OCCUPY SCHLARAFFENLAND: GUMMIBOOT STATT STRAHLENTOD

In Featured, Ruhrgebiet | Am 28 Juni 2012 | Von Wattenscheider Schule Bastian Schlange Patrick Joswig

kernie_2Unser Schicksal ist besiegelt: Die Menschheit wird untergehen. An ihrer Gier ersticken und die Welt zu Grunde richten. Brennende Bohrinseln und bettelnde Bad Banks, Katastrophen-Kraftwerke und Staatsbrankrott. In unserem System wütet der Terror grenzenloser Habsucht. Hört auf nur zuzuschauen! Es reicht! Occupy every-fucking-thing! Wir stürmten ein Schlaraffenland, eroberten Minigolfplätze und Softeisspender, Bäche voller Bier und märchenhafte Pommes-Buden. Wir stürmten Kernies Wunderland in Kalkar: ein stillgelegtes Atomkraftwerk, ein Erlebnispark, Hotelkomplex, Kongresszentrum und Säuferparadies. Wir sagen Euch: Das Leben auf Flatrate endet im Supergau. Alternativlos. Ein Erlebnisbericht von Herrn Schlange und Herrn Joswig.

– Der Text ist im aktuellen Ruhrbarone-Magazin “GRENZEN” erschienen. –

 

18.03 Uhr: Erste Vorboten der drohenden Katastrophe.

„Zwei Bier, bitte.“ Der Typ hinterm Tresen stellt zwei Grolsch aufs Holz und dreht sich zum nächsten Säufer. Joswigs Mund bleibt offen. Er dreht sich zu Schlange. „Alter, wir haben hier ne Bierflatrate.“

Schlange schürzt seinen Schnäuzer: „Willkommen in der Hölle.“

Kernies Vergnügungspark ist seit zwei Minuten geschlossen. Schlange und sein rotgelockter Freund suchten Zuflucht auf einem künstlichen Sandstrand vor dem Atomkraftwerk, fanden eine kreisrunde Holztheke unter einem bunten Zirkusschirm, sitzen an einem der Bierstände vor den Hotel- und Kongresskomplexen des Wunderlandes. Miesester Tiki-Bar-Style. Blechern dröhnt aus grauen Sirenen „Country Roads“ – der Dance-Mix.

„Alter, wir haben noch acht Stunden vor uns, und ich könnt jetzt schon alles kaputtkloppen.“ Schlange schwenkt ungeduldig sein Bier.

Wie Stalagmiten stapeln sich leere Plastikbecher vom Tresen den gelben, roten und orangefarbenen Zeltbahnen entgegen. Die anderen Typen unter dem Schirm scheinen seit Mittag das blonde Nass zu kippen. Vereinzelte Teilchen geraten außer Kontrolle. Reaktoren überhitzen – überfordert vom Überfluss. Männer klettern um 18 Uhr auf Tische und Stühle – wie Konsum-Clowns in Mallorca-Schick und Fußball-Trikots. Die Reporter prosten sich zu. Vom Kinderfun zum Ballermann.

Joswig rückt an Schlange: „Bereit diese Party-People zu infiltrieren?“

Dumpf glotzen an der gegenüberliegenden Seite der Tresenmanege drei Köpfe mit „Gaffel Kölsch“-Käppis aus den Augenhöhlen. In der Mitte die Neandertaler-Version von Mister Potato-Head – wulstige Stirnlappen, buschige Brauen und das kurzärmelige Karohemd in der Partyedition inklusive. Mit mattem Blick mustern die drei Kölschen Jungs die zwei Undercover-Journalisten, suchen Schubladen für die Fremdkörper am Tresen: Partymuffel oder Studenten, Intellektuelle, Schwuchteln?

„Boar, wenn wir jetzt die Kamera rausholen und einen von denen abschießen, gibt’s sofort aufs Maul. Dafür bin ich noch zu nüchtern“, zischt Schlange.

„Halt die Fresse und trink schneller“, raunt Joswig.

Es sind noch drei Stunden bis zur Megadance-Party, noch fünf bis zum Auftritt von Tim Toupet und sieben Stunden bis Loona, der Queen of Latin Pop. Final Countdown zum Unterschichten-TV – live on stage. Was Schlange und Joswig planen ist dreckig, ihr Ziel ist edel: Occupy Schlaraffenland. Die milde Abendluft legt sich schwer auf ihre Schultern. Und dabei fing alles so friedlich an…

 

Mit der Katastrophe von Tschernobyl beginnt die Geschichte des Wunderlandes. Der Bau des „Schnellen Brüters“ SNR-300 von Kalkar nahe der holländischen Grenze zog sich von 1972 bis 1985 hin – begleitet von unermüdlichen Massenprotesten. No Atomstrom in my Wohnhome. Die Brüter-Technik war als gefährlich verschrien. Etwa 60.000 Demonstranten, gut das fünffache der Einwohnerzahl Kalkars, gingen auf die Straße, lösten 1977 eines der größten Polizeiaufgebote in der Geschichte der Bundesrepublik aus. Sieben Milliarden Mark gingen an Baukosten drauf. Ein Jahr war der „Schnelle Brüter“ betriebsbereit, ohne ans Netz zu gehen. Der Widerstand flaute nicht ab. Das AKW war auf dem besten Wege zur Investitionsruine. Und dann kam Tschernobyl. Das endgültige Aus für das AKW war der Anfang für den Atom-Party-Meiler Kalkar. Partytime, excellent.

 

16:17 Uhr: Schlange im Wunderland.

Der Vergnügungspark um den Kühlturm ist zum Bersten bunt. Schlange streicht sich fassungslos über die Mundwinkel. Joswig kennt den Event-Meiler noch von einem seiner Filmdrehs, Schlange ist zum ersten Mal im Wunderland. Umringt von Dumbo-Karussell, Kinder-Lok und Wildwasserbahn stehen die beiden Reporter vor dem riesigen Kühlwasserturm des ehemaligen AKWs. An der Außenwand klettern Kinder, baumeln an Seilen oder hangeln sich von einem Haltegriff zum nächsten. Auf den grauen Beton sind meterhoch die Alpen gemalt. Es ist die schöne neue Welt.

