17

Ostern: Endlich einmal wieder richtig ausschlafen? Pustekuchen! Das wird nichts…

Räppler. Foto: Immanuel Giel Lizenz: gemeinfrei

Räppler. Foto: Immanuel Giel Lizenz: gemeinfrei

‚Ah, endlich ist Ostern. Super, langes Wochenende! Sehr willkommene Feiertage. Da kann man dann auch wieder einmal super ausschlafen.‘ Das werden sicherlich auch viele unserer Leser aktuell denken.

Das mit dem Ausschlafen ist allerdings in einigen Gemeinden im Lande an Ostern so eine Sache. Da wird das wieder einmal nicht klappen… So auch bei mir hier in Waltrop. Gerade an Karfreitag und am Samstag wird das wieder einmal nichts werden. Zumindest nicht, wenn man wie ich, nur einen etwas leichteren Schlaf hat.

Für mich heißt es dann nämlich, wie für viele andere in der Stadt auch, aufstehen um ca. 6 Uhr, oder zumindest erst einmal recht unsanft aufwachen…

Hier am Rande des Ruhrgebiets wird nämlich noch immer eine alte katholische Tradition gepflegt, das ‚Räppeln‘. ‚Was ist das denn?‘, werden sich sicherlich jetzt viele hier fragen, die davon noch nie etwas gehört haben. Das Ganze ist allerdings gar nicht so schwer zu erklären:

Jedes Jahr am Karfreitag und Karsamstag ersetzen hier am Ort katholische Jugendliche das Läuten der Kirchenglocken durch ihre ‚Holzräppel‘.  Jeweils um 6 Uhr, 12 Uhr und 18 Uhr treffen Sie sich an der Kirche und laufen dann laut ‚räppelnd‘ quer durch die gesamte Stadt.

Und weil die Herrschaften dann auch immer mit ihren großen Holzrappeln direkt an meinem Schlafzimmer vorbeigehen ist das mit dem Schlafen dann für mich eben auch immer unfreiwillig früh für die jeweilige Nacht vorbei.

Viele Zeitgenossen regt das inzwischen mächtig auf. So wurde in den letzten Jahren immer häufiger von sich aufregenden Mitbürgern berichtet, welche die Jugendlichen regelrecht beschimpfen. Aber obwohl ich selber gar nicht religiös bin, finde ich dieses alte, kirchliche Brauchtum in meinem Wohnort seit Jahren schon recht angenehm, irgendwie anheimelnd und über die Jahre sehr vertraut. So richtig dörflich gemütlich, ein wenig altmodisch eben.

Dieses ‚Räppeln‘ ist hier in Waltrop eine alte Tradition, wie sie nur noch in ganz wenigen, katholisch geprägten Orten und Regionen der Republik gepflegt wird. Eine Sitte, wie ich sie ganz persönlich nun aber auch schon seit 1973 kenne, seitdem meine Eltern damals mit mir aus dem benachbarten Dortmund das kurze Stück über den Kanal, an den Rand des Ruhrgebiets, nach Waltrop im Kreis Recklinghausen, gezogen sind.

Im Gegensatz zu vielen Zeitgenossen hier macht mir das aber gar nichts aus. So erinnere auch ich mich, als Nicht-Kirchgänger, wenigstens auch mal wieder daran, dass Ostern ist.

Als ich vor Jahren einmal zu Ostern nicht zu Hause war, da habe ich diese Tradition in der Fremde sogar  regelrecht vermisst. Sie gehört für mich, wie auch für viele alte Waltroper einfach zu Ostern mit dazu.

Das sehen allerdings in den letzten Jahren leider längst nicht mehr alle Zeitgenossen hier am Ort so entspannt. Besonders frisch Zugezogene tun sich damit häufiger schwer, möchten an den wenigen Feiertagen im Jahr nicht zwangsweise früh geweckt werden.

In den letzten Jahren kam es im Forum der Tageszeitung daher beispielsweise dann auch schön regelmäßig zu größeren Debatten über Sinn und Zweck der Übung. Nicht wirklich erstaunlich, geht doch der Einfluss der Katholischen Kirche seit Jahren auch schon immer weiter zurück. Viele verbinden eben mit den Ostertagen inzwischen in erster Linie eben auch die Gelegenheit zum Ausschlafen.

