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Ruhrgebiet: Es kommt nicht nur aufs Image an

Seit Monaten gibt es ja die Idee einer neuen Image-Kampagne für das Ruhrgebiet. Die CDU im Ruhrparlament will sie und langsam kommt die ganze Nummer in Fahrt.
Alte Imagekampagne: "Ein starkes Stück Deutschland"

Alte Imagekampagne: „Ein starkes Stück Deutschland“

Seit Monaten gibt es ja die Idee einer neuen Image-Kampagne für das Ruhrgebiet. Die CDU im Ruhrparlament will sie und langsam kommt die ganze Nummer in Fahrt. Sie soll sich, sagt die CDU, vor allem an Unternehmer wenden. Die sollen ins Ruhrgebiet kommen und Jobs schaffen. Wie viel Geld dazu zur Verfügung stehen wird ist noch nicht klar. Und ob sie sich auf internationale Investoren konzentrieren wird auch nicht. Im Umfeld des Regionalverbandes träumt manch einer auch von einer eierlegenden Wollmilchsau, die Investoren in China ebenso begeistert wie kulturbeflissener Rentner in Bayern und ganz nebenbei auch noch das regionale Selbstbewusstsein stärkt.
Aber mal abgesehen von diesen kleinen Schwächen im Vorfeld des kommunikativen Jahrhundertwerkes gibt es ein paar kleine Probleme, die gerne übersehen werden. Das Image ist ein, aber nicht das Hauptproblem des Ruhrgebiets. Warum sollen Unternehmer in einer Region investieren, die hohe Gewerbesteuern, eine heillos überlastete Infrastruktur und einen erbärmlich schlechten Nahverkehr hat? Deren Innenstädte deutlich hässlicher und unattraktiver sind die anderer Ballungsräume, aus der Fachkräfte abwandern und deren Städte finanziell kaum noch handlungsfähig sind?  Billiger Wohnraum ist der einzige Vorteil den das Ruhrgebiet hat – und den hat es, weil immer weniger Menschen hier freiwillig leben wollen. Sicher, die Arbeitslosigkeit und die wirtschaftliche Schwäche des Ruhrgebiets sind die Hauptprobleme der Region. Erst wenn sie gelöst sind, macht es Sinn über eine Imagekampagne nachzudenken. Aber das wäre das Bohren dicker Bretter. Und das mag man im Ruhrgebiet nicht.

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20 Kommentare zu “Ruhrgebiet: Es kommt nicht nur aufs Image an

  • #1
    kE

    Wenn mir nichts mehr einfällt, mache ich eine Image-Kampagne.
    Das ist zumindest meine Erfahrung aus den letzten Jahren.

    Im Ruhrgebiet ist der Nahverkehr OK. Ich auch nur wenige Ballungsräume, wo er besser ist. Ich kann in Dortmund fast rund um die Uhr mit der Bahn fahren. Die Züge haben eine ordentliche Qualität und sind pünktlich. Die Hauptachsen sind ein Problem, die Bahnhöfe hässlich. Hier ist einfach die NRW-Politik richtig schlecht darin, Investitionen in den Raum zu holen. Aber wenn ich bspw. an Berlin denke, wo man ständig in überfüllten Zügen umsteigen muss, komme ich im Ruhrgebiet gut klar. Viele angeblich tolle NAhverkehrssysteme kennen wir nur aus der Sicht Hotel<->Zentrum. Dass aber bspw. in Berlin kaum KM gemacht werden, wird nicht beachtet. Die Kritik mag ich nicht, obwohl ich keinen Bewerber zum Dortmunder Hauptbahnhof schicken würde. Die Struktur schreit förmlich "Zieh hier nicht hin!". Aber das Ufo ist damals nicht gelandet und seit der Zeit plant man.

    Das Ruhrgebiet ist arm und das merkt man, d.h. für viele Dienstleistungen etc. fehlt einfach das verfügbare Einkommen!
    Die einzige Chance, die ich sehe, besteht darin, die Vielfalt zu nutzen und auf mehr Selbständigkeit zu setzen, obwohl im Ruhrgebiet die Innovationsnetze fehlen. Bei Selbständigkeit wird dann doch lieber auf den Imbiss oder das Nagelstudio gesetzt. Ebenfalls hat das Ruhrgebiet im Wesentlichen prägende Großindustrie, von der die Großväter gut leben konnten. Der Enkel verteilt Kisten zum Mindestlohn und wird in 10 Jahren durch Roboter ersetzt.

