Sarrazin: Biologie und Migrationsgeschichte auf Deppenniveau
In seinem Welt am Sonntag Interview zeigt Thilo Sarrazin dass er von zwei Dingen keine Ahnung hat: Migrationsgeschichte und Biologie.
Morgen werde ich mir das Buch von Thilo Sarrazin kaufen und später wahrscheinlich darüber schreiben. Das Marketing von Sarrazins Verlag wird dann auch bei mir funktioniert haben. Aber bei der heutigen Lektüre von Sarrazins Interview in der Welt am Sonntag sind mir zwei Punkte aufgefallen, die so absoluter Unsinn sind, dass ein wenig Allgemeinbildung sowie der Biologie-Leistungskurs bei Herrn Kirchner ausreichen, um sie zu widerlegen.
“In meinem Buch rede ich zudem nicht von Türken oder Arabern, sondern von muslimischen Migranten. Diese integrieren sich überall in Europa deutlich schlechter als andere Gruppen von Migranten. Die Ursachen dafür sind nicht ethnisch, sondern liegen offenbar in der Kultur des Islam. Vergleichen Sie die Integrationserfolge von Pakistani und Indern in Großbritannien.”
Die Tatsache ist unbestritten, dass muslimische Migranten sich mit der Integration und dem beruflichen Erfolg schwerer tun als nichtmuslimische Migranten. Aber den Grund dafür kann man nicht auf die muslimische Kultur reduzieren. Ein Blick in die USA zeigt, dass es nicht am Islam allein liegen kann: Dort sind Muslime gut integriert und wirtschaftlich erfolgreich. Ein Grund, warum Muslime in Europa einen beträchtlichen Anteil an der Unterschicht halten, liegt an der anhaltenden wirtschaftlichen Schwäche der Herkunftsländer. Es ist nicht so, dass alle Griechen, Italiener oder Spanier, die in den vergangenen Jahrzehnten ihr Glück in der Auswanderung suchten, in Nord- und Mitteleuropa erfolgreich waren. Viele scheiterten, kamen mit den Sprachen oder den Mentalitäten nicht zurecht, genügten mit ihren Qualifikationen nicht den Anforderungen. Sie kehrten oftmals in ihrer Heimatländer zurück: Die hatten sich, auch Dank des EU-Beitritts, wirtschaftlich erholt und boten auch nicht gut Qualifizierten eine gewisse berufliche Perspektive. Zudem waren sie politisch stabil geworden: Spanien, Portugal und Griechenland wurden in den 70er Jahren demokratisch.
Die Türkei war hingegen lange Zeit ein politisch instabiles Land. In Teilen herrschten und herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände. Trotz ihres Wirtschaftswachstums ist die Türkei noch immer ein relativ armes Land. Vor allem für die, die hier gescheitert sind, gibt es keine Perspektive in der Türkei. Von der Muslim-These von Sarrazin bleibt also nicht viel übrig.
Kommen wir zu seiner nächsten Aussage:
“Bis vor wenigen Jahrzehnten spielte Einwanderung für den Genpool der europäischen Bevölkerung nur eine geringe Rolle und vollzog sich überdies sehr langsam. Drei Viertel der Ahnen der heutigen Iren und Briten waren bereits vor 7500 Jahren auf den Britischen Inseln. Es ist nämlich falsch, dass es Einwanderungsbewegungen des Ausmaßes, wie wir sie heute haben, schon immer in Europa gegeben hätte. Seit der Völkerwanderung gab es solche Verschiebungen nicht mehr.”
Erst einmal schimmert bei Sarrazin etwas durch, das wissenschaftlich nicht zu halten ist: Das ein stabiler und homogener Genpool etwas positives ist. Dem ist nicht so. Ein gesunder Genpool ist variantenreich und gemischt. Je mehr Mischung um so besser. Umso homogener ein Genpool ist, umso mehr steigt die Gefahr von Erbkrankheiten. Der Fachbegriff ist Inzuchtdepression.
Wenn Nicht-Biologen anfangen von Genen zu reden ist die Gefahr groß, dass biologische Erkenntnisse auf soziale Phänomen übertragen werden. Gemeinsames oder angeblich gemeinsames Erbgut wird zu einem konstituierenden Element erklärt.
Das ist, was den Menschen betrifft, Unfug:
In der Biologie wird die Art Homo sapiens heute weder in Rassen noch in Unterarten unterteilt. Molekularbiologische und genetische Forschungen haben seit den 1970er Jahren gezeigt, dass eine systematische Unterteilung der Menschen in Unterarten ihrer enormen Vielfalt und den fließenden Übergängen zwischen geographischen Populationen nicht gerecht wird. Zudem wurde herausgefunden, dass der Großteil genetischer Unterschiede beim Menschen innerhalb einer geographischen Population zu finden ist.
