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„Medienunternehmen verbreiten oft nur Propaganda“

Der Amerikanische Recherche-Professor Peter Phillips leitete das Project Censored von 1996 bis vor wenigen Wochen. Im ausführlichen Interview mit den Ruhrbaronen am Rande eines Vortrags am Institut für Journalistik der Uni Dortmund spricht er über PR-Agenturen, moderne Zensur und spendenfinanzierten Journalismus. Weltweit, sagt Phillips, sei die Wahrheit zunehmend in Gefahr. Journalisten und ihre Geschichten würden immer häufiger beeinflusst.

Ruhrbarone ?: Project Censored gibt es seit 34 Jahren. Ist die Mediendemokratie heute mehr gefährdet als bei dessen Gründung 1976?

Peter Phillips !: 1976 dominierten 50 Unternehmen die US-Medien. Ben Bagdikian hatte das in seinem Buch The Media Monnopoly beschrieben und wir waren damals wirklich geschockt, dass nur 50 Unternehmen die Kontrolle über die Medien hatten. Heute sind es noch 10 Unternehmen. Obwohl es 700 Tageszeitungen in den USA gibt, kommt fast der gesamte Inhalt von AP, der New York Times oder der Washington Post. Beim Fernsehen das Gleiche: CNN, NBC, FOX – der Inhalt ist fast überall gleich. Reporter gehen zum Weißen Haus oder zu den Pentagon-Pressekonferenzen, aber es gibt kaum noch Korrespondenten weltweit. Die New York Times hat zwei Tage gebraucht, um jemanden nach Haiti zu schicken. Dafür sind wir super informiert, was Film- und Musikstars machen. Hinzu kommen Verschwörungs-Theorien um Al-Quaida: Wir müssen alle Angst haben, überall lauern böse Menschen in der Welt – wirklich ernste, negative Propaganda gegen Personen, die das Business nicht mag: Hugo Chavez, Ahmadinedschad, die Chinesen. Das sind sich ständig wiederholende Stereotype in den Medien.

?: Wie beurteilen Sie im Vergleich die Situation der Medien in Deutschland?

!: Ich denke, das deutsche System ist vielfältiger. Zum Beispiel mit den subventionierten Fernsehstationen. Deutsche Reporter waren bei mir zu Hause, kamen extra bis nach Kalifornien, um mich zu interviewen. Ich war vermutlich öfter im deutschen Fernsehen, als im amerikanischen. Es gibt in Deutschland sicherlich stärkere, offenere und transparentere Medien. Aber es ist nicht perfekt. Es gibt die Initiative Nachrichtenaufklärung und Geschichten, die nicht veröffentlicht werden. Also ist es wichtig, dass es Universitäten und Medienmacher gibt, die sich für solche Geschichten stark machen. Und engagiertes, investigatives Schreiben fördern, damit transparent wird, was die mächtigen Leute tun.

Der Amerikanische Recherche-Professor Peter Phillips leitete das Project Censored von 1996 bis vor wenigen Wochen. Im ausführlichen Interview mit den Ruhrbaronen am Rande eines Vortrags am Institut für Journalistik der Uni Dortmund spricht er über PR-Agenturen, moderne Zensur und spendenfinanzierten Journalismus. Weltweit, sagt Phillips, sei die Wahrheit zunehmend in Gefahr. Journalisten und ihre Geschichten würden immer häufiger beeinflusst.

Ruhrbarone ?: Project Censored gibt es seit 34 Jahren. Ist die Mediendemokratie heute mehr gefährdet als bei dessen Gründung 1976?

