genauso gehören wie Abgeordnete, Arbeitgeber-Organisationen genauso wie kirchliche Hilfsdienste, Journalisten, Professoren, Menschen mit dem Herz am rechten Fleck…

Welche Ziele setzt Ihr Euch? An welch Ergebnisse knüpft Ihr Die Beurteilung eures Projekts?

Jorge Arnez-Prinzhorn: Das Ziel ist ja, weltweit offene Grenzen zu haben, aber da das noch sehr utopisch ist, wäre es schon als Erfolg zu verbuchen, wenn die Schranken für Einwanderung nach Europa signifikant gelockert werden.

Clemens Schneider: Ideen können sehr wirkmächtig sein. Manch eine fundamentale Veränderung in der Geschichte der Menschheit hat zunächst klein angefangen — in den Köpfen und Herzen weniger Menschen. Irgendwann kam dann aber der Punkt, an dem sie nicht mehr aufzuhalten waren durch die ängstlichen Besitzstandwahrer. Das gilt für die Abschaffung der Sklaverei ebenso wie für Frauenrechte oder die Gleichstellung von Homosexuellen. Langfristig setzt sich die Freiheit immer durch. Auch wenn der Kampf im Konkreten bisweilen mühsam, gar aussichtslos scheint. Das Ergebnis, das wir uns erhoffen, ist ein langsames, aber unaufhaltsames Umdenken.

Micha Anders: Konkrete Ziele sind bei so einem Projekt immer schwer zu benennen. Der Zuspruch bei der ESFLC war ja zu erwarten, aber trotzdem schön. Dass über die ESFLC binnen weniger Tage sich mehrere hundert vor allem junge Menschen, übrigens auch inzwischen abseits der ESFL oder liberalen Community im Netz, für die Wortkombination „offene Grenzen“ interessieren, motiviert, aus der Sympathie bei dem einen oder der anderen eine durch Argumente gestützte Überzeugung zu machen. Ideen sind wirkmächtig. Sind sie erst einmal in der Welt, können sie nicht wieder eingefangen, spricht eingegrenzt werden. Die Idee zu verbreiten ist wohl unser größtes Ziel. Wenn wir dafür mit der deutschsprachigen Seite nach open-borders.info Menschen in anderen Sprachräumen motivieren, ebensolche Projekte zu etablieren und die Idee weiter zu verbreiten, haben wir schon viel erreicht.

Hanna Dietrich: In Deutschland eine ernstzunehmende Bewegung für offene Grenzen anzustoßen, die auch medial und politisch wahrgenommen wird, wäre schon viel.

Die Gesprächspartner

Die Initiatoren des Projekts Offene Grenzen sind überzeugt, dass das Öffnen von Grenzen für alle von Vorteil ist. Mit ihrer Initiative wollen sie dazu beitragen, dass die Einsatzbereitschaft und die Kreativität von Menschen nicht länger wegen ihrer Herkunft oder ihres Passes eingeschränkt werden.

Clemens Schneider arbeitet zur Zeit an einer Dissertation in Katholischer Theologie über den liberalen englischen Historiker Lord Acton. Er ist Promotionsstipendiat der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit und Mitinitiator der Woche der Freiheit. Außerdem schreibt er für mehrere Blogs.

Kalle Kappner wuchs in Solingen auf und absolvierte zunächst ein Studium der Sozialwissenschaften an der Universität zu Köln. Seit 2012 studiert er Volkswirtschaftslehre an der Freien Universität Berlin. In seinen Studien beschäftigt er sich intensiv mit den ökonomischen Aspekten der Migration. Bis 2013 unterstützte er die Arbeit des liberalen Abgeordneten Frank Schäffler im Deutschen Bundestag. Er ist Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Achim Fischbach wurde in Trier geboren und lebt seit 2009 in München. Nach einer Tätigkeit als Offizier der Bundeswehr und einem damit verbundenen Studium der Informatik arbeitet er seit 2013 als IT-Administrator in Garching bei München. Im Zuge seines großen Interesses an Ökonomie und politischer Theorie leitet er die Münchner Libertarier, eine Gruppe im Netzwerk der European Students for Liberty.