Der zitierte Wikipedia Artikel verweist auf einen Text des Harvard Zoologen R.C. Lewontin:
The every-day socially defined geographical races do identify groups of populations that are somewhat more closely similar to each other genetically. Most important from the standpoint of the biological meaning of these racial categories, however, most human genetic variation does not show such “race” clustering. For the vast majority of human genetic variations, classical racial categories as defined by a combination of geography, skin color, nose and hair shape, an occasional blood type or selected microsatellites make no useful prediction of genetic differences. This failure of the clustering of local populations into biologically meaningful “races” based on a few clear genetic differences is not confined to the human species. Zoologists long ago gave up the category of “race” for dividing up groups of animal populations within a species, because so many of these races turned out to be based on only one or two genes so that two animals born in the same litter could belong to different “races.”
Juden, Bottroper, Iren, Katholiken, Autofahrer , Basken oder Speiseeisliebhaber lassen sich also nicht über gemeinsame oder unterschiedliche Gene definieren. Ein beliebiger Afrikaner kann mit einem weißen Europäer genetisch enger verwandt sein, als sein ebenfalls weißer Nachbar. Sarrazin, ausgestattet mit dem überholten Wissen eines Mittelstufenschülers der 60er Jahre, hat das nicht gelernt. Das er sich allerdings nicht die Mühe macht zumindest ein wenig zu recherchieren, ist angesichts der Brisanz des Themas nicht zu entschuldigen. Da hilft auch der Verweis auf sein Buch nicht, in dem alles genauer stehen soll- Die wenigsten, die sich seine Thesen zu eigen machen, werden es jemals lesen. Er hinterlässt trotzdem fahrlässig seine Spuren im gesamtgesellschaftlichen Diskurs. Ich glaube bei seiner Herangehensweise und der Art, wie er sich in Interviews äussert, nicht daran, dass es ihm um Themen wie Integration und die Auswirkungen des demographischen Wandels geht. Die werden seit längerem ernsthaft und kontrovers diskutiert. Es geht Sarrazin zum einen darum in den Medien präsent zu sein. Und da hilft eine steile These - wie Wolfgang Clement immer wieder belegt. Zum anderen geht es im schlicht um Marketing für sein Buch. Koste es was es wolle.





#51 | Müller sagt am 30. August 2010 um 23:09
@ Laurin
Sie verstehen glaube ich Sarrazins Aussagen nicht. Die zum “Juden Gen” ist – wie im Welt Interview nachzulesen – komplett aus dem Zusammenhang seiner Thesen im Buch gerissen und hat mit diesen nichts zu tun.
Da ich nicht Biogenetik studieren, kann ich ihnen nur nur Quellen zeigen, die ich im Laufe der Diskussion gestern entdeckt habe. Diese beschreiben offensichtlich aktuelle Erkenntnisse zum Thema genetische Geinsamkeiten von Juden und anscheinend gibt es da welche. Bei Basken gibt es übrigens auch welche (einfach mal googeln).
Womit man nur vorsichtig sein muss, ist dass diese genetischen Gemeinsamkeiten natürlich absolut gar nichts mit körperlichen Merkmalen zu tun haben, wie sie die Nazis früher propagiert haben (Juden = lange Nasen), sondern nur einzelne Basenpaare betreffen.
Diese Gemeinsamkeiten machen natürlich keinen Juden per Definition aus, allerdings kann man so Vorfahren identifizieren, die vor 2500 Jahren dem ursprünglichen jüdischen Volk angehört haben.
#52 | Michael Kolb sagt am 31. August 2010 um 00:02
@ Stefan:
An eine Analyse zu kommen, wie sie von Dir gefordert wird, ist relativ einfach: Alle Menschen, die nicht jüdischen Glaubens sind, überweisen 99 Ocken plus an das Institut, welches auch im Hagalil-Artikel erwähnt wird, dieses wirbt nämlich explizit mit dem Koberer-Aufmacher, ob man selbst jüdische Vorfahren hat, dieses zu hinterfragen und zu erforschen. Interessant ist auch, daß Hagalil-Artikel und Institut-Werbetext ziemlich wortgleich sind (bis auf ein paar Kürzungen durch das Institut, aber das passiert ja auch hier in den Komentaren).
Es wäre also sehr gut möglich, daß bottropstämmige Eisliebhaber, die sich im Baskenland aufs Rad schwingen, auch dieses Merkmal aufweisen… kostet eben nur, dieses herauszufinden.
Sowohl Hagalil-Artikel als auch Institut sind aber immerhin so fair zuzugestehen, daß man auch dann noch jüdische Wurzeln haben kann, wenn der Marker nicht im Genom zu finden ist… oder auch umgekehrt.