    Eine Chance sehe ich noch in der Maker-Szene, mit der Schulen nach der Grundschule Kinder motivieren können, schnell erfolge zu erzielen und selber kreativ zu werden. Leider sind uns hier die Tech-Regionen der Welt schon wieder um 10 Jahre voraus.

  • #2
    Franz Przechowski

    Gut gemeint bedeutet nicht gut gemacht. Die jüngste GE Kampagne, die wohl als Blaupause dienen soll, ist unter kommunikationsstrategischer Sicht entsprechend einzustufen. Wer glaubt, die Wahrnehmung einer Stadt oder Region mit "Krisenimage" über werbliche Erfolgstories korrigieren zu können, sollte sich auf seine beruflichen Kernkompetenzen zurückziehen. So einfach funktioniert diese überfrachtete Informationswelt nicht mehr. GE hat nur eines erreicht – dem Handelsblatt Mediaumsätze in beachtlicher sechsstelliger Höhe zu bescheren. Als Bürger und Unternehmer dieser Region kann man nur hoffen, daß die Politik nicht nach subjektiver Vorstellung, sprich laienhaft, von Markenkommunikation agiert. Zunächst gilt es die eigenen Menschen davon zu überzeugen, daß der Laden hier eine Zukunft hat. Das gelingt am besten mit Taten UND Kommunikation. Aber die Politik mag die Mühen der Etappe nicht. Eine "Imagekampagne" ist, wie in GE, zunächst in aller Munde und beschert PR in eigener Sache. Claqueure, die ebenso wenig von der Sache verstehen, jazzen die "Helden" kräftig hoch. Das Trugbild hält jedoch nicht lange, weil sich die Zielgruppe (Unternehmer, Entscheider, Objektentwickler) außerhalb der Stadtgrenze nach harten Fakten entscheidet und sich einen Scheiß um schlecht konzipierte Kampagnen mit bunten Bildern kümmert.

    Glückauf

  • #3
    JR

    Ich bin gespannt, was man potentielle Investoren so fragt. Ich stelle mir das so vor:

    "Was ist für Sie bei der Auswahl eines neuen Standortes entscheidend?
    [ ] eine Kuh
    [ ] eine grüne Wiese
    [ ] der Gewerbesteuerhebesatz
    (Merfachantworten möglich)"

  • #4
    Arnold Voss

    @kE # 1

    Der Nahverkehr in Dortmund ist nach 20 Uhr eine Katastrophe, was die Umsteigezeiten betrifft. Für Städte, die ab dann sowieso die Bürgersteige hochklappen, ist das kein Problem. Für die, die junge kreative Menschen anlocken, bzw. nach dem Studium bei sich behalten wollen, ist das aber ein großer Nachteil. Dazu ist der Nahverkehr, wenn er über Dortmund hinaus ins restliche Ruhrgebiet geht, viel zu teuer.

  • #5
    kE

    @3:
    Bei mir funktionierte der Bahnverkehr. Vermutlich haben wir unterschiedliche Strecken.
    Auf Reisen passe ich auch werktags auf, wenn 19:00 Uhr überschritten werden.

    Mich ärgern eher die tollen Fahrkartenautomaten, die Kartenzahlung einfach nicht kennen und immer passend gefüttert werden wollen. Zusätzlich ist es noch eine Wissenschaft herauszufinden, ob die Karte schon gestempelt ist oder nicht. Deshalb nutze ich eigentlich nur noch die Handy Tickets im VRR.

  • #6
  • #7
    kE

    Wir haben es auch geschafft unsere CO2 Bilanz zu verbessern. Es ist ja nicht so, dass das nur der Osten schafft.

