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Kreuzberg liegt nicht in Ückendorf

Das Arbeitsgericht sucht Nachmieter (Bild: Michael Voregger)

Das Arbeitsgericht sucht Nachmieter (Bild: Michael Voregger)

Geht es nach den Stadtplanern in Gelsenkirchen, dann liegt das neue Kreuzberg mitten im Stadtteil Ückendorf. Hier sollen sich Kreative und Bürger aus dem Mittelstand ansiedeln, die den Standort nach vorne bringen. Der Stadtteil liegt direkt an der Hattinger Straße, die von der Autobahn A40 in die Innenstadt führt. Begrüßt werden die Besucher durch Fast-Food-Ketten, ein Casino und seit neuestem durch den noch nicht ganz fertiggestellten Justizpalast. Anfang 2016 sollen hier Amts-, Arbeits- und Sozialgericht in das 48,5 Millionen teure Gebäude einziehen. 12600 Kubikmeter Beton und 2200 Tonnen Stahl wurden verbaut – herausgekommen ist ein schmuckloser Bau mit drei mächtigen Quadern. Das neue Tor zum Stadtteil Ückendorf und zum Süden der Stadt ist also ein Gericht geworden.

Ückendorf wird in den Augen der Gelsenkirchener Bevölkerung immer noch als sozialer Brennpunkt gesehen. Die wirtschaftliche Lage ist schlecht, Ladenlokale an der Bochumer Straße stehen leer und die Gründerzeithäuser verfallen. Daran haben auch die Stadterneuerungsprogramme nicht viel geändert. Seit 2002 sind rund 4,5 Millionen Euro an Bundesmitteln nach Gelsenkirchen Südost geflossen und zu diesem Gebiet zählt auch Ückendorf. Eine Evaluation der Ergebnisse wird vom Bundesministerium für Umwelt erst Mitte nächsten Jahres vorgelegt. Allerdings zeigt der Augenschein sehr schnell, dass die Fortschritte im Stadtbild nur sehr begrenzt sichtbar sind. In der Krise liegen natürlich immer Möglichkeiten und das glaubt auch der Standortentwickler Siegfried Panteleit: „Das sind Entwicklungsräume, von denen manche Großstadt nur träumen kann“. Das zielt natürlich auf die immer gern eingespannten Kreativen ab. So gehören zum kreativen Netzwerk der „Insane Urban Cowboys“ nach eigenen Angaben inzwischen etwa 60 Fotografen, Designer, Theaterleute, Tänzer, Musiker und Maler, die eine starke Verbindung zur Region und auch zum Stadtteil Ückendorf haben. Geht es nach den Stadtplanern soll mit der Underground-Kunst die Entwicklung des Quartiers angeschoben werden. Im Stadtteil ist davon bisher wenig zu sehen.

In Ückendorf leben aktuell etwa 19 000 Menschen. Die Arbeitslosigkeit ist mit zeitweise 28 Prozent sehr hoch und liegt weit über dem Durchschnitt in Gelsenkirchen. Hier leben auch viele Migranten und Menschen ohne deutschen Pass. Als Vorbilder für eine positive Entwicklung werden immer wieder das Hamburger Schanzenviertel und natürlich Kreuzberg genannt. In der Tat ist der Zustand vieler Häuser in Ückendorf mit der Situation der Mauerstadt in den 80er Jahren vergleichbar.
Die Ursprünge des kreativen Chaos in Berlin liegen auch in der Hausbesetzerszene der 80er Jahre. Dort begann im Februar 1981 eine Besetzungswelle und auf dem Höhepunkt waren 165 Häuser besetzt. Von solch einem kreativen Potenzial ist Ückendorf weit entfernt.

