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Medienmacher gegen Pressekodex und Realität

https://pixabay.com/de/users/Alexas_Fotos-686414/
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Die Neuen Deutschen Medienmacher (NDM) haben ein Edikt erlassen, um den Leser vor sich selbst zu schützen. „Mit Sorge“ verfolgen sie die „Debatte um die alte Frage, ob Polizei und Medien bei Straftätern mit Migrationshintergrund deren Herkunft und Nationalität oder gar Religionszugehörigkeit nennen sollten“. Nach Ansicht der Medienmacher ist der Medienkonsument zu doof, um zu differenzieren. Was wäre er nur ohne sie?

Medien mit Auftrag

Sollten die Medien die Herkunft von Tatverdächtigen und Straftätern verschweigen? Die NDM fürchten, dass  Informationen über die „Migrationsgeschichte“ von Delinquenten „Vorurteile gegen Minderheiten“ befördern. Wohlwollend könnte man also von einem ein hehres Ziel sprechen.

Deutsche Diskurse sind durchseucht von solchen hehren Zielen. Weniger wohlwollend könnte man den Deutschen Medienmachern die Zurichtung des Leserbewusstseins im eigenen Sinne unterstellen. Journalisten, die in angelsächsischer Nüchternheit berichten, sind eine Seltenheit.

An diesen Neuen Medienmachern ist wenig Neu, aber vieles sehr deutsch. Ihre Arbeit findet weniger auf dem Informationsmarkt als  im Bewusstsein der Leserschaft statt. Ihre Methode besteht häufig im subtilen Schwindel. So schreiben sie, die Benennung der Herkunft von Straftätern und Tatverdächtigen widerspreche dem Pressekodex. Dieser empfehle, „dies nicht zu tun, wenn kein unmittelbarer Zusammenhang mit der Tat besteht.“

Korrekt ist das nicht. Denn der Pressekodex empfiehlt kein Unterlassen. Er bürdet Journalisten  in seiner Ziffer 12 vielmehr eine Abwägung auf: Entscheidend ist, ob „für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht“. Wenn diese Frage bejaht wird, können Journalisten durchaus die Herkunft, Ethnie oder Religion einer Person im Zusammenhang mit Straftaten erwähnen.

Das ist eine feine, aber wichtige Unterscheidung. Genau um diesen begründbaren Sachbezug dreht sich nämlich die Debatte, der sich die NDM  entziehen suchen. Laut Pressekodex haben Journalisten dabei insbesondere zu beachten, „dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte“. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Im Kern steht also nicht das bewusste Verschweigen, sondern eine verantwortungsvolle Abwägung der unterschiedlichen Interessen. Für das Problem gibt es auch keine pauschale Lösung. In den Worten von Ruhrbaron Julius Hagen bildet es eine jener „vornehmsten und anspruchsvollsten Aufgaben der Medienmenschen, die richtigen Worte zu finden, um uns die Welt ein wenig verständlicher zu machen“.

Was mit Medien, was Elitäres

Das Sicherheitsempfinden in diesem Land ist seit dem Jahreswechsel allgemein gesunken. Das kann schon mit einem keinen Ausflug zu Google Trends geprüft werden. Die Debatte um erhöhte Kriminalität in bestimmten Milieus wird von interessierten Rechten und Linksparteifraktionsvorsitzenden immer wieder gerne mit der Frage verquirlt, wie die Bundesrepublik mit der wachsenden Zahl von Asylbewerbern umgehen soll.

Das Kulkül der Neuen Deutschen Medienmacher lautet dabei: Wenn eine Hälfte dieser Debatte nicht geführt wird, dann verhindert das eine „Diskriminierung und Stigmatisierung von Minderheiten, die von genau diesen Kreisen in Sippenhaft genommen werden“.

Das ist Wunschdenken. Exakt das Gegenteil geschieht nämlich. Genau diese Kreise rezipieren Medien, die seit Jahren kontinuierlich ihre Leserschaft vergrößern (Junge Freiheit, Epoch Times, Kopp Online). Dort hantieren Redakteure und und Leser schon längst ohne Rücksicht auf irgendeinen Sachbezug mit der mutmaßlichen oder tatsächlichen Herkunft von Tätern. In den Echokammern nehmen enthemmte Kommentatoren „Neudeutsche“ schon längst in Sippenhaft für Ereignisse, .die sie ebenso verurteilen wie ihre „biodeutschen“ Nachbarn und Kollegen. Diese Diskurse driften ab und nehmen allenfalls noch die  antsemitisch konnotierten Kolumnen eines Jakob Augstein wohlwollend zur Kenntnis.

Anstatt den defekten Diskurs zu begradigen, verlangen die NDM ihre eigene Echokammer, indem sie von allen Medienmachern erwarten,sich einem Schweigekartell über die Täterherkunft anzuschließen. Indem sie das Ergebnis einer sorgsamen Abwägung vorwegnehmen, schaffen sie sich ein Paralleluniversum, in dem es immer weniger Medienkonsumenten für die Medienmacher gibt.

Who watches the Watchmen?