Michael Anders hat in Magdeburg Geschichte und Politikwissenschaft studiert. Er ist Stipendiat der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit und arbeitet an seinem Dissertationsprojekt zur mittelalterlichen Geschichte der Juden im Erzbistum Magdeburg und dem Bistum Halberstadt. Auf parthenopolis.de bloggt er zur Geschichte Magdeburgs und Umgebung. Außerdem beschäftigt er sich mit der Ideengeschichte des Liberalismus.

Hanna Dietrich studierte in Göttingen und Tel Aviv Neuere Geschichte und Ethnologie. Nach einem Auslandsjahr in Südafrika zog sie nach Berlin. Hanna ist im sozialen Bereich tätig und engagiert sich in ihrer Freizeit in der Flüchtlingsberatung.

Jorge Arnez-Prinzhorn wurde 1993 in Santa Cruz, Bolivien, geboren. Er lebt seit 2000 in Deutschland ist Schüler und bloggt seit 2011.

Crosspost: Der Artikel erschien bereits auf daniel.fallenste.in

 

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27 Kommentare zu “„Geschlossene Grenzen treffen besonders die Ärmsten der Welt“

  • #1
    Petra

    „wenn die Schranken für Einwanderung nach Europa signifikant gelockert werden“

    Geht das auch konkreter ?

  • #2
    Nansy

    Was für ein Geschwurbel! Lösung der Armutsprobleme in aller Welt durch Zuzug aller suchenden Armutsflüchtlinge in wohlhabende Länder? Dass das nicht funktionieren kann, müsste eigentlich jedem klar sein.

    Grenzen sind keine „Linien im Staub“, sondern dienen der territorialen Integrität eines Staates gegenüber seiner Nachbarschaft und der exakten Definition des räumlichen Geltungsbereiches der staatlichen Rechtsordnung.
    Die Frage ist, warum Menschen, die nur ihren materiellen Lebensstandard und ihre persönlichen Freiheitsräume verbessern möchten, das nicht in ihrem Heimatland tun können – die Forderung nach Verlagerung dieser Probleme in andere Länder ist nicht nur nicht hilfreich für die Entwicklung der Ausgangsländer, sondern Ausdruck von intellektueller Hilflosigkeit.

    Die Kreativität von Menschen wird nicht wegen ihrer Herkunft oder ihres Passes eingeschränkt, sondern durch politische und wirtschaftliche Probleme in armen Ländern.
    Gut gemeint ist voll daneben…

  • #3
    b

    #2
    Die Erde ist kein weisses Blatt Papier, auf denen man willkürlich Linien zieht, um dort auf der gleichen wortwörtlichen „Basis“ Gesellschaften zu realisieren, deren Ausprägung einzig und allein ihrem eigenen Wohlwollen überlassen ist. So eine Ansicht ist evtl. gut überschaubar, macht sie allerdings daher nicht automatisch zu einem realistischen Modell. Wo wir hier grade bei Intellekt undso sind…

  • #4
    Nansy

    @B #3:
    Grenzen sind oft aus geschichtlicher Entwicklung entstanden, teilweise wurden sie auch willkürlich gezogen – was sagt uns das jetzt über deren Legitimation? Nichts! Gesellschaften sind nie einzig und allein ihrem eigenen Wohlwollen überlassen, sie stehen immer in Konkurenz zu anderen Gesellschaften – ob sie wollen oder nicht.

    In einem gewissen Punkt gebe ich Ihnen allerdings recht: die Ansicht, die Öffnung aller Grenzen sei der Stein der Weisen, ist gut überschaubar, macht sie allerdings nicht automatisch zu einem realistischen Modell!

  • #5
    Petra

    Wie würde denn die praktische Umsetzung bzgl. Sprache, Rechtsordnung, Sozialwesen, etc aussehen ?