So scheitert derzeit schon die Ansiedlung der gewünschten „Szene-Gastronomie“ an bürokratischen Kleinigkeiten der kommunalen Bauordnung. Nach 22 Uhr geht in Ückendorf nicht mehr viel im Nachtleben. „Der Schaffung von Planungsrecht muss eine politische Diskussion vorausgehen“, sag Siegbert Panteleit. „Es wird die Frage zu beantworten sein, wo wir dem Wohnen und wo wir zum Beispiel Veranstaltungsnutzungen oder handwerklicher Produktion den Vorrang geben. Zurzeit gibt es dabei kaum Spielraum im Quartier“. Kreuzberger Nächte sind eben nur in Kreuzberg wirklich lang.

Dabei reicht es manchmal auch einen kleinen Stein ins Wasser zu werfen. Eine solche Gelegenheit bietet das ehemalige Verwaltungsgebäude des Gussstahlwerkes an der Bochumer Straße. Zurzeit hat hier noch das Arbeitsgericht seinen Sitz, aber der Umzug in den Neubau des Justizzentrums auf der anderen Straßenseite steht bevor. Es gab eine kurze Diskussion in der Stadt, ob der Fachbereich Journalismus der Westfälischen Hochschule in den Stadtteil umziehen soll. Das hätte viele Vorteile und würde dem Stadtteil neues Leben einhauchen. Die Studenten könnten in den attraktiven und noch renovierungsbedürftigen Gründerzeithäusern preiswert wohnen. Außerdem würde es der daniederliegenden Gastronomie neue Impulse geben. Die Studenten wären nicht mehr an den Stadtrand abgeschoben, sondern kämen im wirklichen Leben an – für angehende Journalisten keine schlechte Voraussetzung. Damit würde sich auch das Problem der Mobilität lösen, denn Autobahn und Hauptbahnhof liegen in unmittelbarer Nähe. Das wird von den Studenten regelmäßig beklagt, denn die Hochschule liegt am äußersten Stadtrand und nur schwer erreichbar. Für den Präsidenten der Westfälischen Hochschule – Professor Bernd Kriegesmann – steht ein Umzug derzeit nicht auf der Tagesordnung: „Die Journalisten werden nicht umziehen, sondern die bleiben hier am Campus. Hier ist die gesamte studentische Infrastruktur von Mensa bis Bibliothek. Das sind 300 bis 350 Studierende plus eben die Dozenten. Die sind hier gut untergebracht und das soll so bleiben“.

Dabei wäre ein Umzug keine große Angelegenheit, denn sowohl die Gebäude der Hochschule und das Gericht haben mit dem Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW denselben Vermieter. Der Bau ist im neoklassizistischen Stil errichtet und auch von innen sind die 3100 qm sehr attraktiv. Dort warten über 40 Büroräume, vier Sitzungssäle, Lagerräume, Sanitärräume und Abstellräume auf neue Nutzer. Es gibt Interessenten unter Fotografen, Journalisten, Filmproduktionsfirmen und Galeristen – keine schlechte Kombination im Verbund mit der Ausbildung von Journalisten. Die Hochschule kann sich zumindest eine Nutzung für die Talentförderer vorstellen, die stärker in den Stadtteilen aktiv werden sollen. Allerdings brauchen die maximal 20 Mitarbeiter keine 3100 qm und weitere Nutzer wären notwendig. Denkbar wäre auch ein „Coworking Space“, der in den Metropolen dieser Welt schon zum Standard gehört. Also einem Arbeitsplatz, wo Freiberufler, Studenten, Kreative, Startups und Digitalarbeiter zeitlich befristet zusammenarbeiten.