Ist das verstrahlt.“ Joswig dreht sich um die eigene Achse. „Ich glaub, ich krieg n Farbflash.“

Schlange steckt sich eine Kippe an. „Alter, hier planschen Kinder mit ihren Tretbooten im Kühlwasserbecken.“ Er bläst einen Schwall Rauch in den blauen Himmel. „Und ich dachte schon, wir wären zynisch.“

Tja.“ Joswig bleibt stehen. „Gummiboot statt Strahlentod.“

Das Maskottchen des Wunderlandes heißt Kernie, ein zuversichtlich-debil dreinblickendes Proton mit blauer Latzhose und Worker-Cap auf dem orangefarbenen Erdnusskopf. Aus jeder Ecke lacht, grüßt oder zwinkert er den Besuchern zu. Sein Schädel, zwei hüfthoch gestapelte Kugeln mit Mütze, dient zigfach als Mülleimer. Den Dreck einfach durch die Pupille in den Hohlkopf stoßen – Kernie freut sich. Das Maskottchen als Mülleimer, der Mülleimer als Metapher: In das Auge, aus dem Sinn.

Jahr für Jahr fallen 12.000 Tonnen hochradioaktiver Abfälle weltweit an. Ende 2010 waren es insgesamt 300.000 Tonnen – sagen die offiziellen Zahlen. Und das ist nur den richtig fiese Dreck. Bis 1994 war es bei den Industrienationen Gang und Gebe den ganzen Scheiß einfach im Ozean zu versenken – statt ihre Bergwerke mit den tickenden Zeitbomben zu füllen. Easy Endlagerung. Heute ist es immer noch legal radioaktives Kühlwasser in die Meere zu leiten.

Nichts passt in der Fantasiewelt des Wunderlandes zusammen. Ponyzug neben Dragsterrennen, Donald Duck in friedlicher Koexistenz mit Clowns und Mexikanern. Das Wunderland ist die bizarre Kollage unzähliger Kopien etlicher Freizeitparks. Ein zuckersüßes Patchwork-Land. Copyright by Kernie.

Erschlagen vom Kitsch zwischen den graubraunen Kraftwerksruinen drücken sich Schlange und Joswig zu den Fressbuden – kleine Holzhütten unter der Aussichtsplattform rund um den Kühlturm. Essen fassen. Das Wunderland ist Überfluss. Flatrate-Stände mit Limo, Softeis und Pommes – alles in Selbstbedienung. Neben Joswig steht ein kleiner Junge vor einer der breiten Auslagen, schaufelt sich Pommes in den Pappbecher und ertränkt sie in Curry-Ketchup. Motto: Kalorien statt Kilowatt.

 

1986 stand die Frage im Raum: Was tun mit einem brachliegenden Milliardengrab wie dem schnellen Brüter? Per Zeitungsannonce zum Kauf anbieten. Für einen Spottpreis von einigen Millionen Mark übernahm 1991 Henny van der Most das Milliarden-Projekt von Kalkar. In Holland hatte der Ex-Schrotthändler und heutige Milliardär bereits eine Kartoffelfabrik und ein Krankenhaus zu Vergnügungs- und Konferenzkomplexen umbauen lassen. Warum also nicht den Reaktor zum Bespaßungs-Betrieb umrüsten?

 

Ein Kettenkarussell schraubt sich aus dem Inneren des Kühlturm in den azurfarbenen Himmel über Schlange und Joswigs Köpfen. Eine Etage tiefer, unter einer meterdicken Betonschicht wuseln Kinder in einem riesigen Kletterpark durch die Eingeweide des Turmes. Überwachsen von Hängenetzen und Stahltreppchen gluckern blaue Bäche in sanften Bahnen durch die Kühlwasserbecken.

Ein finsterer Schatten lastet auf dem Wunderland. Schon vor Fukushima wollten Schlange und Joswig mit der Atomkraft abrechnen. Nach Tschernobyl 93.000 Opfer laut Greenpeace. 53 Strahlentote zählte die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA). Fakt ist: Atomkraft ist tödlich. Und doch wird soviel Energie verbraucht wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte. 2010 trotz der aktuellen Debatte in Deutschland allein 3.900.000.000.000 kWh (3,9 Billionen Kilowattstunden). Fuck off. Die einen leiden, die anderen prassen. Alle wollen essen, trinken, Kleidung kaufen, Kinder haben, in Wohlstand leben. Zwei Autos, drei Handys, vier Fernseher. Wir sind die westliche Wohlstandswelt. Blutige Imperialisten für eine Diktatur des Fortschritts. Woher kommt unsere Verschwendungs- und Vergnügungssucht? Der Werbeslogan in Kernies Wunderland: Unbegrenzt erleben und genießen.

18.28 Uhr: Erkundungstour durch das unterirdische Gewölbe des Kernkraftwerks.

Heutige Verwendung als Saufmeile unter dem Hotelkomplex.

„Hier gehts nachher ab wie Scheiße.“ Joswig führt Schlange über Kernies Kneipenstraße. Vom Weinkeller zum Westernsaloon mit Bowlingbahn, an der blinkenden Kommandozentrale im American Sportsbar-Look mit etlichen Flippern und Daddel-Konsolen vorbei „Zum blauen Himmel“, der offiziellen Sekt- und Cocktailbar im AKW. Die Tische, Theken und Hocker – alles leer. Die Totenstille vor dem Ansturm.

„Alter, in so nem Ambiente kann doch nur der Ballermann abspacken.“ Schlange schnippt sich eine Kippe aus der Schachtel, reicht Joswig eine und grinst. „Hirnlose Massen im Konsumrausch. Bester Stoff für unseren Hass-Artikel.“ Grundsatz: Texte schaffen Wirklichkeit.

„Paartyy“, jauchzt Joswig.