Es ist dem Untertanen untersagt, den Maßstab seiner beschränkten Einsicht an die Handlungen der Obrigkeit anzulegen – Gustav von Rochow

Nun sind Medienkonsumenten aber nicht unmündig. Ihnen wird zugemutet, komplexe und weitreichende Entscheidungen zu treffen. Als Wähler sind die Medienkonsumenten zugleich die Protagonisten eines Entscheidungsfindungsprozesses, der den wesentlichen Kurs des Gemeinwesens bestimmen soll. Nach Darstellung der NDM wird der Medienkonsument aber auf einen potentiellen Diskriminierer reduziert, der ständig gefährdet ist, der „Diskriminierung und Stigmatisierung“ auf den Leim zu gehen und daher eines betreuten Lesens bedarf.

Die Neuen Deutschen Medienmacher zeichnen sich durch nichts aus, das sie geeignet macht, zu entscheiden, was geschlechtsreifen, geschäftsfähigen und wahlberechtigten Menschen zugemutet werden kann und was nicht. Dennoch führen sie sich auf, als sei es vorderster Zweck des Journalismus, das Bewusstsein des Lesers zu formen. Die Versorgung mit Informationen wird dabei zur Nebensache. Das widerspricht aber dem Menschenbild der Aufklärung: Wenn man ihnen die Wahl lässt, erkennen Menschen mehrheitlich Bullshit und entscheiden sich dagegen.

Medienmacher: Karriereförderungsverein mit Identitäts-Klimbim.

In den meisten Fällen werden seriöse Journalisten zum Schluß kommen, dass es keinen begründbaren Sachbezug gibt, die Herkunft eines Straftäters zu nennen. Und wenn sie die Herkunft nennen, werden sie diese auch so einordnen können, dass nur genau diese Kreise es falsch verstehen, die für das Selbstgespräch einer aufgeklärten Gesellschaft verloren sind und sowieso alles falsch verstehen wollen.

Die „eigenwillige“ Auslegung des Pressekodex bleibt jedenfalls -wie schon ihr Newspeak-Katalog- ein Mißtrauensvotum gegen das Publikum. Der Leser ist gut beraten, den NDM mit gleichartiger Skepsis zu begegnen.

Möglicherweise glauben die Neuen Deutschen Medienmacher selbst, dass ihr Vorstoß „nichts mit einem ,Verschweigen‘ oder ,Vertuschen unliebsamer Wahrheiten‘“ zu tun hat. Im Ergebnis bereiten sie mit ihrer Forderung das Feld für „rassistische Blogger und populistische Publizisten“. Ohne die hätten sie sie ja auch nur die selbe Existenzberechtigung wie die Neue Deutsche Burschenschaft – als ein weiterer Karriereförderungsverein mit ein bisschen Identitäts-Klimbim.

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6 Kommentare zu “Medienmacher gegen Pressekodex und Realität

  • #1
  • #2
    Klaus Lohmann

    Ob man als Pressemedium nun den Diskriminierern betreutes Lesen verordnet oder den Pressekodex neu und eindeutig definiert, ist angesichts solcher Meldungen und der Kommentare darauf mittlerweile ziemlich egal: http://www.derwesten.de/staedte/bochum/belaestigung-im-bermudadreieck-bochumerin-schlaegt-alarm-id11473386.html

    Auch wenn dort "deutsche Täter" oder sogar das überpolitischkorrekte "biodeutsche Täter" gestanden hätte, wären die Kommentare weiter im Tenor "auch Ausländer können ja akzentfreies Deutsch", "der türkische Imbiss hat Schuld", "die Mädchen waren doch selbst Schuld", "alles nicht so schlimm gewesen" und ähnlichen Hirnauswürfen verhaftet geblieben.

    Das "zweierlei Maß" wird wieder zur Messlatte deutscher Bedindlichkeiten, da helfen auch Medien nicht mehr weiter.

  • #3
    Helmut Junge

    Einen derart komplizierten Zusammenhang so klar zu beschreiben, zu erklären, und dann noch leicht lesbar zu formulieren, das muß ich einfach loben. Und das noch in meinem Sinn!
    Klasse Daniel Fallenstein!
    So mag ich Ruhrbarone.

  • #4
    Nansy

    Der Schriftsteller Peter Schneider hat dazu in einem Artikel folgendes gesagt: "Es sind selten die Tatsachen, die die von allen Seiten an die Hand genommenen Bürger in die Arme rechter Populisten treiben – es verhält sich umgekehrt: Wenn die Bürger Grund zu der Annahme haben, dass ihre Wahrnehmungen und Sorgen nur noch von rechten Populisten benannt werden, erst dann ist der Zulauf zu diesen Populisten garantiert." Besser und kürzer kann man es nicht sagen!

    Zu der von Daniel Fallenstein erwähnten "Epoch Times": sie ist u.a. das Leitmedium der chinesischen Sekte Falun Gong, die sich über diese Zeitung einen Propagandakrieg mit der chinesichen Führung liefert. Andere Themen dienen – meiner Meinung nach – nur zur Umrahmung dieses Zieles und zur Erhöhung der Auflage.

  • #5
    Alreech

    Auch die biodeutsche Herkunft der Straftäter wird gerne vermeldet, wenn sie in das Konzept passt.
    Bestes Beispiel sind die jährlichen Massenvergewaltigungen auf dem Oktoberfest, die ausschließlich von Deutschen begangen werden (Ausländer haben schließlich keinen Zutritt zur Wiesn).

    Aber was solls, wer seine Leser mit solchen Mitteln erziehen will produziert im besten Fall Zyniker, im schlimmsten Fall aber neue Kunden für "alternative Medien".

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