Peter Phillips !: 1976 dominierten 50 Unternehmen die US-Medien. Ben Bagdikian hatte das in seinem Buch The Media Monnopoly beschrieben und wir waren damals wirklich geschockt, dass nur 50 Unternehmen die Kontrolle über die Medien hatten. Heute sind es noch 10 Unternehmen. Obwohl es 700 Tageszeitungen in den USA gibt, kommt fast der gesamte Inhalt von AP, der New York Times oder der Washington Post. Beim Fernsehen das Gleiche: CNN, NBC, FOX – der Inhalt ist fast überall gleich. Reporter gehen zum Weißen Haus oder zu den Pentagon-Pressekonferenzen, aber es gibt kaum noch Korrespondenten weltweit. Die New York Times hat zwei Tage gebraucht, um jemanden nach Haiti zu schicken. Dafür sind wir super informiert, was Film- und Musikstars machen. Hinzu kommen Verschwörungs-Theorien um Al-Quaida: Wir müssen alle Angst haben, überall lauern böse Menschen in der Welt – wirklich ernste, negative Propaganda gegen Personen, die das Business nicht mag: Hugo Chavez, Ahmadinedschad, die Chinesen. Das sind sich ständig wiederholende Stereotype in den Medien.

?: Wie beurteilen Sie im Vergleich die Situation der Medien in Deutschland?

!: Ich denke, das deutsche System ist vielfältiger. Zum Beispiel mit den subventionierten Fernsehstationen. Deutsche Reporter waren bei mir zu Hause, kamen extra bis nach Kalifornien, um mich zu interviewen. Ich war vermutlich öfter im deutschen Fernsehen, als im amerikanischen. Es gibt in Deutschland sicherlich stärkere, offenere und transparentere Medien. Aber es ist nicht perfekt. Es gibt die Initiative Nachrichtenaufklärung und Geschichten, die nicht veröffentlicht werden. Also ist es wichtig, dass es Universitäten und Medienmacher gibt, die sich für solche Geschichten stark machen. Und engagiertes, investigatives Schreiben fördern, damit transparent wird, was die mächtigen Leute tun.

?: Auch in Deutschland entstehen immer mehr große Medienkonzerne und Redaktionen müssen schließen.

!: Das passiert weltweit. Deshalb sagen wir, dass die Wahrheit international in Not ist, nicht nur in Amerika (→ Link „Truth Emergency International“). Große Medienunternehmen verbreiten in Wirklichkeit oft nur Propaganda und PR-Agenturen arbeiten mit Hunderttausenden Mitarbeitern in fast allen Ländern der Erde. Sie produzieren Nachrichten und benutzen private und staatliche Medien als reine Kanäle für ihre selbst kreierten Geschichten.

?: Haben Sie Angst vor einer Medienlandschaft, die von PR und Lobbyismus domniert wird? Oder ist es sogar schon so weit?

!: Es könnte noch schlimmer werden. Ich denke, es wird schlimmer. In den USA haben zwei Drittel der Leute kein Vertrauen mehr in die Medien und ich denke, wir haben mit Project Censored auf diesem Gebiet schon Erfolg gehabt. Aber viele Leute bekommen ihre Informationen noch immer fast nur durch das Fernsehen. Vor allem junge Leute lesen keine Zeitungen. Sie wollen zwar wissen, was passiert und was die Mächtigen machen. Aber sie wissen nicht, wo sie es herbekommen.

?: In Ländern wie den USA oder Deutschland gibt es offiziell keine Zensur. Sie aber sprechen von „moderner Zensur“. Was meinen Sie damit?

!: Das meint jegliche Einmischung in den freien Informationsfluss. Das kann strukturell sein, eine elektronische Beschränkung oder wenn man freiwillig eine Geschichte nicht schreibt beziehungsweise eine Geschichte, die den wichtigsten Teil der Story auslässt. Oder das Beispiel mit den Toten in Irak. Es gibt offiziell untersucht über eine Millionen zivile Opfer des Irak-Krieges. Trotzdem gibt es eine Geschichte von AP, mehrmals veröffentlicht im vergangenen Jahr, dass eine anonyme Quelle in Bagdad bestätige, dass es lediglich 87000 Opfer gibt. Unter Zensur fällt nicht nur, wenn die Regierung bestimmte Informationen verbietet. Es ist jede Einmischung in die volle Transparenz.

?: Wer oder was verursacht diese moderne Zensur?