Allerdings war auch die Zahl der aktiven Jugendlichen offenkundig schon einmal deutlich größer. In den letzten Jahren kamen lediglich noch zwei junge Leute hier bei mir durch die Straße gelaufen. Ich erinnere mich noch gut an Jahre als die Gruppe, und damit auch der von ihr verursachte ‚Krach‘, noch wesentlich größer war.

Nach alter Tradition sammeln die Räppler dann am Nachmittag des Karsamstags übrigens Spenden als Dank für ihren Dienst bei den Bürgern ein.

Früher bestand diese Entlohnung traditionell aus Eiern und Obst, inzwischen wechseln dann jedoch auch, etwas zeitgemäßer vielleicht, Süßigkeiten und Bargeld in den Besitz der jungen Katholiken.

Nach der letzten Runde am Samstagnachmittag wandern die lärmenden Holz-‚Rappeln‘ dann schon wieder für ein Jahr in den Schrank, und die üblichen Kirchenglocken nehmen wieder ihren Betrieb auf. Auch genervte Waltroper können so zumindest am Sonntag und Montag wieder etwas besser ausschlafen.

Wollte ich hier im Blog heute einfach noch einmal kurz von erzählt haben. Kennen bestimmt nicht viele Leute hier, diesen alten Brauch.

Wie dem auch sei, Frühaufstehern und Langschläfern von dieser Stelle aus auf jeden Fall schon einmal ‚Frohe Oster- bzw. Feiertage!‘ 🙂

RuhrBarone-Logo

17 Kommentare zu “Ostern: Endlich einmal wieder richtig ausschlafen? Pustekuchen! Das wird nichts…

  • #1
    discipulussenecae

    Ich wußte gar nicht, daß es diese Tradition in Waltrop noch gibt; ich hätte sie wenn überhaupt noch irgendwo in Oberbayern oder im Eichsfeld vermutet.

    Der Brauch hat aber nichts mit irgendeinem wie auch immer gearteten "Einfluß der Katholischen Kirche" zu tun; er leitet sich ganz einfach aus deren Liturgie ab. So schreibt etwa ‚kath.de‘ zur Gestaltung der hl. Messe am Grpndonnerstag: "Das Abschiedsmahl (Jesu) wird in den Abendstunden als feierliche Messe gefeiert. In Abhebung zum Bußcharakter der Fastenzeit und des kommenden Karfreitags wird der Gottesdienst feierlich gestaltet. Es wird das Gloria gesungen, dabei läuten die Glocken, die dann bis zur Osternacht schweigen sollen. Der Volksmund sagt, daß sie nach Rom fliegen. Es werden bis Ostern auch nicht mehr die Schellen benutzt, mit denen die Meßdiener bestimmte Augenblicke im Gottesdienst herausheben. Sie benutzen kleine Holzplatten, auf die ein Holzklöppel montiert ist, so daß damit die Schellen ersetzt werden. Um die Menschen zum Gottesdienst einzuladen, gehen die Meßdiener mit Ratschen durch den Ort." Und diese ‚Ratschen‘ sind eben die Waltroper ‚Räppel‘.

    Die Glocken, die Orgeln und alle Klingeln etc. werden in der Katholischen Liturgie bis zur Osternacht nicht mehr gespielt, um symbolisch das Leiden und den Tod Jesu auszudrücken. Erst in der Osternacht spielt die Orgel wieder besonders feierlich zum Gloria, und alle Glocken und Glöckchen werden geläutet, um die Freude über die Auferstehung Jesu Christi in die Welt zu rufen.

    Es gibt mit Sicherheit jetzt wieder genügend vorgeblich aufgeklärte Zeitgenossen, die sich maulend abwenden und sich nur ein mühsames "Laß mich doch mit dem Katholenscheiß in Ruhe" von den Lippen pressen. Aber müssen denn alle christlichen Traditionen endgültig aufgegeben werden? Ich lasse den Ostermarschierern und den Freunden des 1. Mai doch auch ihren Spaß. Und die legendäre "geflügelte Jahres-Endzeit-Puppe" erscheint mir erst recht keine Alternative zu sein!