„Ey, nix Party. Occupy!“

Die Schritte der beiden Reporter hallen durch die langen Gänge. Ein menschenleeres Labyrinth unter einer meterdicken Schicht gegossenen Zements. Im ganzen Wunderland ist der Beton für 200 Kilometer Autobahn verbaut. Es stinkt nach abgestandenem Qualm. Nur Kernie grinst von den Wänden. Das Proton bei einer Pokerrunde im Westernsaloon, der orangefarbene Wasserkopf mit Schnäuzer, Baguette und einer Pulle Rotwein im Arm. Quietschbunte Höhlenmalereien in einsamen Stollen. Kernie on Acid.

„Das war schon extrem geil.“ Joswigs Augen werden glasig. Schlange blickt seinen Freund ungläubig an.

„Was?“

„Als wir hier im alten Reaktorraum Nick Knatterton gedreht haben. Das Team hat sich abends übelst abgeschossen.“ Der Schauspieler lächelt süffisant. „Irgendwann saßen wir nur noch zu zweit in Unterhosen am Tresen, flankiert von zwei Holländerinnen…“

„Holländerinnen? Alter. Ist Loona nicht auch Holländerin?“

„Keine Ahnung. Aber wenn in diesem Laden Bailando läuft, haben wir hier ne ausgewachsene Hirnschmelze.“

„Ach, Scheiße. Die Welt verbessern ist n dreckiger Job.“ Schlange schaut sich um. „Hier haben sich doch garantiert schon etliche Rausch-Opfer verlaufen und sind in irgendeiner Ecke verreckt.“

„Also wir hatten damals Geleit bis zu unseren Zimmern. Und jetzt: Occupy Aufzug.“

„Was?“

Joswig drückt seinen Freund in eine offene Fahrstuhltür zur linken.

Der Aufzug ist riesig, silbern und steril. Die Reporter schweigen wie zwei Mäuse in einem Elefantensarg aus Edelstahl.

Dann ein Ruck. Die glänzenden Türen ziehen auseinander – verheißungsvoll als seien sie ein Rudel Gewitterwolken am aufklarenden Himmel. Paradiesische Düfte drängen in den Lift.

18.46 Uhr: Das große Fressen.

Das Schlaraffenland lockt – mit Genüssen und Gerüchen. Lass dich verführen. Erst das Fressen, dann die Moral. Das Wunderland vermietet 16 Tagungsräume mit den Namen deutscher Kernkraftwerke oder denen großer Wissenschaftler wie Marie Curie und Otto Hahn. Im Brüter-Museum des Freizeitparks hängen Infotafeln mit grinsenden Cartoon-Gören: „Kernenergie – echt super“, „Saustark“ und „Uranerz – echt cool“. Friss es! Warum quetschst du dich in deine Zwangsjacke? Die Welt hat dir soviel zu bieten. Nimm, was Du kriegen kannst. Wenn Du es nicht tust, holt es sich ein anderer. Es ist unvernünftig, immer nur vernünftig zu sein.

Schlange und Joswig blähen ihre Nüstern. Gegrilltes Fleisch, gedünstetes Gemüse und Frittenfett. Wie hypnotisiert tapern sie ins Freie. Direkter Halt: der Restaurant-Trakt des Wunderlandes.

Das Buffet überwältigt: Geschnetzeltes schmiegt sich vor ihren Augen in hellbraune Satesoße, Kassler und Schweinshaxen brutzeln zufrieden im eigenen Saft, fritierte Hähnchenbrust in krosser Panade, Putenbraten, Roastbeef, Pfeffermakrelen, Matjes, Krabbencocktails, Muschelplatten. Ungeniert nehmen saftige Butterfischhälften ein warmes Bad in Senf- und Tomatensoße, fritiertes Gemüse wartet unter durchsichtigen Auslagen auf hungrige Mäuler, Schinkenröllchen mit gefüllten Eiern, schier endlose Salattheken, knackig-frische Blätter, aromatische Tomaten. Dazu knusprige Brotlaiber mit Kräuterbutter oder Margarine.

Gibt es Schimmel im Schlaraffenland? Mehr als 220 Millionen Tonnen Essen werden nach Schätzungen der Vereinten Nationen pro Jahr in Industriestaaten weggeworfen, rund 20 Millionen Tonnen sind es in Deutschland, etwa 250 Kilo pro Bundesbürger. Überfluss hat seinen Preis: Der Durchschnittsdeutsche zahlt 330 Tacken für den Müll.

„Alter, das hier ist echt unfassbar.“ Schlange blickt sich um. Ein riesiges Gelände: 437 Zimmer, vier Restaurants mit insgesamt 2000 Plätzen, sieben Kneipen, Bowling-, Kart- und Achterbahn, Minigolf, Tennis, Trampolin, Karussells, Riesenrad und die ultimative Flatrate. Es ist alles zu einfach, um wahr zu sein. Allein die Akkreditierung fürs Wunderland – ein Kinderspiel. Die Pressesprecherin wollte nicht einmal Kontaktdaten wissen, geschweige denn, für welches Medium berichtet wird. Das Stichwort „Party-Report“ genügte. Zwei Bänder wurden an der Rezeption hinterlegt und damit das Plastikticket in die unbegrenzte Freiheit – freier Park, freier Alk, freies Fressen. Das Gesamtpaket liegt regulär bei 39,50 Euro. Sprengt die Ketten der Zügelung. Kernie – Die Freiheit nehm ich mir.

Um das Steak-Rondel tummeln sich die Massen. Drängen, riechen, sabbern. Ein älterer Typ neben Joswig flutet seinen Spargelteller mit Hollandaise.

Häppchenweise nähern sich die beiden Reporter der Steakplatte, ergattern zwei Stücke blutiges Rindfleisch, Spargel und Brot, suchen einen freien Platz an den meterlangen Tischreihen. Reserviert für, reserviert für, reserviert für sonst einen Arsch. Beim vierten Tisch klappt Schlange das Schildchen um und setzt sich. Occupy Sitzplatz. Die beiden Reporter beginnen zu schlemmen. Ein göttliches Steak.