Die Problematik hier ist eine ganz andere, sie ist eine eristische. Selbst wenn Sarrazin sich schon aus seinem Bettlaken eine Haube zusammennäht und der übelste Rassist unter Gottes Sonne sein sollte, aus dem was er “gesagt” ode geschrieben hat, lässt sich nur schwer der Vorwurf konstruieren oder ableiten, er sei tatsächlich ein Rassist. Denn, bezogen auf das jüdische Gen, sagt er wenig anderes als das, was andere, des Rassismus unverdächtige, auch schon mal gesagt haben. Es gibt also immer eine Rückzugsposition, an der alle Vorwürfe abprallen und es ist für mich unsinnig, sich daran abzuarbeiten.
Überhaupt ist die Diskussion über das Thema eine schwierige, gerade wenn man das Buch noch nicht zur Hand hat. (Ein Nachteil von Kommunikation’2.0, “damals” hätte man warten können, bis das Buch in der Leihbücherei verfügbar gewesen wäre, heute muss man, um aktuell zu sein, den Krempel kaufen… toller Marketingtrick…)
#53 | Andreas Lichte sagt am 31. August 2010 um 00:09
Beckmann …
Ranga Yogeshwar über Sarrazins Buch:
“feuchter grüner Filz und nasse Dackelhaare”
#54 | Malte sagt am 31. August 2010 um 02:00
@Stefan: Zum Lanz? Kommt bestimmt noch? Hast Du Beckmann gesehen? Klasse war doch die Wissenschaftlerin die eingeblendet wurde, Muslimin mit iranischen Wurzeln…Hat die wirklich gesagt “80 % aller Muslime sind Selbständig bzw. versorgen sich selbst”? Ganz Hassel hat laut gelacht
Und ausgerechnet Aygül Özkan war dabei, erst wollte sie Kreuze abschaffen, dann wollte sie das Journalisten im Niedersachsen eine “kultursensible Sprache” anwenden!
Auch der Sozialarbeiter aus Berlin war eher peinlich, hatte keine Lösungen parat, außer dem Rappen!
Der Rangar, war der einzige richtig gute in der Runde, der Rest hat später wenigstens noch zugegeben, das in der Vergangenheit Fehler gemacht wurden!
Trotzdem, so wird das nichts, kuscheln hilft kaum weiter!
#55 | Dirk Haas sagt am 31. August 2010 um 09:37
Das Ganze ist eher ein überfälliges Coming-out. Trendguru Bolz, der an einer starintellektuellen Rechtspartei bastelt, wird’s freuen:
http://www.tagesspiegel.de/meinung/andere-meinung/die-politische-rechte-steht-fuer-buergerlichkeit/1902294.html
Die (mehr oder weniger) subkutane Sozialeugenik ist nicht mehr überraschend; eher ist es Sarrazins intellektuelle Schlichtheit im Umgang mit Zahlen, Statistiken, Prognosen (der Mann ist im Vorstand der Bundesbank). Insofern ist das Buch, sind Sarrazins Interviews, womöglich ein neuerlicher Akt unfreiwilliger Aufklärung über Deutschlands Eliten. Der hier und da geäußerte Vorwurf, dass dieses Buch Deutschland (statistisch besehen) noch dümmer macht, könnte daher allzu voreilig sein.
#56 | ch_we sagt am 31. August 2010 um 10:20
@Dirk
Gerade im Hinblick auf Norbert Bolz konnte man das doch schon länger ahnen. Ich würde aber den Aspekt der Selbstentlarvung nicht überbewerten. Die Zustimmung zu Sarrazin außerhalb der gebildeten Schichten weist doch darauf hin, dass hier durchaus ein neuer Konsens etabliert werden kann. Interessant ist eher die Reaktion der CDU, die sich bis jetzt distanziert verhält und den Rechtsschwenk noch nicht mitmacht. Ich bin mal gespannt wie das weitergeht.
#57 | Sarrazin und Biologie « Alles Evolution sagt am 31. August 2010 um 11:28
[...] Sarrazin: Biologie und Migrationsgeschichte auf Deppenniveau [...]
#58 | 68er sagt am 31. August 2010 um 14:50
Herzlichen Glückwunsch Herr Laurin,
Sie bringen es auf den Punkt, über den gestern bei Beckmann alle, ausser Herr Yogeshwar, nicht sprechen wollten.
Vielleicht sollten Sie Herrn Plasberg bitten, dass er bei seiner Sendung Herrn Sarrazin darauf einmal anspricht. Wenn das wieder so ein ungeordneter schlecht vorbereiteter Unsinn wird, wie bei Beckmann (womit ich bei Plasberg eigentlich immer rechne) wäre es nicht auszuhalten.
Bei der Argumentation mit den “irischen Genen” widerspricht sich Herr Sarrazin eindeutig selbst. Bei den Muslimen markiert er die Tendenz der Fortpflanzung innerhalb der eigenen Gruppe ja als Grund für mehr Erbkrankheiten.
Wenn er “die Deutschen” bzw. deren Gesundheit wirklich retten wollte, sollte er doch die multikulturelle-genetische Fortpflanzung, wenn es die überhaupt gibt (was Sie zurecht bezweifeln), eigentlich befürworten. Stattdessen jammert er kläglich darüber, dass sich “die Deutschen” angeblich selber abschaffen.
Wenn man sich auf das Niveau dieses Herrn begeben würde müsste, man dann noch fragen, wie man denn die Zugehörigkeit zu “den Deutschen” oder “den Muslimen” feststellen soll. Und welche Konsequenzen dann aus diesen Feststellungen gezogen werden müssten. Muss dann beim Einreiseantrag der Immigrationswillige einen Stammbaum vorlegen? einen Intelligenztest bestehen? oder gar eine Erbgutanalyse vorlegen? Oder reicht eine “Fleischbeschau” des Amts- oder Betriebsarztes, wie sie bei den “Gastarbeiteranwerbungen” von unseren “geübten Medizinern” in den 50er und 60er Jahren noch vorgenommen wurde?
Die angeblich weiteren logischen Schritte die einige Menschen aus dieser “Denke” ziehen werden, kann man jetzt schon in den historischen Materialien nachlesen, wie sie z.B. von Wilhelm Frick in seinem Buch:
“Nordisches Gedankengut im Dritten Reich”
formuliert wurden: http://tinyurl.com/2u9tp8f
“Ihr aber lernet, wie man sieht statt stiert
Und handelt, statt zu reden noch und noch
So was hätt einmal fast die Welt regiert!
Die Völker wurden seiner Herr, jedoch
Dass keiner uns zu früh triumphiert
Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!”
Bertolt Brecht, Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui
(Demnächst wieder zu sehen im Schauspielhaus Bochum)
Mit feundlichem Gruß
Ihr 68er
#59 | 68er sagt am 31. August 2010 um 15:47
Die Premiere des “Arturo Ui” im Schauspielhaus Bochum findet am 28. Mai 2011 statt:
http://www.boropa.de/media/pdf/spielplan_sep.pdf
#60 | Christina Aue sagt am 3. September 2010 um 00:03
Sicher kaufen sich jetzt viele Leute das Buch, und Sarazzin wird sich freuen. Ich vergeute jedenfalls keine Zeit damit. Für solche unmöglichen Talksendungen bezahle ich Fernsehgebühr, es wäre mal notwendig, den Aufstand der Anständigen zu proben! Deutsche sollen sein, wer einen deutschen Pass hat, egal welche Gene in diesen Passmenschen vorhanden sind. Wenn wir die vielen Generationen betrachten, die durch die Völkerwanderungen, durch Kriege, Heiraten usw. hier integrieren mußten, gibt es Gene von Hugenotten, Bajuwaren, Sorben, Russen, Dänen, die Reihe könnte fortgesetzt werden. Mein Vater war einfacher österreichischer Bergbauer, der Vater meiner Kinder war Hugenottenabkömmling, die Kinder des Großvaters waren Donauschwaben mit Einheiratung zu den Ungarn, die sich in Ungarn migriert haben, der Cousin unseres Vaters war nach Amerika ausgewandert und ist dort Amerikaner mit deutschen Wurzeln geworden, mußte dafür jahrelang auf Einbürgerung warten. Was soll dieser blöde Quatsch in einem vereinten Europa? Gibt es nicht zu viele Menschen auf der Welt, die hungern und frieren, ist das nicht eine Aufgabe von den Politikern als nationalistisches Feuer zu schüren? Bei welcher Anzahl von Menschen ist man ein Volk? Ist die Familie auch ein Volk? Dies zeigt wiede einmal, dass zu viele Fächer auf dem Bildungsweg abgewählt werden können. Ich habe jedenfalls alle Fächer bis zum Abitur durchgestanden und wußte auch in der ehemaligen DDR wo die Donau fließt und dass es nicht schön war, in einem Ghetto zu leben. Also Leute, schaltet den Fernseher aus, wenn wieder solche Talks über die Bildschirme flimmern, bildet, bildet, bildet Euch!
#61 | Bottroper Gene | Bottblog.de - Blog zum Ruhrmetropölchen Bottrop anne Emscher sagt am 9. September 2010 um 12:30
[...] Quelle: http://www.ruhrbarone.de/sarrazin-biologie-und-migrationsgeschichte-auf-deppenniveau/ [...]