Gehasster Schnee-Engel – Erinnerungen an eine Prügel-Ehe
Nach dem dritten Date machte er mir einen Antrag, nach fünf Monaten heirateten wir, nach zehn fing er an, mich zu schlagen. Unsere Ehe dauerte viereinhalb Jahre. Lieber spuckte ich Blut, als mich meiner Mutter zu stellen. Ich dachte, ich bin besser als sie.
Christian ist 32, ich 24. Gegen Ende April (wir sind jetzt fünf Monate verheiratet) kommen abends ein paar gemeinsame Freunde zu Besuch, darunter auch der Trauzeuge meines Mannes. Im Wohnzimmer heizen wir schon mal vor, damit der Abend in der Stadt nicht so teuer wird. Als wir gerade losgehen wollen, zückt Christian sein Portemonnaie und holt einen Bubble Koks raus. Schnell werden noch vier Lines ausgelegt. Ich bin auch dabei. Seit der Hochzeit ist es das dritte Mal, dass ich kokse. Um mir selber mache ich mir keine Sorgen, weil ich das Dilemma nur allzu gut kenne und ich weiß, dass ich stark genug bin, um nicht in alte Gewohnheiten zu fallen.
Als ich sehe, wie Christian an diesem Abend damit umgeht, fange ich an, mir Sorgen zu machen. Noch bevor wir den Laden betreten, in dem wir die Nacht feiern wollen, sucht er sich ein Eckchen, um noch eine Nase nachzulegen. Im Laden selber verschwindet er zweimal zum Klo. Während er weg ist, unterhalte ich mich mit dem Trauzeugen. Wir können uns gut leiden und reden immer über Gott und die Welt, wenn wir uns treffen. Das hat Christian schon immer gestört.
So auch an diesem Abend. Völlig zugedröhnt und mit weißen Rändern um die Nasenlöcher kommt er aus dem Klo auf uns zugestürmt und schreit mich an, warum ich mich solange mit dem Trauzeugen unterhalte und ob er uns den Schlüssel da lassen soll, damit wir später schön ficken können.
Völlig erschrocken über diesen Ausbruch unterbrechen wir unsere Unterhaltung und gehen voneinander weg. Ich gehe mit Christian zum Tresen, der Trauzeuge auf die Tanzfläche. Nach ein paar Minuten entschuldigt sich Christian bei ihm und bittet ihn, noch mit zu uns nach Hause zu kommen.
Ich bin froh über diese Wendung und hinterfrage mal wieder nicht, was noch kommen könnte. Zu Hause sitzen wir am Küchentisch und reden noch ein bißchen, ziehen noch eine „Abschiedsnase“, als sich Christian aus heiterem Himmel zum Schlafen ins Bett legt. Die ersten Minuten nehmen wir beide das gar nicht so wahr, denken, dass er irgendwas aus dem Schlafzimmer holen will, aber als wir das Schnarchen hören, ist klar, dass er einfach eingeschlafen ist. Dem Trauzeugen erzähle ich von unserem nicht vorhandenen Sexualleben und frage ihn, ob Christian sich mal mit ihm darüber unterhalten hat. Er sieht mich verwundert an und sagt mir, dass Christian immer von mir schwärmt und dass er noch nie so tollen Sex wie mit mir hatte. Ich erzähle ihm, dass wir seit fünf Monaten eben keinen Sex haben, ich total ausgehungert bin und nicht weiß, woran das liegt. Langsam mache ich mir Gedanken darüber, ob ich vielleicht stinke oder irgendwas anderes nicht in Ordnung ist. Ich brauche Bestätigung. Also denke ich mir: Scheiß drauf, ich bin verheiratet mit einem jungen und potenten Typen und habe keinen Sex? Mit 25? Das kann’s ja wohl nicht gewesen sein! Ich beuge mich vor und küsse den Trauzeugen. Ich will sehen, ob mein Mann der Einzige ist, der mich verschmäht. Der Kuss dauert vielleicht zwei Minuten, da steht Christian in der Küche.
Zuerst fassungslos, dann wird er wütend, zieht sich an, spuckt noch einige unverständliche Sätze aus und rennt polternd aus der Wohnung. Einige Minuten später schicke ich den Trauzeugen nach Hause und sage ihm, dass er sich keine Sorgen machen soll und dass das schon wieder in Ordnung kommt.
Die nächsten zwei Tage sehe ich Christian nicht. Er schläft bei einem Kollegen.
Ein paar Wochen zuvor habe ich angefangen, nach der Schule an der Rezeption eines Hotels in der Innenstadt zu arbeiten. Am dritten Tag nach diesem Eklat taucht Christian unerwartet zur Feierabendzeit im Hotel auf, um mich abzuholen. Er fährt mich in ein abgelegenes Waldstück. Auf der Fahrt dorthin redet er kein Wort mit mir. In meinem Kopf entstehen Bilder: Wird er mich hier umbringen und mich einfach verscharren? Vorsichtshalber teste ich, ob die Kindersicherung an der Beifahrertür eingeschaltet ist. Im Wald angekommen, wühlt er nervös im Handschuhfach herum. Mir bleibt das Herz stehen. Er holt zwei Kerzen raus, zündet sie an und stellt sie auf das Armaturenbrett. Ich fange wieder an zu atmen und er fängt an zu erzählen. Er sagt mir, dass er verstehen kann, dass ich das gemacht habe und dass es allein seine Schuld sei, dass es mit uns so weit gekommen ist. Er fängt an zu weinen und entschuldigt sich bei mir dafür, dass er mich so vernachlässigt hat. Er sei so überfordert von seiner Arbeit und irgendwie auch von mir, weil er ständig das Gefühl hat, mir nicht zu genügen. Er sei so beeindruckt von meinem Leben und meiner Lebensart, von den vielen Sachen, die ich mache, davon, dass ich so gebildet sei und dass ich nie stehen bleibe im Leben. Deswegen habe er Angst, mich zu verlieren. Und im Gegensatz zu mir ist er nur ein Malocher, der seine acht Stunden abreisst und danach froh ist, wenn er seine Ruhe hat. Er sei gelangweilt von seinem Leben und beneide mich um meines. Um meine Freiheit. Das Einzige, was ihm Abwechslung bringt, seien die Koks-Partys. Das geht noch stundenlang so weiter. Wir sitzen im Auto und unterhalten uns die ganze Nacht über Möglichkeiten, unser Zusammensein so zu ändern, dass wir beide zufrieden sein können.
