Punkfestival in Rheinhausen – Subkulturhauptstadt At It’s Best

In Alles über Pop | Am 6 Mai 2010 | Von Thomas Meiser

In Rheinhausen, meiner Geburtsstadt, lebt noch der klassische Punk.

Duisburg-Rheinhausen. Die kleine Stadt, eingemeindet 1975, linksrheinisch gelegen neben der großen kleinen Stadt Duisburg, beiden ist gemeinsam, daß sie ihre Zukunft schon hinter sich haben:

Während Rheinhausen die Kleinstadt des verlorengegangenen, zur Legende verklärten Arbeitskampfes der Kruppschen Arbeiter ist, degenerierte Duisburg zur Ex-Eisenhüttenstadt im Ruhrdelta.

Hier, in Rheinhausen, hat einst wiederholt an zwei Tagen eines Wochenendes das Hart&Schäbbich-Festival stattgefunden. Hier ist es erfunden worden. Legende mittlerweile. Ein Serial, das auf Tournee geht.

In der Mehrzweckhalle des Rheinhauser Jugendforums, einer fordistisch angelegten Betonburg, einer wie die Gesamtschule in Köln-Rodenkirchen, spielten, nachdem die Massenabfertigung der Lehrlingsgenerationen per Kegelbahn und Stadtteilbücherei nicht verfing, etwa Slime.

Die Hütte tobte billich – hart&schäbbich:

Polizei, SA, SS – hieß es nach dem vergeblichen Aufstand der Kruppschen Arbeiter gegen die trotzdem erfolgte Schließung ihrer Hütte während des Hart-und-Schäbbich-Festivals.

Vergeblich, vergeblich.

Intoniert natürlich hauptsächlich von auswärtigem Publikum aus den Schlafstädten nahe Düsseldorf, die Oberstüfler-Gymasiasten aus Hochdahl und Langenfeld reisten eigens ohne Übernachtungsmöglichkeit mit dem Golf von Mutti an und entzündeten mit den Prolls aus den Ostzonenwürfelmachenkrebs-Regionen von Restdeutschland, die ohne Asche angetrampt kamen, Feuerchen auf dem asphaltierten Marktplatz vor dem Jugendforum.

Bis die Bullen die freiwillige Feuerwehr vorschickten, niedliche Folklore alldas.

Das Ganze wurde mehr oder weniger ersonnen von dem Clan der Kulosas, einem Punk mit Grütze im Kappes, der angeblich sogar ein Grundstudium WiWi an der damaligen Gesamthochschule abgeschlossen haben soll, deren Konzept Arbeiterkindern Bafög, Abschlüsse und staatsbedienstete Karriere verhieß.

Worauf der dann pfiff. Weil der wohl nicht die Zielgruppe war.

Zu Zeiten der Erstauflagen der Hart&Schäbbich-Festivals war der Kulosa jedoch schon sonne Art anarchistischer Kapitalist, jedenfalls war sein Plattenlabel und sein Merchandisingladen ziemlich genau 30 Meter von meiner damaligen Wohnung in Duisburg-Hochfeld entfernt, und immerhin hatte der Laden Ofenheizung und ich nur Nachtspeicher, und ich bekam auch mal ein T-Shirt geschenkt.

Das war eines von den Dödelhaien, Kolosas Band, die es immer noch gibt, und ich hab das T-Shirt auch immer noch, aber es dient jetzt als Mop.

Was ich damit sagen will, ist:

Punk wohnt immer noch in den beiden abgewrackten Eisenhüttenstädten, ja in Rheinhausen ist er sogar deren Seele, und dafür gibt es zwei Gründe.

Der erste ist wiederum dieser Dödelhai Kulosa, der betreibt mittlerweile in einem Luftkriegsbunker des eher katholisch-gutbürgerlichen Stadtteiles Rheinhausens namens Friemersheim, in Luftkriegsgefechts-Weite vom Halbsternchen-Gasthof Brendel übrigens, anknüpfend an sein altes Label Impact Records nunmehr einen prosperierenden Versand von Punkplatten und -Devotionalien.

Ist quasi ein mittelständischer Betrieb, der Arbeitsplätze schafft geworden, der verdammte Anarcho.

Und dann gibt es noch den eingetragenen Verein namens Westside, der sich der Punktradition Rheinhausens verpflichtet fühlt.

Der lädt am Freitag, also morgen am 7. Mai 2010 und am darauffolgenden Samstag wieder mal zu einem Festival in der Ahnenreihe des Hart&Schäbbich ein

- in einen Laden, der noch wesentlich mehr Scheiße und von noch viel mehr sozialdemokratischer Architektur der 50er Jahre beseelt ist als das Jugendforum der 1970er Jahre:

In das Haus der Jugend nämlich. Das heißt wirklich so. Aber man kann das schnell vergessen, es wird Bier geben.

Und insgesamt wird das ein ziemlich geiler Regressions-Punkabend werden.

Weil nämlich auch irgendwann Artless spielen wird, eine Combo, deren Legendariarität sich darin ermißt, daß sie höchstens mal vor zwanzig, dreissig Jahren mit einem Song Geschichte geschrieben und dann auf alles verzichtet hat. Auf das Reichwerden, auf das Berühmtwerden, auf das ganze Ding. So sagt jedenfalls die Legende.

Egal – Peter Hein von den Fehlfarben ist ja auch nur Lagerverwalter.

Jedenfalls, Artless spielten erstmals wieder vor zwei Jahren, und zwar in Rheinhausen, Stadt der kaputten Jugend.

Am Wochendende werden die dort erneut spielen.

Leider werde ich am Klassentreffen – weil: dienstlich verhindert – nicht teilnehmen können.

Aber empfehlen tu ich es schon. Und zwar unbedingt.