  • #6
    SteLu

    Auch wenn mir persönlich der Ansatz nicht weit genug geht, ist es aber erfreulich was zu offenen Grenzen mal aus einer anderen Ecke als der der üblichen Verdächtigen zu hören. Gefällt mir. Die Haltung, sollen „die“ das, doch in ihren eigenen Ländern Armut bekämpfen, finde ich zynisch. Hören „wir“ dann doch erstmal damit auf, auf in „anderen Ländern“ Armut zu produzieren. Das tun „wir“ auf vielfache Weise. Daran nichts zu ändern und gleich zeitig die Grenzen hochzuziehen ist menschenverschtend. Und ansonsten Staaten sind ne reine Erfindung und Grenzen auch.

  • #7
    Realmika

    Die Forderung ist radikal, sehr liberal, aber auch sehr interessant. Eine wesentliche Nebenbedingung dafür scheint mir jedoch die gleichzeitige Abschaffung aller steuerfinanzierten Sozialleistungen zu sein. Damit würde eine von anderen unfreiwillig (hier sind die Steuerzahler gemeint) geschaffene, durch keinen realen Mehrwert gedeckte Attraktivität vermieden.
    Wer dann kommt und es versuchen will ist herzlich Willkommen, wer es lieber anderswo versuchen will, der kann und soll das tun. Gilt auch für die, die hier schon leben. Warum nicht?

    Und denen, die hier in der freien Wirtschaft ihr Geld verdienen(egal woher diese Menschen stammen mögen) soll es der Staat nicht einer Räuberbande gleich aus der Tasche ziehen. Ich weiß auch alleine wofür ich mein Geld ausgebe, das müssen nicht Frau Nahles und Frau Merkel tun. Das wäre in Verbindung mit offenen grenzen womöglich sehr attraktiv. Es lohnt sich, darüber nachzudenken.

  • #8
    Nansy

    @SteLu #6:
    Die Haltung, sollen “die” doch durch Flucht in wohlhabende Ländern die Armut im eigenen Land bekämpfen, ist zynisch und naiv. Die Meinung, “wir” (der Westen) seien ausschließlich für die Armut in Entwicklungsländern verantwortlich, ist weit verbreitet, wird dadurch aber nicht wahrer (natürlich gibt es auch Beispiele dafür, ebenso wahr ist aber auch, das die Führungseliten vieler Entwicklungsländer ihre eigene Bevölkerung ausbeuten und in die Armut treiben).

    Staaten sind keine „Erfindung“ im Sinne von „schöpferischer Einfall“ oder „Fiktion“, sondern real. Da hilft es wenig, wenn man sich in Hilfskonstruktionen wie „Fiktion, Einbildung, Ente, Hirngespinst, Lüge“ flüchtet….

  • #9
    SteLU

    @ Nansy #8

    Zunächst mal zu dem Begriff „Entwicklungsländer“. Der alleine ist schon zu kritisieren, da er suggeriert, die Länder hätten sich „zu entwickeln“. Wohin die sich „zu entwickeln“ haben, entscheiden natürlich „wir“. Weil „wir“ sind entwickelt und „die da“ nicht. Und wenn die sich nicht in die Richtung „entwickeln“, die uns passt, sorgen „wir“ schon mal dafür, dass die entsprechenden „Führungseliten“ an die Macht kommen, die in „unserem“ Sinne „entwickeln“. Ob die ihre eigene Bevölkerung ausbeuten, interessiert „uns“ nicht, solange „wir“ mit ihnen gute Geschäfte machen können und solange sie „uns“ und „unseren“ Konzernen den Zugang zu den dringend benötigten Rohstoffen garantieren. Natürlich wollen „wir“ weitestgehend festlegen, zu welchen Bedingungen das geschieht. Ansonsten gibt es ja noch andere „Führungseliten“.

