1

TROCKENFICK UND MÄNNERKÄSE – AUF DEM PFAD DER HERZENSKRIEGER

Männer, wo seid ihr? Einst waren wir Abenteurer, Entdecker, Krieger. Die Herrscher einer Welt, die wir geformt und uns untertan gemacht haben. Was hat der Fortschritt nur aus uns gemacht? Playstation, Polstermöbel und Penis-Pumpe. Wir sind weich geworden. Bücklinge der Emanzipation. Heldenmut gibt es nicht mehr, Aggressionen sind aufs Scheißhaus verbannt. Frauen haben den Thron der Gesellschaft bestiegen und uns zu ihren willigen Knechten gemacht. Männer, wir sagen: Nein! Wetzt eure Schwerter und folgt uns auf den Pfad des Kriegers. Nur Waschlappen ergeben sich ihrem Schicksal. Wir waren bei dem Männer-Tantra-Abend einer Herzenskrieger-Gruppe. Ein Erlebnisbericht von Herrn Schlange und Herrn Joswig.

(diese und andere stories auf echtem papier im aktuellen ruhrbarone-magazin: rb#3 – männerwelten. einfach bestellen.)

„Wenn irgendwas schief läuft, boxt du uns raus, oder?“ Joswig zieht an seiner Kippe. „Ich hab echt Schiss.“ Der Rotschopf schaut zu Schlange. Sein Freund nimmt die Pornobrille von der Nase und schüttelt den Kopf.

„Alter, ich kann nur besoffene Typen aus ner Kneipe schmeißen.“ Schlange streicht sich mit der Hand über seinen Schnäuzer. „Ansonsten keine Kampferfahrung: Zivi gemacht und auf die Fresse gekriegt. Hast du gedient?“

Joswig grinst. Chucks und Hippie-Tasche passen nicht zur Bundeswehr. „Och, ich hab mich blöd schreiben lassen. Durfte da ein Jahr in so ner Praxis antanzen und mit meiner Therapeutin Kaffee trinken.“

„Ja, das kannste.“ Schlange reicht Joswig eine Kippe. „Aber das wird gleich kein Kaffeekränzchen. Wir treffen auf echte Krieger. Also reiß dich gefälligst zusammen, du Lusche.“

Die sexuelle Selbstbestimmung, Emanzipation, das Frauenwahlrecht – wenn jemand in den vergangenen 50 Jahren gepunktet hat, dann die Frau. Sie hat sich als moderne Kriegerin bewiesen, sich Rechte erstritten und begonnen die Gesellschaft zu verändern. Frauen sind unabhängiger geworden, haben einen Schritt in die Zukunft gemacht und müssen nicht mehr um jeden Cent betteln. Die Machtverhältnisse sind verschoben. Mit dem Wandel kommen neue Herausforderungen. Die Männer haben verpasst, sich neu zu erfinden. In seinem Buch „Männlichkeit Leben – Die Stärkung des Maskulinen“ hat der Dortmunder Heilpraktiker und Sexualtherapeut Björn Thorsten Leimbach den Idealtypus des modernen Mannes entworfen – den Herzenskrieger.

Die 320 Seiten des Buches sind für Leimbach nur der erste Schritt zur Mannwerdung. Die komplette Ausbildung zum Herzenskrieger umfasst vier mehrtägige Workshops. Ein Kurs kostet laut Online-Auftritt 490 Euro plus 100 Euro Materialkosten. Teilnehmer müssen „absolute Geheimhaltung“ vertraglich zusichern, eine „sehr straffe, autoritäre und disziplinierte Leitung, physische und psychische Grenzerfahrungen, Schlafentzug, Durst, Schmerzen und kleinere Verletzungen“ akzeptieren. Leimbach hat Manager trainiert, ist Kampfsportler und predigt die Rückkehr zur männlichen Aggression.

Leimbach sagt:

Der Herzenskrieger steht für die Vision einer neu verstandenen und gestärkten Männlichkeit.“

(Männlichkeit leben (ML), Kapitel: Herzenskrieger – der neue Mann, S.305)

Im Umfeld der Herzenskrieger-Seminare haben sich regionale Gruppen gebildet. Nach erfolgreicher Teilnahme an Leimbachs Kursen wird die Philosophie weitertragen und vertieft – alles unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Die erste Regel des Fight Club lautet: Ihr verliert kein Wort über den Fight Club!

Schlange hat zweieinhalb Monate gebraucht, um Datum und Adresse eines Herzenkrieger-Treffens zu erfahren. Zum Arsch der Welt sind er und Joswig gefahren. Die Gegend ist einsam, der Asphalt aufgebrochen. Dunkelheit umschließt die beiden Undercover-Journalisten, als sie nach der zehnten Kippe ihr Auto verlassen und in einer Seitenstraße das Haus suchen. Adrenalin-Kick und Nikotin-Flash. Sie wissen nicht, was sie erwartet: Manager, Muskelprotze oder Elitekämpfer. Ein Treffpunkt in der Freimaurer-Loge, im Sektentempel oder Fight Club-Keller.

Schlange und Joswig biegen in einen Hauseingang und schnippen sich zwei neue Kippen aus der Schachtel. Anspannung. Nur eine Person kennt ihre Mission. Erfolgt zu einem vereinbarten Zeitpunkt kein Rückruf, wird die Polizei eingeschaltet. Das Abenteuer beginnt.

Leimbach sagt:

Initiationen sind unbequem, anstrengend und riskant. Man muss Angst, Unsicherheit, Schmerz, Einsamkeit, Hunger oder Verzicht erleiden und keine Frau tröstet einen dabei.“

(ML, Kapitel: Wie wird man zum Mann? – Initiationen zum Mannsein, S.215)

„Mach ma dein Feuerzeug an. Ich kann nichts erkennen.“

Im flackernden Licht lesen sie die Namensschilder. Joswig zuckt.

„Alter, wo sind wir denn hier gelandet? Da ist n Delphin auf der Klingel!“

Schlange rückt näher. In blauen, verspielten Linien ist der Umriss eines kleinen Delphins auf das Schildchen gezeichnet. Er atmet durch und klingelt.

Auszug der Einladungs-Mail:

Hallo Männer,

ein Mann (Name den Autoren bekannt) aus unserer Runde, stellt seinen Mehrzweckraum zur Verfügung.

Er hat reichlich Erfahrung mit Tantra/Körperarbeit. Mit ihm zusammen können wir

die Rahmenbedingungen für einen knackigen Männerabend gewährleisten.

Der eine oder andere Tropfen Schweiß wird wohl fließen. Duschen ist möglich. Es gibt eine Dusche.“

Beängstigende Infos: Dusche. Mehrzweckraum. Tantra. Knackiger Männerabend. Schweiß. Weder Schlange noch Joswig wollen heute Abend als verstörtes, vollgewichstes Bündel enden. Memo für die zwei: Bloß nicht nach der Seife bücken.

Die Initiation nach Leimbach:

In der Initiation unterscheide ich fünf verschiedene Phasen: Trennung, Vorbereitung, Prüfung, Integration und Rückkehr.

1. Trennung vom Alltag: … die Intitiationen finden meist an einsamen oder entfernten Orten, ohne jegliche Ablenkung statt.“

(ML, Kapitel: Die fünf Phasen einer Initiation ins Mannsein, S. 218)

Angetrieben vom Geist und Mut echter Entdecker wagen sich die beiden Undercover-Journalisten ins Unbekannte. Als sie sich mit ihren Sportsachen unter dem Arm in den Hausflur drücken, ein Schrei. Stopp. Schockstarre. Eine schwarze Silhouette in der Dunkelheit. Der Typ kommt näher. Große Tasche, militärischer Schritt.

Schlange und Joswig im Hausflur, der Weg zurück versperrt, oben öffnet sich eine Tür. Die Falle schnappt zu. Jeder Fluchtweg verschlossen.

Freundlich aber bestimmt drängt der Typ die zwei weiter. Silbern glänzen seine Haare im Flurlicht. David Bowie – original. Die ältere Version: graue, halblange Haare, Mittelscheitel, Mantel. Mann von Welt trifft Underdogs.

Es geht hoch durch das Treppenhaus: auf halber Etage ein Rosenquarz im Fenster, auf der ersten eine offene Tür. Im Rahmen steht ein kleiner Mann mit lockigem Pferdeschwanz. Muss der Tantra-Guru sein. Klassische Vorwärtsverteidigung – selbstbewusst reicht Schlange ihm die Hand. Der spirituelle Lehrer ist sympathisch und unrasiert. Eine ausgebeulte Jogginghose und ein grünes Sweatshirt umhüllen seinen trainierten Körper.

„Zieht einfach die Schuhe aus und kommt rein.“

In der Küche sitzt bereits der Gruppenleiter und wartet. Der Tisch randvoll mit geschmierten Schnittchen, Safttüten und frischen Gläsern.