 

Zweiter Fressgang im Freien. Wieder Steaks, wieder göttlich. Beim dritten Gang bleibt Joswig auf halber Strecke bei den Kuchen hängen – an Erdbeer-Biskuit, Schwarzwälderkirsch, Herrentorte, Tiramisu, Zitronenschnitten, Johannisbeer-Sahne-Kuchen, Himbeerpuddingtorte, Waffelröllchen mit Stracciatella-Mousse, Mokka-Plätzchen, Karamell-Gebäck, Marzipan-Teilchen und Mohntorte.

Daneben der Eisausschank. Große Kübel mit Walnuss-, Vanille-, Zitronen-, Erdbeer- und Schokoladen-Eis. Und daneben der Sahnespender und ein großer Topf mit heißen Kirschen.

 

Scheißdreck. Deine Bedürfnisse werden generiert! Du brauchst keine drei Urlaube zum Leben! Dein Alltag ohne Handy, Computer oder Senseo-Maschine – undenkbar? Schwachsinn. Du bist der gezüchtete Konsument. Du bist überzeugt, was die bekackte Konsumgesellschaft bietet, steht dir auch zu. Du besitzt das Menschenrecht auf einen angemessenen Lebensstandard. Wer kann schon sagen, was Grundbedürfnisse und was Luxus sind?

Mehr als 13 Millionen Menschen verrecken in Somalia, Kenia, Äthiopien, Dschibuti, Uganda und im Sudan. In den kommenden Jahrzehnten müssen wir die gleiche Menge an Lebensmitteln herstellen wie in den letzten 8000 Jahren zusammen. Und die Menschheit verschwendet schon jetzt nach Berechnungen des Global Footprint Networks eineinhalb mal so viele Ressourcen, wie die Erde auf Dauer bereithält. Ran an den Speck!

 

Joswig reißt sich vom süßen Anblick der Kuchen los und drückt sich weiter zum Fleisch. Memo für den Nachtisch: ein Stück Herrentorte.

Zum Mittag hatte Schlange einen Gyrosteller als Grundlage. In seinem Seesack schwappt eine Flasche Billig-Wodka-Apfelsaft. Joswigs Vorbereitungen: zwei halbe Mett- und ein Käsebrötchen, das jetzt in seinem Beutel vor sich hin schwitzt und verkommt. Idioten. Wer macht sich schon mit einem Apfel in der Tasche auf den Weg ins Paradies?

 

19.37 Uhr: Durchquerung der Cleopatra-Lounge.

Schlange und Joswig schieben ihre aufgeblähten Bäuche an Pharaonenstatuen und Hieroglyphen vorbei zum Seitenausgang. Ein riesiger Fels aus Pappmache quillt über der Schiebetür in den Himmel, rechts und links halten je eine Sphinx Wache. Direkt daneben die Westernwelt in Kernies Supermarkt.

Die Reporter zücken Zigaretten, betrachten die Produktpalette. Eine Gruppe Cowboys vor dem Can-Can-Schuppen der Wild-West-Abteilung zieht nach. Alle mit Strohhüten, einer mit Pferd. Sein Stoffgaul hat ein Loch im Rücken. Der Cowboy steckt in der Öffnung und hält den schlaffen Körper des Tieres mit Hosenträgern auf Hüfthöhe. Joswig greift zur Kamera.

Vor Schlange rauchen unterdessen drei braungebrannte Perlen im Solariumlederhaut-Kostüm, lachen heiser. „Mallorca ist ja ab und zu okay – aber immer? Wir sind ja nicht so.“

Im Westernland setzt Joswig an. „Jungs, ihr seht echt geil aus. Kann ich n Foto von euch machen?“ Punktsieg in der Kategorie „peinlichstes Kamerafutter“ für die Gruppe Junggesellen. Ein Bericht über die Ausgeburten des Kapitalismus funktioniert nicht mit ein paar verrauchten Teilzeit-Mallorquinerinnen.

„Bist du nicht der Boris Becker?“ Die Typen grinsen breit. Die Cowboys sind Holländer. Joswig drückt ab.

Schlanges Grazien sind mit einem der Grafsreisebusse angekommen, die Fuhre für Fuhre immer mehr Menschen ins Wunderland karren.

„Ich dachte es geht im Bus mehr ab“, krächzt eine und nimmt noch einen Zug. „Lasst uns erstmal im Keller weiter vorglühen.“ Die anderen zwei Pergament-Indianerinnen nicken. „Aber erstmal aufhübschen. Nachher kommt doch der Tim Toupet.“

„Gibts eigentlich keine anderen Rothaarigen in Deutschland?“ Joswig steckt missmutig die Kamera weg. „In Deutschland bin ich Peter Fox, in Holland Boris Becker. Ätzend.“

Der Fotoschütze selbst ein Opfer der Medienwirklichkeit. Klischee trifft Klischee.

 

20.11 Uhr: Die Reporter knicken ein – der Westernsaloon Teil I.

„Ein Wodka-Tonic.“ Joswig lehnt über dem Tresen des Westernsaloons, verdrängt einen jungen Burschen mit Polohemd und Smiley-Schnalle am Gürtel. Über den beiden ein gelbes Schild am Thekendach „Louisiana“, darüber der Betonhimmel. Die Bedienung lächelt.

„Hehe, du meinst wohl Wodka-Lemon?“

„Klar, wenn du das sagst.“ Die Plätze neben dem Rotschopf liegen unter den Schildern „Arkansas“, „Missouri“ und „Nevada“. Hätte er in einem anderen Bundesstaat mehr Glück gehabt?

Er reicht Schlange dessen Drink. Statt Scotch mit Wasser gibt es Aquavit mit Sprudel. Yeehaw! Cheers.

Im Hintergrund kündigt die DJane die besten Hits der 80er an. Holländischer Akzent – dann Streicher und Discobeats. „Ra Ra Rasputin, Lover of the Russian Queen.“ Schlange schüttet seinen Kümmelschnaps in die Ecke. Wir haben es ja.

 

Das Schlaraffenland lockt – mit Maßlosigkeit. Lasse deine Sorgen los. Scheiße auf eine Milliarde Menschen, die an Hunger krepieren. In Deutschland landet eh ein Drittel allen Essens im Müll. Dein Leben ist kein Sparguthaben. Haushalten kannst du, wenn du tot bist. Verschwende bis ans Ende.