!: Große Unternehmen. Es gibt riesige, milliardenschwere Bankenkomplexe, große Waffenfirmen, Medienkonzerne – und sie sind in privaten Händen. Sie sind nicht transparent und sie treffen Entscheidungen mit dem Ziel, das meiste Geld zu machen und nicht, das Beste für die Menschen, für die Allgemeinheit, für das Land zu tun. Sie denken nur daran, wie sie mehr Geld machen können. Sie sind sehr untransparent, von oben herab kontrolliert, undemokratisch. Und sie sind verbunden mit der Regierung. Wissen Sie, die höchsten Ebenen der Regierung, die Demokratie und Transparenz erst Recht nötig hätten, sind buchstäblich eine Drehtür für diese Konzerne und deren Leute. Als Dick Cheney in die Regierung kam, wechselte er direkt vom Waffenkonzern Halliburton. Und nach dem 11. September, als der Krieg gegen den Terror begonnen hatte, stiegen die Halliburton-Aktien in den nächsten zwei Jahren um 1000 Prozent. Cheney machte unglaublich viel Geld durch seine Halliburton-Aktien, obwohl er nicht direkt für die Firma arbeitete. Außer, dass das Pentagon seine Ausgaben deutlich ausweitete und Halliburton zahlreiche Verträge bekam. Das müsste veröffentlicht werden und darüber sollte gesprochen werden. Aber wir sehen diese Geschichten nicht in den Medien.

?: Project censored nennt drei Probleme moderner Beeinflussung von Medien: Ökonomischen Druck, rechtlichen Druck und politischen Druck. Was ist derzeit das größte Problem?

!: Es gibt derzeit nicht viele rechtliche Probleme für Journalisten in Amerika. In England schon. Dort können sie verklagt werden, wenn sie jemanden mit einer Geschichte verletzen, selbst wenn die Geschichte wahr ist. In Amerika geht das nicht. Problematischer sind wohl die konzentrierten politischen Machtverhältnisse in den USA. Demokraten und Republikaner teilen sich fast alle Parteispenden von Unternehmen. Zwei Parteien bestimmen die Regierung, bei denen die Personen manchmal unterschiedlich sind, aber die Programme, die Kriege, die Schulden sind immer dieselben. Bei der Bankenkrise verteilen beide Parteien gemeinsam eine Billionen Dollar an die Banken, damit sie nicht zusammenbrechen. Dabei war Penny Pritzker, Obamas wirtschaftliche Beraterin aus Chicago, diejenige, die dieses verhängnisvolle Kreditsystem in den Neunzigern erfunden hat. Das ist in unabhängigen Medien veröffentlicht worden. Eine Radiostation in Kalifornien hat das öffentlich gemacht. Und: Pritzker war die größte Spendensammlerin für Obama.

?: Die Umstände für investigativen Journalismus werden schlechter: Verlage fahren die Kosten herunter, Zeitungen schließen.

!: Und Zeitungen werden aufgekauft. Sie haben Netzwerke von 50 oder 100 Zeitungen, die alle von einem Unternehmen geführt werden. Und dieses Unternehmen hat einen Aufsichtsrat. Und der will Geld machen. Vor 30 Jahren waren Zeitungen sehr profitabel, da gab es 30 Prozent Gewinn. Jetzt schrumpft die Wirtschaft und das Anzeigenvolumen schrumpft. Die meisten Zeitungen sind noch immer profitabel. Aber sie sind nicht so profitabel, wie die Kapitalisten sie haben wollen. Also schrauben sie die Kosten zurück. Die Fernsehstationen wollen, dass die Nachrichtenstationen Geld abwerfen. Nachrichtenstationen werfen niemals Geld ab. Sie sind öffentliche Aufgabe. Jetzt sollen sie Geld abwerfen, also müssen sie einen höreren Unterhaltungsfaktor haben, damit die Leute zugucken und die Sender Anzeigen verkaufen können.

?: In Deutschland gibt es ähnliche Tendenzen. Sehen Sie eine Möglichkeit, diesen Trend zu stoppen?

!: Die Antwort ist: Werbung besteuern, Aktien besteuern oder die Reichen irgendwie anders besteuern. Und öffentliche Institutionen aufbauen mit investigativen Journalisten, die an das öffentliche Recht auf Transparenz glauben, wie Professoren angestellt sind und recherchieren und veröffentlichen können, wie sie wollen. Das wären demokratiebildende Institutionen. Der Kern der Institutionen weltweit sind privatwirtschaftliche Unternehmen und sie sind nicht demokratisch. Sie sind vom Reichtum und von den Aktionären kontrolliert. Und sie töten. 30000 Menschen sterben jeden Tag aufgrund von fehlender Nahrung oder Krankheiten, die extrem einfach geheilt werden könnten. Das sind zehnmal so viele wie im World Trade Center. Es gibt zwei Milliarden Menschen auf der Welt, die von weniger als 1,50 Dollar am Tag leben. Und auf der anderen Seite gibt es diese milliardenschweren Firmenchefs, die in Privatfliegern herumfliegen und in den teuersten Restaurants der Welt essen. Das ist eine verrückte Umkehrung von Macht, die demokratisch zurechtgerückt werden muss.

?: Wie realistisch ist das? Schließlich würden sich Regierungen ins eigene Fleisch schneiden, wenn sie solche Recherche-Institutionen aufbauen.

!: Soziale Initiativen für Gleichheit, gegen Armut und Krieg sind sehr wohl möglich. Schauen Sie auf Ghandi oder Martin Luther King. Aber Sie brauchen gar keinen Anführer. Sie brauchen einfach Millionen Menschen, die sagen: Genug ist genug. Ich werde das nicht weiter mitmachen. Ich werde nicht weiter diese Kriege unterstützen. Wenn sie diese Millionen Menschen beisammen haben, dann können die Mächtigen uns nicht alle ins Gefängnis stecken oder umbringen. Wir engagieren uns gewaltfrei für demokratische, offene Institutionen und bringen sie dazu, sie zu gründen. Es sind unsere Steuern, es ist unsere Regierung, es ist unser Leben. Und wir können die Menschenrechte hochhalten. Egal welche Religion wir haben. Die Grundsätze sind in allen Religionen gleich. Die Eliten bringen uns dazu, uns gegenseitig an die Gurgel zu gehen oder dass wir die Einwanderer für Arbeitslosigkeit verantwortlich machen. Auch hier in Deutschland, wo die Türken für Arbeitslosigkeit verantwortlich gemacht werden. Das schürt Hass. Und dann geben wir unsere Bürgerrechte für unsere Sicherheit auf. Aber das ist falsch. Sobald Sie ihre Bürgerrechte aus Angst aufgeben, damit die Regierung auf Sie aufpasst, sind Sie kein selbstbestimmtes, menschliches Wesen mehr – Sie werden wie ein Sklave.

?: In Deutschland gibt es die Diskussion über Nacktscanner, die an Flughäfen installiert werden sollen. Es sieht so aus, als würde diese Entwicklung nicht gestoppt.

!: Von alleine hört das nicht auf. Die einzige Möglichkeit diese Entwicklung zu stoppen, ist die Ungleichheit zwischen den Nationen zu verringern, Krieg und Arbeitslosigkeit in der Welt abzuschaffen. Dann hätten Sie keine Menschen mehr aus dem Jemen oder Irak, die die USA hassen. Wenn wir dort keine Kriegstruppen hätten, wenn wir ihre Anführer nicht töten würden, wenn wir ihre Ressourcen nicht ausbeuten und ihr Öl rauben würden. Es sollte Missionen der Hoffnung und der Unterstützung geben anstatt Missionen der Zerstörung und des Krieg.

?: Sie haben gesagt sie brauchen Millionen von Menschen, die sich nicht mehr anlügen lassen wollen. Aber um diese Menschen so weit zu bringen, müssen Sie sie doch erstmal informieren.

!: Darum ist Mediendemokratie so lebenswichtig für das System. In den USA gibt es eine Gruppe von Menschen, die gegen Sozialisten und Einwanderer schreien und die Regierung immer unterstützen. Diese Leute werden von den Mächtigen manipuliert und Fox News ist sehr gut darin.

?: Gibt es eine Chance diese Leute zu informieren oder sind sie verloren?

!: Natürlich gibt es diese Chance. Es mag sein, dass wir ihre Einstellung nicht ändern, aber das muss auch nicht sein. Sie brauchen keine 100 Prozent Unterstützer. Sie brauchen viele gute, demokratisch aktive Leute. Vielleicht zehn Prozent der Bevölkerung – und der Rest geht dann einfach mit. Wenn Sie in einem 100 Millionen Land zehn Millionen an der Basis engagierte Leute haben. Wenn diese die Wahrheit herausfinden wollen, investigativ recherchieren, Medien aufbauen, kleine Kabel und Radio-Stationen mit Informationsaustausch und offenen Diskussionen gründen. In Zusammenarbeit mit verschiedenen Gruppen, Kirchen, Organisationen. Dann werden sie gewinnen, dann werden sie nicht gestoppt, dann müssen sie von jedem Mächtigen beachtet werden.

?: Eine optimistische Sichtweise.

!: Das ist keine optimistische Sichtweise, das ist der Weg der Wahrheit. Wenn Sie die Wahrheit verbreiten und ihr Herz für die Verbesserung der Menschheit schlägt, dann werden Sie gewinnen. Und wenn nicht …naja, dann waren Sie schlecht in Form.

?: In den USA gibt es derzeit Initiativen, die über Spenden oder private Stiftungen Recherche-Journalismus finanzieren. Auch ihr Institut sammelt Spenden. Ist das auf lange Sicht eine Zukunfts-Alternative?

!: Nein, nein. Es muss strukturell sein. Es müssen demokratische Institutionen aufgebaut werden und Geld und Ressourcen dort hineingesteckt werden. Das kann nicht nur auf Spenden basieren. Es kann nicht sein, dass ein paar reiche Leute uns retten sollen. Menschen müssen ihre eigenen Regierungen kontrollieren. Und letztendlich auch ihre Unternehmen. Der oberste Gerichtshof in den USA hat vor kurzem entschieden, dass Unternehmen den Parteien so viel Geld spenden und so viel Parteienwerbund finanzieren können wie sie wollen, weil sie Personen seien. Aber Unternehmen sterben niemals. Personen sterben. Unternehmen müssen auch sterben. Diese Idee, dass es unbegrenzte Macht für diese Unternehmen gibt, die immer politischer werden – das ist falsch. Das müssen wir rückgängig machen. Sogar Obama war von der Entscheidung des obersten Gerichtshofes geschockt und meinte, da müsse man etwas ändern. Ich glaube aber nicht wirklich daran. Das muss eine Bewegung des Volkes sein.

?: Wer in Deutschland als junger Journalist sein Geld mit Recherche verdienen will, bekommt oft genug prophezeit: Du wirst irgendwann ohnehin in der PR landen. Ist das mittlerweile so? Oder gibt es eine Alternative?

!: Vielleicht müssen Sie einen Brotjob annehmen. Wenn Leute sagen: ‚Ich will ein Journalist werden‘, sage ich: In Ordnung. Du willst auch eine Familie haben? Ein Haus? Dann besorg dir einen Alltagsjob und tue das was du liebst und an das du glaubst nebenher. Am Abend, in deiner Freizeit. Wir als College-Professoren können Dinge thematisieren und darüber reden, wie wir wollen. Das ist perfekt. Ich kann mir keine Position vorstellen, in der ich freier und offener über Dinge sprechen kann, an die ich glaube und die ich für wichtig halte. Aber viele Leute können das nicht, sie haben Jobs, die sie kontrollieren. Sie sind vorsichtiger. Deshalb denke ich, dass Universitäten so wichtig sind. Nicht nur, weil die Studenten dort Zeit zum investigativen arbeiten haben. Auch die Professoren müssen sich öffentlich engagieren für Soziologie, Journalismus, Agrarwissenschaften oder was immer. Jede Disziplin, jede Wissenschaft muss öffentlich gemacht werden, um demokratische Institutionen oder die medizinische Versorgung oder den Anbau von Lebensmitteln zu verbessern.

?: Tatsächlich aber ist in Deutschland die Lernzeit an Universitäten verkürzt worden. Es gibt jetzt strikt regulierte Bacholor- und Master-Studiengänge, aber keine Diplome mehr.

