55

Nur israelische Soldaten sind Mörder!

In Umland | Am 15 November 2012 | Von Gastautor

Hunderte Raketen haben Palästinenser in diesem Jahr auf Israel abgefeuert, nun schlug Israel zurück, tötete den Militärchef der Hamas. Das Deutschlandradio und der Focus sprechen von “Mord” – und im Netz lassen Israelfeinde ihrem Hass freien Lauf – doch ernten sie mittlerweile mehr Widerspruch. Einer kassierte nun offenbar eine Anzeige. Von unserem Gastautor Patrick Gensing/Publikative.

Israel wird von drei Seiten angegriffen: Aus dem Libanon schickt die Hisbollah iranische Drohnen in Richtung des jüdischen Staates und droht, weitere Raketen einzusetzen, die auch Tel Aviv erreichen sollen. Auf den Golan-Höhen zeichnet sich eine Konfrontation mit dem derzeit ziemlich unberechenbaren Syrien ab – und aus dem Süden schlagen ohnehin praktisch ununterbrochen Raketen in Israel ein.

“Soldaten sind Mörder” – eine Einschätzung, die man in deutschen Medien sonst eher selten zu lesen bekommt.

Die Raketenangriffe auf Südisrael schaffen es in Deutschland aber fast nie in die Meldungsrubriken, dementsprechend überrascht gibt sich nun die deutsche Öffentlichkeit. Wie kommt Israel dazu, den Militärchef der Hamas zu töten bzw. zu ermorden, wie es bei Dradio Kultur und bei Focus-Online heißt? (Übrigens eine deutliche Sprache, die bei der Bombardierung von Tanklastzügen in Afghanistan mit mehr als 100 toten Zivilisten zu einem Rechtsstreit geführt hatte). Die Frage nach der Vorgeschichte der aktuellen Ereignisse wird höflich ausgeklammert.

Wahlkampf…

Wie nicht anders zu erwarten war, melden sich nach dem Tod des Militärchefs die üblichen Verdächtigen zu Wort. Wolfgang Gehrcke meint in einer Pressemitteilung der Linksfraktion, “die israelischen Luftangriffe, der Aufmarsch der israelischen Armee und Marine sowie die Abriegelung des Gaza-Streifens müssen beendet werden.” Dann fügte er aber immerhin noch hinzu: “Und israelisches Gebiet darf nicht weiter von Gaza aus beschossen werden.” Wer diesen “Beschuss” durchführt, benennt Gehrcke nicht.

Aber – cui bono? – wer ist schuld an der “Eskalation”? Gehrcke: “Der israelische Ministerpräsident Netanjahu nutzt die Eskalation in Gaza für seinen Wahlkampf.” So sind sie, die Israelis, für den eigenen Vorteil gehen sie über Leichen. Wenn man einen Zusammenhang zwischen anstehenden Wahlen und Militäroffensive herstellen möchte, was nicht völlig abwegig ist, sollte man aber nicht ausklammern, so wie Gehrcke es tut, dass die “Eskalation” eigentlich ein Dauerzustand ist. Dies kann nur ignorieren, wer zu den anhaltenden Raketenangriffen auf Israel oder zu Drohungen des Iran gegen Israel eben keine Pressemitteilungen herausgibt – und so als Mitglied des Bundesvorstands auch ein Statement abgibt. Den Iran erwähnt dieLinksfraktion eigentlich nur, wenn es um die angeblich ungerechtfertigten Sanktionen geht.

Wahlplakat der Hamas in Ramallah. Auf dem Plakat heiߟt es: Palsetine From Sea to Rever (sic!). Gemeint ist, dass Israel von der Landkarte verschwinden muss, damit ein islamischer Gottesstaat zwischen Mittelmeer (Sea) und Jordan-Fluss (River) entstehen kann. (Quelle: Ervaude)

Nun stellt sich aber die Frage, wer auf dieser aktuellen “Eskalation” sein politisches Süppchen aufwärmen möchte, wenn Gehrcke weiterhin fordert, Deutschland solle in der UNO-Vollversammlung einen palästinensischen Antrag auf Verleihung des erweiterten Beobachterstatus, die sogenannte Vatikan-Lösung, unterstützen. Auch die vollständige Aufwertung der palästinensischen Vertretung in Deutschland auf einen normalen diplomatischen Status stehe noch aus. Wird dies den Raketenbeschuss auf Südisrael beenden?