Die Entscheidung für die Zusammenlegung der Gerichte hat die schwarz-gelbe Landesregierung zwischen 2005 und 2010 getroffen. Durch Zusammenlegen der Strukturen sollen Kosten gespart werden, was sich angesichts der hohen Baukosten allerdings noch erweisen muss. Es war also fünf Jahre lang Zeit sich Gedanken über eine Folgenutzung zu machen und passiert ist kaum etwas. Der Umzug des Gerichts ist auf Anfang des kommenden Jahres festgesetzt und was dann mit dem alten Gebäude passiert ist weiter offen. Die Kritik trifft alle Beteiligten: Justizministerium, Landesregierung, Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW und die kommunale Politik. Dabei geht es auch um die Frage, warum die Landespolitik den durch überdurchschnittlichen Leerstand gekennzeichneten Immobilienmarkt in Gelsenkirchen überhaupt durch das Leerziehen öffentlicher Gebäude zusätzlich belastet.

Derzeit sieht es so aus, dass die bestehenden Möglichkeiten wieder nicht genutzt werden. Es ist zu erwarten das im besten Fall Verwaltungen, Büros und Kanzleien in die Räume an der Bochumer Straße einziehen. Das wird den Stadtteil nicht weiter voranbringen. Das zeigt schon der benachbarte Wissenschaftspark, der in den 90er Jahren erbaut, immer noch wie ein Fremdkörper wirkt. Mit dem Justizzentrum ist das zweite Raumschiff in Ückendorf gelandet und von einem neuen Kreuzberg ist der Stadtteil weit entfernt.

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7 Kommentare zu “Kreuzberg liegt nicht in Ückendorf

  • #1
    Arnold Voss

    Welcher Professor würde schon gerne von Gelsenkirchen Buer nach Gelsenkirchen Ückendorf ziehen, sofern er überhaupt in Gelsenkirchen wohnt. Und arbeiten will sie/er da auch nicht. :-)

  • #2
    himynameis

    Für welche Stadt sollte Ückendorf auch Kreuzberg sein? Gelsenkirchen hat dafür einfach nicht genug "Zug" und nach Bochum quält man sich – falls kein Stau ist – eine halbe Stunde lang mit der Straßenbahn, zur Uni nochmal 10-15 Minuten länger.

    Auch in einen hypothetischen Umzug von Teilen der FH würde ich keine großen Hoffnungen setzen. Der Standort ist am nördlichen Rand des Viertels, 300 Leutchen sind quasi nichts und von dieser mageren Zahl wird sich der allergeringste Teil so einen Stadtteil als Lebensmittelpunkt antun; woanders ist es ja auch günstig.

  • #3
    ruhrreisen

    Nanana, Herr Kollege…die Bueraner als Stadtrand zu bezeichnen…ist im Zusammenhang mit Ückendorf ganz schön dreist…;) aber versteht eh nur der, der in Ückendorf zuhause ist oder in "Mitte"…Für Outsider sollte erwähnt werden, dass Gelsenkirchener all ihre Stadtteile generell nur straßenweise beurteilen und nicht am Stück. Außer natürlich "altstadt" gegen "buer" . Anscheinend überlebts sich so besser. Von Außen betrachtet ist es eh wurscht – weil der Ruf im Ganzen runiniert ist. Interessant wäre ja, ob die (wunderschönen, teils völlig runtergekommenen Häuser in der Bochumer Str) jetzt alle renoviert oder abgerissen werden für weitere hässliche Fertigbauten. Das Gleiche gilt übrigens auch für das wunderschöne, komlett leergezgene alte Finanzamt, für das ein riesiger, scheußlicher Fertigbau in Erle – am "Stadtrand" hochgezogen wurde. Vielleicht gibts ja in der Verwaltung Absprachen mit der Politik: Wenn wir schon von Buer nach Mitte in das neue Rathaus ziehen müssen und auch das neue Justizgebäude füllen – dann baut Ihr dafür aber eine neues Finanzamt zwischen Buer und Erle…
    Träumen von besseren Zeiten und spekulieren darf man ja.

  • #4
  • #5
    kE

    In Ückendorf wurde ich zum ersten Mal bestohlen. Es mag sein, dass der Ort deshalb für mich sehr negativ behaftet ist. Als ich letztes Jahr von GE nach WAT gefahren bin, war ich ziemlich schockiert bzgl. des Umfelds an der Durchgangsstrasse. Da hatten ganze Straßenzüge einen sehr verarmten Zustand.