!: Das ist von oben herab befohlen. Das Gleiche passiert in den USA. Die Leute wollen College-Abschlüsse, damit sie einen Job bekommen. Und sie wollen lediglich, dass das College sie trainiert, damit sie vernünftig arbeiten, wenn sie später bei einem Unternehmen angestellt sind. Und deshalb werden die kritisch denkenden Wissenschaften wie Recherche-Journalismus oder Soziologie, aber auch die harten Wissenschaften, welche die bestehenden Strukturen kritisieren, werden untergraben. Von der Politik, von den Geschäftsmännern und den Kaufleuten, die sagen: Wir wollen Studenten, die gute Arbeiter werden. Keine kritischen, demokratischen Denker.

?: Wie beurteilen Sie die Berichterstattung von amerikanischen Medien über andere, nicht mit den USA befreundete Staaten wie den Iran oder Venezuela?

!: Es gibt große Vorurteile in der Berichterstattung der Medien gegenüber dem Iran und dessen Regierung. Vor allem wegen der Historie und der Revolution, aber teilweise auch, weil der Iran Öl an China verkauft. Diese Vorurteile werden jedesmal wirksam, wenn über den Iran berichtet wird. Die westlichen Medien widmen den Demonstrationen sehr viel Aufmerksamkeit, aber das bildet nicht vollkommen ab, was im Iran vor sich geht. Ahmadinedschad wird als eine verrückte Person dargestellt, der den Holocaust geleugnet hat, was so nicht stimmt. Er hat lediglich gesagt, dass der Holocaust als Grund für die Gründung Israels angeführt wird. Ich denke, dass im Iran eine starke, von Studenten angeführte Demokratiebewegung stattfindet. Das ist gut und gehört unterstützt. Ich weiß nicht, was dort wirklich passiert, aber die Berichterstattung ist von massiven Vorurteilen geprägt. Genauso bei Hugo Chavez oder Fidel Castro.

?: Weil die Interessen von Politik und Unternehmen anders sind, als die Interessen von Chavez oder Castro?

!: Genau. Vor allem in der westlichen Presse ist jeder schlecht angesehen, der gegen den amerikanischen Kapitalismus und Imperialismus opponiert. Die Regierungen in Venezuela, Bolivien, Ecuador oder auch Brasilien haben der amerikanischen Politik widerstanden und versucht wirklich etwas für das Volk zu tun, gewählt in demokratischen Wahlen. Die USA aber versuchen ihre Macht zu erhalten. Wir haben zahlreiche Militärbasen in aller Welt. In Kolumbien oder Honduras ist das Militär aktiv, auch in El Salvador. Die USA zeigen dort starke Präsenz. Wenn also Menschen aufstehen und durch demokratische Wahlen ihr Dasein bessern wollen, vor allem das der Geringverdiener, so wie es in Venezuela geschehen ist, dann provoziert das Widerstand der Eliten aus Amerika und befreundeten Ländern.

?: Glauben Sie, dass die Mehrheit der US-Amerikaner diese Prozesse durchschaut?

!: Nein, die Mehrheit der Amerikaner kann das nicht durchschauen. Sie sehen diese Länder sehr negativ.

?: Und in anderen Ländern? Die Frage ist: Will die Mehrheit der Menschen die Wahrheit überhaupt wissen?

!: Ich denke, tief im Herzen wollen die Menschen genau wissen, was die Mächtigen tatsächlich tun. Ganz besonders, wie das ihr Leben und ihre Familien beeinflusst. Und ich glaube auch an die Herzen der Menschen. Wenn Sie Demokratie wollen heißt das, dass Sie dem menschlichen Geist trauen. Dass Sie den Menschen zutrauen, das Beste für sich und die Gesellschaft zu entscheiden, wenn sie vollkommen informiert sind. Und ich denke, dieses Vertrauen sollte jeder haben, der Demokratie von der Basis aus verbreiten will.

?: Ist sich denn die Mehrheit der Journalisten überhaupt im Klaren über ihre Aufgabe, Öffentlichkeit und damit Demokratie herzustellen?