    Ich warte mal auf das erste Ministerium „zur Entwicklung von Europa“ (vielen Dank an die Aktion 3. Welt Saar für die Inspiration) in einem sogenannten „Entwicklungsland“. Da gäbe es eine Menge zu entwickeln in Deutschland: Kinderrechte, „wir“ leben über unsere Verhältnisse, verbrauchen zu viele Rohstoffe, versauen das Klima, haben eine Zwei-Klassen-Medizin, die Schere zwischen arm und reich klafft immer weiter auf, es herrscht berechtigte Angst vor Altersarmut, „wir“ verbrauchen zuviel Energie…..Hier brauchen wir ganz dringend Hilfe von Experten, aus „Entwicklungsländern“, die uns mit Rat und Tat zur Seite stehen. Vielleicht sogar die Hilfe von Soldaten, die den menschenverachtenden, neoliberalen Arschlöchern mal zeigen wo der Hammer hängt. Ich hoffe immer noch drauf.

    Ich habe nicht von ausschließlich gesprochen, beteiligt sind „wir“ oft genug.

    Ja, Staaten sind real. Das heißt nicht, dass sie für alle Ewigkeit existieren müssen.

  • #10
    keineEigenverantwortung

    Menschen organisieren sich in Gruppen. Das machen Tiere auch.
    Es gibt Regeln und Verantwortung insbesondere für die Mitglieder der Gruppe.

    Somit sind Familien, Vereine, Gemeinde, Länder Organisationsformen, die ihren Sinn haben.

    Die Grenzen sind zurzeit sehr offen. Wenn man Geld hat, kann man sich viele andere Lebensweisen für einen kurzen Zeitraum anschauen. Wenn man für sich selber auskommen kann oder einen Sponsor findet, kann man in den meisten Gemeinschaften auch dauerhaft leben.

    Welche Probleme sollen jetzt die ärmsten Bewohner des Planetens haben, wenn Grenzen nicht offen sind? Die meisten armen Bewohner des Planetens haben eine Ausbildung, die es ihnen kaum ermöglicht, bspw. in Deutschland einen Beruf auszuüben. Sprach- und Kulturprobleme sind hierbei noch nicht aufgelistet.
    Die „Auswanderer-Dokus“ zeigen doch immer wieder sehr anschaulich, wie schwer und langwierig der Start in einem neuen Land für viele Menschen ist.

    Gleichzeitig fehlen die meistens aktiven Menschen den heimischen Gruppen.

    Es kann doch auch nicht Ziel sein, dass alle Menschen in sog. reiche Länder einwandern, damit sie Transfergelder erhalten, die dann die heimatliche Familie unterstützen. Das ist doch pure Abhängigkeit. Entwicklung muss in allen Teilen der Erde stattfinden. Zurzeit scheint der chinesische Ansatz mit Förderung nach ökonomischen Gesichtspunkten durchaus erfolgreich zu sein.

    Dass vollkommene Freizügigkeit in früheren Zeiten auch ihre Konflikte verursachte, ist bekannt. Es gab nämlich meistens Menschen an den Orten, die sehr fruchtbar/attraktiv waren, die dann oft gewaltsam verdrängt wurden.

    Dass wir in anderen Ländern Armut produzieren, ist auch eines der Vorurteile, die meistens nicht belegt werden können. Korrupte Regierungen/Politiker etc. gibt es überall. Es ist auch Aufgabe der Bevölkerung, den eigenen STaat zu gestalten.

  • #11
    SteLU

    @ keine Eigenverantwortung #10

    „Es ist auch Aufgabe der Bevölkerung, den eigenen STaat zu gestalten“

    grandios zynischer Satz. Gestalten ja bitte, aber nur im Sinne der sog. „freien“ Welt. Mir fallen auf Anhieb ein paar Länder ein, in denen die Bevölkerung ihren eigenen Staat gestalten wollte – dummerweise nicht im Sinne der oben genannten Welt. Dann wurde auch schon mal ne Regierung entsorgt – natürlich nur zum Wohle der Bevölkerung des jeweiligen Landes – direkt, mit dem Einsatz militärischer Gewalt, oder auch indirekt durch Sanktionen.

