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Nach Mauerbau-Dank: Linkspartei-Mitglieder rufen zum Boykott der Jungen Welt auf

Am Samstag bedankte sich die Junge Welt für 28. Jahre Mauerbau und Stasi-Folterknast. Nun fordert die Emanzipatorische Linke Berlin die Partei auf, künftig keine Anzeigen bei der Jungen Welt zu schalten und keine Genossenschaftsanteile mehr zu schalten.

Die Emanzipatorische Linke Berlin,  ein Zusammenschluss von Realos in der Partei Die Linke, will nicht mehr, dass Die Linke die Junge Welt finanziell unterstützt: Werder durch Anzeigen noch durch das Zeichnen von Genossenschaftsanteilen. Und auf auf den Parteitagen und Festen der Linke soll die Junge Welt künftig nicht mehr präsent sein. Das könnte die notorisch klamme Zeitung in ihrer Existenz gefährden. Der Text  wurde in unseren Kommentaren gepostet. Er ist authentisch. Danke Thomas für den Hinweis.

Zum 50. Jahrestag des Baus der Berliner Mauer veröffentlicht die Tageszeitung „junge Welt“ auf Seite Eins großformatig ein „Danke“. Auf dem dazugehörigen Foto posieren Grenzsoldaten mit präsentiertem Gewehr. Gedankt wird im Folgenden für allerlei, was angeblich dem Mauerbau zu verdanken sei. Unter anderem wird gedankt „für 28 Jahre Hohenschönhausen ohne Hubertus Knabe“. Neben diesem redaktionellen Bekenntnis zum Gefängnissozialismus prangt online eine große Werbeanzeige der LINKEN im Bundestag.

Die „junge Welt“ ist kein Presseorgan der LINKEN. Dennoch wird sie mitunter von um innerparteiliche Hegemonie bemühten Personen und Strukturen als „parteinaher“ und privilegierter Medienpartner betrachtet und behandelt. Auf Veranstaltungen und Festen der LINKEN tritt die „junge Welt“ mit Infoständen auf und es werden Exemplare der Zeitung verteilt. In der „Jungen Welt“ werden online wie im Printbereich regelmäßig Anzeigen geschaltet, Artikel und Interviews positioniert. Die Landtagsfraktion der NRW-LINKEN gratuliert der Genossenschaft LPG junge Welt eG zum 15-jährigen Jubiläum und schenkte mehrere neu gezeichnete Genossenschaftsanteile.

Die Fraktionsvorsitzenden lobten im dazugehörigen Glückwunschschreiben die Bedeutung der Tageszeitung: „Die junge Welt ist eine unverzichtbare Informationsquelle und kritische Begleiterin unserer parlamentarischen und außerparlamentarischen Aktivitäten”.

Nun ist in einer pluralistischen Linken per definitionem Platz für Differenz. Es ist das schwere Erbe der Partei DIE LINKE, zwar nicht ausschließlich aber doch prägend an parteipolitische Traditionslinien des Realsozialismus und von diesem auf verschiedene Weise belastete Denk- und Organisationsformen anzuschließen. Insbesondere die PDS als eine Vorgängerpartei der LINKEN hat dieser Erblast viele Ressourcen zur Verfügung gestellt, und wir befinden uns als neue LINKE weiterhin in der nicht allein historischen Pflicht diese Vergangenheit aufzuarbeiten.

Gerade für uns als Emanzipatorische Linke ist es die erste Aufgabe, die Emanzipation der Linken selbst nach Kräften fortzusetzen und auszuweiten. Diese Selbstemanzipation der Linken droht für unsere Partei immer auf dem Schlachtfeld zu enden, weil Außenstehende uns nicht vertrauen oder schlicht ablehnend gegenüber stehen, aber auch, weil wir selbst unser Ziel des demokratischen Sozialismus noch nicht hinreichend geklärt haben. Das gilt nicht minder für die vielen westdeutschen Genoss_innen, die sich für die LINKE engagieren. Über zwanzig Jahre nach der Vereinigung von BRD und DDR und nach über zwanzig Jahren post-realsozialistischer linker Parteipolitik markiert die Mauerfeier der „jungen Welt“ nun die Notwendigkeit eines Bruchs, der schon längst ausstand und den wir nun offensiv einfordern.

Wir fordern den Parteivorstand sowie alle verantwortlichen Funktions- und Mandatsträger der Partei DIE LINKE auf, jegliche Zusammenarbeit mit der Tageszeitung „junge Welt“ zu beenden.

