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Skurriler Auftritt bei Sky90: Ist Jens Keller schlicht zu brav für den Job?

S04-Trainer Jens Keller. Quelle: Wikipedia; Foto: DerHans04; Lizenz: CC

S04-Trainer Jens Keller. Quelle: Wikipedia; Foto: DerHans04; Lizenz: CC BY-SA 3.0

Fernseh-Diskussionsrunden in Sachen Sport schmücken sich ja gerne mit prominenten Gästen aus dem Tagesgeschäft. So eben auch die Fußballdebatte ‚Sky90‘ im Pay-TV. Gestern war dort Schalke-Coach Jens Keller zu Gast. Er diskutierte u.a. mit Reporterlegende Werner Hansch und Ex-Bayern-Spieler Owen Hargreaves bei Moderator Patrick Wasserziehr über die Lage beim FC Schalke 04.

Und es sollte ein wahrlich ungewöhnlicher Auftritt von Keller werden. Als Zuschauer konnte man fast den Eindruck gewinnen Keller befände sich in einem im TV übertragenen 90-minütigem Vorstellungsgespräch.

Normalerweise agieren die Promi-Gäste in dieser Talkrunde als mindestens gleichberechtigte Gesprächspartner, erzählen dort gerne mal aus dem Innenleben ihrer Clubs, stellen ihre Sicht der Dinge dar usw.. Manchmal werden sie dabei von den Fragestellern regelrecht hofiert. Bei Keller war das gestern ganz anders. Ihm wurde kräftig auf den Zahn gefühlt. Nicht immer auf die nette Art.

Man hätte fast meinen können, der arme Mann hatte sich knappe 90 Minuten lang dafür zu rechtfertigen warum er noch immer in diesem Job tätig ist, er nicht längst das Handtuch geschmissen hat. Zumindest musste er in der Sendung ausführlichst erklären warum denn ausgerechnet er sich dazu in der Lage sieht diesen Job auch weiterhin erfolgreich ausüben zu können. Ich habe schon viele dieser Diskussionen erlebt, dabei jedoch noch nie einen solchen Gesprächsverlauf miterlebt.

Am Ende der Sendung musste ich erst einmal überlegen, woran das denn eigentlich lag, dass Keller am Ende so schlecht in der Sendung wegkam. Seine Antworten waren es jedenfalls nicht. Keller präsentierte sich offen und ehrlich. Zumindest wirkte es so. Zudem war er, für seine Verhältnisse, relativ locker, war um Souveränität in seinen Antworten bemüht.

Trotzdem wurde er verbal immer wieder in die Defensive gedrängt, gelang es ihm nicht als souveräner Trainer eines europäischen Spitzenclubs zu erscheinen.

Die Situation erinnerte mich an eine Prüfung, an ein Vorstellungsgespräch, aber nicht an eine sachliche Diskussion unter gleichberechtigten Gesprächspartnern. Daran nicht ‚unschuldig‘ war vor allem auch Moderator Patrick Wasserziehr, der Keller mehrfach sinngemäß mit Fragen konfrontierte wie: ‚Beneiden Sie Jürgen Klopp eigentlich um seine Ausstrahlung?‘, ‚Möchten Sie manchmal mit Guardiola oder Klopp tauschen?, ‚Trauen Sie es sich eigentlich zu auch mit echten Führungsspielern umzugehen?‘, ‚Was machen Sie eigentlich, wenn der Club ihren Vertrag im kommenden Frühjahr noch immer nicht verlängert hat?‘ usw.. Alles für sich genommen sicher legitime Fragen, doch mit einer solchen Anhäufung von diesen gelang es Keller nicht recht, obwohl er gar nicht ungeschickt oder gar falsch antwortete, sich aus der ‚Umklammerung‘ der ihn bedrängenden Fragen zu ‚befreien‘. Hin und wieder quittierte Keller die Gesprächs-Situation zudem mit einem gequälten Lächeln, wirkte genervt von den Fragen zu seiner Persönlichkeit. Sicherlich verständlich, aber mir tat er so am Ende der Sendung ziemlich leid. Und das ist so sicherlich kein üblicher Rückblick auf eine solche Sendung.