    Dass das Öffnen der Grenzen die Probleme der Menschen in den Herkunftsländern nicht löst ist mir auch klar. Diese Menschen kommen in der Mehrzahl aber nicht, weil das Land hier so toll ist, sondern weil sie nicht wissen, wie sie in ihrem Heimatland überleben sollen. Natürlich wäre es für sie besser, wenn sie dort überleben könnten. Was erwartet sie hier (neben dem nackten Überleben) denn? Anfeindungen und Vorurteile (wenn es gut geht).

    Und natürlich gibt es Belege. Ich kann da nur auf Onkel (oder Tante?) Google verweisen, dass kann ich Ihnen nicht abnehmen (da geht es auch um weit mehr, als um „korrupte Politiker“).

    Die Beteiligung an den Ursachen von Armut und Hunger nicht sehen wollen und gleichzeitig die Grenzen hoch zu ziehen ist zynisch und menschenverachtend, dabei bleibe ich.

  • #12
    keineEigenverantwortung

    @11:
    Sie haben einen interessanten Weg gefunden, Ihre Aussagen zu belegen:

    „Und natürlich gibt es Belege. Ich kann da nur auf Onkel (oder Tante?) Google verweisen, dass kann ich Ihnen nicht abnehmen (da geht es auch um weit mehr, als um “korrupte Politiker”).“

    Ein paar Fakten für Ihre allgemeinen Behauptungen würden schon helfen. Ich bin mir auch sicher, dass sie Fälle finden würden, aber ich kann die Beteiligung an Armut und Hunger nicht so häufig sehen. Meistens sind die Probleme in den Ländern lösbar und in den meisten Ländern gibt es viele Menschen, die sehr reich sind. Ebenso werden die Ressourcen sehr ineffizient genutzt.

    Ein Land, das in den letzten Jahren Probleme bekommen hat, ist bspw. Venezuela. Hier war die freie Welt (wer das auch immer ist) natürlich auch verantwortlich.

  • #13
    SteLU

    @ keine Eigenverantwortung #12

    Fangen wir doch damit an, dass immer weniger Ackerfläche für die Ernährung der Menschen zu Verfügung steht. Zwei der Gründe: Der ungebremste Fleischkonsum und der Bioethanol-Irrsinn. Die Konkurrenz um Ackerflächen nimmt rapide zu. Der Fleischkonsum spielt dabei eine große Rolle. Auch wenn der Anstieg der Nahrungsmittelpreise durch Bioethanolbedarf „nur“ um 2% steigt, bedeutet das für zusätzlich 32 Millionen Menschen Hungergefahr. Haben „wir“ nichts mit zu tun? Natürlich nicht.

    Die Exportsubventionen der Eu auf Agrarexporte hat viele kleine Bauern in sogenannten „Entwicklungsländern“ in den Ruin getrieben und dazu beigetragen, ihre Lebensgrundlage zu verschlechtern oder zu zerstören. Die europäische Agrarpolitik behindert die Ernährungssouveranität in vielen Ländern. In Deutschland stieg der Export von Schweinefleisch in den ersten 10 Monaten des Jahres 2010 um 21%. In der Elfenbeinlüste stieg der Import zwischen 2000 und 2009 von 5000 Tonnen auf 35.000 Tonnen. gleichzeitig brach die lokale Produktion um 60% ein. Geschätzte 210.000 Arbeitsplätze gingen durch die subventionierte EU-Schweinemast in Afrika verloren. Haben „wir“ nichts mit zu tun? Natürlich nicht. Ist ja auch egal. Sind ja keine deutschen Arbeitsplätze.

    Die Auswirkungen des Klimawandels beeinträchtigen die Ernährungssicherheit in vielen Teilen der Welt immer stärker. Dürren und Überschwemmungskatastrophen verursachen Hunger und Mangelernährung. Für immer mehr Kleinbauern wird es immer schwerer ihren Eigenbedarf zu decken. Wie Klimawandel gibt es nicht? Na,
    dann können wir hier sofort aufhören zu diskutieren. Mit Verschwörungstheoretikern diskutiere ich nicht. Grundsätzlich nicht.