Nebensächlichkeiten, schuld an den Krisen in Nahost sei ohnehin der Westen, meint Gehrcke: Die Politik des Westens habe in Nahost zu einer Verschärfung von Kriegen geführt. In Libyen bleibe die Situation instabil und gefährlich. Syrien versinke immer weiter im Bürgerkrieg, die Auswirkungen spüre man im Libanon und jetzt auch in Gaza. Einen Hinweis auf die Machenschaften Irans in der Region, deren verlängerter Arm der Hisbollah Israel vom Libanon aus bedroht und dort einen Staat im Staat bildet, sucht man bei Gehrcke wie gewöhnlich vergebens. Antiimperialistisches Business as usual: Die einen sind die bösen und mächtigen Täter, die anderen die dusseligen und leicht verführbaren Opfer.

Anzeige gegen Piraten

Auch im Netz geht die “Israel-Kritik” ihren geregelten Gang. So geregelt, dass es dem Journalisten Tobias Raff nun reichte, er erstattete nach eigenen Angaben Anzeige. Raff schreibt, er sei “es leid, immer wieder und wieder den latenten Antisemitismus in unserer Gesellschaft ertragen zu müssen”. Damit meine er die Judenwitze in der Sauna,  antizionistische Behauptungen, dass Israels einzige Existenzgrundlage die von Angriffskriegen sei und er meine solche Aussagen wie die von Sebastian Scho auf Twitter:

“Ach, jetzt weiß ich, warum Millionen in KZ sterben musste. Damit Israel nach Belieben Angriffskrieg führen darf… WTF?!” oder “Die Israels, DIE sind die Wurzel allen Übels.”

An den Klowänden den Internets gehören solche Sprüche zum Standard, der Verfasser dieser Tweets, Sebastian Scho, ist übrigens Vorstandsmitglied des Kreisverbands Diepholz der Piratenpartei. Raff hat weitere Tweets dieses Piraten, der leider überhaupt kein Einzelfall in seiner Partei ist, dokumentiert.

“Fremdkörper Israel”

Und wer weitere ähnliche Schmierereien lesen möchte, der muss leider nicht lange suchen. Bei Twitter verkündet Twitting Thom im völkischen Brustton der Überzeugung:

Israel ist der Fremdkörper! Wenn es sich nicht anpassen kann wird es untergehen! Das kann niemand wirklich wollen!

Der Maler” wird den Juden wohl niemals Auschwitz vergeben und schreibt:

Während man uns Deutschen noch immer vorhält aus den Fehlern der Vergangenheit zur lernen, ist es Israel erlaubt auf wehrlose zu schießen.

Und einer der größten antisemitischen Schmierfinken im Netz aus dem Umfeld der Linkspartei verkündet:

Wenn im 1948 zionistisch besetzten Palästina zionistische Wahlen anstehen, dann läst die Führung der zionistischen Rassisten ihre Besatzungstruppen gern mal einige Palästinenser massakrieren, weil das bei der zionistischen Bevölkerung des besetzten Palästina gut ankommt.

Übrigens: Während einige Piraten angeblich einen Ausschluss des oben erwähnten Scho anstreben, verteidigen andere diesen. Die “Argumente” klingen vertraut: Der Kreisvorsitzende der Piratenpartei Diepholz sagte laut der Allgemeinen Zeitung: „Sebastian hat eine Art an sich, dass er die Dinge sehr sarkastisch sieht. Er provoziert gerne.“ Scho sei weder Antisemit noch Nazi. Nazi hat zwar überhaupt niemand behauptet, aber dies gehört zu den bekannten Abwehrreflexen, erst einmal zurückweisen, was niemand gesagt hat. Und Antisemit? Natürlich nicht, möchte man ergänzen, wie könnte man nur darauf kommen.

Dies betonte demnach auch Mario Espenschied, Beisitzer im Landesvorstand und Mitglied des Diepholzer Kreisverbands der Piraten. „Die Vorwürfe sind haltlos.“ Die umstrittenen Tweets seien „sehr aus dem Zusammenhang gerissen“.  Frei.Wild, Thilo Sarrazin und Günter Grass lassen grüßen.