  • #8
    Franz Przechowski

    #3
    meine Antwort als Unternehmer:
    x lila Kuh (hat nur Milka)
    0 grüne Wiese (die gibt es überall)
    x Gerwerbesteuer- und Grundsteuersätze (sind überall niedriger)

  • #9
    Reinhard Matern

    Danke Stefan, dass Du das Thema aufgegriffen hast. Und Du hast Recht: Eine Kampagne hätte viel zu leisten – zunächst wäre aber zu fragen, an wen man sich wenden möchte, und um die berühmte eierlegende Wollmilchsau einzubeziehen, zumindest an wen primär, ohne andere zu verschrecken. ‚Ruhrgebiet hoch n Kapital‘ war z.B. eindeutig an potentielle Investoren gerichtet, doch die hiesigen Leute waren über den Spruch erbost. Eine Messe hätte man damit bestreiten können, aber keine regionalweite Kampagne. Was kürzlich in GE vorgefallen ist, habe ich übrigens nicht mitbekommen.

    Die weiteren Probleme, die Du außer Image angesprochen hast, Arbeitslosigkeit und schlechte wirtschaftliche Lage. gehören doch zum schlechten Image. Ich werde das Gefühl nicht los, dass hier im Ruhrgebiet überhaupt nicht klar ist, was ein Image ist: Ein Image ist das, was Außenstehende über die Region denken, nicht irgendein Firlefanz, ein Wunschbild; nein, ein schlechtes Image kann wurderbar trefflich sein! Und solange das Ruhrgebiet versäumt, das, was Außenstehende denken, einzubeziehen, macht sich die Region allenfalls lächerlich, und sei es mit CDU-Idyllen.

    Ich kenne im Ruhrgebiet nicht einen Politiker, bloß fantasielose Technokraten, die Kreativität mit Kitschproduktion verwechseln. Aus einem solchen Sumpf entsteigen die Bedürfnisse nach Kampangnen, die an allem vorbeigehen. Falls das Ruhrgebiet überhaupt etwas zu bieten hat, dann KONTRASTE, REIBUNG, doch davon will keine Partei etwas hören, das gehört nicht in deren Image- bzw. Kitschverständnis und dieses mangelhafte Verständnis macht die Region gleichsam unrettbar 😉

    Die hohen Gewerbesteuern sind dummerweise ein Resultat der schlechten wirtschaftlichen Entwicklung, der unkoordinierte Nahverkehr ein Resultat der mangelnden regionalpolitischen Koordination.

  • #10
    TuxDerPinguin

    Eine Imagekampagne ist gar nicht so schwer… wenn man "Metropole Ruhr" in die Tonne kloppt und mit "Metropolregion Rhein-Ruhr" wirbt

    dann könnte sich das Ruhrgebiet innerhalb der Metropolregion als kreatives Experemtierfeld etablieren, günstiger Vorort von Düsseldorf und Köln, der für den günstigen Preis verhältnismäßig gute Infrastruktur und viele potentielle Arbeitskräfte hat (viele Arbeitslose, viele Studierende). Mit seiner Altersstruktur bietet das Ruhrgebiet etwa einen tollen Spielraum für Unternehmen in der Gesundheitsbranche, die sich für den in Zukunft sich vergrößerenden Gesundheitsmarkt mit seinen Angeboten für Alte etablieren wollen… etc

  • #11
    ruhrreisen

    Stimmt alles. Arbeitslosigkeit, 100000de Aufstocker, keine Koordination der einzelne Nahverkehrsbetriebe, Verwaltungsdirektoren, die zusätzlich neben ihren Ämtern sich auch noch einen Chefposten bei denselbigen als Nebenjob gönnen. Sparkassendirektoren, die Milionen von Euro verdienen. Den Vorteil mit den niedrigen Mieten wird auch aufgrund der hohen Flüchtlingsströme aus Syrien und Balkanländern nicht mehr lange geben. Und dann noch: Imagekampagnen, die von Hamburger Werbeagenturen oder sonstwo umgesetzt werden. Seit Jahren verfolge ich den Arbeitsmarkt im PR- und Werbebereich: Aus der "Metropolregion" kommt so gut wie keine Stellenanzeige. Das kriegt Düsseldorf – obwohl nicht "Metropol" warum auch immer besser hin. Dabei gibts ja welche, die man aber mt hohen Rechercheaufwand herausbekommt. Auch das – obwohl auch hier zig Anläufe über IHKs usw. erfolglos ins Leere laufen. Man braucht schon eine ordentliche Portion Frustrationstoleranz und vielleicht einfach nur das Pech hier geboren zu sein, dass man die Brocken nicht einfach hinwirft und abhaut. Ich fürchte, solange die alte Garde der Genossen oder anderen Altvorderen nicht verschwunden ist, bewegt sich hier so gut wie nix – außer auch hier irgendwann nach rechts. Alles so schön grün hier, wird für die ZUkunft nicht reichen.