    Große Regenwaldbereiche werden nach wie vor für Palmölplantagen abgeholzt. Bauern werden vertrieben, verlieren ihre Lebensgrundlage oder werden sogar ermordet. Der Anbau trägt zu Landkonflikten, Verarmung und Hunger bei. Palmöl ist in extrem vielen Lebensmitteln und Kosmetika zu finden. Wir konsumieren den Scheiß, ohne uns dafür zu interessieren, unter welchen Bedingungen das Zeug angebaut wird. Dazu kamen im Jahr 2012 1,9 Millionen Tonnen Öl, der dem Dieselkraftstoff beigemischt wurde. Interessiert sie nicht? Mich schon

    Reicht das, oder soll ich weitermachen? Wenn es nicht reicht, können Sie sich ja mal intensiver mit dem Thema „Land Grabbing“ auseinandersetzen

    Natürlich löst das Öffnen der Grenzen diese Probleme nicht. Aber zum dritten mal: Die Mitverantwortung für Hunger und Armut zu leugnen und gleichzeitig die Grenzen abzuschotten ist zynisch und menschenverachtend.

    Und wenn ich von Mitverantwortung spreche, meine ich nicht irgendwelche korrupten Politiker.

    Schönen Abend noch

  • #14
    SteLU

    und das noch:

    mit Menschenrechtsverletzungen haben „wir“ nämlich auch nichts zu tun. grundsätzlich nicht. Dafür sind Despoten und korrupte Politiker verantwortlich.

    http://germanwatch.org/de/download/8864.pdf

  • #15
    Stefan Laurin

    @SteLU: Weltweit steigt der Wohlstand, die Armut geht zurück. Aber sie haben natürlich Recht: Mit mehr Freihandel und weniger Exportsubventionen wäre es noch besser.

  • #16
    keineEigenverantwortung

    @13:
    Eine der Ursachen der Probleme in vielen nicht so reichen Länder ist doch das Bevölkerungswachstum. Das erwähnen sie nicht. AIDS und andere Krankheiten zerstören in vielen Familien die Existenz (bspw. südl. Afrika).

    Offene Grenzen lösen die beschriebenen Probleme auch nicht.

    In Afrika leben über 1 Mrd. Menschen. 210000 verlorene Arbeitsplätze sind im Vergleich zu der Zahl vernachlässigbar.

    In anderen Teilen der Welt gibt es souveräne Staaten, die selber entscheiden können, wie sie handeln.

    Ist das romantische Bild der Familie mit dem kleinen eigenen Acker nicht längst überholt, wenn der Planet ernährt werden soll?

    Muss ich als Verbraucher wirklich bei jedem Kauf eine Unbedenklichkeitsprüfung durchführen? Wer legt die Kriterien fest? Selbst Ethik-Fonds haben oft einen Anteil von Rüstung, Atom und Krieg in den Produkten?

    In Deutschland finden es viele Menschen doch toll, wenn Lebensmittel günstig/kostenlos an arme Menschen im Land verteilt werden. Warum soll das jetzt schlecht sein, wenn die armen Menschen durch Tomaten, Schlachtreste, etc. kostenlos/günstig ernährt werden.

    Ich bin übrigens gegen die meisten Subventionen und gegen eine kostenlose Verteilung.

    Die Welt ist komplex. Sie wird einfacher, wenn der Westen / die freie Welt immer verantwortlich ist. Wer bspw. Afrika, Indien etc. besucht, wo in vielen Teilen Armut herrscht, sieht auch großen Reichtum.

    Wer ins All fliegt, Flugzeugträger und Atomwaffen hat usw. hat und gleichzeitig viele sehr arme Menschen hat, hat ein anderes Problem als offene Grenzen. China zeigt, dass eine schnelle Entwicklung möglich ist, also kann auch die Kolonialzeit, die oft noch die infrastrukturelle Basis vieler Länder erzeugt hat, kein Hauptgrund für Armut sein.

  • #17
    Nansy

    @SteLU:
    Ja, die Welt ist ungerecht und nicht schön! Was mir allerdings tierisch auf den Geist geht, ist dieses moralische „in Sack und Asche gehen“ bestimmter westlicher Wohlstandskinder. Es hat schon etwas Religiöses und Moralinsaures an sich, wenn im Wohlstand lebende Menschen die Schuld für alle Ungerechtigkeiten dieser Welt nur bei sich und in ihren Ländern suchen.

    Keine Frage – wenn zum Beispiel die EU ihre überschüssigen subventionierten Lebensmittel (Hühnerfleisch u.ä.) nach Westafrika in die dortigen Länder drückt (teilweise unter Druck auf die dortigen Regierungen), bin ich voll auf Ihrer Seite – das muss aufhören!

    Aber Wälder werden nicht nur für Palmölplantagen abgeholzt, sondern auch für den Wohlstand einheimischer Führungseliten (Philippinen). Und internationale Konzerne könnten ihre teilweise schädlichen Aktivitäten in Entwicklungsländern nicht ausüben, wenn die dortigen Machthaber nicht extrem finanziell davon profitieren würden. Die Schuld immer nur bei den Industriestaaten zu suchen, ist einseitig. Das Problem ist komplexer.

    Ähnlich bei Dürren und Überschwemmungskatastrophen – auch dafür gibt es vielfältige Ursachen und nicht nur den Klimawandel. Aber Sie haben recht – mit Klimawandel-Päbsten ist eine Diskussion schwierig, da spielt zuviel Missionarisches mit!

    Ihre semantischen Sprachübungen zum Begriff „Entwicklungländer“ sind stark von Schuldgefühlen geprägt.

    Nur was hat das alles mit offenen Grenzen, und dass dadurch die Welt besser wird, zu tun?

  • #18
    SteLU

    @ Stefan Laurin # 15

    Ach du meine Güte, was wird das denn jetzt? Negieren Sie jetzt, das Weltweit 850 Millionen Menschen hungern? Das 8,8 Millionen Menschen im Jahr verhungern? Das alle drei Sekunden ein Mensch an Hunger stirbt? Negieren Sie „unsere“ Beteiligung daran? Negieren Sie dass das Land, das für die Ernährung von Menschen zur Verfügung steht immer knapper wird? Negieren Sie das „Landgrabbing“? Negieren Sie den Einfluss, den der ungebremste Fleischfrass auf die Welternährung hat? Negieren Sie den Klimawandel? Aber vielleicht sollte mich das nicht wundern, das kommt von dem Autor, der geschrieben hat: „Nie darf der Westen….“ bla bla bla, ignorierend das „der Westen“ sehr wohl die „Feinde der Freiheit“ unterstützt, wenn es ihm gerade in den ideologischen Kram passt. Und das sind diejenigen, die so oft von „Eigenverantwortung“ schwadronieren. Nur Verantwortung für ihr eigenes Handeln wollen sie nicht übernehmen. Ums verrecken nicht.

  • #19
    Stefan Laurin

    @SteLU: Nein, das negiere ich nicht. Allerdings zeigt die Entwicklung in eine positive Richtung. Und die Hauptgründe für das Elend sind auch selbstverantwortet: Kriege und Korruption. Immer mehr Länder, auch in Afrika, das lange als „verlorener Kontinent“ galt, sind dabei sich gut zu entwickeln: Der Hunger geht zurück und die Einkommen steigen. Und auch für diese gut Entwicklung sind die Menschen selbst verantwortlich.

  • #20
    Petra

    @#9 | SteLU:

    Eigentlich war und bin ich für eine zielgerichtete und konkrete Entwicklungshilfe, sei es der Brunnenbau und der Aufbau von Schulen und Krankenhäusern. Gerade mit dem Ziel das Leben der Einheimischen VOR ORT zu verbessern und damit sie in ihrer Heimat leben können.

    Entwicklungshilfe sollte aber auch nur vorrübergehend geleistet werden. Hilfe zur Selbsthilfe.