Ich bin in dieser Nacht schon zufrieden. Er nicht. Er sagt mir noch, dass er es nicht in Ordnung findet und schon gar nicht vor seiner Familie legitimieren kann, dass ich keine klassische Hausfrau bin. Er bittet mich darum, dafür zu sorgen, dass die Wohnung aufgeräumt ist und das Essen auf dem Tisch steht, wenn er von der Arbeit kommt. Ich versuche an seine Vernunft zu apellieren und erkläre ihm, dass ich mich nach dem Unterricht auf der Schultoilette umziehe, um die Spätschicht im Hotel zu machen, und frage ihn, ob er nicht mitbekommen hat, dass ich die letzten zwei Monate von morgens sieben bis abends elf unterwegs bin. Daraufhin sagt er mir, dass ich nicht arbeiten gehen muss und dass er genügend Geld hat, um uns beide zu versorgen. Das sehe ich anders und spreche ihn auf die zwanzigtausend Euro Kredit an, die er noch zu zahlen hat. Den Kredit hatte er sich genommen, als er sich von der Mutter seiner Tochter getrennt hat. Für den Neuanfang. Später fand ich heraus, dass er das meiste Geld davon in Kokain umgesetzt hat.
Die nächsten zwei Wochen verlaufen um des Friedens willen wieder sehr harmonisch. Ich zeige gute Miene zum bösen Spiel. Wir lachen viel zusammen, ich zeige ihm ein bißchen mehr von meiner Welt, er mir ein bißchen von seiner. Wir gehen mit den besten Hoffnungen auf uns zu. Wir gehen Kompromisse ein. Wir schlafen auch wieder miteinander. Anfang Juni verabreden wir uns das erste Mal seit langem mit gemeinsamen Freunden bei uns zu Hause, um den Abend miteinander zu verbringen. Wir hatten vorher abgemacht, dass Christian noch Koks besorgt, zwei Gramm. Eines für die Gemeinschaft, eines für später. Nur für uns beide. Mittlerweile hat sich mein Konsum wieder dahingehend entwickelt, dass ich mich richtig darauf freute und wenn das Wochenende vorbei war, konnte ich nur schwer das nächste erwarten. Es ist wieder fast wie früher: diese Erwartung an einen absolut euphorischen Abend, die super Ideen, die man hat und von denen man ganz sicher ist, dass man sie auch umsetzt, wenn man wieder nüchtern ist. Die Gier. Während der Woche dreht sich jede Handlung nur darum, ob sie vereinbar ist mit einem Wochenende des Draufseins. Das Wochenende halte ich mir immer öfter frei, gebe Schichten im Hotel ab oder nehme mir einen Krankenschein, wenn es nicht anders geht. Mit Freunden wegfahren? Nicht übers Wochenende. Christians Tochter bei uns schlafen lassen? Nicht übers Wochenende. Weil ich das schon kenne und merke, dass ich langsam aber sicher wieder in diese altbekannte Falle tappe, stelle ich mir selber einige Regeln auf. Von nun an lege ich mir Zettel und Stift zur Seite, um alles aufzuschreiben, was mir so über den Abend einfällt. Am nächsten Tag lese ich mir den Zettel durch und gehe diesen Ideen so weit es möglich ist, nach. Erst wenn ich alles abgearbeitet habe, erlaube ich mir, wieder zu koksen.
Christian hält davon nichts. Er meint, ich solle mir nicht so viele Gedanken machen und ihm nicht den Abend versauen, indem ich mich selber kasteie. Als unsere Gäste weg sind, holen wir hastig das zweite Gramm aus der Schublade und legen uns zur Belohnung für das lange Warten zwei richtig große Lines aus. Erst zieht er, dann ich. Er ist immer derjenige, der auslegt. Seine ist immer größer als meine. Das nutze ich, um zu gucken, wie wichtig ihm der ganze Nasenspaß ist. Kurz bevor es ans Ziehen geht, geht er ins Wohnzimmer, um Musik aufzulegen. In der Zeit ziehe ich die größere Line weg. Erwartungsvoll sehe ich ihn an, als er sich wieder zu mir setzt. Seine Reaktion lässt nicht lange auf sich warten:
„Das gibt’s doch nicht! Hast du etwa gezogen, während ich im Wohnzimmer war?“
„Ja, hab ich. Ich hab extra die große gezogen, um zu gucken, ob du das mit Absicht machst.“
„Was mache ich mit Absicht?“
„Die Lines so unterschiedlich auslegen.“
„Das glaub ich ja nicht. Du hast sie wohl nicht mehr alle! Erst knutschst du mit Jason rum – ich verzeihe dir – und jetzt willst du mich testen, wie ich hier auslege? Ich glaub, ich spinne! Du alte, miese Schlampe kannst froh sein, dass ich dich überhaupt zurückgenommen habe, ich würd dir jetzt am liebsten auf die Fresse hauen!“
Das wiederum kann ich nicht glauben. Hat er das jetzt wirklich gesagt? Ist es wirklich so weit mit ihm, dass er wegen der Drogen ausrastet? Aber genau das wollte ich ja wissen.
„Mach doch! Schlag mich doch! Hau deiner Frau aufs Maul. Bist du sicher, dass du das willst? Komm mal wieder runter. Denk doch daran, wie wir im Auto gesessen und uns unterhalten haben. Kann das hier so wichtig sein, dass es unser beider guten Vorsätze und Liebesbekenntnisse übern Haufen wirft?“
„Liebesbekenntnisse. Da scheiß ich drauf. Ich hab gesehen, was ich gesehen hab. Du hast mit meinem Trauzeugen hier rumgeleckt, du Scheiß-Hure! Und jetzt bescheißt du mich noch hiermit!“
Er wird immer wütender, sein Gesicht verzerrt sich zu einer angsteinflößenden Fratze.
„Schatz, bitte erinner dich doch an uns. Erinner dich doch daran, dass wir gesagt haben, dass nur wir selber uns kaputt machen können. Nicht die Drogen. Wir wollten doch beide stärker sein!“
„Ich geb n Fick auf dich und deine Lügen! Lutsch doch seinen Schwanz! Sollen wir ihn anrufen, damit er herkommt? Solln wa? Willst du das?“
Dabei packt er mich am Kinn, drückt meinen Kopf gegen die Wand und sein Handy an mein Ohr.