  • #2
    Walter Stach

    Robin,
    schön, daß Du hier bei den Ruhrbaronen an die Tradition des Räppelns in Waltrop erinnerst. Vergleichbares gibt es zwar in anderen Landstrichen Deutschlands, aber m.W. mit anders konstruierten "Krachmachern". In der Region um uns herum -nördliches Ruhrgebiet, südliches Münsterland- scheint es Ähnliches nicht zu geben.
    Ich habe mir so eben meine alte Räppel herausgeholt, die ich 1948 erstmals benutzt habe. Ich habe sie dann regelmäßig ausgeliehen. Einige "Räppler" haben ihre Initialen in die Holzplatte der Räppel nebst Jahreszahl eingebrannt, zuletzt , soweit noch lesbar, 1978.

    Räppler wurde man zu meiner Zeit ab einem bestimmten Alter als Meßdiener in St.Peter. Mit 1o Jahren? Ich weiß das nicht mehr.

    Für uns Jungens war das Räppeln zum einen eine interessante und spannende Sache, zum anderen aber auch eine "lukrative", denn, wie Dir bekannt ist, nach getaner Arbeit wurde (und werden immer noch) am Ostersamstagnachmittag Hühner-Eier gesammelt. Wer keiner Hühnereier hatte oder meinte, er solle neben den Eier noch spendabler auftreten, der gab uns Geld und Süßigkeiten. Ich bin ‚mal -1948/1949?- mit 3o Eiern nach Hause gekommen. Das war damals ein sehr willkommener Beitrag für die österlichen Speisen, um die meine Mutter sich bemühte -in allgemein schwieriger Zeit und das in einem Bergmanns-Haushalt.

    Wer seinerzeit im "Ortskern" räppeln durfte, wurde zudem durch eine heute noch existierenden Metzgerei in der Innenstadt mit Fleischwurst versorgt. Und diese Wurst war Ende der 194oer und Anfang der 195oer Jahre für uns Jungens, vor allem für die aus sozial schwächeren Familien, heiß begehrt -wörtlich und bildlich gemeint.

    In der Schar der Räppler herrschte damals eine strenge Rangordnung.
    Wenn zunächst die gesamte Gruppe -damals ca. 2o Jungens (keine Mädchen im Gegensatz zu heute (!!)-räppelnd dreimal die Kirche St.Peter umrundet hatten, gingen die älteren von uns vorne weg und gaben so den Jüngeren den Takt vor. Nach diesem gemeinsamen Gang um St.Peter ging es dann in kleinen Gruppen in die einzelnen Stadtteile. Den älteren Räpplern war zu meiner Zeit das erwähnte Räppeln in der Innenstadt vorbehalten, während die Jüngeren -mit dem Fahrrad- in den Außenbezirken , in den sog. Bauernschaften- unterwegs waren. Das bei Wind un Wetter und nicht selten von aufgeregten Hunden auf den Bauernhöfen begrüßt, manchmal auch bedroht.
    Ich weiß nicht, ob sich der Ablauf der gesamten Aktion heute im Detail geändert hat; ich denke ja.

    Zu meiner Zeit als Räppler habe ich nicht den geringsten Protest gegen unsere Räppelei in Erinnerung. Heute ist mir u.a. aus meiner Nachbarschaft bekannt. daß die Räppler oftmals nicht nur wüst beschimpft werden, sondern daß es sogar mündliche Beschwerden/Anzeigen bei der Polizei gibt.

    Leider habe ich mich bisher nicht darum bemüht herauszufinden, seit wann in Waltrop geräppelt wird. Ich werde versuchen, dazu Näheres zu erfahren.

    Diese Tradition wird zurückgeführt auf eine alte Erzählung, nach der in "grauer Vorzeit" in der sog. Kar-Woche die Glocken zur Einsegnung/zur Weihe in Rom waren, so daß an ihrer Stelle die Gläubigen durch das Räppeln zum Früh-, Mittag- und Abendgebet aufgefordert werden mußten.