  • #21
    Nansy

    Eine etwas andere Sicht der Dinge bringt dieser Beitrag: „Welthunger: Brot für die Welt und Brösel für Afrika“ (Die Realität: Importverbot schafft Hunger):

    http://www.novo-argumente.com/magazin.php/novo_notizen/artikel/0001506

  • #22
    SteLU

    @ Nansy Sie wollen mich nicht verstehen. Ich suche die die Verantwortung nicht ausschließlich bei den Industrieländern. Allerdings sehe ich eine Mitverantwortung. Die Betonung liegt auf Mit. Und jetzt wiederhole ich zum vierten Mal, ich empfinde es als zynisch diese MITverantwortung zu ignorieren, nichts dagegen zu tun und gleichzeitig die Grenzen abzuschotten. Und auch das sage ich zum wiederholten mal: Natürlich löst das Öffnen der Grenzen diese Probleme nicht.

    und ansonsten: Vielen Dank für Ihre vulgärpsychoanalytische Interpretation meiner sprachsemantischen Übungen, Dr. Freud.

    Ihr in „Sack und Asche“ gehendes Wohlstandskind

  • #23
    SteLU

    @ Nansy und zu dem oben von Ihnen verlinkten Artikel. Da sind sicherlich Aspekte zu finden, die zu bedenken sind, keine Frage. Die „Wahrheit“ – wenn es denn so etwas überhaupt gibt – ist wohl irgendwo zwischen den Positionen zu finden.

    Wohlstandskind

  • #24
    Helmut Junge

    @SteLu, ich lese aus Ihren Kommentaren heraus, daß Sie selbst dort, wo Sie Beispiele anführen, wie z.B. in Kommentar 18, glauben, daß die Lösung der von Ihnen genannten Probleme in der Öffnung der Grenzen liegt. Genauso könnte jemand argumentieren, daß genau dann die Probleme anwachsen würden, weil zunächst diejenigen abwandern, die gesund, jung und gut ausgebildet sind, und daß die Ungebildeten und Schwachen dann auf sich gestellt sein würden.
    Ihre Theorie scheint mir an dem Punkt erhebliche Schwächen zu haben.

  • #25
    Nansy

    @SteLu:

    Sollte ich Ihnen mit meinen Bemerkungen auf die Füße getreten haben, so entschuldige ich mich dafür.
    Allerdings irritiert mich in diesem Zusammenhang, dass Sie in ihren eigenen Kommentaren auch nicht gerade sanft mit anderen Meinungen umgehen: „menschenverachtenden, neoliberalen Arschlöchern“ oder „zynisch und menschenverachtend“.
    Wer gerne austeilt, sollte auch einstecken können!

    Ihr Menschenverächter 😉

  • #26
    SteLU

    @ Helmut Jung. Nein, nochmal: Die Lösung der Probleme liegt darin, dass alle Beteiligten sich ihrer Beteiligung an den Problemen bewusst werden und nach Lösungen für diese Probleme suchen. Solange dieser Bewusstwerdungsprozess nicht stattfindet, bleibt es zynisch, die Grenzen geschlossen zu halten, mit den Achseln zu zucken und zu sagen, „Ist mir doch egal, hab ich nix mit zu tun.“ Das dieser Bewusstwerdungsprozess extrem unrealistisch ist, ist mir klar.

  • #27
    SteLu

    @ Nansy Nein sie sind mir nicht auf die Füße getreten. Entschuldigung unnötig. Ich habe mich wunderbar amüsiert. Ja ich teile aus, und dann muss ich auch einstecken. Tue ich auch, amüsiere mich sowohl über. sie, als auch mich. Hinter den neoliberalen Arschlöchern steckte ein fettes Grinsen, so ernst war das nicht gemeint, dass es am (Neol)liberalismus menschenverachtende Seiten gibt – wie bei allen Schwarz-Weiß Ideologien (wozu im übrigen auch der Kommunismus gehört) erinnern wir uns: Du musst Dich entscheiden – dabei bleibe ich. Apropos Schwarz-Weiß. Ich hab nen schwarzen und nen weißen Hund hier, die warten hier darauf, dass ich mich mit ihnen beschäftige. Trotzdem ist die Welt nicht Schwarz-Weiß, nichtmal grau.

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