 

Die Bestellungen sind ausufernd. 15 Krefelder, 20 Kurze. Nonstop. Auf dem Dorf trinkt man Saure. Schlange und Joswig ergattern einen Platz im Bundesstaat Oklahoma.

„Zwei Wodka-Bull, bitte.“

Ein braungebrannter Disko-Checker mit wilder Schmalzfrisur beugt sich über den Tresen. „Äh, ja.“ Gute vier Sekunden verstreichen regungslos. Schlange beobachtet zwei komische Typen in Idaho. „Äh, haben wir gar nicht.“

„Was? Ach so, dann zwei Wodka-Lemon. Und zwei kurze Wodka.“

Die beiden Burschen aus Idaho sind Mitte vierzig. Der eine Typ, ein Glatzkopf, trägt sein lilafarbenes Seidenhemd halb aufgeknöpft, der andere die graumelierten Haare halblang zurückgegelt. Fachmännisch checken sie Perlen ab. Echte Profis. Was auffällt: Profis trinken Radler. Für Kurze ist die Nacht zu lang.

Weitere Top-Hits der 80er: Westernhagen „Sexy“, Marianne Rosenberg „Er gehört zu mir.“, Matthias Reim „Verdammt, ich lieb dich“. Modern Talking „Cheri, Cheri Lady“. Der Soundtrack zur Katastrophe. Schlange und Joswig verlassen den Westernkeller. Zeit für Tim Toupet, den singenden Friseur.

 

21.34 Uhr: Die Festhalle, die Mainstage, der volle Wahnsinn – Teil I.

„Wenn nicht jetzt, wann dann? Wenn nicht hier, sag mir wo und wann?“

Die Höhner bringen es auf den verdammten Punkt. Realsatire. Der ganze Abend.

„Hey, hörst du? Wir haben Glück, Tim Toupet steht noch nicht auf der Bühne.“ Joswig hat die Kamera um den Hals gehängt und drängt sich in die große Partyhalle des Wunderlandes.

„Alter, geht’s noch?“ Schlange schiebt sich hinterher. „So besoffen kannse doch noch gar nicht sein.“

Das Publikum deckt die Altersgruppen 16 bis 66 Jahren ab, jegliche Physiognomien und modischen Fehltritte. An einem Verkaufs-Tisch mit Glitzerkrönchen, Blink-Buttons und batteriebetriebenen Zauberstäben vorbei tänzelt der Rotschopf durch die Menschenmassen Richtung Dancefloor. Über 2000 Mann im selben Takt. Tanz der Moleküle. Schlange bekommt Kopfschmerzen.

„Alter, ich hol Drinks. Treffpunkt an der Bühne“, brüllt er Joswig hinterher, der bereits die ersten Individualisten vor die Kamera zieht. Perücken, Poser, Party-Pics. Wir machen Bilder, wir schaffen Realitäten. Die große Metapher für die Zügellosigkeit der Massen muss wie Sodom und Gomorrha daherkommen. Im atomaren Störfall ist die Wahrheit auch nur eine Farce. Das wahre Ausmaß der Kernschmelze in Fukushima kennt kein Rattenschwanz.


Foto 1 – Cindy aus Marzahn


Foto 2 – Cowboy in Pink


Foto 3 – Die schwarzen Perlen


Foto 4 – Madame Butterfly

Treffpunkt an der Bühne. Schlange wartet mit zwei Drinks. Rauchen. Aus den Boxen dröhnt Viva Colonia.

„Alter, ich hab sowas von Verstrahlte abgeschossen. Du musst nur ne dicke Kamera hinhalten und die machen sich nackig. Diese Mediengeilheit ist Wahnsinn.“ Joswig schnappt sich seinen Wodka-Lemon. „Äh, widerliches Zeug.“

„Ist halt umsonst.“ Die beiden Reporter stoßen an. The best Things in Life are free.

 

In Australien verdorren ganze Landstriche, Südseeinseln geht das Trinkwasser aus. In Deutschland wird das kostbare Nass verprasst. 120 Liter Trinkwasser verpulvert der Durchschnittsdeutsche täglich. Rechnet man die Produktion von Nahrung und Waren hinzu, sind es täglich 5000 Liter. Die Ozeane scheinen grenzenlos, unser Trinkwasser nicht. Prost.

 

„Tiiiim Toooouuupeeeeeeeet!“ brüllt der DJ ins Mikro.

Verhaltener Applaus.

„Leute, das ist ein echter Künstler. Da muss mehr kommen!“

Joswigs Augen weiten sich. „Hat der diesen Spinner grad als Künstler bezeichnet?“

Schlange nickt. „Sicher. Die Massen lieben ihn.“

„Ach, die Massen sind ein Haufen Idioten und finden sich auf dem primitivsten Nenner.“ Joswig kippt den Wodka-Lemon. „Ein Lied. Ich mach Fotos, und du holst nochma Drinks. Länger zieh ich mir den Scheiß nicht rein.“

Schlange kämpft sich zum Bierstand. Joswig klettert auf die Bühne und hält drauf. Wie ein Affe hüpft Toupet von rechts nach links – „Ich hab ne Zwiebel auf dem Kopf, ich bin ein Döner“ – zieht gezielt mollige Milfs aus dem Publikum auf die Bühne – „Denn Döner macht schöner“ – und dreht Pirouetten um die eigene Achse.

Bis Schlange den Alk organisiert hat, dauert es sechs Songs. Aggro-Gedränge am Ausschank. Alk, das Öl im Motor jeder Party. Noch 50 Jahre sollen die Erdölvorräte der Welt reichen. Kriege werden schon jetzt deswegen geführt. Danach: Lights out – oder Kernie an.

Die letzten Klänge treiben die Reporter aus der Halle: „Eine Straße, viele Bäume, ja das ist eine Allee.“ Kritische Betriebstemperatur, genug Bildungsmusik. Trinken im Keller ist einfacher und schneller.