Ich bin so geschockt, dass ich mit einem Lächeln reagiere. Ich kann noch nicht richtig realisieren, in welcher Lage ich mich gerade befinde. Ohne Worte lässt er von mir ab und setzt sich wieder hin. Er legt den Kopf in seine Hände und schüttelt ihn.
„Es tut mir leid. Tut mir leid, Janina. Das wollte ich nicht. Ich glaube, ich komm doch nicht so gut damit klar.“
„Das kann ich auch nicht von dir verlangen. Für mich war es nur ein Kuss, um dich ein bißchen zu provozieren. Mir ist schon klar, dass ich keinen Anspruch darauf habe, dass du das genau so siehst und genau so locker wegsteckst.“
Das meinte ich wirklich ernst. Wenn er das – trotz seiner Bemühungen – nicht so überwinden kann, dann muss ich halt geduldiger sein und ihn noch mehr davon überzeugen, dass ich zu ihm und zu sonst niemandem gehören will.
„Verzeih mir bitte. Verzeih mir, ja?“
Seine Mundwinkel verziehen sich nach unten. Er fängt an zu weinen.
„Christian, das ist schon ok, ist nicht so schlimm. Ich kann deine Wut und deine Enttäuschung verstehen. Aber so was darf nicht nochmal passieren! Das geht nicht. Du weißt ganz genau, dass ich ne Scheiß-Kindheit hatte und so was nur schwer ertragen kann.“
„Versprochen, mein Schatz, ich versprechs dir! Sowas sollst du mit mir nicht erleben. So bin ich nicht, das weißt du.“
Eine Zigarette später vertilgen wir den Rest vom Koks. Davor sichern wir uns beide zu, wie sehr wir uns auf das Bett freuen und dass wir – abgesehen von diesem kleinen Zwischenfall – einen wirklich schönen Abend miteinander verbracht haben. In den nächsten Tagen sprechen wir nicht mehr darüber. Weder über diesen fatalen Kuss, noch über diesen Abend.
Am nächsten Freitag ruft er mich noch von der Arbeit aus an.
„Hi. Soll ich was fürs Wochenende besorgen?“
„Ach, das muss doch nicht schon wieder sein, oder?“
„Mmmh. Doch, ich hab da Bock drauf. Musst ja nicht mitmachen.“
„Wie du meinst, dann teilen wir uns das aber.“
Obwohl mir das Ziehen Spaß macht, bin ich nicht bereit, das jedes Wochenende zu tun, zumal ich ja weiß, dass es dann schnell nichts Besonderes mehr ist, wenn man es immer haben kann. Ich sage ihm, dass wir uns das teilen, damit er nur die Hälfte zieht. Meine Hälfte will ich mir für ein anderes Mal aufheben.
Der Abend verläuft wie gewohnt: erstmal ein Tütchen rauchen, dann ein Bierchen, und noch eins und noch eins, dann wird der Bubble rausgeholt. Ich bestehe darauf, das Koks sofort zu teilen und mir meine Hälfte zu geben, damit ich es wegpacken kann. Das macht er auch, wenn auch widerwillig.
„Wo hast dus denn hingelegt?“
„Das sag ich dir nicht. Aber ich verspreche dir, dass ich es mal rausholen werde, wenn du gar nicht damit rechnest und du dich dann umso mehr darüber freuen wirst.“
„Find ich zwar blöd, aber auf der anderen Seite auch nicht. Na hoffentlich krieg ich dann auch wirklich was davon ab.“
Er lächelt. Ich auch. So ganz wohl ist ihm nicht dabei, den Stoff alleine zu nehmen und er fragt mich, ob ich auch will. Ich sage ja, weil ich mir ausrechne, dass er dann noch weniger zieht und ich eh besser damit umgehen kann. Zur Beschwichtigung danach drehe ich schnell einen zweiten Joint, den ich schonmal offensichtlich auf den Wohnzimmertisch lege.
Darüber freut er sich.
Ich atme durch. Bis jetzt läuft alles so, wie ich es mir ausgedacht habe. Ich hab ihn unter Kontrolle. Nur weiter lächeln und schön mitspielen, damit er meinen Plan nicht durchschaut. Eigentlich ist es mir zuwider, so mit meinem Mann umzugehen, auch wenn ich damals nicht davon ausgegangen bin, dass dieses Spielchen zum Dauerzustand bei uns werden wird. Nachdem er wieder eine kleine Nase gezogen hat, starrt er auf den Joint. Ich sehe genau, wie ihm ein Licht aufgeht, kann aber noch nicht beurteilen, in welche Richtung es wohl leuchten wird. Es beleuchtet seine dunkelsten Ecken.
Plötzlich schmeißt er den Aschenbecher vom Tisch und stürzt auf mich zu.
„Du Schlampe! Hast du das etwa extra gemacht? Willst du mich mit nem piseligen Joint milde stimmen? Bis jetzt war alles in Ordnung, aber wenn du mich verarschen willst, dann zeig ich dir mal, wer hier besser ist!“
Er hat mich schon wieder am Hals und drückt mich in den Sessel. Ich sage nichts, weil ich ihn nicht weiter anstacheln will. Als ich merke, dass er nicht loslässt und ich in Panik gerate, versuche ich auch nicht mehr mich zu wehren, weil ich mir denke, dass ich durch meine Bewegungen noch mehr Sauerstoff verbrauche. Meine Arme wollen nicht mit meinem Gehirn kommunizieren. Ich kann mich an meine Arme nicht erinnern. Ich will meine Arme auch nicht benutzen, weil ich mir geschworen habe, niemals jemanden zu schlagen. Das gab es bei uns zu Hause zur Genüge und durch meine Hand wollte ich niemals jemandem schaden.
„Erst leckst du mit meinem besten Kumpel rum und jetzt versuchst du mich zu verarschen? Hä?“
Meine Beine habe ich soweit freibekommen, dass die Knie jetzt auf meiner Brust liegen. Je mehr Panik ich bekomme, desto wütender und verzweifelter werde ich. Also sehe ich ihm das letzte Mal zur Sicherheit in die Augen. Vielleicht kann ich darin erkennen, dass er gleich loslassen wird und er sich beruhigt. Außer den großen Pupillen sehe ich nur den blanken Wahnsinn. Diesen Blick kenne ich schon von meinem Vater und trete ihm mit beiden Beinen in den Unterbauch und schaffe es so, ihn von mir weg zu stoßen.
Er macht ein paar Schritte zurück und versucht, das Gleichgewicht zu halten. Ich stelle mich auf und schaue ihn entsetzt an. Er mich genau so.
„Oh Mann, das wollte ich nicht. Tut mir leid. Ich war so in Panik, du hast mir den Hals zugedrückt.“
Er nimmt Anlauf.
„Ich kann noch ganz andere Sachen. Fotze!“
Mit geballter Faust kommt er auf mich zu und schlägt mir auf den Hals. Das Gesicht hat er nicht getroffen. Ich versuche sofort, einzuschätzen, ob der Schlag so heftig war, dass sich blaue Flecken bilden, und bin froh darüber, dass er mich nicht im Gesicht getroffen hat. Ich denke nur daran, dass man Schrammen an dieser Stelle zur Not mit einem Rollkragenpullover oder Tuch abdecken kann, damit es auf der Arbeit niemand sieht. Ansonsten bin ich wie gelähmt. Zwar wach, aber trotzdem ohnmächtig. Sofort schnellen die Erinnerungen an mein Elternhaus hoch. An die Veilchen meiner Mutter, an die dummen Fragen der Nachbarn, an das Geheimhalten, an das Schweigen. Und daran, dass ich mir immer gesagt habe: So wie die Mama werde ich nie. Sollte mir jemals ein Mann etwas tun, werd ich mich sofort von ihm trennen.
Nach diesem Schlag ist mein Mann genau so geschockt wie ich und läuft schluchzend aus der Wohnung. Ich gehe schluchzend in die Küche und gieße mir einen Whisky ein. Und da sind sie schon wieder. Die Erinnerungen an früher. Sobald es im Elternhaus Probleme gab, wurde gesoffen. Hinterher war schon gar nicht mehr auszumachen, ob gesoffen wurde, weil es Probleme gab oder ob es Probleme gab, weil gesoffen wurde. Auch das hatte ich schon hinter mir. Mit neunzehn bin ich endlich auf den Trichter gekommen, nur noch zum Spaß zu trinken und nicht, wenn eine Situation ausweglos erscheint. Auch das hatte ich bis dahin strikt und ohne große Anstrengungen aufrecht erhalten können.
Mit diesem Abend änderten sich all meine hart erkämpften Prinzipien. Mein Mann kommt gegen morgen wieder nach Hause. Ich höre, wie er den Schlüssel in die Tür steckt, und tue so, als würde ich schlafen. Er legt sich neben mich ins Bett und nimmt mich von hinten in seine Arme. Wenn ich jetzt den Eindruck erwecke, ich sei angeekelt, wird er sicher wieder sauer. Also lasse ich mir das gefallen. Ich lasse mir auch gefallen, dass er versucht, mich heimlich zu ficken. Er ist so besoffen, dass er gar nicht merkt, dass ich nicht wirklich schlafe.
Am nächsten Tag wache ich lange vor ihm auf und räume das Wohnzimmer auf. Ich will die Spuren seines Ausbruches wegwischen, damit er nicht damit konfrontiert wird und sich noch weiter selber niedermacht. Denn das war es doch: Im Grunde genommen beruhte sein ganzer Zorn doch nur auf mangelnder Selbstsicherheit und der Angst davor, eine schlauere Frau zu haben, als er erwartet hatte. Dass ich den Trauzeugen geküsst hatte, war nur der Katalysator.
Ich hebe den schweren Aschenbecher auf, sammle die Blumenerdebröckchen ein und rücke den Sessel wieder gerade. Die Fenster öffne ich zum Lüften, den Boden wische ich auch noch. Für mich hat das symbolische Bedeutung. Saubermachen. Frische Luft. Ein paar Minuten später kommt er auch schon aus dem Schlafzimmer. Ich erstarre, als ich das Knarren der Tür höre, und bin gespannt auf seine Reaktion. Ich schalte den Fernseher ein und starre auf die sprechende Lampe.
Seine Schritte kommen näher. Ich platze fast vor Spannung. Im Eingang zum Wohnzimmer bleibt er stehen und sieht mich mit Dackelaugen an.
„Alles in Ordnung?“
„Ich denke schon. Und bei dir?“
Er kommt hastig auf mich zugetaumelt und nimmt mich stürmisch in seine Arme, drückt mich ganz fest an sich und fängt bitterlich an zu weinen.
„Was ist bloß los mit uns, Janina? Janina. Was ist gestern passiert?“
„Ich kann jetzt nicht darüber reden. Ich muss das erstmal verdauen. Lass uns versuchen, zur Normalität zu finden und später reden, ok?“
„Ja gut, aber verlass mich nicht. Bitte, bitte verlass mich nicht.“
Er gräbt sich bei mir ein und weint. Ich halte ihn ganz fest und kann meine Tränen jetzt auch nicht mehr zurückhalten. Nicht, weil ich von meinem Mann geschlagen wurde, sondern aus Mitleid mit ihm. Ich kann mir gut vorstellen, wie sehr ihn die Schuldgefühle plagen. Meine Gedanken drehen sich aber eigentlich mehr um mich. Darum, dass ich mich gestern selber verraten habe. Und darum, dass der Kontakt zu meiner Mutter aus diesem und noch anderen Gründen abgebrochen ist.
Zu dieser Zeit habe ich meine Mutter schon acht Jahre nicht mehr gesehen. Ich konnte ihr nie verzeihen, dass sie sich damals nicht von meinem Vater getrennt hat und sich selbst und uns Kinder Jahr um Jahr diesem Scheusal ausgesetzt hatte. Ich konnte nicht verstehen, dass sie die Gewalt eher zuließ, als die wenige Kraft, die ihr durch das jahrelange Trinken noch geblieben ist, zu nutzen, um da abzuhauen.