    Soll man sich bemühen, solche Sitten und Gebräuche zu erhalten? Sollte man sie, auch wenn man sie für Unsinn hält oder sie sogar als das eigene Wohlbefinden störend einstuft, zumindest respektieren -und ggfls. warum oder warum nicht?
    Sind solche Sitten und Gebräuche im weitesten Sinne dem zuzurechnen, was gemeinhin unter Kultur verstanden wird?
    .
    Mir scheint, daß diese oder ähnliche, aus meiner Sicht naheliegende Fragen bezogen auf " das Räppeln in Waltrop" so unbedeutend und letztlich so unwichtig sind, daß ich sie erst gar nicht hätte aufwerfen sollen. Zumindest kann man sich das Suchen nach Antworten ersparen.

  • #3
    Walter Stach

    -1-displusussenecae

    Schön, Ihren Beitrag lesen zu können. Ich hätte mich auf ihn bezogen, habe ihn aber erst entdeckt, nachdem ich meinen Beitrag verfaßt und abgeschickt hatte.

  • #4
    Robin Patzwaldt Artikelautor

    @Walter: Im münsterländischen Nottuln und rund um Paderborn soll es hier in der Gegend noch ähnliche Traditionen geben, wie ich vorhin gelesen habe.

  • #5
    Walter Stach

    Robin,
    wenn das mit Nottuln und "rund um Paderborn" so ist, könnten wir Waltroper uns fragen, was uns zu dieser Gemeinsamkeit gebracht hat. Nottuln und "rund um Paderborn" sind ja "so schwarze Ecken", dass diesbezüglich Waltrop m.E. nichts Vergleichbares vorzuweisen hatte und vorzuweisen hat. Auch darüber wäre in Waltrop ‚mal nachzudenken und nachzuforschen -neben der Such nach einer Antwort auf die von mir unter -2- gestellten Frage nach dem Zeitpunkt des erstmaligen Räppelns in Waltrop..

  • #6
    Klaus Lohmann

    In einem etwas größeren Zusammenhang vermisse ich heute, im Vorfeld des Karfreitag, als mittlerweile guten Brauch den Standard-Hinweis auf "Das Leben des Brian":

    "Die Initiative Religionsfrei im Revier widersetzt sich an Karfreitag hier in Bochum wieder dem Karfreitagsgesetz. Sie zeigt in der Innenstadtdiskothek Riff drei an diesem sogenannten stillen Feiertag verbotene Filme. Vor zwei Jahren hatte die Stadt Bochum ein Bußgeld gegen die Initiative verhängt. Dagegen haben die Veranstalter schon auf zwei Ebenen Widerspruch eingelgegt. Ziel der Initiative ist, das Gesetz auf Bundesebene neu zu verhandeln, sagte uns Veranstalter Martin Budich."
    http://www.radiobochum.de/bochum/lokalnachrichten/lokalnachrichten/article/-490bf572e2.html

    Also hiermit nachgeholt;-)

  • #7
    Walter Stach

    Robin,
    eine Teilantwort auf die aufgeworfenen Fragen kann ich liefern:
    Der Vors. des Heimatvereines Waltrop, Stadtdir.a.D.Norbert Frey, hat mir so eben erklärt, daß belegt sei, wo nach auf jeden Fall schon von 1880 in Waltrop geräppelt worden ist. Exakteres war ihm nicht bekannt. Ich bleibe "am Ball" und werde nachhören, ob der Stadthistoriker mehr weiß bzw. bereit ist, danach zu forschen bzw. da nachzusuchen..

  • #8
    discipulussenecae

    @ #3 Walter Stach:

    Es freut mich, daß Ihnen meine kurzen Überlegungen gefallen haben. Heute erntet mann ja eher Spott für solche Beiträge, wie auch #6 Klaus Lohmann sehr schön zeigt …

  • #9
    Robin Patzwaldt Artikelautor

    @Walter: Ich hatte meinen Vater (der auch im örtlichen Heimatverein ist) vorhin auch schon gebeten dort doch mal dazu nachzuhorchen. Aber Du warst offenbnar schon schneller. 🙂 Danke, Walter!

  • #10
    discipulussenecae

    Soweit ich weiß, stammt der Brauch des ‚Ratschens‘ oder ‚Räppelns‘ schon aus dem Mittelalter oder spätestens aus der frühen Neuzeit. Allerdings weiß ich nicht, wie alt Waltrop ist.

    Wikipedia nennt als eine frühe Erwähnung des Brauches im Artikel ‚Ratschen‘ das Jahr 1482 und als Ort Coburg; aber auch auf Waltrop wird ausdrücklich hingewiesen! Ich denke aber, daß aus obigen Gründen diese Sitte allgemein weit verbreitet war.