 

22.47 Uhr: Die Reporter knicken ein – der Westernsaloon Teil II.

Trinken. Longdrinks und Kurze. Die Reporter können nicht anders. Trinken und rauchen. Die DJane spielt YMCA, Schlange und Joswig kippen Wodka. Eine Runde, zwei. Den Irrsinn ertränken.

 

Das Schlaraffenland lockt – mit Rechtfertigung. Nur die feiernden Massen können den einzelnen anpissen, ein Spielverderber zu sein. Säufst du allein, bist du ein Asi. Der Alk ist dein Alltag und nicht die Insel in deinem Trott. Im Jahre 1804 lebten eine Milliarde Menschen. Die große Masse kam mit der Industrialisierung. Für die zweite Milliarde brauchten wir nur 123 Jahre, für die dritte 32 und die vierte 15 Jahre. Die siebte kam innerhalb von zwölf. Mach mit! Das Schlaraffenland sind viele.

 

Der Rotschopf verschwindet. Occupy Klo. 2,6 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu sanitären Anlagen, davon eine Milliarde Kinder. Schlange zückt seinen Notizblock.

„Was schreibst du da?“ Eine kleine Blondine schiebt sich an den Tresen.

„Arbeite.“

„Was!?“ Während sie die Augen verdreht, reibt sie sich an seinem Oberschenkel. „Bist du Journalist?“

„Wir machen hier so ne Art Party-Report. Ist ja schon surreal im Atomkraftwerk zu feiern.“

„Ach.“ Sie lacht. „Da denkt doch keiner mehr dran. Ich stand hier vor 25 Jahren am Zaun und hab demonstriert. Jetzt will man nur noch feiern.“

„Vor 25 Jahren?“ Schlange zieht die Brauen hoch. „Dafür hasse dich aber gut gehalten.“

Die blonde Milf kichert. Schlange dreht sich weg und bestellt zwei neue Wodka. Für ihn und Joswig. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Schwarz-Weiß ist selektiv. Die hirnlos konsumierende Masse tanzt auf dem Pulverfass und jongliert mit Fackeln. Wenn diese Story funktionieren soll, kann man nicht auf jeden achten. Bei Atomkraft darf es keine Grauzonen geben.

 

Joswig spürt eine Hand am Hintern. Sein Blick schnellt zu Schlange. Teilnahmslos nippt der Freund am Drink. Verwirrt checkt Joswig drei amerikanische Bundesstaaten.

„Ich will fünf Kre.“

Joswig dreht sich nach rechts. Eine kleine runzelige Frau mit kurzen, roten Haaren und Brille grinst ihn schwankend an, lässt ihre Hand ungeniert auf seinem Hinterteil.

„Bitte was?“

1929 liegt lange zurück. Kaum einer in Europa kann sich noch vorstellen, in Friedenszeiten um sein Essen zu kämpfen. Nichts mehr zu haben. Der Zusammenbruch unseres Wirtschaftssystems – undenkbar. Keine Wohnung, kein Hartz IV, keine staatliche Fürsorge.

„Ich hab Brand.“ Die Stimme der kleinen Frau klingt nach 50 Jahren Suff und Kette. Heike, wie sie sich vorstellt, lädt die beiden Reporter zum Bowlen ein, betatscht dabei gleich noch Schlanges Arsch. Die DJane legt „It’s raining men“ auf den Plattenteller, Joswig versucht hastig Kre zu ordern.

„Entschuldigung, ist der echt?“

„Was?“

Als sich Schlange umdreht: zwei junge Mädels, braun und blond. Die Brünette lächelt ihn an. „Der Schnäuzer. Ist der echt?“

„Nee, das ist n Riegel Schokolade, der mir auf der Lippe kleben geblieben ist.“

Die Kleine schaut irritiert.

„Natürlich ist der echt.“

Joswig dreht sich auf seinem Barhocker vom Tresen weg, reicht Heike ihre Kre und grinst. „Kannst ja mal dran ziehen.“

Das Mädchen zuckt einen Schritt zurück, schaut den Rotschopf beunruhigt an. „Schon gut. Wir wollten eh weiter.“

„Arschloch“, zischt Schlange. Heike hebt selig ihr Glas. „Ja ja, so sind die jungen Dinger.“ Und lässt die anderen vier zu Boden fallen, dreht sich um und wankt zur Bowlingbahn. Jeder zweite Kopfsalat in Deutschland, jede zweite Kartoffel, jedes fünfte Brot landet im Müll. Gurken werden entsorgt, weil sie zu krumm sind und schlecht in Kartons passen. Der Witz daran: Wenn Du Dich an den Tonnen bedienst, begehst Du Diebstahl. Schlange und Joswig rufen nach dem Kellner. Occupy Wodka.

 

Ein Körper reibt sich am nächsten. Die Westernbar ist voll. Besoffen und geil – spitzhacke. Die Bindungsenergie steigt. Grabbeln und Tatschen inklusive. Niederste Instinke. Flatrate-Mentalität im Angesicht des Supergaus.

Eine Hand legt sich auf Schlanges Schulter. Erschrocken dreht er sich um, sieht Haare, Locken, haarige Hände, Doppelkinn.

„Jungs, mit euch will ich anstoßen. Ihr stecht hier sympathisch raus.“

Marcus, alter AC/DC-Jünger aus dem Sauerland, hebt seinen Becher für die beiden Reporter. „Das ist alles zu strange hier. Noch mal zieh ich mir so eine Veranstaltung nicht rein.“

Schlange grinst und steckt sich eine neue Kippe an. „Alle verstrahlt.“

„Na sicher. Durchgeknallt. Das hier ist reine Massenabfertigung, Komasaufen und den letzten Fick abgreifen. Absurdes Ding.“

Die Reporter prosten dem Langhaarigen zu. „Fukushima brennt und hier strahlt dir Kernie aus jeder Ecke entgegen.“ Marcus verschluckt sich, hebt die Hand: High Five auf die Katastrophe. Das AKW von Kalkar ist zum Witz geworden. Ob genial oder geschmacklos – schwer zu sagen. Atomkraft – Jein danke.