  • #12
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @ruhrreisen: Die alte Garde der Genossen ist doch mittlerweile weg. Und die neue Garde der Genossen kein Stück besser.

  • #13
    kE

    @12: Und der Rest der Parteienlandschaft ist immer schön im Windschatten und wird mit den Rest-Pöstchen versorgt, damit die Konkurrenz bloß keinen Ehrgeiz entwickelt, selber merkbar aktiv zu werden.

    Die CDU hatte bei der letzten Bundestagswahl ja selbst in einer absoluten Merkel-Super-Wahl in Dortmund bei den Zweitstimmen kräftig verloren. Aber was soll es, es gibt ja Listen.

    Gibt es eigentlich Opposition im Landtag?

  • #14
    ruhrreisen

    @stefanlaurin
    lieber stefan,
    das kann man so oder so sehen. ich rede von denen, die heute durch seilschaften mit den "Alten" auf ihre posten sitzen. die wiederum hochaltrig noch immer beeinflussen, jetz aber in politischen und sozialen ehrenämtern die fäden ziehen. da fällt dem einen oder anderen in seiner stadt sicherlich jemand ein.

  • #15
    Robin Patzwaldt

    Jungs, Ihr könnt einem sogar den ersten Weihnachtstag so leicht versauen… Danke dafür! 😉

  • #16
    JR

    @#10: Als Vorort von Köln und Düsseldorf? Das leuchtet mir nicht ein, da gibt es doch bessere Alternativen. Schauen Sie sich Monheim an. Klein, angenehmes Wohnumfeld, schuldenfrei, ziemlich kregel bei der Wirtschaftspolitik.
    Und was den Gesundheitssektor angeht: Bochum z.B. hat gerade eben erst der Vonovio (oder wie der Laden diesen Monat heißt) eine Freifläche angedient, die vor kurzem noch als "Gesundheitscampus 2" in der Planung war. Der erste an der Uni wird ja schon nicht voll.

    Nicht, dass ich falsch verstanden werde: Die Vonovio-Aktion fand ich gut und richtig. Eine Firma braucht eine Fläche, bitteschön, hier ist eine.
    Das ist mit Sicherheit besser als das Planen und Bauen Potemkinscher Dörfer wie auf dem Justizgelände in der Bochumer City oder dem Opelgelände. Ich würde nicht genutzte Flächen einfach so lassen: Ungenutzt. Entsiegeln, zupflanzen, warten, ob es jemand braucht.

  • #17
    Franz Przechowski

    Sehr guter Dialog mit interessanten Aspekten, zutreffenden Ursachenbeschreibungen und dem Schuß Fatalismus, der unumgänglich ist, wenn man sich für sein RG engagiert. Danke Stefan und Diskutanten.

    Glückauf

  • #18
    ruhrreisen

    @Franz Przechowski und Diskutanten.
    Danke für die Blumen.
    Man könnte ja mal gemeinsam zum spaß was entwickeln. wie es gehen könnte oder auch nicht geht. scheint ja genügend kompetenz hier versammelt zu sein ;).

    ein traum: vor der nächsten kommunalwahl eine kampagne starten, die die 50 prozent nichtwähler erreicht. und ihnen zeigt, wie sie ungültig wählen. wenigstens.
    eine schöne vorstellung ;).

    falls jemand kontakt aufnehmen will: ruhrreisen@gmx.de

  • Pingback: Links anne Ruhr (29.12.2015) » Pottblog

  • #20
    kE

    So wird ein Image erzeugt!

    http://www.morgenpost.de/vermischtes/article206889015/Muenteferings-drehen-launiges-Geburtstagsvideo-fuer-Steinmeier.html

    Naja, Herne-West-Trikot, wenn ich es richtig gesehen habe.

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