Das alles geht mir durch den Kopf, während sich mein Mann immer weiter in mich reingräbt, als wollte er sich verstecken. Am liebsten hätte ich mich selber versteckt. Ich baue mich wieder auf, indem ich mir einrede, dass ich anders als die Mama wäre, dass ich früh genug die Notbremse ziehen würde und ich schon so viel Mist in meinem Leben gesehen habe, dass mir ein kleiner Ausrutscher wie der gestern gar nichts bedeute. Ich bin mir sicher: Ein Vergleich mit meiner Mutter ist gar nicht nötig. So geht es einigermaßen.
Die nächsten Monate verlaufen immer nach dem selben Schema: Von Montag bis Freitag sind wir die besten Freunde, am Wochenende bin ich Punching-Ball.
Langsam aber sicher kommt es auch unter der Woche zu mehr oder weniger kleinen
Wutausbrüchen. Er versucht mich auszubremsen, wo er nur kann. Nach und nach hängt er die Zimmertüren aus. Keine Privatsphäre mehr. Außer dem Schlafzimmer gibt es keinen Raum in dieser Wohnung, den man noch schließen kann.
Ich vermisse Bücher. Zuerst denke ich noch, dass ich sie verliehen habe und mich nicht erinnern kann, an wen. Zwei, drei Bücher fallen nicht so schnell auf, aber nach und nach fehlen immer mehr. Als ich Christian frage, ob er vielleicht welche in den Keller gebracht hat, weil er Platz brauchte, sagt er mir rotzfrech und für ihn selbstverständlich, dass er einige in den Müll geworfen hat.
„Wie bitte? Wieso?“
„Du brauchst keine Bücher. Für mich bist du schlau genug. Dieser ganze Kulturscheiß. Das interessiert mich doch gar nicht.“
Ich kann das nicht fassen.
„Ich hab auch n paar CDs von dir verschenkt.“
Ungläubig lege ich die Stirn in Falten.
„Das kann doch nicht sein. Warum machst du das?“
„Dein Musikgeschmack ist mir zu abgedreht. Zappa und son Zeugs. Das hört doch niemand.“
„Hitler! Scheiß-Nazi!“
Ich bin so sauer, dass ich vor Wut anfange zu heulen. Gleichzeitig mache ich mir Gedanken darüber, wie das alles weitergehen soll und zweifle an mir, ob ich mich auf mich selber verlassen kann, wenn es darum geht, hier endlich abzuhauen.
Abhauen. Wann soll das eigentlich sein? Würde ich den richtigen Zeitpunkt noch erkennen oder ist er vielleicht schon längst vorüber? Bin ich wirklich so dumm und merke nichts mehr?
Aber so schlimm wie meine Eltern sind wir noch nicht. Dann ist ja noch Einiges da, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Mein rettender Anker. Der Vergleich mit meiner Mutter. Dadurch lässt sich unser Problem so schön wegrelativieren. Außerdem habe ich nicht vor, uns so einfach aufzugeben. Schließlich haben wir nicht umsonst geheiratet. Was sagte die Standesbeamtin noch? „Wie in guten, so auch in schlechten Zeiten.“ Das hatten wir uns doch beide damals versprochen. Und weil wir so sehr anders als andere Paare sind, sollte es doch ein Leichtes sein, einen Ausweg aus dieser von Alkohol und Drogen durchsetzten Misere zu finden. Wir sind doch besser als andere.
Aus diesen Gedanken schöpfe ich zwar immer wieder neuen Mut, gleichzeitig erhöhen sie aber auch meine Toleranzschwelle. Nein, ich setze sie nach Belieben herauf, verbiege mir die Realität so, dass ich immer umhin komme, mir einzugestehen, dass ich keinen Deut besser als meine Mutter bin.
Die Zeit vergeht. Unter der Woche gibt es kaum Probleme. Wir haben uns angewöhnt, mindestens zwei Mal pro Woche schwimmen zu gehen. „Bahnen Ziehen” nennen wir das. Wer die meisten schafft. Mit seiner kleinen Tochter gehen wir öfters mal reiten oder zum Kindersport. Wir lachen viel zusammen, schmieden weitere Zukunftspläne. Wir wollen ein Haus kaufen. Es gibt keine Langeweile oder andere Vorfälle, die verraten könnten, was hier jedes Wochenende passiert. Ich glaube, dass ich aus genau diesem Grund so schwer den Absprung kriege. Weil es doch eigentlich immer noch so schön wie am Anfang ist. Wie es sein sollte.
Es ist jetzt Winter 2006 und von den zwölf Monaten, die ich verheiratet bin, lasse ich mich seit sieben Monaten schlagen. Immer noch aus dem selben Grund. Weil ich mit dem Trauzeugen geknutscht habe.
Die Versuche, mit ihm zu reden, ihn davon zu überzeugen, dass das Problem ganz woanders liegt, tiefer in ihm drin, habe ich schon aufgegeben, das gibt eh nur Stress. Also habe ich mich daran gewöhnt, werktags weiterhin die gute Ehefrau zu spielen und am Wochenende auf die Fresse zu kriegen. Jeden Sonntag verzeihen, damit der arme Kerl sein schlechtes Gewissen nicht die ganze Woche mit sich rumtragen muss. Damit er am nächsten Wochenende wieder von vorne anfangen kann. So ist es wirklich. Jedes Mal tut er so, als wäre es das erste Mal, dass er auf mich losgeht. Bis heute weiß ich nicht, ob er nicht doch tatsächlich glaubte, dass er mich nur einmal geschlagen hat. Er verhielt sich jedenfalls so.
Ich resigniere langsam aber sicher.
Bis heute werde ich auch noch gefragt, warum ich nicht sofort gegangen bin und ob ich noch nie von dem Spruch gehört habe: Wer einmal schlägt, der schlägt immer wieder. Doch, davon hatte ich mal gehört. Dies war aber so nicht auf uns anzuwenden. Wir waren doch anders.
Mitte Dezember gehe ich auf die Betriebsfeier der Firma, in der ich seit einem Monat arbeite. Den Job im Hotel habe ich zuvor gekündigt. Seit Tagen freue ich mich schon riesig auf diese Feier: Endlich mal eine Party ohne diesen Typen, ohne das Wissen, dass es ab einem gewissen Pegel brenzlig wird.