 

0.23 Uhr: Eine seltsame Begegnung – die Dorfjugend.

Schlange und Joswig schleppen sich aus dem Westernsaloon durch die Cleopatra-Lounge ins Freie. Fünfhundert Meter bis zur Festhalle, fünfhundert Meter kalte klare Luft bis zu Loona, Lalla und noch mehr Wodka-Lemon. Alle zehn Meter wirft sich ein heller Laternenkegel auf den Asphalt.

„Alter, so langsam bin ich aber auch drüber.“ Schlange guckt aus halb geöffneten Augen. Joswig hört nicht, ist schon vorgeprescht, torkelt mit der Kamera in der Hand auf einen dunkelhaarigen Burschen mit zwei jungen Perlen zu, die eingeknickt am Straßenrang gegen einen Lattenzaun gehängt lehnen. Echter Dorf-Dandy.

„Hey, was macht ihr denn hier? Gleich Loona?“ Joswig schießt die ersten Fotos.

„Wer bist duuuu denn?“ Während die eine Perle mit dem Typen rumleckt, kraucht ihm die andere auf allen Vieren entgegen, die langen rotblonden Haare im Gesicht, der Minirock bis knapp über den Arsch gerutscht. „Hihi, du siehst ja witzig aus“, spricht sie zum Boden.

Joswig setzt sich vor sie. Das Mädel beginnt sofort an seinem Bart und seinen Haaren zu fingern. „Wie alt bist du denn?“

„Was meinste?“

„Och, bestimmt schon siebenundzwanzig.“ Schlange hat mittlerweile das Grüppchen erreicht und klatscht an den Zaun. Das Mädel hebt schwenkend den Kopf. „Und ich? Was meint ihr, wie alt ich bin?“

„Keine Ahnung. Siebzehn?“

„Haha.“ Sie krallt sich wieder in Joswigs Bart. „Fünfzehn. Aber ich hab den Ausweis meiner Schwester dabei.“ Sie kramt etwas aus ihrer Handtasche und fällt zur Seite.

 

Grölende Chöre. Tumulte im nächsten Lichtkegel. Ein Typ mit freiem Oberkörper torkelt über die Straße, gleitet von einem Bordstein zum nächsten. „Öhhhh, wo ist mein T-Shirt? Habt ihr mein T-Shirt gesehen?“

Joswig fährt hoch und feuert ein Blitzlichtgewitter in seine Richtung. Seinen Auftrag als Schweine-Journalist trotz Promille immer noch verinnerlicht. Der Bursche torkelt auf Joswig zu, greift dessen Schulter. „Paaaartyyy.“ Er schnaubt und lässt erschöpft den Kopf baumeln. „Ey, die haben mich grad da rausgeschmissen. Weil ich kein T-Shirt hatte. Dabei hatte ich eins an, hab das nur ausgezogen. Hast du mein T-Shirt gesehen?“ Ohne auf die Antwort zu warten, drückt sich der Nackte von dem Fotografen ab und torkelt weiter in die Nacht. „Paaaaaartyyyyy!“

 

Der echte Konsument kennt kein Ende. Größer, schneller, weiter, mehr. Jäger-und-Sammler-Mentalität. Seit Kindheit an gelebt: Comics, Cartoons, Computerspiele, Karriere. Immer dasselbe Prinizip: Der zweite Platz ist für Loser. Der Kapitalismus bedients, wie nichts anderes in der heutigen Zivilisation.

 

„Jungs, wofür macht ihr eigentlich die Fotos?“ Der Womanizer hat aufgehört zu knutschen und die Brünette am Zaun geparkt. „Ich bin schon sechzehn“, haucht die kleine Maus durch ihre dunklen Haare.

Während Schlange mit dem Burschen was von Party-Report faselt, hat sich Joswig auf der Straße das nächste Kamerafutter geschnappt. „Komm, das geht noch sexier“, brüllt der Reporter einen Glatzkopf an.

 

Schlange fummelt am Zaun gelehnt eine Kippe aus der Schachtel. „Mit den beiden Mädels hasse aber heute alles richtig gemacht.“ Er zwinkert dem Typen schief zu. Der schenkt ihm ein breites Grinsen. „Keine Ahnung, die kommen, glaub ich, aus dem Nachbardorf.“ Dreckiges Lachen. „Ich weiß nicht ma, wie die heißen.“

 

„Jaaaaa, und jetzt die Jacke. Das geht auch ohne Jacke! Party!“ Joswig lallt seinem kahlköpfigen Model den Lederblouson vom Leib. Spotlight von oben. Nächstes Foto in heroischer Pose auf grauem Asphalt.

Die 15-Jährige mit der rotblonden Mähne hängt am Hals des Casanovas und knabbert, die 16-Jährige mit den dunklen Haaren hängt über dem Lattenzaun und kotzt. Neue Arbeitsteilung. Der Bursche hält seinen Daumen in Luft und freut sich. Joswig drückt ab.

Mittlerweile hat sich der Glatzkopf von Joswig auch das T-Shirt vom Leib quatschen lassen und lässt seine Muskeln im fahlen Licht der Laternen spielen.

 

Aus einer Gruppe, die zur Festhalle marschiert, pfeffert ein Typ sein Glas an Schlanges Kopf vorbei in einen Teich hinter dem Lattenzaun. „Alter, spinnst du? Da leben Frösche drin.“

„Scheiß auf die Frösche“, nöhlt die Dunkelheit.

Kann nicht mal endlich einer an die armen Frösche denken?

 

Schlange lässt seine Kippe genervt vom Finger tropfen. „Und das Atomkraftwerk ist also das Partyding für alle Dörfer hier in der Gegend?“

Die Rotblonde gleitet am Körper des Burschen zu Boden. Er widmet sich wieder der Dunkelhaarigen.

„Klar, immer nur Party.“

Joswig lässt den nackten Glatzkopf frei, kommt wieder zum Zaun. Der Weiberheld erzählt den beiden Reportern, dass sich niemand für die Vergangenheit des Wunderlandes interessiert. Auch das Thema Atomkraft interessiert ihn nicht. „Was solln wir unsere Meiler abschalten? Die anderen machen das doch auch noch. Außerdem arbeitet die Angie doch schon seit Jahren am Ausstieg.“ Ein echter Frauenversteher. Schlange und Joswig klappt die Kinnlade runter, die Dunkelhaarige kotzt erneut. Die Reporter brauchen Drinks. Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht.