  • #11
    Robin Patzwaldt Artikelautor

    @ discipulussenecae: St. Peter in Waltrop, die Gemeinde von der aus die Räppler auch heute noch starten, stammt ursprünglich ebenfalls aus dem Mittelalter, ist meines Wissens nach, rund 1000 Jahre alt. Habe die Zahlen jetzt gerade nicht zur Hand, aber da formt sich dann offenbar ein Bild…

  • #12
    Walter Stach

    Geschichte des Räppelns in Waltrop (Geschichte der St.Peter-Kirche und der Gemeinde Waltrop) und Erwägungen über Zuordnungen ins Mittelaler:

    Der sog. Reichshof Elmenhorst -sh.die heutige Bauernschaft Elmenhorst im Osten Waltrops) wurde urkundlich erstmals 1292 erwähnt. Die sog. Freiheit Waltrop 1428. St.Peter wurde "um" 15oo errichtet.
    Von daher "paßt" das schon mit den Überlegungen zu den Anfängen des Räppelns in Waltrop "irgend wann" im Mittelalter.

  • #13
    Robin Patzwaldt Artikelautor

    Lt. Wikipedia liegen die Ursprünge der Gemeinde St. Peter in Waltrop sogar wohl noch weiter zurück, nämlich im 9. oder 10. Jahrhundert:

    https://de.wikipedia.org/wiki/St._Petrus_%28Waltrop%29

  • #14
    Peter Rudolph

    Man muss gar nicht weit fahren, um weitere Räppler zu finden: Auch in Herten, in der St. Martinus-Gemeinde im Stadtteil Westerholt, wird geräppelt. Dort heißen die Räppler aber Rättler. Die hölzernen Instrumente sehen exakt so aus wie die in Waltrop.

  • #15
    der, der auszog

    Jedem Jung sein Räppelchen. Solange sie dabei nicht anfangen zu tanzen, dürften sie damit durchkommen… 😎

    Ein paar Gedanken zu Sankt Peter in Waltrop:

    Im 10. Jahrhundert bildete sich unter der Dynastie der Ottonen aus dem karolingischen Ostfrankenreich das Regnum Teutonicum, eine Art Ursprungsgebilde des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, (HRR) wie der offiziellen Reichstitel später lauten sollte. Wie die Region um Dortmund mit dem Heiligen Römischen Reich zusammen hängt, kann man heute noch recht deutlich an den Stadtwappen (Dortmund, Waltrop…) erkennen, die übrigens auch dem Bundeswappen verblüffend ähnlich sehen: ein nach rechts blickender schwarzer Adler mit offenen Flügeln auf goldenem Grund. Alle diese „Pleitegeier“ haben denselben Ursprung nämlich im Reichsbanner des HRR.
    Über den von Walter erwähnten Reichshof Elmenhorst dürfte auch Waltrop an sein Stadtwappen gekommen sein. Aus dem Begriff Reichshof lässt sich ableiten, dass dieser dem König unterstellt war. Mit der Kirche Sankt Peter in Waltrop dürfte er aber eher weniger zu tun haben.

    Eines der sieben Kurfürstentümer des HRR war Kurköln, oder auch Erzstift Köln genannt, welches sich ebenfalls zur damaligen Zeit gründete und aus einem Kerngebiet entlang der Rheinschiene von Andenach bis Rheinberg, dem Herzogtum Westfalen und einer Exklave bestand, die über keine direkte Verbindung mit dem Kurkölnischen Kernland verfügte: das Vest Recklinghausen.

    Diese Exklave war umgeben von der Grafschaft Mark, dem Fürstbistum Münster, der Grafschaft Dortmund, dem Reichsstift Essen und dem Herzogtum Kleve. Das Vest Recklinghausen war allerdings nicht dem König unterstellt, sondern gehörte in den weltlichen Herrschaftsbereich der Erzbischöfe von Köln. Der von Robin erwähnte Wikipedia Eintrag findet sich 1:1 in Georg Dehio, Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Nordrhein-Westfalen, Band 2, Westfalen.