„Hi, ich bin der Neue.“ Schlange tritt ein. „Wir hatten die Woche telefoniert. Klasse, dass es geklappt hat.“

Der Herzenskrieger richtet sich auf, überragt Schlange um einen Kopf. Gut zwei Meter groß. Haarige Pranken, geschorener Schädel, Brille. Ein echtes Mannsbild, ein Gorilla bereit zum Kampf.

Joswig begrüßt ihn unterwürfig. Misstrauisch kneift der Silberrücken die Augen zusammen.

„Ja. Schön, dass ihr gekommen seid“, schnauft er. „Eure Klamotten und Yogamatten könnt ihr erstmal im Umkleidezimmer verstauen.“

Aus der Küche hinaus, durch den Wohnungsflur folgen Bowie, Joswig und Schlange dem Silberrücken in einen großen leeren Raum. Die beiden Undercover-Journalisten stocken. Der Mehrzweckraum.

Gut sechs mal neun Meter, leer. Weiß vertäfelte Holzdecke, helle Wände, zwei breite Fensterbänke, heruntergelassene Jalousien, hellbrauner Korkfußboden.

Verstört sucht Schlange Joswigs Blick. Der presst seine Isomatte vor die Brust und dreht seinen Rücken langsam zur Wand.

Wie gebannt starren die beiden nach unten. Gefrorener Augenblick – Die Zeit steht still. Zwei Meter vor ihnen, in der Mitte des Raumes, ein schwarzer Marmor-Dildo – 15 Zentimeter, aufrecht und stolz. Die Journalisten schlucken. Ein pfirsichfarbenes Tülltuch, zur Wurst gerollt, ist s-förmig auf dem Boden drapiert. In einen Bogen ein langer, phallisch geschliffener Kristall, stabförmig, senkrecht von drei Stäben gehalten, im nächsten Bogen der Dildo.

Schlange guckt hektisch zum Ausgang. Im Türrahmen steht mit verschränkten Armen der Guru und lächelt. Die Rollos sind unten. Im Umkleidezimmer rechts zieht David Bowie blank. Panik steigt auf – ein verdammter Hinterhalt.

Irgendein dritter Gegenstand liegt in einem weiteren Tüllbogen. (Erinnerung hierzu unvollständig. Klassische Verdrängung. Totale Dildo-Dominanz.)

Joswig atmet schwer. Als ihm der Silberrücken auf die Schulter klopft, zuckt er zusammen.

„Sag ma, wie war nochmal dein Name?“

Verstörtes Gestammel: „Ähm, was? Joswig.“

„Ah… du hattest dich aber nicht angemeldet, oder?“

„Äh, nö.“

Schlange reißt seinen Blick von dem marmornen Freudenstab. „Ach, sorry. Mein Fehler. Ich hatte ja geschrieben, dass ich mit einem Freund auf euch gestoßen bin. Und da ich in der Mail von zwei Plätzen geschrieben hatte, dachte ich, es wär okay.“

Der Silberrücken dreht langsam den großen Schädel zu Schlange. „Ähm, eigentlich nicht. Die Anmeldungen laufen bei uns nach dem Windhund-Prinzip.“

„Windhund?“

„Ja, wer zuerst kommt, mahlt zuerst.“

„Sorry, dann hab ich dich falsch verstanden. Ich hoffe, es ist trotzdem okay.“ Der Silberrücken nickt. „Fürs nächste Mal wissen wir Bescheid.“

In regelmäßigen Abständen geht die Klingel. Weitere Herzenskrieger marschieren auf. Die Undercover-Journalisten schlüpfen in legere Kleidung: Schlange Joggingbuchse im Guru-Style, Joswig karierte Pyjama-Hose. Kuschelige Kampfanzüge.

Die Initiation nach Leimbach:

2. Vorbereitung: Die Vorbereitungszeit unter der Leitung erfahrener Männer dient dazu, eine Gemeinschaft unter den Jungen entstehen zu lassen. Sie lernen, ohne die Fürsorge und Liebe der Mutter klarzukommen. Gleichzeitig lernen sie, eine neue Form der Geborgenheit und Zuwendung in der Gemeinschaft unter Männern zu entwickeln.“

(ML, Kapitel: Die fünf Phasen einer Initiation ins Mannein, S. 218)

Die Vorstellungsrunde im Mehrzweckraum:

Mittlerweile knien, hocken oder sitzen sechs Männer und die beiden Undercover-Journalisten auf Kissen und Decken im Kreis. In der Mitte das Tülltuch, der Kristall, der schwarze Marmor-Pimmel und der verdrängte dritte Gegenstand. In seiner Funktion als Gruppenleiter richtet der Silberrücken das Wort an seine Mannen. Kriegsrat.

„Okay, so wie es aussieht, sind wir vollständig.“ Der zweite Gruppenleiter sei verhindert. „Irgendso ein Frauengedöns…“ Silberrücken lacht und verdreht die Augen. Die Ehefrau sei krank, sie bräuchten gemeinsamen Urlaub. Die Tochter ginge für ein Jahr ins Ausland, deswegen habe er keine Zeit für seine Männerrunde. Häme in der Stimme.

Mit leerem Blick glotzt Joswig auf den Dildo, Schlange fummelt an der Kordel seiner Joggingbuchse. Ihr Leben wurde bestimmt von „lästigem Frauengedöns“. Es ist an der Zeit die Hosen runter zu lassen.

Leimbach sagt:

Wenn ein Mann weint und um Hilfe bittet, dann kann man meist davon ausgehen, dass er bis zum Hals in der Sch… steckt. Irgendetwas richtig Schlimmes muss passiert sein, und es gibt einen handfesten Grund. … Bei Frauen ist das anders. Frauen weinen aus 1001 Grund. Sie weinen aus Enttäuschung oder aus Hilflosigkeit, weil sie verwirrt sind oder sich überfordert fühlen, weil sie überlastet sind oder Kopfschmerzen haben, weil sie ihre Tage haben und sensibel sind, weil sie nicht weiterwissen bei einem Problem oder ratlos sind, weil sie Aufmerksamkeit brauchen oder ihren Mann ärgern wollen, weil sie ihren Kopf durchsetzen wollen oder trotzig sind, weil sie wütend oder abgenervt sind… Oder sie weinen einfach, um Spannung abzubauen. Manchmal wissen sie auch selbst gar nicht, warum sie eigentlich weinen.“

(ML, Kapitel: Mit schwierigen Gefühlen der Frau umgehen lernen, S. 200)

Leimbachs Weltbild ist simpel: „Männer werden … auf eine Rolle als Geldgeber, Sexpartner und Samenspender reduziert“ (S. 19). Der Feminismus hat den Männern die Klöten abgeschnürt und sie zu domestizierten Hunden gemacht. Wir Männer haben die Frauenrechte, die Quotenregelungen, die Frauenhäuser und sogar das Frauenministerium bezahlt (S. 311). Und wie wird’s gedankt? 80 Prozent der Scheidungen werden von Frauen eingereicht, damit sie uns hinterher die Kinder wegnehmen und beschimpfen können (S. 19 bis 20). Und das, obwohl Männer häufiger in Beziehungen verprügelt und misshandelt werden (S. 21), obwohl Frauen die Frechheit besitzen mittlerweile genauso oft fremd zu ficken wie Männer (S. 11). Es ist zum kotzen. Wir Männer werden schon in der Schule kastriert und zu Weibern erzogen:

Leimbach sagt:

Jungen werden Aggression und Freiheitsdrang abtrainiert, damit sie ungefährlich, demokratisch und einfühlsam werden. Die Jungen werden die besseren Mädchen – sanft und verständnisvoll bis hin zu naiver oder einfach feiger Angepasstheit an die Wünsche der anderen.“

(ML, Kapitel: Die Abhängigkeit der Männer von Frauen, S. 12)

Scheiß Spiel: Demokratie, Femokratie, Misandrie. Und was machen wir Männer? Wir erdulden. Wir ertragen Gewalt, Erniedrigungen und Demütigungen (S. 26). Wir lassen die Frauen unser Leben zerstören!

Leimbach sagt:

Männer werden immer labiler, kraftloser und lebensuntauglicher. Ihre Hilflosigkeit drückt sich in Verhaltensauffälligkeit, Leistungsabfall oder Verweigerung, in Drogenkonsum, Kriminalität, Gewalt und schließlich auch Selbstmord aus.“

(ML, Kapitel: Der Mann wird zum Problemfall, S. 18)

„So, dann fange ich mal an.“ Der Guru eröffnet als Lehrmeister für den heutigen Abend die Vorstellungsrunde. Schlange und Joswig horchen auf, bereit, durch die Weisheit gestandener Männer unterwiesen zu werden. „Wir machen es so: Jeder sagt, wer er ist und wie er zur Männerarbeit gekommen ist.“ Der Guru beugt sich nach vorn und ergreift den Kristall, den Erzählstab.

Joswig lächelt erleichtert. Der Dildo bleibt am Boden und versprüht ungebrochen Männlichkeit.

Der Guru selbst war nicht bei Leimbach in der Lehre, hat über andere zur Männerarbeit gefunden. Gebannt starrt Schlange auf den Schritt des Tantra-Meisters. Vor seinem Gemächt schwingt schimmernd der Erzählstab, wippt bei jedem Wort rhythmisch auf und ab. Die weisen Worte verlieren sich im hypnotischen Glitzern des Kristalls. „Howgh“ – wie ein echter Medizinmann beendet der Guru seinen Vortrag, die Runde wiederholt den Ausruf. Ungläubig schauen sich die Undercover-Journalisten an. Indianer-Riten im Reihenhaus? Der Erzählstab wird weitergereicht. Nur noch zwei Männer vor Joswig.

Der nächste Typ spricht mit dünner Stimme. „Ich habe früher katholische Männerarbeit gemacht.“ Seine rechte Hand klammert sich an den Erzählstab. Joswig mustert ihn. Kuschel-Talker Reinhold Beckmann: dieselbe Brille, Frisur und Gesicht – nur weicher, mit Bauchansatz und Fistelstimme. „Howgh.“ Der Kristall kommt unaufhaltsam näher.

Mann Nummer drei ist Typ Piet Klocke, der Comedian, hager, schlacksig, wirres, rotes Haar.

Er schiebt seine Nickelbrille zurecht. „Irgendwann ist mir aufgefallen, dass ich in meinem Leben nur noch von Frauen umgeben war: meine Ehefrau, die drei Töchter.“ Ein Hüsteln. „Der einzige männliche Part war unser Hund.“ Atempause. „Und der verhielt sich auch ziemlich weiblich.“ Der Guru gluckst. „Howgh“

Joswig bekommt den handwarmen Kristall gereicht und spielt aufgeregt mit ihm rum. Schweiß seiner Vorredner haftet am Stab.

„Puhh…“ Er ringt nach Luft. „Joa, ich bin durch meinen Nebenmann hier gelandet.“ Joswig lächelt Schlange an. Der lächelt zart zurück. „Das alles hat im vergangen Jahr mit viel Bier und einem langen, knackigen Männerabend begonnen.“ Er macht eine Pause und wartet auf Lacher. Nichts. Indianer kennt kein Scherz. Joswig schluckt und kratzt sich verlegen am 3-Wochen-Bart. „Ähm, na ja. Wir haben dann jedenfalls unser Leben betrachtet, unsere Beziehungen und entschieden: Wir sind Weicheier. Es muss sich etwas ändern. Irgendwann brachte mich dann mein Freund hier auf das Buch von Björn, und so bin ich bei den Herzenskriegern gelandet. Howgh.“ Die Runde ist zufrieden. „Howgh.“

Schlange nimmt den Kristall – je eine Spitze zwischen den Fingern. Der Stab ist warm, klebrig und feucht.

„Ich kann mich Herrn Joswig nur anschließen.“ Wieder ein kurzer, sanfter Blickkontakt. „Am Anfang stand der gemeinsame Abend.“ Schlange räuspert sich. „Ich bin mit 29 sicher der Jüngste in der Runde, aber ich denke, dass zwischen 20 und 30 der erste Zeitraum beginnt, in dem man Menschen verliert. Es werden Entscheidungen getroffen, Lebenswege gewählt, Familien gegründet und Menschen, die einen das ganze Leben begleitet haben, existieren auf einmal nicht mehr.“ Die Männer nicken. „Im Internet bin ich dann auf die Herzenskrieger gestoßen. Nach ein paar Mails kam dann die Einladung für heute Abend. Keine Ahnung, was die Reise bringt. Danke.“ Die anderen kontern: „Howgh“.

Als Bowie an der Reihe ist, schellt es. Ein Nachzügler: Tom Selleck zu seinen Magnum-Zeiten – nur mit Plautze und Halbglatze. Dieselben stechend blauen Augen, die buschigen Brauen und der Schnäuzer. Sein Haarkranz am Kopf steht senkrecht nach oben. „Howgh“.

Selleck verschwindet kurz im Wohnungsflur und kommt mit enger, schwarzer Radlerhose, T-Shirt – sauber in den Bund gestopft – und einem Paar ausgeleierter Wollsocken zurück. Kampfdress auf leisen Sohlen.

Der Silberrücken nimmt den Stab und gerät sofort ins Schwärmen. „Hätte mir irgendjemand vor fünf Jahren erzählt, ich würde mal so eine Männergruppe leiten, ich hätts nicht geglaubt.“ Der Erzählstab verschwindet in seiner kräftigen Pranke. „Ich war bei Björn in den Seminaren, habe irgendwann diese Gruppe hier übernommen.“ Die sonore Stimme fließt sanft aus seinem Mund – betont einfühlsam. „Mittlerweile unterstütze ich Björn bei seinen Coachings. Howgh!“

Als nächstes landet der Kristall bei einer Kante von Mann, klein, gedrungen. Kerniger Typ, markant und respekteinflößend, Mitte fünfzig, kurze Haare. Kategorie Hamburger Reeperbahn. „Howgh.“

Und zu guter Letzt: Tom Selleck. Leise, wortkarg und alleinerziehender Vater. Für sein häufiges Fehlen bei den Männertreffen entschuldigt er sich. „Die wenige Zeit, die ich hab, gehört in erster Linie meinen Kindern.“ Joswig blickt zu Schlange. Respekt. Der Mann kämpft.

Murren in der Gruppe. „Das geht auch irgendwann vorbei“, mault der Guru. „Man kann sich immer irgendwie Zeit nehmen.“

Joswig runzelt die Stirn. Da beißt der Mann sich schon ohne Frau mit seinen Blagen durchs Leben und kriegt trotzdem auf den Deckel. Wow. Kein Platz für Ausreden, der Guru scheint ein kompromissloser Ausbilder zu sein.

Das Männertraining beginnt: erste Lektion – Dynamische Meditation: Atmung, Katharsis, Tanzen und Stopp. Ein Teil der Osho-Bewegung, formerly known as Bhagwan-Sekte. Verdammt sexy. Der Boden ist geräumt, Dildo und Kristall warten auf der Fensterbank.

„Ist die Temperatur so für euch okay, oder zu kalt?“ Der Guru lässt seinen Blick noch einmal durch die Runde schweifen.

„Mir ist ein bisschen frisch.“ Bowies Finger nesteln an seiner Trainingsjacke. Dann wiegelt er mit einer Handbewegung ab. „Aber ich bin heute auch kein Maßstab. Ich hab die Nacht extrem wenig geschlafen.“

Der Guru nickt. „Alles klar, dann fangen wir gleich an. Wenn jemand vorher noch auf Toilette muss, dann jetzt. Gleich sind wir eine gute dreiviertel Stunde in Bewegung.“

Selleck verschwindet zum Klo.

Step 1 – Dynamische Meditation: Schnaufen

Der Guru stellt sich in die Mitte, die Männer in Sportkleidung drumherum. Als Erstes erklärt er die richtige Haltung: Beine schulterbreit auseinander, die Füße parallel am Boden, die Knie leicht eingeknickt. „Das ist dasselbe wie bei vielen Kampfsportarten.“ Zum einen sei man näher mit der Erde verbunden, aus der die Menschen ihre Kraft beziehen, zum anderen sei der Stand fester. Der Guru hat sieben Jahre Kampfkunst-Erfahrung. Die Männer gehorchen.

In dieser Stellung winkelt er die Arme nah am Körper an und beginnt, sie seitlich gegen seinen Brustkorb zu schlagen. Dabei schmeißt er den Kopf wild umher und atmet schnaufend und ungleichmäßig durch die Nase. Ein erwachsener, 1,65 m großer Mann, der seine Arme wie gestutzte Flügel flattern lässt. Ein Kolibri auf Speed, ein Schmetterling beim Amoklauf. Der Guru fiept wie ein fickendes Eichhörnchen.

Schlange prustet, kaschiert den Ausfall mit einem Husten und schwenkt den Blick beschämt zu Boden. Unterdrücktes Lachen krampft in seinen Eingeweiden. Joswig beißt mit aller Kraft auf die Unterlippe. Der Ententanz – die Wiedergeburt.

„Nach der Atmung werden wir dann in die Katharsis übergehen.“ Schlange schaut auf. Der Guru hat sich beruhigt und geht zur Musikanlage. Eine champagnerfarbene von Yamaha. „Ihr braucht euch nicht zurückhalten, lasst alles raus. Das Haus gehört mir, unten drunter wohnt meine Ex mit unserem Sohn, und die anderen Nachbarn wissen auch Bescheid. Ihr könnt schreien, ihr könnt auf den Boden schlagen. Lasst euch richtig gehen.“

„Männer, wir sind unter uns“, ergänzt der Silberrücken. „Hier gibt es keine Schicksen.“

„Muss sich vorher noch jemand die Nase putzen?“ Der Guru hat seine Arme in die Hüften gestemmt.

Joswig kichert. „Ja, sonst wird’s glitschig.“ Und zieht aus seiner Hose ein Taschentuch.

Der Guru gluckst.

Trommel-Sound, Goa-Mucke, spirituelles Schamanen-Gewämmse. Die Boxen vibrieren und die Männer schließen die Augen. Jeder tanzt den Ententanz. Die Journalisten tauchen ein: Hyperventilieren, Brustkorb quetschen, zappeln, chaotisches Atmen. Ihre Körper spüren die Bässe, verlieren sich, schwinden dahin.

„Brecht mit dem Rhythmus“, hören sie die Stimme des Gurus von weiter Ferne. „Brecht aus.“

Als sich Schlanges Kopf nach hinten wirft, reißen seine Lider einen Spalt auseinander. Sieben alte Männer haben sich zuckend im Raum verteilt, schlagen mit den Armen und schnaufen, als versuchten Grillhähnchen zu fliegen. Augen schließen. Ein Bewusstseinsflash durchs Atmen. Die Welt fokussiert sich, wird kleiner, schwarz. Schlange versucht den Rhythmus zu brechen, ungleichmäßig, tief, flach, tief, tief, flach. Aus der Dunkelheit lärmen Schweine und Eichhörnchen. Dynamische Meditation, das LSD des kleinen Mannes.

Joswig hat sich rechts in eine Ecke verdrückt, nimmt Tempo raus und schaut fassungslos in die Runde. Rausch ohne Bier kommt nicht in Frage. Außerdem hat er keinen Bock als erster zusammenzubrechen. Also: Armgefuchtel mäßigen und ausreichende Sauerstoffzufuhr des Körpers sichern.

Die Beats wummern weiter, die Männer versuchen abzuheben. Etwa 15 Minuten lang. Wo wird diese Reise nur enden?

Step 2 – Dynamische Meditation: Katharsis

Der Sound schwenkt um. Gabber, böser Electro, Stampf-Musik. Irgendjemand schreit. Joswig blinzelt. Die Stimmung bricht. Arme werden vom Körper weg geschleudert. Rechts, links, nach oben. Explosion. Der Guru trennt sich von Mutter Erde und springt umher. Silberrücken knallt auf seine Knie und trommelt auf den Korkboden ein. Schreie, Brüllen. Freak out.

„Fotze!“

„Schlampe!“

Joswig ruft: „Hyper, hyper!“

Die ganze Gruppe wechselt vom Enten- zum Affentanz. Er sieht Schlange wild die Hände schütteln, als wolle er widerlichen Dreck abschlackern. Die Rotte dreht ab. Gekreische.

„Lass mich in Ruhe!“

„Miststück!“

„Geh weg!“

Frauen-Bashing extrem. Der Silberrücken grunzt und rollt die Augen. Schlange reißt sich das T-Shirt vom Körper, legt seine Tattoos frei. Männer mögen’s heiß. Joswig presst die Augen zusammen. Das ist doch Wahnwitz. Allein unter Männern – Geschlechterkampf im Vakuum.

Wut, eintauchen, Brachial-Musik. Deathmetal, Aggression, Tanzmetall. Schweiß tropft von Schlanges Nase. Er richtet sich auf, nur noch das Feinripp am Oberkörper und schreit aus vollem Hals zur Decke. Conan, der Zerstörer. Zwar hatte die Schnapp-Atmung nicht den erhofften Effekt, aber umringt zu sein von zuckenden Körpern eröffnet die absolute Freiheit. Sein Schrei wird erwidert.

Er zappelt, tanzt. Das Schauspiel ist eine Goa-Party, ein Punk-Konzert. Ekstase, Erlösung tanzen. Er schreit, geht zu Boden und schlägt voller Wucht zu, einmal, zweimal, dreimal. Dann walzt er weiter. Schmerz existiert in diesem Augenblick nicht.

Es ist das erste Mal, dass Joswig Schlange tanzen sieht. Jedenfalls nüchtern. Der Mann geht mit. Improvisation, Ausdruckstanz, Jumpstyle.

Silberrücken kämpft sich in die Mitte des Raumes, die Arme angewinkelt, an die Seiten gepresst. Mit wilden Stoßbewegungen lässt er sie nach hinten und sein Becken nach vorne schnellen. „HUAH!!!“ Fehlt nur die Frau auf dem Küchentisch. Immer wieder: stoßen, „HUAH“, stoßen. Eine Demonstration von Macht und Potenz. Beckmann stimmt mit seiner Fistelstimme in den Kriegstanz ein. „Huah.“ Die beiden Männer treffen sich, Auge in Auge, dicht gedrängt mit stolz geschwellter Brust, schreien sich an und lassen ihre Becken aufeinander zurasen. Männlichkeitsrituale, Kräftemessen. Hahnenkämpfe nach dem Enten- und Affentanz. Choreomania.

Große, schwere Tropfen formieren sich an den beschlagenen Fensterscheiben und schießen zu Boden. Die Luft ist dick und feucht. Es riecht nach Mann. Pures Testosteron.

Im Fluss einer Lavalampe verknotet Piet Klocke Arme und Körper – wie Spaghettis in der Meeresströmung. Entrückte Bewegungen. Kein Aggro-Stoßen im Rudel-Strudel. Klocke erlebt die Blümchen-Katharsis. Keine Konflikte, keine Wut, kein Männlichkeits-Wahn. Der Mann wirkt frei.

Die Initiation nach Leimbach:

3. Die Prüfung: Die eigentliche Initiation beinhaltet meist eine Prüfung, bei der die Gefahr besteht zu versagen. Die Initianten brauchen dabei Vertrauen in die Führung der Mentoren und müssen sich an klare Strukturen und Regeln, oft auch an einen spirituellen Ritus halten.“

(ML, Kapitel: Die fünf Phasen einer Initiation ins Mannsein, S. 219)

Der Initiationsritus geht reihum. Der Silberrücken, das Alpha-Männchen, nimmt jeden auf: anbrüllen, antanzen und weiter. Joswig sieht mit Schrecken, wie sich der Leithammel heran arbeitet, die Augen starr, das Gesicht verkrampft, die Fäuste geballt. Er steuert auf ihn zu – in seinem Testosteron-Taumel unaufhaltsam. Joswig tanzt, wirbelt verzweifelt die geballten Hände in kleinen Kreisen umher und dreht sich immer weiter zur Wand. Kurz bevor ihn der Silberrücken erreicht, hat Joswig die Tapete vor der Nase. Erleichterung. Seinen Rücken kann der Mann ruhig anschreien.

Leimbach sagt:

Durch die Unterdrückung der Aggression kastriert sich ein Mann selbst und verleugnet das Beste in sich: seine Männlichkeit.“

(ML, Kapitel: Aggressionen sind für Männer lebenswichtig, S. 77)

Silberrücken schwenkt zu Schlange. „HUAH!!!“ Joswig tanzt wieder kehrt und beobachtet das Buhlen der Brüllaffen.

Silberrücken setzt an. Verhärtete Gesichtszüge. Die Fäuste auf Schläfenhöhe, ein Ausfallschritt nacht rechts. Schlange brüllt zurück, die Fäuste erhoben, ein Ausfallschritt nach links. Er fühlt sich an die Ehre gepackt. Brüll-Battle. Ausfallschritt nach rechts. „HUUUUÄÄÄHHH!!!“ Die Gesichter sind aneinander, zwischen den aufgeblähten Brustkörben keine zehn Zentimeter. Ehrbarer Nahkampf. Wieder nach links. Es hört nicht auf. Rechts, schreien, links, brüllen, rechts, kreischen, links, grunzen. Langsam wird es monoton. Joswig runzelt die Stirn: Mann, da haben sich ja zwei echte Kerle gefunden. Ausnahmezustand. Krieg der Männlichkeiten. In seiner Brust keimt hysterisches Kichern. Urschreitherapie.

„HUAAHH!!!“ Schlange hat keine Lust mehr. Muss Silberrücken wirklich den letzten Schrei haben? Ausfallschritt nach links. Kein Erbarmen. Schritt nach rechts. Es zieht sich. Irgendwann ist gut. Schlange brüllt ein letztes Mal, klopft Silberrücken beschwichtigend auf die Seite, lächelt kurz und tanzt in eine andere Richtung. Der Alpha-Affe tätschelt zurück und zieht stolz weiter. Der nächste Mann muss eingebrüllt werden.

Schlange taucht wieder ab, tanzen, Dunkelheit. Joswig erinnert sich an seine erste Techno-Party. Drogen, Deppen und Dezibel. Als er seine Augen öffnet, sind drei Typen nackt. Die Männlichkeit hat endgültig um sich gegriffen. Tom Selleck hüpft ekstatisch auf einem Bein, versucht dabei seinen Wollsocken vom Fuß zu ziehen. Joswig kann kaum atmen. Schlange zappelt sich die Seele aus dem Leib. Es ist schwül. Breath the spirit of Männlichkeit. Die Kriegsmaschine stampft weiter.

Step 3 – Dynamische Meditation: Tanzen

Erschöpfung übermannt die zwei Undercover-Journalisten. Kriegsmüde. Tempo drosseln. Sie müssen ihren Zusammenbruch hinauszögern. Die alten Männer sind voller Power. Die Jungspunde haben sich zu beweisen. Glück. Die Musik wechselt. Irgendein Cure-Song. Lala. Entspannen, auspendeln lassen. Joswig war noch nie so froh Robert Smith im Ohr zu haben.

Schlange verwurzelt seine Beine am Boden, schwingt sanft zum Takt, breitet die Arme weit aus und lässt die Energie auf sich einprasseln. Ein Jesus im Wind. Joswig tänzelt von einem Bein auf das andere und legt seine gängige Disco-Sohle aufs Parkett. Dirty dancing. Die übrigen Männer tun es den Jungspunden gleich: Sie gleiten, schwanken, taumeln und versinken. Die Energie, die gerade noch den Raum überflutete, brandet, verebbt, sickert in ihre Körper hinein. Joswig wirbelt mit den Fäusten, zwei Schritte vor, zwei zurück. Energie.

Silberrücken und die Reeperbahn-Kante stimmen sich mit ein paar Tai-Chi-mäßigen Moves aufeinander ein. Lange, fließende Bewegungen – die beiden beginnen die letzte Energie im Raum zu sammeln, zusammenzukehren und schließlich zwischen sich anzuhäufen. Konzentriert gleitet Silberrücken in die Hocke und formt aus dem Haufen eine imaginäre Kugel, hebt sie vorsichtig an und reicht sie seinem Gegenüber. Kosmische Verbrüderung.

Step 4 – Dynamische Meditation: Stopp

Cure war der Auftakt, danach ähnlich easy listening. Sphärenklänge, Meditationsmusik. Dann Stille. Die Männer verharren, die Füße parallel, die Augen geschlossen. Waffenstillstand.

„Spürt den Boden unter euren Füßen, spürt die Erde, wie ihr fest mit ihr verbunden seid.“ Die Worte des Gurus schwingen friedlich im Raum. „Spürt nach. Lasst los.“

Seine Stimme wandert an den erstarrten Körpern vorbei. Schlanges Füße verschmelzen mit dem Boden, seine Glieder sind elektrisiert, den Körper durchströmt ein wohliges Kribbeln. Er atmet flach und taucht in sich ein.

Joswig hat Hunger. Seine Beine sind schwer, der Magen knurrt. Normale Reaktion nach einer dreiviertel Stunde Zappeln. Vor seinen geschlossenen Augen sieht er den Küchentisch, tellerweise Schnittchen, Wurst, Käse und Gürkchen, Krüge mit Bier. Er atmet tief ein. Mordshunger auf meditierte Mahlzeiten.

Pausenzeit. Der Guru beendet die Übung. Jeder Atemzug im Mehrzweckraum fühlt sich an, als ob Sirup in die Lungen sickert. Die Luft ist greifbar, Hormon geschwängert und stinkt nach Pumakäfig.

Die beschlagenen Fenster werden aufgerissen. Alle Männer stürmen in die Küche. Durst. Nur Piet Klocke bleibt im Schneidersitz auf dem Fußboden und beendet die Meditation nach seinem eigenem Rhythmus. Der Mann ist frei.

Um den Küchentisch drängen sich schweißtriefende, nasse Oberkörper – um Schnittchen, Gürkchen und Radieschen – und gießen Becher voll Wasser und Saft. Schlange steuert aufs Klo, Joswig bleibt in der Küche, trinkt und starrt gedankenverloren die Stullen an. Der Erlösung zum Greifen nah.

„Hast du dich schon für einen Kurs bei Björn angemeldet?“

Joswig schreckt hoch. „Was?“

Die Kante nimmt einen Schluck Mineralwasser. „Ob du dich schon für einen von Björns Kursen angemeldet hast? Herzenskrieger?“

„Öh, nöö. Noch nicht.“ Joswig kratzt sich am Kinn. „Wir wollten hier erstmal reinschnuppern. Und dann mal schauen. Ist ja doch ne Menge Geld.“

„Okay…“ Die Kante lehnt sich mit dem Hintern an die Spüle und verschränkt die kräftigen Arme. „Du denkst also über die Möglichkeit nach, dich eventuell bei Björn anzumelden – wenn dir der heutige Abend zusagt und falls das Geld dafür irgendwann vorhanden ist?“

Joswig runzelt die Stirn und lässt den Satz Revue passieren. Willige Männer braucht der Björn. Er schubbert nachdenklich seinen Bart. Keinen Bock auf Hirnwäsche. „Ähm, joa, so kann man das sagen.“

„Hmm.“ Die Kante beginnt mit dem Silberrücken neben ihm eine Diskussion über Männerbücher. Schlange kommt aus dem Bad, versteht nur Satzfetzen: „Der Weg des Kriegers.“ „Es werden mehr Möglichkeiten aufgezeigt.“ „Offener in der Interpretation.“ „Björn ist zu sehr auf den Krieger fixiert.“

Leimbach sagt:

Wer nicht für mich ist, ist gegen mich – ist das Motto des Kriegers. Jeder Mann ist erst einmal ein potenzieller Feind. Die Freunde eines Kriegers sind seine Verbündeten, von denen er Treue und Unterstützung erwartet.“

(ML, Kapitel: Der männliche Archetyp – der Krieger, S. 155)

Zweite Lektion: Das Beckenbouncing

Zurück im Mehrzweckraum: Die Männer verteilen ihre Decken. Aus Joswigs Isomatte und Schlanges rotem Fleece-Schlafsack rieselt Dreck vom letzten Festival.

Das Beckenbouncings erklärt der Guru wie folgt: auf den Rücken legen, Beine anwinkeln, Becken heben, bis der Körper mit dem Boden ein Dreieck bildet, und dann das Becken runterklatschen lassen. „Manchmal kann es bei der Übung auch sehr erotisch werden. Das ist okay“, haucht er.

Freudige Blicke werden gewechselt. Die Männer beziehen auf ihren Unterlagen Stellung. Der Guru schaltet Musik ein und schreitet wie ein kleiner Feldwebel durch die Reihen. Napoleon Bonaparte. Jeder achtet auf seine Stimme.

Leimbach rät:

Wählen Sie neue und ungewöhnliche Stellungen, tanzen sie nackt vor dem Spiegel oder klopfen Sie Ihren Körper dabei ab … Machen Sie einfach ein paar ausgefallene und verrückte Dinge beim Onanieren …“

(ML, Kapitel: Sexercises: das Trainingsprogramm, S.300)

„Bringt eure Energien in Gleichklang.“ Der Guru kontrolliert seine Mannen. Körperhaltung, Spannung, Einsatz. „Hebt eure Becken.“ Acht Männer liegen auf dem Rücken und strecken ihren Unterleib in die Luft. „Und lasst sie fallen.“ Acht Steißbeine klatschen auf die Decken. Militärischer Drill auf der Yoga-Matte.

„Aua!“ Joswig hält seinen Rücken. Keiner nimmt von ihm Notiz. Im Krieg werden die Schwächsten zurückgelassen.

Die Übung wiederholt sich. Immer und immer wieder.

Klatschen. Heben. Klatschen. Im Gleichschritt Arsch.

Der Energiefluss wird neu belebt, Dinge können sich dabei lösen, erklärt der Guru. Man solle ruhig stöhnen, jeden Bouncer mit einem Geräusch begleiten. „Es ist zum Teil erstaunlich, was bei dieser Übung alles heraus kommt.“

Schlange muss lachen, Schlange muss furzen, Schlange kneift die Backen zusammen und lässt seinen Steiß auf den Schlafsack plumpsen. Körperbeherrschung.

Leimbach sagt:

Zum Mannsein gehört es dazu, zu lernen, die Körperöffnungen zu verschließen und unter Kontrolle zu haben. Nur Babys brabbeln ständig alles heraus und können ihre Körperöffnungen nicht kontrollieren.“

(ML, Kapitel: Die Spannung halten, S. 193)

Acht Männer liegen auf dem Korkfußboden verteilt. Acht gestandene Persönlichkeiten, die in anschwellender Frequenz ihre Becken auf den Boden knallen und dabei Geräusche von sich geben, als würden sie ficken. Grunzen, Stöhnen, Quieken. Immer lauter, immer schneller. Wildschwein, Affe, Eichhörnchen. Der Krach presst sich in jeden Winkel des Raumes. Hysterie im Affenstall. Wer ist der größte Klettermax?

Joswig hält sich dezent zurück, hechelt ein wenig und flattert halbherzig mit den Hüften. Schlange dagegen geht in dem Theater auf: klatschen und stöhnen.

Der Guru beugt sich zu Joswig und zieht ihm die Beine zurecht. „Hey, komm, konzentrier dich und gib dir ein bisschen mehr Mühe, okay?“ Joswig öffnet seine Augen einen Spalt und nickt. Das Nickerchen im Swingerclub ist ihm nicht vergönnt.

Schlange rammt seinen Steiß auf die Matte und keucht. Jedes Mal, wenn er aufschlägt, spürt er seine Eier gegen den Damm platschen. Heben, klatschen, stöhnen. Die Frequenz gleicht einer Nähmaschine. Je lauter sein Grunzen und Gebrüll, umso martialischer die Geräusche aus der Ecke des Silberrückens. Brunft-Battle – wer schreit hat Geschlecht. Männlichkeit kann so einfach sein.

Leimbach sagt:

Aggression weckt die animalische Seite, die pure Lust und Geilheit im Mann.“

(ML, Kapitel: Die Angst vor der sexuellen Kraft, S. 283)

Dass man dieser Übung eine gewisse Erotik abgewinnen kann, kann Schlange verstehen. Dass hier der Trockenfick zu einer Orgie biblischen Ausmaßes anwächst, nicht. Er hat genug von dem Gebounce, will Ruhe, eine Kippe und eine richtige Frau. Was treibt denn Männer sonst an?

Das gemeinsame Abendmahl

Die Matten und Kissen sind in einem Sitzkreis angehäuft. In der Mitte hat der Guru eine große Decke ausgebreitet, die Männer holen das Essen aus der Küche, Schlange zieht sich eine Trainingsjacke über das Feinripp.

Als alle sitzen – einige haben ein Fläschchen Bier vor sich stehen – eröffnet Silberrücken feierlich das Abendmahl. Auf der Decke brennen Teelichter und säumen die Schnittchen-Teller und Rohkost-Schälchen. Kein Tüll, kein Freudenstab. Das perfekte Männer-Diner.

„Männer, es ist echt schön wieder mit euch zusammen zu sitzen.“ Die Stimme des Silberrücken klingt wie frisch geschmolzener Nougat. Sein Blick schweift ab. Die Verkäuferin bei BackWerk – übrigens eine ganz Süße – habe ihn heute gefragt, wofür er denn soviel Brot brauche. Breites Chauvi-Grinsen. Er habe geantwortet: für seine Männer. „Das klingt für Leute immer komisch, wenn ich erzähle, ich treff mich mit meiner Männergruppe. Die fragen dann: Männerselbsthilfegruppe? Und ich dann: Nein, einfach Männergruppe“

Die Männer nicken, ihre Blicke werden glasig. Beckmann räuspert sich. Seine Stimme ist noch dünner als zur Vorstellungsrunde. Sie bricht. Er hat Tränen in den Augen. „Ich möchte das auch noch einmal sagen: Danke. Danke von ganzem Herzen. Dieser Abend ist wirklich ein Geschenk für mich. Jedes Mal.“ Er schaut nach unten und wischt sich mit der Hand über den Wangenknochen.

„Howgh.“

Wie eine kalte Hand legen sich Beckmanns Worte um die Kehlen der Undercover-Journalisten. Zugeschnürt. Beklommen. Ein Abend voller Widersprüche und Extreme. Sie werden bombardiert mit Emotionen: mit Wut, Aggression und verstörender Verletzlichkeit. Die Gemeinschaft hat sie aufgenommen – ohne Vorbehalte. Weil sie Männer sind. Nackt und ehrlich. Willkommen im Kriegerbund. Und doch ist dieses Treffen nur das groteske Imitat einer Disconacht: zappeln, die Kontrolle verlieren und am Ende auf dem Rücken liegen und trocken ficken.

„So, dann lasst uns mal anfangen.“ Silberrücken neigt sich über die Teller. „Wir haben hier Salami auf dunklem Brot, Bierschinken auf hellerem Körnerbrot. Das hier ist Griebenschmalz und das Gorgonzolakäse.“ Er wackelt verlegen mit dem Kopf. „Na ja, mit 40 Prozent Fett.“

Ein leises Brummen durchzieht die Runde. Der Guru ergänzt: „Echter Männerkäse!“

„Ja, echter Männerkäse“, greift Silberrücken den Pass auf. „Dann noch einen Kräuterkäse, Ziegenkäse mit Frühlingszwiebeln und Gouda.“

Joswigs Magen knurrt, Schlanges Brauen ziehen sich zusammen. Stullen-Vorstellungsrunde, oder was?

„Hier haben wir noch ein Schälchen mit Gurken, hier halbierte Radieschen. Und das sind übrigens Sojasprösslinge – wer was Knackiges aufs Brot will.“

Joswigs Magen krampft. Zwischen ihm und den Schnittchen nur Zentimeter. Das kann doch nicht wahr sein. Er muss hier fünf Euro für die Brote abdrücken und bekommt nichts zu beißen. Was will der Mann denn noch erklären?

„Ja, dann ist hier noch Kräutersalz, Teller und Gabeln.“

Joswigs Sicht verschwimmt. Hat der Mann gerade die Gabeln erklärt?

„Dann guten Appetit.“

Endlich. Letzte Zuckung. Joswigs Arm schnellt nach vorn. Erster Griff: Bierschinken. Sein Essensplan, den er während der dynamischen Meditation erarbeitet hat, umfasst des weiteren Schmalz, Bresso und Ziegenkäse. Alles der Reihe nach.

Während des Essens wird geschwiegen. „Soll ich dir n Bier mitbringen?“ Schlange steht auf, Joswig nickt dankbar. „Sonst noch jemand?“

Kopfschütteln.

Leimbach sagt:

Ich selbst habe einmal mit meinem Freund Ekkehard … eine gegenseitige Coaching-Woche vereinbart. … In den Tagen, als ich Gast war, wurde ich also bekocht und massiert, wir haben zusammen gekämpft, geweint, gelacht und diskutiert. Ekkehard ging mit mir in seine schwimmende Sauna, er ruderte mich über den See oder fuhr mich auf dem Tandem durch die Gegend. Und natürlich machte er allerlei Übungen mit mir. … Ich habe nicht einmal an eine Frau gedacht und ich fühlte mich so emotional genährt, geborgen und ausgeglichen, wie ich es sonst nur bei Frauen konnte.“

(ML, Kapitel: Wie Männerfreundschaften funktionieren, S. 233)

In der Küche stehen zwei Elferkästen Bier: Radler und Clausthaler. Schlange zieht ungläubig jede Flasche einzeln heraus. Zurück beim Abendbrot drückt er Joswig ein Radler in die Hand. Der reißt anklagend die Augen auf. Schlange schüttelt nur schweigend den Kopf und setzt sich. Zurück in der Männerrunde.

Es wird weiter geschwiegen und gegessen. Die einzigen Sätze kommen von Joswig. „Ey, du Arsch, ich wollte das Schmalzbrot“, motzt er Schlange an. Etwa acht Minuten später eine ähnliche Beschimpfung, als sich sein Freund auch noch die letzte Stulle Ziegenkäse schnappt. Joswig sackt zusammen. Schnittchen-Desaster. Die ganze Meditation fürn Arsch.

Leimbach sagt:

Üben Sie sich darin, Spannung positiv zu erleben. Spannung entsteht durch bewussten Verzicht auf Befriedigung Ihrer Bedürfnisse.“

(ML, Kapitel: Die Spannung halten, S. 192)

Gesprächsrunde

Der Guru isst noch als einziger. Die übrigen Männer sitzen und schweigen, Joswig schmollt und nuckelt Radler. Irgendwann erhebt Silberrücken seine Stimme: „Dann wollen wir jetzt mal so langsam zur Gesprächsrunde übergehen.“

Die halbe Salami-Kniffte des Gurus landet auf einem der Teller. Er schluckt und räuspert sich. „Ja, vorab würde mich aber noch interessieren, wie ihr das Training und die Meditation empfunden habt.“ Er schaut in die Runde.

Die Initiation nach Leimbach:

4. Integration: Die Erfahrungen der Initiation werden mithilfe der Mentoren reflektiert und stehen dann als Referenzerlebnisse im Leben zu Verfügung.“

(ML, Kapitel: Die fünf Phasen einer Initiation ins Mannsein, S. 219)

Joswig lässt bereitwillig von seinem Radler ab und prescht los: „Ganz ehrlich? Die Musik, das Tanzen – das war für mich wie eine Goa-Party. So eine Ekstase hab ich bestimmt schon seit 15 Jahren nicht mehr gespürt.“

„Es tat einfach gut“, setzt Schlange an. „Ich mein, ich hab so laut geschrien, wie ich konnte. Wann macht man das mal? Das letzte Mal mit 18 im Proberaum. Punk- einfach Krach machen und schreien. Ich hab das damals immer Dusche für die Seele genannt. Obwohl ich durchgeschwitzt war und stank, habe ich mich innerlich so sauber gefühlt wie nie. Hier war es genauso.“ (Nur ohne Kippen und Bier)

Der Guru nickt. Der nächste Mann in der Feedbackrunde ist Piet Klocke. Kerzengerade sitzt er auf seiner Decke und schiebt die Brille hoch. „Es war ganz sonderbar.“ Mit dem Zeigefinger wischt er unter seinem Auge und deutet an, etwas mit dem Daumen zu zerreiben. „Ich habe nicht geweint, aber ich habe gemerkt, dass mir Flüssigkeit aus den Augen lief.“ Er stockt. Seine Stirn wird faltig. „Es war nicht Trauer. Es war… ja … Freude, Dankbarkeit … Erleichterung.“

Stille. Joswig schluckt Radler. Ernüchterung. Hier geht es um mehr, als nur Druck abzulassen. Für die meisten ist es doch schon mit 35 zu spät, sich in irgendeinem Club den Frust von der Seele zu tanzen. Versuch aber mal als Mann, der vierzig, der fünfzig Jahre Leben auf dem Kerbholz hat, Narben und Macken mit sich trägt, den Familie und Beruf auffressen, eine neue Gemeinschaft zu finden, Freundschaften zu knüpfen. Die Menschen verlieren sich, und neues wächst nur selten nach. Die meisten Freundschaften werden in der Jugend geknüpft. Je älter die Menschen werden, desto fremder werden sie einander auch. Männlein wie Weiblein. Joswig und Schlange stoßen still mit ihren Radlern an – wider der Einsamkeit.

„Den ganzen Tag heute ging es mir nicht so gut. Ich hatte auch erst überlegt, ob ich kommen sollte.“ Bowie lächelt gequält. „Nach dem Beckenbouncing hatte ich auch noch Kopfschmerzen. Aber jetzt, jetzt geht es mir echt großartig. Es war richtig herzukommen.“

Die Männer verabreden sich für eine Barfußdisco am kommenden Wochenende. Rauchfrei, alkfrei. „Und das beste ist“, ergänzt Silberrücken. „Der Abend fängt schon um halb acht an. Da muss man nicht erst um 11 Uhr hin wie bei anderen Discos. Die Nacht geht bis 12, und dann können wir wieder nach Hause.“ Joswigs Finger krampfen sich um das Radler. Es reicht. Wie können sich gestandene Männer auf so einen Kindergeburtstag freuen? Wie kann man so einen Abend hier geil finden? Sojasprossen, spirituelles Gehoppse und Clausthaler-Bier. Die beiden Journalisten wollen rauchen, die Lunge in den Krebs treiben und ihre Leber zermartern. Wie soll man denn in so einer Runde mit Selbstzerstörung kokettieren? Klischees sind da, um gelebt zu werden. Hier trifft der pubertäre Todestrieb auf die Weisheit der Askese. Gemein haben sie nur die Vision: Gestalte Dein Leben selbst und nimm dein Schicksal in die Hand. Ob es in der esoterischen Erleuchtung oder im tragischen Tresentod endet, ist Auslegungssache. Was – verdammt nochmal – ist der richtige Weg?

Leimbach sagt:

Ohne eine Lebensvision wissen Sie (Anmerkung: die Menschen) nicht, wofür Sie auf der Welt sind und wofür es sich lohnt zu leben. … Nur in den Tag hinein zu leben, macht unzufrieden und kraftlos.“

(ML, Kapitel: Lebensvisionen entwerfen – die Führung über das eigene Leben übernehmen, S. 180)

Die Feedbackrunde klingt aus, der Gesprächskreis beginnt.

Dieses Mal eröffnet die Kante. „Ich war mal mit einer Frau in der Sauna.“ Er stemmt beide Arme auf die Knie. „Und da ist uns aufgefallen: Alle Frauen hatten rasierte Mösen.“ Er lässt den Satz einen Moment hallen und gleitet mit schmalen Augen über die Runde. „Meine Begleitung meinte, so wollen das die Männer heute. Ist das so?“

Verwirrung bei den Männern.

„Wie?“ Aufgewühlte Blicke. „Du willst jetzt abstimmen, wer hier auf rasierte Mösen steht?“

„Ja, das würd mich interessieren.“

Leimbach sagt:

In Männergruppen kann ein Mann Klartext reden und bekommt durch die Spiegelfunktion der anderen Männer Stärkung oder auch Korrektiv seiner Sichtweise der Dinge.“

(ML, Kapitel: Männergruppen – eine neue Männerkultur, S. 310)

Zögernde Blicke, Beklemmung pur. Schlanges Hand geht hoch.

„Klar, ich steh auf Kindermösen.“

„Ja sia“, springt Joswig sofort bei und schaut Schlange ernst an. „Obwohl… seien wir mal ehrlich, es kommt auch auf das Alter an. Und auf die Haarfarbe. Son roter Busch kann einiges.“

Schlange grinst. „Joa, hasse recht.“

„Oder n Iro.“

Die übrigen Männer horchen auf. „Was ist denn ein Iro?“

Joswig rückt ein wenig näher in den Kreis. „Son Streifen, schön schmal rasiert. Wie ein Leitsystem nach unten.“

Verblüffung. Zustimmendes Raunen.

Eine Diskussion entbrennt – über Haare zwischen den Zähnen, Ästhetik und Hygiene. Nur beim Thema rasierte Säcke sind sich alle Männer einig: Gibts nicht! Was Frau tut, muss Mann noch lange nicht.

Thema abgehakt. Danach Stille. Neun Männer sitzen in einem Gesprächskreis, jeder starrt auf seine Füße und hält den Mund. Demonstratives Schweigen.

Die beiden Undercover-Journalisten werden unruhig, warten. Nichts. Unangenehm. Schlange knickt ein und bricht die Ruhe. Ein Phobiker der Stille. „Ich bin ja vorhin schon drauf rumgeritten, ich bin hier der Jüngste. Was mich aber wirklich interessieren würde: Wird das mit den Frauen irgendwann einfacher?“

Grummeln. „Wie meinst du das?“

„Na ja, kommt man irgendwann besser mit denen klar?“

Silberrücken nimmt sich großmütig der Frage an. Ein Veteran des Geschlechterkampfs. „Weißt du, es wird nicht einfacher, nur du wirst dir deiner irgendwann sicherer. Du wirst dich in deiner Position als Mann festigen.“

Schlanges linkes Augenlid zuckt. Bilder der Meditationsrunde blitzen ihm durch den Kopf. „Ähm, wie meinst du das?“

„Früher war ich ein sehr unsicherer Mensch. Durch das Training mit Björn hat sich vieles geändert.“

Ein besserer Mensch dank Herzenskrieger – ist wirklich jedes Mittel recht, solange es hilft? Schlange schaut sein Radler nachdenklich an. Der Männerabend funktioniert ähnlich. Beckmann hat sich unter Tränen für die Runde bedankt. Dieselbe Emotionalität bei Klocke und Bowie. In halbierten Radieschen und alkoholfreiem Bier steckt mehr Power, als die Journalisten gedacht haben. Keiner von den Männern hier hat sich aufgegeben. Natürlich wird auf die Frau geschimpft, aber darum geht es nicht. Es geht um Kampf, um Veränderung. Sich auf einem spirituellen Trip mit Marmor-Dildo neu zu erfinden, bedeutet mehr Entwicklung, als den eigenen Stillstand auf dem Sofa mit einem Kasten Bier und der Sportschau zu zelebrieren. Selbstmitleid ist immer scheiße – ob mit Frau oder ohne.

Joswig horcht auf. „Dieses Selbstbewusstsein hast du durch Björn gelernt, stimmt’s? Wie laufen denn die Kurse bei ihm so ab?“

Schweigen. Ein müdes Lächeln auf gleich fünf Gesichtern. Silberrücken schüttelt den Kopf. Hier greift das Prinzip des Herrschaftswissens. Absolute Verschwiegenheit und Loyalität sind bei Leimbach essentiell. Wie Schlange und Joswig erfahren, hat der Geschäftsmann mittlerweile noch einen fünften Herzenskrieger-Kurs entwickelt. Von Februar bis Dezember 2011 bietet er neun Kurse a 30 Teilnehmern an – ein Platz für 590 Euro inklusive Materialkosten. Männer, die die komplette Ausbildung absolviert haben, können in den inneren Zirkel aufsteigen, Leimbach im Coaching der Workshops unterstützen und die Leitung der Regionalgruppen übernehmen. Davon ab werden eigene Projekte entwickelt. Silberrücken verteilte zu Anfang der Vorstellungsrunde Flyer zu einem Mentorenprojekt für junge Männer. Egal wo die Herzenskrieger in der Hierarchie stehen, sie alle sind durch ein Geheimnis vereint. Das Band der Wissenden. Geheimbünde und elitäre Kreise. Der Fight Club existiert, und Tyler Durden tanzt beim Wichsen vor dem Spiegel.

Leimbach sagt:

… Männer sollten mehr gesellschaftlichen Einfluss in den Medien und der öffentlichen Diskussion nehmen und die Männerthemen und Fragen einbringen. Politisch und wirtschaftlich einflussreiche Männergruppen könnten aber auch die Art des Unterrichts an Schulen beeinflussen …“

(ML, Kapitel: Männergruppen – eine neue Männerkultur, S.311/312)

„Wenn Männer Geheimnisse tragen“, philosophiert der Guru. „Ist das ein Zeichen, dass sie schweigen können. Das zeigt den Frauen auch, dass die Männer vertrauenswürdig sind.“

Einhelliges Nicken. „Außerdem sollte ein Mann auch nicht zu viel sagen, sonst ist er gleich ein Muttersöhnchen“, fügt Silberrücken an. Dann wieder forciertes Schweigen.

Weisheit schwingt hier zwischen den Worten. In den beiden Journalisten macht sich Ungeduld breit. Sie erwarten die finale Erleuchtung.

Verabschiedung

Nachdem die Teller und Schälchen abgeräumt, die Decke gefaltet und die Teelichter ausgeblasen sind, versammeln sich alle Männer zur Verabschiedung.

„Ich möchte, dass wir als erstes hier im Kreis ein langes Aum einstimmen. Und danach nehmen wir uns an den Händen und schließen mit einem „Howgh“, dass die Wände wackeln.“

Der Silberrücken schart seine Mannen um sich. Jeder legt die Arme auf die Schultern seiner Nebenmänner. Ein Kreis, wie ihn eine amerikanische Football-Mannschaft nicht besser hinkriegen würde. Augen werden geschlossen, und ein langes „Oooom“ erklingt.

Ein Ring, eine geschlossene Gemeinschaft verknüpft durch das Band der Männlichkeit. Offenheit, Grenzerfahrungen, Chauvi-Sprüche, Intimität, pikante Gespräche, Gefühle und körperliche Nähe – und das alles in drei Stunden unter Fremden. Wut, Schweiß und Tränen. Die meisten Freundschaften brauchen Jahre, um auf dieses Level zu kommen. Oder scheitern schon beim gemeinsamen Bier.

Nach fünf Minuten und etlichen Atemzügen, vielen Schwankungen im männlichen Aum und jeder Menge Schweiß, der auf den Schultern verteilt wurde, beendet der Silberrücken den kosmischen Urton.

Die Arme gleiten von den Schultern, Hände fassen einander. Eins, zwei, „Howgh!“

Draußen vor der Tür:

Kippen glimmen in der Dunkelheit. Schlange zückt sein Handy, um Entwarnung zu geben. Mission erfüllt, keine Gefahr, keine Polizei, der Dildo blieb ungenutzt.

Die Initiation nach Leimbach:

5. Rückkehr: Jetzt ist der Initiant bereit, wieder in seinen Alltag in der Gemeinschaft zurückzukehren und seine Erfahrungen oder Visionen umzusetzen.“

(ML, Kapitel: Die fünf Phasen einer Initiation ins Mannsein, S. 219)

Joswig: „Gleich inne Kneipe?“

„Aber immer. Der Abend ist noch jung.“

Scheiß auf den Geschlechterkampf. Im Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer.

Wir desertieren, Ihre Wattenscheider Schule

Very Special THX für die Illustrationen an Volker Dornemann

 

————————————————————————————————————————-

WS Bloglist:

RuhrBarone-Logo

10 Kommentare zu “TROCKENFICK UND MÄNNERKÄSE – AUF DEM PFAD DER HERZENSKRIEGER

  • #1
    Mir

    Der Selbstversuch oben erinnert an das Geständnis unten. Man darf doch Lachen oder man muss Lachen.

    Lauter Sauereyen
    Ich johannes Chrisostomus Amadeus Wolfgangus sigismundus Mozart giebe mich schuldig, daß ich vorgestern, und gestern (auch schon öferters) erst bey der nacht um 12 uhr nach haus gekommen bin; und daß ich von 10 uhr an bis zur bennennten stund beym Cabich, in gegenwart und en Compagnie des Canabich, seiner gemahlin und Dochter, h: schatzmeister, Ramm, und Lang, oft und –nicht schwer, sondern ganz leichtweg gereimmet habe; und zwar lauter Sauereyen, nemmlich vom Dreck, scheissen, und arschlecken, und zwar mit gedanken, worten und —aber nicht mit werken. Ich hätte mich aber nicht so gottloß aufgeführt, wenn nicht die Rädl=führerin, nemlich die sogenante lisel mich gar so sehr darzu annimiret und aufgehezt hätte; und ich muß bekennen, daß ich ordentlich freude daran hatte. Ich bekenne alle diese meine sünden und vergehungen von grund meines herzens, und in hofnung, sie öfter bekennen zu dürfen, nimm ich mir kräftig vor, mein angefangenes sündiges leben noch immer zu verbessern; Darum bitte ich um die heilige dispensation, wenn es leicht seyn kann; wo nicht, so gilt es mir gleich, denn das spiell hat doch seinen fortgang. (Mannheim, den 14.-16. November 1777, aus einem Brief an den Vater)

    Anlässlich des 250. Geburtstag hat der Tagesspiegel (Printausgabe) vor einigen Jahren unter „Mozart köchelt“ Ausschnitte aus Mozarts Briefe veröffentlicht. Hier Nummer 15 in der Zeitung erschienen.

  • #2
    Torti

    Liebe Wattenscheider Schule,
    ich habe den Text gestern und heute gelesen. Er macht mich schlicht sprachlos.

    Aber soviel muss sein. Da habt ihr mal wieder ein Superdingen rausgehauen. Klasse !!

    Ich war selten nach dem lesen so verstört, mann o mann…

  • #3
  • #4
  • Pingback: OCCUPY SCHLARAFFENLAND: GUMMIBOOT STATT STRAHLENTOD | Ruhrbarone

  • #6
  • #7
  • Pingback: Ruhrbarone-Lesung in Dortmund mit Bisley, Schlange und Schraven | Ruhrbarone

  • #9
    Ferdinand

    Danke, für diesen großartigen Text !

    Nach 20 Jahren “Selbsterfahrung” in Gruppen Erinnerungen wie im Zeitraffer.
    Danke ! Es lebe die Wahrheit in der Ironie ! Habe richtig gelacht … über mich selbst … und die ganze verrückte Eso-Szene !

  • #10
    Marc

    Ich konnte beim Bericht hier wirklich schmunzeln, da ich die Formen und Strukturen durch 2 Seminare direkt beim Björn Leimbach kennengelert habe. Sehr unterhaltsam geschrieben.

    Den merkwürdigen Ersteindruck kann ich durchaus bestätigen. Gerade die Herzenskrieger (zu denen ich nicht gehöre) haben hier besondere Rituale. Weiterhin ist mir Björn Leimbach persönlich nicht 100 % sympatisch und die Kurse alles andere als preiswert (ca. 500 + Übernachtung für 3 Tage).

    Aber ich wollte auch hier anmerken, dass ich für mein Leben so klare und wichtige Erkenntnisse und gewonnen habe, auch wenn ich mich seit Jahren bereits damit beschäftigt hatte. Das ging in beiden Seminaren 95 % der Teilnehmer so – auch wenn die persönlichen Themen extrem unterschiedlich waren.

    Das Buch habe ich dazu auch durchgearbeitet. Natürlich macht man sich mit solchen Thesen und kurzen Auszügen im derzeitigen Umfeld angreifbar. Ich bin überzeugt, dass sich die Sichtweise in einigen Jahren dazu ändern wird.

    Wie gesagt: Ich kann verstehen, dass das Ganze merkwürdig ankommt. Aber spannend für mich wäre, wenn einer von den Autoren mal ein vollständiges Seminar von Björn besuchen würden und dann noch mal etwas dazu schreiben würde. Ein Abend mit einer privaten Herzenskrieger-Gruppe im Schnelldurchgang wird dem Ganzen nicht gerecht.

    Weiterhin wäre es spannend, wenn weitere Teilnehmer von Seminaren hier ein Feedback geben. Immerhin findet man diesen Betrag sofort, wenn man im Google den Namen eingibt und der Text hat sicherlich schon viele Personen abgeschreckt.

Hinterlasse eine Antwort

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>