Der Verherrlichung von Diktatur, von polizeilicher, geheimdienstlicher und militärischer Gewalt im Namen des Sozialismus darf keinerlei finanzielle und werbende Unterstützung zukommen. Der Fehler bestand von Anfang an, es wird Zeit ihn einzusehen und Konsequenzen zu ziehen. Konkret heißt das für uns, dass die „junge Welt“ auf Veranstaltungen und Festen der LINKEN nichts zu suchen und zu finden hat, nicht durch das Schalten von Anzeigen und das parteioffizielle Zeichnen von Genossenschaftsanteilen unterstützt wird. Die „junge Welt“ schreibt seit Jahren gegen alle demokratischen und libertären Prinzipien eines emanzipatorischen Sozialismusbegriffs an und agitiert ebenso offen feindlich gegen die LINKE, wenn es ihr ideologisch ins besagte Konzept passt.

Es ist längst nicht klar, ob hier die „junge Welt“ für strömungspolitische Hegemoniekämpfe genutzt wird oder ob nicht umgekehrt auch undogmatische Substanz an eine Zeitung geopfert wird, weil diese für viele Genoss_innen als Sprachrohr einer vermeintlich bedrohten „Radikalität“ gilt.

Die „Radikalität“ der „jungen Welt“ erschöpft sich unseres Erachtens allerdings in parolenhaftem Wortgetöse und autoritärer Feindschaft gegen linke Liberalität und historisches Bewusstsein. Wer weiterhin die privilegierte Zusammenarbeit mit dieser Zeitung will, muss sich fragen lassen, wie sich Antimilitarismus mit Verherrlichung realsozialistischen Militärs, der Kampf gegen Frontex und EU-Abschottung mit Mauerkitsch und politische Initiativen gegen staatliche Willkür (Polizeigewalt, Geheimdienste, Überwachung etc. pp.) mit offener Sympathie für die DDR-Staatssicherheit vereinbaren lassen. Gilt am Ende Unfreiheit nur dann als Gegnerin, wenn sie der „Bourgeoisie“ dient und nicht der Partei der Arbeiterklasse?
Für uns darf es keine Relativierung des Stalinismus für billige Treffer in einer unterkomplexen Kapitalismuskritik geben. Die „junge Welt“ agiert als Kopflangerin eines stumpfen Antikommunismus, indem sie eine Linke mit reproduziert, die Autoren wie Hubertus Knabe freimütig in die tendenziöse Feder diktiert. Wer solche „Medienpartner“ hat, braucht sich über die „böse bürgerliche Presse“ nicht mehr beklagen.

Gemäß eines von traditionalistischer Seite gern kolportierten Rousseau-Zitats sei es „zwischen dem Schwachen und dem Starken (…) die Freiheit, die unterdrückt, und das Gesetz, das befreit.“

Sozialismus steht hier für Befreiung durch den Staat. Derselbe Rousseau hat allerdings auch gesagt ihm sei „die gefährliche Freiheit lieber als eine ruhige Knechtschaft.“ Als Pate für eine Gleichheit von oben taugt er nicht. Wenn von „Freiheit durch Sozialismus“ gesprochen wird, verschwindet Befreiung im Verwaltungsakt oder wahlweise in einem putschistisch vorgestellten Revolutionsbegriff. Die Emanzipatorische Linke steht dagegen für eine konzeptuelle Identität von Freiheit und Sozialismus.

Wenn das Ziel die Ermöglichung eines Selbstbefreiungsprozesses aller Einzelnen ist, muss staatliche Macht in der Tendenz ebenso abgebaut werden wie die ökonomische.

Freiheit ist ohne Sozialismus nicht wirklich, Sozialismus ohne Freiheit auch nicht.

 

 

 

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28 Kommentare zu “Nach Mauerbau-Dank: Linkspartei-Mitglieder rufen zum Boykott der Jungen Welt auf

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  • #2
    pantoffelpunk

    Mein Gott Walter, blogs ohne Humor sind tatsächlich genau so nervtötend wie Parteien ohne Humor. BILD nimmer, JUNGE WELT immer! Humor und Spaß in ihrem Lauf halten weder ruhrbarone noch die LINKE auf! Auferstanden aus Ruinen und dem Spasse zugewandt! Niemand hat die Absicht, einen Spaß zu machen!

  • #3
    Werner Jurga

    @ pantoffelpunk (#2):
    Humorlosigkeit ist schlimm. „Satire darf alles“? – Auch Quatsch.
    Und ausgerechnet die „junge Welt“ über Hohenschönhausen? Zumal: die meisten Zeilen die Danksagung sind offensichtlich keine Satire.

  • #4
    Jacob

    Die emanzipatorische Linke als Zusammenschluß von Realos? Ok bitte noch einmal recherchieren.