 

Kerzen, edle Tischdecken, dezente Musik. Am 1. Juli 2009 saß Angie beim Festakt zum 50-jährigen Bestehen der Atomlobby im Berliner E-Werk. Dort machte die kleine Kanzlerin klar, dass sie derzeit die Kernenergie für „unverzichtbar“ halte. Wohlstand und Wohlfahrt dank Atomenergie. Entsprechend kräftig haben die Jungs von der Lobby vor der Bundestagswahl 2009 die Propagandatrommel gerührt: Pro-Atomkraft-Beiträge in großen Zeitungen geschaltet, Studien veröffentlicht, Prominente gekauft und zu Pressereisen geladen. Imagekampagnen priesen die Meiler als „Deutschlands ungeliebte Klimaschützer“. Zeitungen schoben die Veröffentlichung einer Studie zu Kinderkrebsfällen im Umfeld von Atommeilern auf die Zeit nach der Wahl.

Union und FDP gewannen und verlängerten die AKW-Laufzeiten um durchschnittlich zwölf Jahre. Mittlerweile ist die Atomlobby still geworden. Der GAU von Fukushima: Schwarz-Gelb erfand sich neu, legte direkt acht Meiler lahm und will den letzten statt 2036 schon 2022 abschalten lassen. Shit happens. Dafür plant Polen die eigenständige Nutzung der Kernenergie ab 2016.

 

00.49 Uhr: Die Festhalle, die Mainstage, der volle Wahnsinn – Teil II.

Halle. Hirnschmelze. Joswig Fotos. Schlange Getränke. Treffpunkt Bühne. Loona singt. Die Stimmung kocht. Joswig torkelt. Ein verwirrter Welpe an der Bühnenklippe. Knipst, wird von Loona gepackt, für Fotos mit Fans in Position gezerrt. Schlange gröhlt. Freie Drinks. Göttlicher Wodka. Hell of a Party. Einfach zu verführerisch. Vernunft ist nur die Handbremse auf der Rennstrecke des Lebens. Occupy everything.

01.45 Uhr: Letzte Runde in Kernie’s Kneipenstraße. Notabschaltung.

Der Kapitalismus wird sich ins Verderben fressen. Uns! Wir werden mit ihm laufen. So lange der Mensch tanzen kann, akzeptiert er keine Einschnitte. Es gibt noch genug andere, die vor uns krepieren. Energiereserven, Resourcen, Klimawandel, Umweltkatastrophen, Finanzdesaster – unsere Probleme sind einfach zu groß und umfassend. Anstatt unseren Lebensstil, ja, unser gesamtes Weltbild umzustoßen, um die drohende Katastrophe abzuwenden, verleugnen wir lieber die Realität. Im kleinen Kämmerchen wird bei einem Glas Rotwein geschimpft, ein bisschen Occupy gespielt und das Ego besänftigt. Apple, Rayban, Nikon, Nike. Mode ist kein Protest. Und Protest ist keine verschissene Mode. Die da oben, wir da unten – paah! So lange wir konsumieren, sind wir alle gleich. Kannst Du Dich von Grund auf ändern?

Das Schlaraffenland siegt – mit all seiner Fürsorge. Sluraff steht im Mittelhochdeutschen für Faulenzer. Wir leben im „Land der faulen Affen“.

Occupy yourself, Ihre Wattenscheider Schule.

 

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6 Kommentare zu »OCCUPY SCHLARAFFENLAND: GUMMIBOOT STATT STRAHLENTOD«

  1. #1 | Springorum sagt am 28. Juni 2012 um 18:52

    Grandios. Undercover-Journalismus, der wirklich nur mit ausreichend Bier und Fluppen praktizierbar zu sein erscheint. Eigentlich ein Traumjob…
    Habe das Stück vor Wochen während einer Bahnfahrt ihn der Printversion gelesen – und an meine Zugfahrten nach Korbach über WILLINGEN zur Herbstzeit gedacht, wo sich eine ähnliche Klientel für’s Wochenende in der größten Samenbank des Sauerlandes warmtrinkt. Ohne geschnorrte Feiglinge oder Schlüpferstürmer ist das nicht zu ertragen ;-)

  2. #2 | Hans-Paul Broschart sagt am 28. Juni 2012 um 19:49

    Boooah, ich bin dafür, das mit dem Kühlwasser der AKWs Bier gebraut wird, dann erledigt sich so manches Problem mit der Zeit von selbst. Und jeder Biertrinker kann sich einbilden, etwas für die Energieproduktion getan zu haben.

  3. #3 | Thomas sagt am 28. Juni 2012 um 20:07

    Krass. Ihr habt es drauf. Respekt.

  4. #4 | ALIENS, METT UND SEX MIT KATZEN – UND EIN GLAS BLANCHET | Ruhrbarone sagt am 5. Oktober 2012 um 16:11

    [...] OCCUPY SCHLARAFFENLAND: GUMMIBOOT STATT STRAHLENTOD [...]

  5. #5 | Unterschicht sagt am 10. Oktober 2012 um 14:02

    Interessanter Artikel, gut geschrieben ABER: Von oben herab auf die sogenannte “Unterschicht” zu schauen und sich über Dorfjugendliche beim Koma-Saufen lustig zu machen, ist nicht wirklich innovativ, geschweige denn stilvoller als Tim Toupet. Damit kann man sich natürlich ganz einfach in der eigenen “Schicht” profilieren und sein cooles Image pflegen, mehr aber auch nicht. Falls ihr doch mal jemanden zum Umdenken bewegen wollt, solltet ihr euch was anderes überlegen, so erreicht ihr nur die, die ohnehin genauso denken wie ihr.

  6. #6 | Thomas sagt am 17. Dezember 2012 um 11:27

    Einstimmige Entscheidung: “Occupy Schlaraffenland” ist die Reportage des Jahres 2012: Reportage des Jahres

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