Wenn man nun heute liest, dass am morgigen Dienstag beim FC Schalke 04 eine Krisensitzung anberaumt ist, bei der es dem Vernehmen nach auch um die Zukunft des Trainers gehen soll, dann war der gestrige Auftritt von Jens Keller dabei sicherlich für die Interessen des Coaches nicht gerade förderlich. Keller kam nicht wie ein leitender Angestellter daher, eher wie eine Randfigur. Ein Pep Guardiola oder auch ein Jürgen Klopp hätten zudem sicher deutlich unwirscher und selbstbewusster auf ähnliche Fragen reagiert. Und wahrscheinlich wären sie Ihnen in dieser Anzahl auch gar nicht erst gestellt worden. Dass Keller der Situation nicht auswich, das Studio vorzeitig verließ o.ä. spricht einerseits für ihn. Andererseits zeigt es aber auch vielleicht ganz gut warum er in den bisher 22 Monaten seiner Amtszeit als Schalker Cheftrainer eigentlich nie unumstritten war. Vielleicht ist er für den Job schlicht und einfach zu brav…

 

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16 Kommentare zu “Skurriler Auftritt bei Sky90: Ist Jens Keller schlicht zu brav für den Job?

  • #1
    Pöhler

    Keller fehlt einfach die Rückendeckung. Guardiola und Klopp haben neben ihren früheren Erfolgen vor allem die volle Rückendeckung des Vorstands während sich die Verantwortlichen in Gelsenkirchen von Anfang an um klare Bekenntnisse drückten und so Keller, der Mannschaft, den Medien und allen anderen permanent den Eindruck vermitteln als stünde er kurz vor seiner Ablösung. In so einem Zustand kann man doch gar nicht selbstbewusst auftreten. Zumindest nicht wenn man nicht von Natur aus mit völliger Selbstüberschätzung „gesegnet“ ist. Zumal man sich einfach lächerlich macht wenn man so tut als wäre der eigene Job bombensicher und dabei Gefahr läuft noch am gleichen Abend widerlegt zu werden.
    Und wenn Keller wirklich ein Problem hat sich bei der Mannschaft bzw. den vermeintlichen Führungsspielern durchzusetzen dann wäre das alles andere als verwunderlich. Die Autorität eines Trainers bei dem man der Eindruck hat er steht jederzeit kurz vor dem Rauswurf kann einfach nicht besonders groß sein.
    Die Führungsriege sollte sich also dringend entscheiden ob sie einen neuen Trainer wollen und dann entweder umgehend einen Wechsel vornehmen oder sich endlich mal langfristig und überzeugend hinter Keller stellen.

  • #2
    langsamdenker

    Mir tut Herr Keller leid. Sicherlich ist seine Entlohnung üppig und ihm war bewußt, auf was er sich bei Job und Verein eingelassen hat. Aber dieses ständige In-Frage-Stellen seiner Position hinterläßt sicher auch bei ihm Spuren. Und grundsätzlich hat er das auch nicht verdient. Das Problem ist doch, dass er ständig als „schwach“ wargenommen bzw. auch so dargestellt wird. Auch wenn es nicht stimmt, es bleibt leider immer etwas hängen. Das wird irgendwann so viel, dass die „Verantwortlichen“ nicht mehr anderes können als einen Trainerwechsel vorzunehmen. Wobei dort auch der Fehler zu suchen ist. Nach Stevens war mein Favorit Gisdol, aber Heldt entschied sich leider für Keller. Wenn jetzt Keller entlassen werden sollte, schwächt sich damit der Manager auch selbst. Und hat er dann genügend Überzeugungskraft einen guten Nachfolger nach Schalke zu lotsen?

  • #3
    WALTER Stach

    Robin,
    wie bei Führungspersonen in welchem gesellschaftlichen/ staatlichen Funktionen auch imme so gilt auch für Keller::

    Mehr denn je wird in unserer „Mediengesellschaft“ gewertet, gewürdigt, gelobt oder es geschieht das Gegenteil von alldem nicht primär gemessen an dem, was jemand kann, was jemand konkret in seiner Funktion bewirkt, sondern daran, wie er sich medial präsentiert -redegewandt, schlagfertig, „flotte Sprüche“, demonstrietes Selbstbewußtsein, Aussehen- und vor allem, wie diese Präsentation von den „Medienmachern, den Meinungsmachern“ gesehen und kommentiert wird, auch um ihre Vorurteile -so oder so- zu untermauern. Das Ganze kumuliert dann zu dem, was man „Mainstream“ zu nennen pflegt. Und dagegen ist dann irgend wann „kein Kraut gewachsen“.
    Das gilt offenkundig für Keller.
    Ich sehe -leider-nicht, wie Keller aus dieser ihm von den Medien verpaßften Rolle wieder herauskommen kann -es sei denn, S0 4 wird in Kürze deutscher Meister-.

    ereichen auch immer

  • #4
    Robin Patzwaldt Artikelautor

    @Walter: Moderator Patrick Wasserzieht hat Keller wiederholt mit Fragen konfrontiert, die er so anderen Trainern vermutlich nicht gestellt hätte. Zumindest nicht in der Häufung und Penetranz. Keller reagierte so, wie man als wohlerzogener Mensch reagiert. Allerdings hätte man sich gewünscht er hätte sich gegen eine solche Interviewführung bzw. Gesprächsleitung gewehrt. Hat er aber nicht. Hat er von Anfang seiner Cheftrainerzeit an nicht. Nun sehe ich für ihn auch keinen Ausweg mehr aus dieser Rolle. Schwierige Situation für die Fortsetzung seiner Trainerkarriere im Profibereich. Egal wo.

  • #5
    WALTER Stach

    Robin,
    der Wasserzieht ist offendkundig einer unter vielen Journalisten, die in ihren Job zu überleben versuchen, indem sie das tun oder das unterlassen, was nach ihrer Meinung „Mainstream“ ist; hier heißt das: „‚Drauf auf den Keller“.
    -“ …..löcher“!!!!.

  • #6
    Robin Patzwaldt Artikelautor

    Eigentlich ist mir Patrick Wasserziehr häufig zu ‚lieb‘ in seinen ‚Debatten‘, Walter. Daher war ich gestern so überrascht, dass der Abend so komplett anders lief. In der Vorwoche war z.B. Beiersdorfer dort zu Gast. Da hätte es ja auch zig Gründe gegeben kritisch nachzuhaken. Da war es aber vergleichsweise ‚freundlich‘ um nicht zu sagen ‚zahm‘. Wobei, so richtig frech war das gestern auch nicht. Aber mir fehlte häufig der Respekt. Häufig wurde versucht Keller irgendwie in die ‚Manege‘ zu führen. War, wie beschrieben, eine komische Sendung…. Wie die wohl abgelaufen wäre, wenn Schalke in dieser Woche nicht nur das Derby gewonnen hätte, sondern auch das CL-Spiel und in Hoffenheim? Na gut. Reine Theorie…

  • #7
    WALTER Stach

    Robin,
    der Wasserziehr ist häufig nicht zu lieb, er ist regelmäßig „mainstraim-angepaßt“ . Also je nachdem………….!

  • #8
  • #9
    Robin Patzwaldt Artikelautor

    Thomas: Natürlich, aber es ist ja auch der Umgang der Medien mit Keller. Wäre doch die Frage ob Keller, der ja ursprünglich aus Stuttgart kommt und auch beim VfB schon mal kurz Cheftrainer war, auch so behandelt worden wäre, wenn er als VfB-Coach ‚berühmt‘ geworden wäre. Ob es ihm wohl in einem anderen Verein anders ergangen wäre bisher? Aber klar, da hast Du schon Recht, Schalke ist halt ’speziell’…

  • #10
    Thomas Weigle

    Robin, Keller hat auf keinen Fall diesen Umgang verdient. Die Medien sind natürlich nicht schuldlos, die Vorlagen aber kommen aus dem Verein. Es gab Zeiten, da war das am Riederwald nicht anders, deshalb bin ich heilfroh, dass dort jetzt seit langem ostwestfälische Bodenhaftung angesagt ist, die ein Herr Tönnies offenbar nicht gleichermaßen in Schalke vermitteln kann.
    Heribert B. jedenfalls „hat der Eintracht gutgetan“, sagt mein Schwager immer.Recht hat er.

  • #11
    Robin Patzwaldt Artikelautor

    Ja. Und Bruchhagen hätte sich solche Fragen sicher auch nicht gefallen lassen. Und dem wären sie deshalb wohl auch gar nicht erst so gestellt worden…

  • #12
    Ben Schur

    Ich stimme Robin voll zu und mache die Besetzung dafür als Hauptgrund aus. Dass Jens Keller kritisiert wird, wenn er sich einer solchen Runde stellt war logisch, aber dieser Gesprächsverlauf war brutal. 3 gegen 1, der ohnehin schon (fast) am Boden liegt. Es schien so, als wäre Patrick Wasserzieher durch die Fragen von Hantsch und dem Bild-Redakteur angesteckt worden und hat vergessen seine Moderatoren(!?)-aufgabe wahrzunehmen. Owen Hargreaves war in seiner ersten Sendung viel zu schwach um einzugreifen. Wäre ein Franz Beckenbauer anwesend gewesen, hätte er wie bereits in der Vergangenheit geschehen, für eine gerechtere Behandlung gesorgt. Am besten wäre vermutlich ein Christoph Metzelder als S04 Kenner geeignet gewesen. So musste Jens Keller seine brutalsten 90min überstehen.

    In einem aktuellen spiegel-online Artikel kann man lesen, „Dass er nach der Niederlage am Samstag vom Klub ein Reiseverbot zu einem Fernsehtermin in München erhalten habe, wies Schalke zurück. „Der Anstoß dazu kam von Trainer Keller selbst,““ – Mit dieser Kommentierung stellt Schalke Jens Keller wieder super schwach dar und man könnte meinen, Jens Keller sollte dafür bei Sky90 büßen. Diese Sache könnte auch die eher negative Einstellung des Moderators erklären.

  • #13
    Thomas Weigle

    Robin, vielleicht ist das „Stahlbad“ oder „Fegefeuer“ S04, dass Keller ja jetzt schon eine Weile erleidet, auch eine Art Befähigungsnachweis für einen Verein in der Zukunft, der besser geführt wird als S04. Eines ist klar für mich: Keller hat Stehvermögen!

  • #14
    Klaus Lohmann

    Ich hab zwar nicht alles gesehen, aber für mich war die entscheidende Frage/Bemerkung in der Runde die nach der „Handschrift“ von Keller, nach dem Einfluss auf seine Mannschaft, nach der Erkennbarkeit seiner Arbeit, seines Stils.

    Und da kam – erwartungsgemäß – von Keller nur ein brastiges Rückraunzen ala „Ich hab meinen Stil, auch wenn Sie den nicht sehen wollen“ (oder so). Richtig – die wenigsten Zuschauer und Experten können da was erkennen, aber Hauptsache, Keller meint, einen zu haben. Das ist wohl z.Zt. das ganze Schalker Dilemma mit dem Trainer.

    PS: Keller hatte ja Sky90 seinen Besuch zugesagt, noch bevor das Samstagsspiel so dermaßen in die Hose ging. Deswegen glaube ich nicht an ein „geplantes Vorführen“ von Wasserziehr & Co. Und er „durfte“ dann ja auch noch Sonntag morgens zuhause das Training leiten, obwohl er eigentlich geplant hatte, direkt von Hoffenheim nach München zum Sender zu reisen – was ja in der jetzigen Situation schon eine gewisse arg-naive Herangehensweise ist.

    Kurz gesagt: Ich glaube, der Typ ist einfach (noch) nicht in der Lage, seine Situation richtig einzuschätzen. Und das ist dann kein Trainer für einen Verein mit Ambitionen nach ganz oben.

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  • #16
    Artanis

    „Beneiden Sie Jürgen Klopp eigentlich um seine Ausstrahlung?“

    Bei solchen Fragen dreht sich mir der Magen um! Ja, ich weiß, Fußball ist inzwischen ein Geschäft in dem offenbar JEDER vermarktbar sein muss. Vom Aufsichtsratschef bis zum Zeugwart. Aber wie WALTER Stach es bereits gesagt hat, wir driften ab in einen Starkult, der mit den eigentlichen Fähigkeiten der Person nichts mehr zu tun hat. Keller wurde zu einem gewissen Teil wirklich Opfer seinen fehlenden Charismas (was ihm in Internetartikeln auch schon vorgeworfen wurde). Diesen Kritikpunkt hab ich in Kombination mit den namen Favre, Schaaf oder Dutt noch nie gehört. Aber Schalke hat eben den Anspruch auch einen Star auf der Trainerbank haben zu wollen. Warum man dann überhaupt Keller engagiert hat wissen wohl nur die Herren Heldt und Tönnies.
    Wäre Keller Trainer in Frankfurt, Hannover oder Berlin gäbe es bezüglich seiner Person diese Art Berichterstattung wohl gar nicht. Meinen Respekt, dass er fast 2 Jahre stoisch durchgehalten hat.

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