Viel Zustimmung, aber…

Aber: Tobias Raff sagte auf Anfrage von Publikative.org, er habe viel Zustimmung für seine Anzeige erhalten. Auch zur Lage in Nahost finden sich im deutschsprachigen Twitter-Raum mittlerweile weit mehr Beiträge, die nicht strikt antiisraelisch sind. Dennoch, so kommentierte Raff treffend, erheben die meisten hauptsächlichen Vorwürfe gegen Israel. Doch so einfach sei das nicht, betonte Raff, denn “kaum jemand, der sich jetzt aufregt, hat sich über den fortwährenden Beschuss” durch die Hamas empört. Kein Internet-Phänomen, für die Leitmedien gilt dies ebenfalls.

Crosspost – Der Artikel erschien bereits auf Publikative.org


55 Kommentare zu »Nur israelische Soldaten sind Mörder!«

  1. #51 | Arnold Voß sagt am 19. November 2012 um 01:29

    @ Helmut @ Theo

    Ich bin sonst nicht so der Welt-Leser aber das ist eine interessante Überlegung die auch euch interessieren könnte:

    http://www.welt.de/debatte/article111236267/Palaestinensischer-Irrsinn-finanziert-von-den-UN.html

  2. #52 | Helmut Junge sagt am 19. November 2012 um 08:36

    @Puck,
    freie Wahlen im Gaza sind seit Jahren überfällig.
    Insofern ist der Satz ” 1. Die Hamas ist die legitime Regierung von Gaza. Weil gewählt” falsch.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Pal%C3%A4stinensischer_Legislativrat

    “Bei den Wahlen 2006 gewann die Hamas gut 44 % der abgegebenen Stimmen und mit 74 von 132 Sitzen die absolute Mehrheit der Mandate.” Wikipedia

    Da die Wahl für 4 Jahre gilt, ist die Neuwahl im Januar 2013 bereits 3 Jahre überfällig. (Ich habe vor etwa 2 Jahren bei einer Diskussion hier bei den Ruhrbaronen schon einmal auf diesen Umstand hingewiesen)
    Deshalb scheint mir jeder historischer Vergleich wenig passend.
    Ich würde jednfalls nicht davon ausgehen, dass das palästinensische Volk jemals voll hinter der Hamas gestanden hätte.
    Bei uns wird dieses “dahinterstehen” durch Wahlen ermittelt.
    Soweit ich weiß, “können” keine Wahlen durchgeführt werden, solange die Rahmenbedingungen “wegen der Besatzung und wegen des Krieges” nicht gegeben sind.

  3. #54 | Helmut Junge sagt am 20. November 2012 um 08:45

    Stimmt Theo, der Artikel enthält eine gute Analyse.
    Es geht letztlich immer darum, zu fragen, was kommt, wenn….
    Und der absurde Gedanke, dass Israel die Hamas noch braucht, ist gar nicht so sehr absurd, denn Hamas wird gemerkt haben, dass sie jetzt, in der Not keine Verbündeten hat. Keinen einzigen. Das klang vorher ganz anders.
    Klar aber auch, dass Israel, das mit der 8-fachen Zahl Infanteristen gegenüber 2009 angerückt ist, diesmal die durchaus im Straßenkampf starken Hamasverbände überwältigen könnte. Aber was käme dann?
    Ob ach der Vernichtung der Hamas ein “Somalia” droht, wie es im Artikel angedeutet wird? Könnte sein. Allein deshalb, weil diese Fragen der Entwicklung des Gazas nicht vorhersehbar sind, wäre ein Einmarsch ein Risiko, selbst wenn er
    militärisch erfolgreich sein sollte. Also eine Hamas als Ordnungshüter im Sinne Israels? Könnte gut gehen.
    Aber im Sinne einer Wirtschaftsentwicklung des Landes widerum ist sie untauglich. Für die Palästinenser bedeutete das weiter Diktatur und Elend.

  4. #55 | Aus Maus sagt am 20. November 2012 um 13:03

    hallo,

    auch wenn dieser Artikel bald wieder in der Versenkung verschwindet, hier ein Link auf das neue Verteidigungssystem Israels gespickt mit einigen Zahlen über die Angriffe der Hamas auf Israel.

Hinterlasse eine Antwort

XHTML: Diese Tags sind erlaubt: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>