!: Einige sind es. Die meisten Menschen gehen zu Journalistenschulen, weil sie an die Aufgaben der Presse und das öffentliche Recht auf eine offene, transparente Gesellschaft glauben. Einige werden dann in politische Motive eingespannt, um bestimmte Dinge nicht zu sagen. Andere werden bezahlt, sogar von der CIA, um bestimmte Geschichten zu schreiben. Oder sie bekommen eine Insider-Information von Regierungsbehörden und werden die Starreporter, welche die Story präsentieren und darüber schreiben können. Weil dies Teil ihrer Persönlichkeit ist werden sie so korrumpiert. Zum Großteil denke ich aber, dass Journalisten in sehr idealistischer Weise in den Beruf starten und sich dann dem System angleichen, weil sie lernen, welche Art von Geschichten veröffentlicht werden und welche nicht. Einige andere hören auf.

?: Wenn sie bei drei Wünsche frei hätten, die Sie ausschließlich für die Zukunft des Journalismus einsetzen dürfen – welche drei wären das?

!: Ich hätte total gerne kommunale Radiostationen und Zeitungen, finanziert aus Steuergeldern. Überall auf der Welt, verbunden über das Internet, damit sie ihre Geschichten untereinander teilen können. Gute Übersetzungsmaschinen würde ich mir wünschen, damit wir uns untereinander verstehen können. Es wäre sehr wichtig, dass wir ohne Probleme Zeitungen aus Deutschland oder von überall her lesen könnten. Und Universitäts-Professoren, welche die Situation analysieren, uns Richtlinien und Maßstäbe geben und in noch größerer Breite recherchieren können. Das könnte ein sehr demokratisches, transparentes System ergeben, durch das wir erfahren, welche Entscheidungen die Mächtigen treffen. Die Macht könnte so besser kontrolliert werden.

?: Das amerikanische Informationsfreiheitsgesetz (Freedom of Information Act) gilt oft als paradiesisch im Gegensatz zum deutschen, das noch in den Kinderschuhen steckt. Trifft das zu oder ist es komplizierter?

!: Es könnte nicht komplizierter sein. Sehen Sie. Sie machen eine Anfrage nach dem Free Information Act an eine Regierungsbehörde. Und diese reagiert nicht. Dann müssen Sie klagen. Das heißt: Anwalt und hohe Kosten. Wenn Sie eine Institution sind, können Sie das tun. Aber wenn Sie ein einzelner Mensch sind, können Sie denen nochmal schreiben, können sich beschweren – aber das ist ein langer, langer Prozess. So können wir vielleicht Jahrzehnte später etwas herausfinden.

?: Das hört sich ähnlich an wie in Deutschland. Auch hier sind die Rechtskosten oft hoch.

!: Ich hätte gern alle Tonband-Aufnahmen und Materialien vom 11. September. Aber es gibt viele Dinge, die man nicht bekommt oder herausfindet. Ich wüsste auch gerne, was das Positionspapier „Projekt für das neue amerikanische Jahrhundert“ erreichen will. 1999 haben sie geschrieben, dass wir ein neues „Pearl Harbor“ brauchen, um die militärische Präsenz der USA in der Welt auszuweiten. Sie haben das genau so geschrieben. Rumsfeld und Cheney und zwei weitere Dutzend von wichtigen amerikanischen Eliten. Ein Dokument, dass sagt, dass die US-Armee größer werden muss, dass die USA China kontrollieren muss und dass wir, um das zu erreichen, ein neues Pearl Harbor brauchen. Und? Sie haben es bekommen. Der 11. September war das neue Pearl Harbor. Wir wissen nicht, was da passiert. Aber ich würde es gerne fragen, ich würde es gerne recherchieren. Wir wissen, wer profitiert hat. Wir wissen, wer wollte, dass es passiert. Wir wissen nicht, wie es passiert ist und wer was passieren ließ. Aber ich würde es gerne wissen.

Das Interview ist in gekürzter Fassung auch auf evangelisch.de und medien-monitor.com erschienen.

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10 Kommentare zu “„Medienunternehmen verbreiten oft nur Propaganda“

  • #1
    Arnold Voß

    „Die westlichen Medien widmen den Demonstrationen sehr viel Aufmerksamkeit, aber das bildet nicht vollkommen ab, was im Iran vor sich geht. Ahmadinedschad wird als eine verrückte Person dargestellt, der den Holocaust geleugnet hat, was so nicht stimmt.Er hat lediglich gesagt, dass der Holocaust als Grund für die Gründung Israels angeführt wird.“

    Wirklich? Die westlichen Medien widmen den Domostrationen im Iran s e h r viel Aufmerksamkeit? Und Ahmadinedschad hat l e d i g l i c h gesagt, dass der Holocaust für die Gründung Israels angeführt wird? Und das hat ein Professor für Recherche heraus bekommen? Will uns Mr. Philips veralbern? Und warum fragt unser Interviewer da nicht mal nach?

    Kann es sein, dass dieser Professor genauso einseitig und ideologisch denkt wie die, die er kritisiert?

  • #2
  • #3
    Stefan Laurin

    „Die New York Times hat zwei Tage gebraucht, um jemanden nach Haiti zu schicken.“ Naja, da war ein Erdbeben oder so und vielleicht fanden es ein paar Leute wichtiger, dass Hilfskräfte landen konnten. Aber OK, es war sicher ein CIA-Erdbeben. Das musste natürlich erst einmal vertuscht werden.

  • #4
    David Schraven

    @ Stefan

    Deinen Kommentar finde ich nicht klug. Natürlich hätte am gleichen, spätestens am nächsten Tag ein Reporter da sein müssen. Da braucht man nicht mit einer kindischen Verschwörungstheorie zu kommen.

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  • #6
    Daniel Drepper Artikelautor

    @ Arnold Voß: Der Interviewer hat nicht nachgefragt, weil das absolut am Thema des Interviews vorbeigeht und ich mich nicht auf eine Diskussion über Ahmadinedschad und die Demonstrationen im Iran einlassen wollte, wenn ich eigentlich über die Funktionsweisen und Probleme der (amerikanischen) Medien-Berichterstattung rede. Das heißt aber nicht, dass ich der gleichen Ansicht bin, wie Peter Phillips. Ich finde jedoch, dass ich Interviewten nicht ihre Meinung rausstreichen sollte, nur weil sie nicht meiner eigenen Meinung entspricht.

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  • #8
    Marcus

    Es kann sein, dass ich bestimmte Passagen fahrlässigerweise überlesen habe, aber mich verwundert, dass die Rolle des Internets, speziell Online-Magazine und Blogs nicht thematisiert wurde. Es mag naiv sein zu denken, durch eine engere Vernetzung und internationale Kooperationen von Blogs könnte sich die Informationslandschaft noch weiter verbessern; genau das ist allerdings meine Hoffnung. Und vielleicht könnte dieses System dabei behilflich sein. Da geht noch was, Optimismus ist noch rudimentär vorhanden 🙂

  • #9
    Arnold Voß

    Er spricht genauer gesagt von rein staatlich finanzierten Radiostationen und Zeitungen. Ob die allerdings das demokratische und vor allen transparente Informationssystem garantieren das er sich wünscht?

    Mr. Philips Sichtweise ist nämlich genau auf diesem Auge blind. Als gäbe es nur private Macht und private Interessen die unsere Medien beeinflussen. Auch ein steuerfinanziertes öffentlich-rechtliches Systen steht unter erheblichem Interesseneinflüssen von politischen Parteien und engstirnigen Bürokratien.

  • #10
    Michael Kolb

    Nun ja, immerhin hat mit ABC eines der gescholtenen privaten Medienunternehmen vor ein paar Tagen genau das gemacht, gemäß des „Free Information Act“ die Herausgabe und Veröffentlichung von bisher geheimen Material einzuklagen. Sinnigerweise auch noch zum Thema 9/11

    http://abcnews.go.com/Politics/slideshow?id=9763032

    http://www.faz.net/s/RubB08CD9E6B08746679EDCF370F87A4512/Doc~E624A26F4A2DA44729BB3F86EEFB6C084~ATpl~Ecommon~Scontent.html

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