  • #5
  • #6
    Jacob

    Quelle? Ich habe neben diesem Blogeintrag keine Seite finden können, auf der sie als Realos bezeichnet werden oder sich selbst so bezeichnen.

  • #7
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Jacob: Gespräch mit dem Büro von Julia Bonk, der Bundessprecherin der Emanzipatorischen Linken, heute Nachmittag. Frage: Kann man die Emanzipatorische Linke als die Realos der Linkspartei bezeichnen? Antwort: Ja, kann man so nennen.
    @Reinhardinio: Danke für den Hinweis. Ich habs korrigiert 🙂

  • #8
  • #9
    Reinhardinho

    „Staatskomiker“ meinte ich….jetzt bedarf es schon einer Emanzipatorischen Linken als die Ralos der Linkspartei…..so kann man ja keine Revolution machen…..

  • #10
  • #11
    Helmut Junge

    @10 (Reinhardinho)
    klick mal auf Deinen Namen. Da kommt nämlich nur eine gesperrte Seite.

  • Pingback: Sick Sad World: Das Titelblatt der jungen Welt | Kotzendes Einhorn

  • #13
    pantoffelpunk

    @Werner Jura: Satire darf in der Tat grundsätzlich alles, bis auf eines: Sich von humorlosen Spießern, die den Sinn von Satire nicht verstandenen haben, vorschreiben lassen, was sie darf. Insofern einfach wieder hinlegen, weiterschnarchen und die bestehenden Verhältnisse hinnehmen.

  • #14
  • #15
    Jacob

    Sollte es so gewesen sein, dann nehme ich alles zurück und beschwere mich jetzt woanders weiter (also bei Julia Bonk).

  • #16
    Alden

    Also Pantoffelpunk steht als Ex-Pirat der Linken nicht unbedingt sehr nah. Ansonsten ist mir nicht offensichtlich ob der Artikel Satire war oder nicht.
    Es gibt in der Jungen Welt einige Bornierte, so dass es sich nicht unbedingt um Sartire handeln muss. Mich stört an der Jungen Welt regelmäßig die Werbung für Sowjet-Kitsch-DVDs und anderer Ostalgie-Kram. Ansonsten interviewt die Junge Welt noch Basis-Aktivisten (auch eher Staatsferne), was die taz vernachlässigt.

  • #17
    _falsche Linke_ !

    Ich finde man sollte Drucken wie Die JungeWelt lügt!

    Dieses Zeitung ist aus einem totalitären System entsprungen und man darf sich in erster Linie nicht wundern, wenn die Redaktion und die Ganzen regressiven Parteien (DKP/SDAJ) hinter diesen Nachrichten stehen.

    Diese Gruppen kommen mit Friedenstauben daher gelaufen und fordern eine Entmilitarisierung. Gehen also gegen Nato, führende westliche Regierungen, der eigenen (auf das Individuum aufgezwungen) Nation ins Gefecht bzw. kritisieren sie und wollen anscheinend das Militär und das Ganze Unrecht abschaffen!

    Doch Obacht! Anscheinend schmieden diese Strukturen doch ganz eigene Pläne. Fernab von ihren offiziellen Angaben. Aber Holz Auge sei wachsam! Kommunisten lassen sich ungern und Widerwillen was vor machen!
    Denn Ihr Antimilitarismus entpuppt sich dann als demagogische, propagandistische Lüge!

    Wie würden diese Strukturen, Organisationen gegen einen Antimilitarismus in ihren Lieblings Staat der DDR reagieren. Zu „ihrer Zeit“ mit Verfolgung, Denunzierung, Gefängnis, Mord! Denn irreführender weise hört der „JungeWelt Antimilitarismus“ in der DDR auf. Wie würde die Redaktion über Antiatom, Antikriegs Proteste in der DDR, Sowjetunion, China, Nordkorea berichten???

    http://dkp-marburg.de/fileadmin/download/He_HP.jpg

    http://germanhistorydocs.ghi-dc.org/images/22590201.jpg

    Erst mit Friedenstauben für die gute und eigene Sache werben, und dann kommt der Aasgeier zum Vorschein. Denn warum gilt für Nordkorea nicht NOWAR. An der Stelle heißt es dann Realos! Und ja das wissen wir aufgeklärten Kommunisten, dass das Realos sind. Man kann vollkommen „real“ verfolgen wie verlogen, und Menschenverachtend ihre Politik ist!

  • #18
    Mark Seibert

    Inzwischen gibt es auch einen Aufruf an Vorstände und Fraktionen der Partei, jegliche Kooperation mit der JW zu beenden: www.freiheit-und-sozialismus.de

  • #19
    H.J. Schlee

    Die Junge Welt hat doch erreicht, was sie wollte. Ihr zerreißt euch das Maul darüber und die lachen sich ins Fäustchen über Eure Dummheit, wie Ihr euch der Lächerlichkeit Preis gebt. Aber, man kann sich eben auch über Scheiße aufregen, wenn es eben nur genügend Gestank aufwirbelt in dem man sich als Autor suhlen kann.

  • #20
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Schlee: Luc Jochimsen hat angekündigt die JW nicht mehr finanziell zu unterstützen. Es gibt die Initiative der Emanzipatorischen Linken – warten wir doch mal ab wie lange die JW noch lacht…

  • #21
    Helmut Junge

    @18 Mark Seibert:
    ich wünsche den Unterzeichnern des Aufrufes viel Erfolg.
    Da durch Luc Jochimsen auch zumindest eine prominente Persönlichkeit dabei ist, könnte es vielleicht sogar den erwünschten Eindruck auf „die Vorstände von Partei und Fraktionen der LINKEN“ machen, die als Adresse angegeben sind.

  • #22
    H.J. Schlee

    Herr Laurin,
    das ist für mich überhaupt nicht von Belang und ich bin auch kein Leser dieser Zeitung. Es geht mit viel mehr um Ihre lächerliche Hexenverfolgung, die Sie schon mit Ihrem ersten Artikel angestoßen haben und nun weiter betreiben. Zum ersten habe ich allerdings noch geschwiegen. Als durchaus humoristischer Mensch empfand ich den Dank an Hohenschönhausen ohne Hubertus Knabe als Satire. Wobei das Augenmerk natürlich auf Herrn Knabe liegt und nicht, wie Sie interpretiert haben, auf dem Untersuchungsgefängnis. Die weiteren Danksagungen sind meines Erachtens auch durchaus berechtigt, wenn man unser Land und unsere Politiker betrachtet.
    Sie wollen die Junge Welt auf dem Scheiterhaufen brennen sehen? Dann machen Sie nur weiter so. Vergessen Sie aber nicht, dass alles was Sie tun und denken auf gleiche Weise zu Ihnen zurück kommt.

    MFG
    H. J. Schlee

  • #23
    Helmut Junge

    @Stefan Laurin;
    Stefan, Du entwickelst Dich zum kostenlosen Ethik-und Moral-Gutachter für die Partei „Die Linke“.
    Wo ich kann, unterstütze ich Dich, auch wenn mir Dein Motiv nicht bekannt ist.
    Das ist aber egal, denn Teile der Linkspartei reagieren ja bereits, und wenn die Partei durch Dein „triezen“, wie Werner es nennt, wirklich ihre internen Personalprobleme lösen sollte, dann könnte es sogar eine Partei für mich werden. Aber das ist noch ein langer Weg.

  • #24
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Schlee: ich schätze die Arbeit von Herrn Knabe und habe seine Bücher mit Gewinn gelesen. Ich will die Junge Welt auch nicht brennen sehen – ich finde die Zeitung nur eine unerträgliche Hetszpostille. Aber so etwas kann und muss eine Demokratie aushalten.
    @Helmut: Ich mag autoritäres Denken nicht und ich mag keine Diktaturen. So einfach ist das.

  • #25
    pantoffelpunk

    @REINHARDINHO: Ich habe mit der DDR (und anderen autoritären Staaten) wahrscheinlich sehr viel weniger zu tun als Du. Nur weil ich bei einem Spaß über die Deutsche Demmograddische Rebublik nicht gleich das Heulen anfange, bin ich noch lange kein IM oder gar OM.

  • #26
    Helmut Junge

    Gysi distanziert sich von Zeitung „Junge Welt“

    http://www.welt.de/politik/deutschland/article13552796/Gysi-distanziert-sich-von-Zeitung-Junge-Welt.html

  • #27
    Helmut Junge

    Bartsch empfiehlt Mauer-Befürwortern Parteiaustritt

    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,781385,00.html

  • #28
    Dirk dos Santos

    Ihr könnt ja gern die Zeitungen lesen, die sich für Kriege engagieren und linke Politik verteufeln!
    Habe noch einen Boykott-Aufruf zu den mächtigen Blättern (BILD; SPIEGEL; FOCUS, DIE WELT; FAZ, taz,….) gehört.
    Hier wollen bestimmte Kräfte DIE LINKE überflüssig und die informative und unabhängige „junge Welt“ ‚austrocknen“.
    Tolle Leistung und besonders mutig!

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