    Ich stelle mir vor, ob ich in der Gegend gerne studieren bzw. wohnen würde, wenn ich sowieso zum Studieren umziehen müsste.
    Ich würde eine andere Stadt zum Studieren wählen. Ich würde auch meine Kinder davon abhalten, in dieser Gegend zu studieren.

    Ein Vergleich mit Kreuzberg? OK, beide Städte haben eine blau weiße Fußballmannschaft. Aber sonst? Eine mit Subventionen zugeschüttete Hauptstadt im Vergleich zur Ruhrgebietsstadt im Dauerstrukturwandel, die sich freuen kann, dass es Duisburg gibt, damit man nicht immer auf dem letzten Platz ist. OK, das hat sich in den letzten bekannten Statistiken etwas verbessert.

    Das Ruhrgebiet muss sich von Innen entwickeln. Da sind wir gefragt. Kreativität ist immer vorne, wenn es um Entwicklungsvorschläge geht. Meistens fallen dann tolle Buzz-Wörter. Wenn ich mir anschaue, wie wenig Geld im Ruhrgebiet verdient wird, frage ich mich, wer die ganze Kreativität nachfragen soll. Das funktoniert wohl nur in der digitalen Welt. Auch die tollen Cafes und das Nachtleben brauchen Menschen, die Geld ausgeben können.

  • #6
    HolleSonnenberg

    Wenn man bedenkt das das Subversiv aufgrund des massiven Druck vom gelsenkirchener Ordnungsamt schließen musste, fällt die Bilanz sogar negativ aus.

  • #7
    Klaus Lohmann

    Da der Name "Standortentwickler Siegfried Panteleit" fiel, den wir Dortmunder schon seit vielen Jahren nicht nur durch seine Umtriebe am Phoenix-See kennen – wir haben zwischen dem als "Nazi-Hochburg" bekannten Stadtteil Dorstfeld und der westlichen Innenstadt mit dem Groschengrab U-Turm einen vergleichbaren Fall mit dem alten denkmalgeschützten Versorgungsamt, ehemals Verwaltungszentrale der Dortmunder Union Bergbau AG (https://de.wikipedia.org/wiki/Verwaltungsgeb%C3%A4ude_Union).

    Das Union-Viertel an der Rheinischen Straße ist ebenso ein soziales Problemviertel, wurde bis vor wenigen Jahren trotz einer schon fast geschlossenen Bürgerschaft türkischer Abstammung von den Nazis in wenigen Wohnungen und mit einem "Devotionalien"-Laden als Dortmunder Organisationszentrale beherrscht, welche dann durch das Verbot des NWDO und Abkauf der durch sie genutzten Immobilien durch die Stadt vertrieben wurden, so dass das Viertel mittlerweile mit Künstlern/Kreativen zu neuem Leben angehaucht werden soll.

    Vor drei Jahren hat sich dann eine Schweizer Immofirma namens Peach Property das alte Amt unter den Nagel gerissen und will dort ernsthaft ein Hotel der gehobenen Kategorie aufziehen – mit direktem Sichtanschluss auf die nur wenige Meter entfernten, riesigen Produktionshallen der nun durch den Mutterkonzern Salzgitter plattgemachten HSP Hoesch Spundwand und Profil GmbH im Norden. Ab Herbst 2014 sollte dort die Sanierung beginnen – getan hat sich noch nix, obwohl die neuen Eigner angeblich weiter an den Plänen festhalten.

    Ergo: ebenso Stillstand, etwas TätschelTätschel-Quartiersmanagement, keine Perspektiven durch Stadt und die Entwickler. Aber Hauptsache, man kann wieder Planungsgelder aus Brüssel abzapfen und an die üblichen Verdächtigen ala Panteleit verteilen…

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