Gegen Null Uhr ruft er mich an. Zum „Hallo“-Sagen komme ich erst gar nicht. Er beschimpft mich sofort in einer einzigen Hasstirade:
„Du Nutte! Mit wem fickst du gerade? Hä? Brauchst gar nicht mehr nach Hause kommen, deine Sa…!“
Ich lege auf. Alle meine Arbeitskollegen, mit denen ich am Tisch sitze, kriegen das mit, schauen aber peinlich berührt zur Seite, drehen sich weg. Zwei Minuten später klingelt das Handy wieder. Ich drücke ihn weg und stelle das Handy auf lautlos. Ich weiß schon, dass ich dafür wieder eine Menge Ärger kriegen werde, aber das werde ich schon überleben.
Als ich zwei Stunden später zu Hause ankomme, freue ich mich, dass er nicht da ist. Ich hatte es die ganze Zeit gehofft. Gehofft, dass er bei irgendeinem Kumpel ist und ich ihn nicht mehr zu sehen bekomme, zumindest wollte ich in Ruhe ins Bett gehen können.
An diesem Abend kann ich es.
Lange währt der Schlaf aber nicht. Gerade, als ich ins Traumland hinabgleite, höre ich den Schlüssel in der Tür. Es poltert. Es ist mein betrunkener Ehemann, der sich torkelnd den Weg zum Schlafzimmer sucht und dabei am Spiegel im Flur entlang schrappt.
Die Schritte kommen näher. Die Tür geht auf.
Ich tue so, als würde ich schlafen. Atme tief und lange ein und oberflächlich und kurz aus. Und warte. Er lässt mich nicht im Stich.
Ohne Vorwarnung schlägt er auf mich ein. An der Art, wie er schlägt, merke ich, dass er gegen seine Skrupel, eine schlafende Person zu schlagen, ankämpft. Erfolglos. Er tut es mal mit der flachen Hand, mal mit der Faust. Mal auf die Beine, mal auf den Kopf. Dann wieder die Beine. Ohne Worte. Zum Reden ist das Arschloch zu besoffen.
Wenn ich geschockt bin, reagiere ich immer völlig unangebracht. Ich lächle und gucke, ob es den Anderen gut geht. Heute Nacht aber lache ich ihn aus und frage ihn, was er gemacht hätte, wenn ich seine Tochter abgeholt hätte und sie an meiner Stelle liegen würde.
Das erinnert ihn wieder an seine Skrupel, die er anfangs hatte, und er flippt jetzt vor lauter Selbsthass endgültig aus: Er schnappt sich meine blauen Kunststoff-Frauenhanteln und pfeffert die eine neben mich ins Kopfkissen, mit der anderen schlägt er die Schlafzimmertür ein. Scheiß Pressspan. Die Tür hat ein Loch, ich bin heile. Während ich aus dem Bett springe und versuche an ihm vorbei aus dem Zimmer zu laufen, fällt mir ein, dass es in dieser Wohnung nur diese eine Zimmertür gibt.
Ein Gefängnis ohne Türen.
Ich laufe durch den Flur in den Garten. Es sind nur zwanzig Meter bis auf die Straße, aber die erreiche ich in dieser Nacht nicht mehr. Auf der Hälfte des Weges packt er mich am Kragen und zerrt mich zu Boden. Ich bleibe aber nicht liegen, sondern stelle mich flugs aufrecht hin, schaue ihm kurz in die Augen um einschätzen zu können, ob er sich morgen daran erinnern kann, und trete ihm vor sein Schienbein.
„Du Nutte! Du Scheiß-Hure! Das werd ich dir nie vergessen!“
„Ich dir auch nicht! Im Garten, du Idiot, wo uns jeder sehen kann. Es reicht doch schon, dass man uns andauernd hören kann. Das ist total peinlich, voll die Blamage!“
Gerade, als ich meinen Satz zu Ende bringe, wird mir erst richtig bewusst, wie peinlich mir das wirklich ist und fange an zu heulen. Er lässt mich reingehen.
Drinnen sitze ich am Küchentisch und zittere. Vor Wut. Ich bin sauer auf mich, weil ich einfach nicht die Kurve kriege. Insgeheim weiss ich doch, dass sich die Situation nicht ändern wird, dass wir uns trennen müssen.
Ein paar Minuten später kommt auch er rein und legt sich ohne Worte auf die Couch zum Schlafen.
Am nächsten Tag wieder das gleiche Spiel, die gleiche Leier.
„Schatz? Verzeihst du mir bitte? Bitte, Janina, verzeih mir, es tut mir so leid. Ich weiss doch auch nicht, was mit mir los ist. Ich liebe dich doch. Janina.“
„Ich finde es total beschissen, wie du damit umgehst. Ich meine, mit deiner Bitte um Absolution legst du die ganze Verantwortung für unser weiteres Zusammensein in meine Hände. Ich muss bestimmen, wie es weitergeht. Verzeihe ich dir, wird das gestern nicht das letzte Mal gewesen sein. Verzeihe ich dir nicht, muss ich gehen, weil ich mein Gesicht nicht verlieren will. Was soll das? Warum entscheidest du dich nicht für ne Therapie oder gegen die Sauferei?“
Dieses Ehe-Therapie-Thema hatte ich schon einige Male angesprochen. Er hat mich jedes Mal ausgelacht und meinte, dass gerade wir so etwas doch nicht nötig hätten.
„Das liegt nicht am Alkohol, Janina, das liegt nur daran, dass du damals mit Jason geknutscht hast. Sonst bin ich total zufrieden mit dir.“
Gegen diese Selbstgerechtigkeit komme ich an diesem Morgen aber nicht an und so rede ich ihm nach dem Mund, gebe ihm Recht und am Ende liegt er wieder in meinen Armen. Weint wieder. Gräbt sich wieder ein und versteckt sich vor uns.
Ein paar Monate später, im April 2007, muss ich dringend ins Krankenhaus in die Nachbarstadt. Notoperation aus Gründen, auf die ich hier jetzt nicht weiter eingehen werde. Nach acht Tagen entlasse ich mich an einem Samstag selber. Mein Mann weiß davon, wir haben am Abend davor noch telefoniert, damit er mich gegen zehn Uhr abholt. Ich warte vergebens, denn er liegt besoffen auf der Couch, wie ich sehe, als ich drei Stunden später endlich zu Hause ankomme. Es tut ihm natürlich wieder unendlich leid. Ich gehe ins Bad, weil ich kotzen muss. Im Krankenhaus grassierte ein Magen-Darm-Virus. Beim Kotzen platzen mir meine drei Nähte à fünf Stiche auf. Ich klebe mir Pflaster drauf und schleppe ich mich zu ihm auf die Couch, weil ich jetzt nicht alleine sein will.
Wie er riecht: verschwitzt, fettig, alkoholausdünstend. Sogar sein Genital kann ich bei jeder seiner Bewegungen durch seine Hose riechen.
Er fängt an, im Halbschlaf an mir rumzufummeln.
Ich sage ihm, dass ich das jetzt nicht will, dass ich gerade aus dem Krankenhaus gekommen bin und es mir nicht sonderlich gut geht. Das alles juckt ihn aber nicht. Hätte ich mich gewehrt, hätte dieses Intermezzo für Außenstehende wie eine Vergewaltigung ausgesehen. Ein paar Stunden später wacht er auf und freut sich, dass ich endlich wieder zu Hause bin
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Ich sage ihm, dass ich nie wieder mit ihm reden werde, und halte das bis zum nächsten
Wochenende, bis zum nächsten Streit aus. Freunde, Bekannte und Verwandte wissen längst, wie es bei uns zugeht. Auf Familienfeiern werden wir auf unsere Kratzer und Macken angesprochen. Ob das Wochenende wieder anstrengend war, oder ob unsere Katzen ein bißchen zu wild sind. Die blauen Flecken, die ich ab und an am Hals trage: Knutschflecken natürlich. Wir sind doch verliebt!
Die Monate vergehen. Die Liebe auch. Der Hass wächst.
Mein Frisör fragt mich, ob ich schonmal beim Hautarzt gewesen wäre, weil ich doch Kreisrunden Haarausfall habe. Ich tue verwundert und ängstlich, sage ihm, dass ich in der letzten Zeit viel Stress hatte und mir die Haare vielleicht deswegen ausgehen.
Dass mein Mann mir am Tag zuvor die Haare büschelweise rausgerissen hat, sage ich natürlich nicht.
Je länger wir zusammen sind, desto weniger Respekt habe ich vor ihm. Vor mir aber auch, weil ich immer noch da bin. Weil ich immer noch nicht abgehauen bin.
Ich habe keine Angst davor, mit nichts da zu stehen, keine Wohnung zu haben oder den Status einer zerrütteten Ehe zu haben. Ich habe Angst wegzugehen, weil da ja immer noch das Problem mit meiner Mutter besteht. Wenn ich hier nicht weggehe, dann muss ich meine Meinung über meine Mutter ändern. Dann kann ich nicht mehr auf sie sauer sein. Dann muss ich sie auch endlich wiedersehen und ihr davon erzählen und davon, dass ich jetzt verstehen kann, warum sie damals nicht gegangen ist. Weil man sein Gesicht nicht verlieren will. Weil man sich selber nicht eingestehen will, dass die Realität doch eine andere ist und man sich in solch einer Situation am Rande der Gesellschaft bewegt.
Im Dezember 2008 ist mein Mann seit vier Monaten trocken.
Der Entschluss dazu kam, als er eines Nachts besoffen einen Autounfall hatte. Normalerweise fuhr er nie betrunken. Das Auto, ein Kombi, sah aus wie ein Smart, er war unverletzt.
Bis er zu mir nach Hause kam.
An diesem Abend hatte er es nämlich besonders eilig, mich zu verhauen, und deswegen setzte er sich doch in den Wagen. Ich liege im Bett und schlafe, diesmal wirklich. Durch seine Schläge werde ich wach. Ich bin so sauer und bin es so leid. Ich fange an, ihn zu provozieren, ihn mit seinen tiefsten Ängsten zu konfrontieren und riskiere bewusst weitere Schläge. Als er wieder ausholt, schnappe ich nach seinem Arm und beiße rein. In den Oberarm. Sehr fest. Bis es blutet. Ich spucke etwas aus. Im Mund fühlt es sich wie das Reststück eines Bratwürstchen an. Die Wunde ist tief und braucht einige Wochen, bis sie geheilt ist.
Dafür kriege ich seine Faust ins Gesicht und gehe k.o.
Nicht zum ersten Mal.
Von weiteren Faustschlägen ins Gesicht werde ich wieder wach. Mir ist schwindelig und ich merke, dass ich jetzt im Flur liege. Ich weiß nicht, wie ich dorthin gekommen bin. Er geht ins Bett und ich überlege mir, wie ich morgen zur Arbeit gehen soll oder ob ich mir einen Krankenschein nehme, denn ich weiß, ohne in den Spiegel zu schauen, dass dieses Mal ernsthaft was kaputt gegangen ist. Ich weiß nicht, ob ich eingeschlafen oder wieder in Ohnmacht gefallen bin, am nächsten Morgen wache ich in der selben Position im Flur auf.
Mit geschlossenen Augen stehe ich vorm Spiegel. Ich traue mich nicht, mich anzusehen. Nicht, weil ich den Schaden nicht sehen will, den er angerichtet hat, sondern weil ich mir nicht in die Augen sehen kann.
Dann aber doch:
Die linke Gesichtshälfte ist überwiegend blau, vor allem der Unterkieferknochen, die Schläfe und das Jochbein. Zwischendrin ein paar rote Striemen und Kratzer. Obwohl ich in der Nacht zuvor das Weiße im Auge gespürt habe, ist es jetzt blutunterlaufen. Positiv daran ist, dass diese Hälfte kaum dicker als die andere ist.
Eine Freundin hat mir mal ein kleines Becherchen „Prügel-Schminke“ geschenkt. Keine Ahnung, ob sie damals wusste, dass ich die je brauchen werde. Ich krame das Döschen hervor und fange an, die Spuren zu verdecken. Das Zeug ist hart und schlecht zu verteilen, deswegen muss ich besonders fest über mein Gesicht gehen. Das Ergebnis überzeugt: ich sehe fast besser aus als sonst.
Natürlich hätte ich mir einen Krankenschein nehmen können, ich wollte aber lieber arbeiten. Bloss nicht zu Hause bleiben. Meinen Kunden zeige ich mich in den nächsten Tagen nur von meiner schöneren Seite.
Gegen Ende dieses Dezembers beschließen wir beide, den Sylvester-Abend bei seinem Bruder in der Nachbarschaft zu verbringen. Ein kritischer Abend, weil er ja schon so lange nichts mehr getrunken hat.
Wir versprechen uns, dass wir beide gegenseitig aufpassen werden, dass nichts passiert. Und dass heute ausnahmsweise getrunken werden darf.
Die Party ist schön. Der Rückweg gegen zwei Uhr auch. Nur vor unserer Haustür überkommt es ihn wieder. Ich laufe zwei Meter vor ihm, um die Tür aufzuschließen. Als ich mich zu ihm umdrehe, sehe ich, wie er es sich im Garten im Schnee gemütlich macht. Er will jetzt, genau jetzt und hier schlafen. Auf der Stelle.
Ein zusammengekauerter Schneeengel.
Ich gehe zu ihm hin, um ihn dazu zu bewegen, wieder aufzustehen und mit rein zu kommen. Lache dabei. Er auch, aber nur kurz, dann dreht er sich wieder um und schläft ein. Um ihn nochmal am Schlafen im Schnee zu hindern, mache ich mich wieder auf den Weg zur Tür, um meine Stöckelschuhe gegen Turnschuhe auszutauschen, damit ich im Garten festeren Halt habe.
Kurz vor der Wohnungstür merke ich, dass er auf einmal doch hinter mir steht. Ehe ich mich umdrehen kann, kriege ich einen Faustschlag auf den Hinterkopf und gehe zu Boden. Ganz weg bin ich nicht, denn ich merke, wie er mir noch einen Tritt verpasst und sagt, dass ich ihm keine Ohnmacht vortäuschen soll.
Ich atme aus. Und schlafe ein.
Nach ein paar Minuten raffe ich mich wieder auf und gehe in die Küche. Da ich aber orientierungslos bin, merke ich nicht, dass er auch in der Küche ist. Da geht das ganze Theater dann weiter. Keine Schläge. Nur Abbitten.
Irgendwann fange ich an zu heulen und zu hyperventilieren. Er hält mir eine kleine Tüte hin. Dann nimmt er sie mir wieder weg. Und hält sie wieder hin.
Ins Schlafzimmer krabbelnd sage ich ihm, dass er mich für heute in Ruhe lassen soll und wünsche ihm, dass seine guten Vorsätze in Erfüllung gehen mögen.
Mein guter Vorsatz ist es, beim nächsten Mal die Koffer zu packen.
Trotz des Sylvester-Abends bleibt mein Mann die nächsten zwei Wochen nüchtern. Oben im Haus ist eine Wohnung frei geworden, die ich für mich anmiete, um eine räumliche Trennung herbei zu führen. Wie wild renoviere ich, was das Zeug und der Baumarkt hält. Am Freitag komme ich von der Arbeit und mein Mann steht grinsend im Garten:
„Guck mal, was ich hier habe!“
Er wedelt mit einem einzelnen Schlüssel.
„Ich hab dein Schloss oben ausgetauscht, damit wir nur einen Schlüssel brauchen und wir jederzeit überall hinkönnen!“
Die Tränen steigen mir hoch und ich muss Ober- und Unterkiefer fest zusammenpressen, um ihn mit meiner Reaktion nicht wütend zu machen.
„Oh, schön. Das ist aber nett von dir. Ich gehe heute abend zu Alex und Nadine. Ham uns lange nicht gesehen. Ist das ok?“
„Öhm. Ja. Aber du bleibst nicht über Nacht weg, oder?“
„Ach Quatsch, ich bin doch gerne hier.“
Gegen drei Uhr nachts komme ich wieder nach Hause. Mein Mann ist nicht da. Ich bin erleichtert und froh, dass er vielleicht auch einen schönen Abend irgendwo verbringt. Den verbringt er aber versteckt im Garten, um mir aufzulauern. Gerade, als ich mich auf das Sofa setze, um den Abend gedanklich ausklingen zu lassen, knackt das Schloss auf.
Wie ein HB-Männchen steht er im Wohnzimmer und schmettert die alte Leier. Mit wem hast du gefickt? Ist sein Schwanz größer als meiner. Und so fort.
Mitten im Satz hält er inne, hechtet in die Küche und kommt mit hinter dem Rücken verschränkten Armen wieder zu mir. Ich denke mir noch, dass er gemerkt hat, dass er oft überreagiert und vielleicht am Nachmittag schon Blumen für mich besorgt hat, die er mir jetzt geben will.
Es liegen vielleicht zwei Meter fünfzig zwischen uns, die er mit einem Satz in meine Richtung bewältigt.
Er drückt mich mit einer Hand am Hals in die Sofakissen und in der anderen Hand hält er das Messer, das ich vor kurzem erst gekauft hatte.
Die Klinge ist 35 cm lang. Nur für Profis.
Er rammt es in mich rein und sackt ganz kurz über mir zusammen.
Das Messer findet seinen Weg irgendwo zwischen meinem linken Brustkorb und dem Oberarm. In Bruchteilen von Sekunden versuche ich zu verstehen, was gerade passiert und hoffe, dass er mich nicht getroffen hat, denke, dass ich unter Schock stehe und den Schmerz deswegen nicht fühle.
Ich schaue an mir runter, sehe zwar den Edelstahlgriff, aber nicht die Klinge. Sie ist gänzlich verschwunden.
Er hat nicht getroffen. Das Messer steckt im Sofa.
Als er das merkt, zieht er das Messer wieder raus und wirft es zur Seite.
Irgendwie scheint er aber doch enttäuscht zu sein, weil er kurzerhand die Tischplatte abnimmt und diese noch auf mich drauf wirft.
Außer ein paar blauer Flecken und Schrammen an den Beinen ist an diesem Abend nichts weiter passiert.
Doch:
Ich gehe.
Endgültig.
Eineinhalb Jahre später besuche ich meine Mutter zum ersten Mal seit mittlerweile zwölf Jahren. Es hat noch so lange gedauert, weil ich mit dem Gedanken haderte, sie damit zu konfrontieren. Ihr meine Geschichte zu erzählen und ihr somit zu zeigen, dass ich es im Gegensatz zu ihr noch rechtzeitig geschafft habe.
Ich glaube, sie war stolz auf mich.