    Demnach ist St. Peter als Eigenkirche der Erzbischöfe von Köln gegründet worden, wahrscheinlich zur Zeit Otto I (Otto I starb 973 n. Chr.) Eigenkirchen waren Kirchen, deren Pfarrer nicht vom Bischof, sondern vom Grundherren eingesetzt wurde. Dieser Grundherr war der sogenannte Vogt, der wiederum im konkreten Fall von den Kölner Erzbischöfen als deren Stellvertreter ernannt wurde. An dieser Stelle sind jetzt die Waltroper Heimatforscher gefragt: Gibt es in Waltrop unter Umständen einen Vogthof oder eine Vogtei, die auf einen solchen Hof hinweisen könnte? Das wäre dann aller wahrscheinlichkeit nach der Hof, aus dem die Gemeinde Sankt Peter hervorgegangen ist.

    jetzt kommt Heraldik 2. Teil:
    Die Beziehung des Vest Recklinghausen zu Kurköln lässt sich ebenfalls heute noch anhand diverser Wappen im Kreis Recklinghausen, dem Nachfolger des Vest, erkennen. Zum einen wäre da das kurkölnische Kreuz, bestehend aus einem schwarzen Hochkreuz auf silbernem Grund. Dieses Kreuz ist ein wesentlicher Bestandteil des Recklinghäuser Kreiswappens, sowie der Stadtwappen von Dorsten, Marl, Datteln und Buer. Ein weiteres wichtiges Symbol ist der Schlüssel. Im Mittelalter gab es im Vest zwei Städte, Recklinghausen und Dorsten. Beide Städte tragen einen goldenen Schlüssel im Wappen, der sich lediglich in der Ausrichtung des Bartes unterscheidet und dieser Schlüssel findet sich ebenfalls im Kreiswappen wieder. Auch er ist ein Hinweis auf die Zugehörigkeit zum Erzbistum Köln, denn der Schlüssel ist ein ikonographisches Heiligenattribut des Apostels Petrus und Petrus war der Schutzheilige der Kölner Erzbischöfe. Der kirchliche Name des Kölner Doms ist nicht zufällig Hohe Domkirche St. Petrus zu Köln. Und jetzt kommen wir wieder auf die Kirche in Waltrop zurück, denn sie ist genau demselben Heiligen geweiht. Insofern ist es wahrscheinlich, dass der Name dieser Waltroper Kirche ebenfalls als ein Hinweis der auf die Zugehörigkeit zu Kurköln gedeutet werden kann.

    Brände, Um- und Anbauten werden das Gesicht von St. Peter im Laufe ihrer mehr als 1000 jährigen Geschichte völlig verändert haben. Ich kann sie mir in den ersten Jahrhunderten allerdings gut als eine Art Wehrkirche vorstellen, in denen die Gemeindemitglieder bei Gefahr Zuflucht finden konnten. Hinter Waltrop grenzt das Vest an Dortmund, eine Stadt, die in der Vergangenheit in unzählige Fehden verwickelt war, die unter Umständen auch in der heutigen Gegend von Waltrop ausgefochten wurden. Darüber hinaus war der durch Dortmund führende Hellweg nicht nur wegen seines Handels berühmt, sondern auch wegen seiner Banditen berüchtigt, die als Raubritter den reisenden Händlern nachstellten. Um Dortmund herum gab es damals schon sehr viel Gesocks, vor dem man sich unter Umständen in Sicherheit bringen musste.

  • #16
    Robin Patzwaldt Artikelautor

    @dda: Sehr spannend. Danke! Ich gehe am morgigen Samstag wieder in die Stadt. Dann werde ich mal sehen, was an der Kirche steht. Da gibt es meiner Erinnerung nach auch eine Info-Tafel. Und vielleicht erfahren wir ja auch über die Heimatverein-Schiene noch etwas Näheres dazu.

  • #17
    Robin Patzwaldt Artikelautor

    So, die Info-Tafel an der St.Peter Kirche sagt folgendes:
    „Um 950 Baubeginn einer einschiffigen Kirche, im 14. Jahrhundert Umbau in eine dreischiffige Kirche, im Mittelalter Flucht- und Wehrkirche für die Bevölkerung im Vest Recklinghausen, 1783 Zerstörung durch des Turms und der Glocken Brand…“
    Soweit waren wir hier ja schon. 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *