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Spaß auf dem Friedhof

In Ruhrgebiet | Am 11 Januar 2011 | Von Bernd Berke

Bei mir ums Eck liegt ein schöner alter Friedhof mit historischen Grabmalen. Für Dortmunder Verhältnisse eine Rarität. Es ist einer meiner Lieblingsorte in der Stadt. Ein Ort des Nachdenkens und Vorfühlens, beispielsweise. Drum hab‘ ich’s dort gern einigermaßen ruhig. Ja, bin ich etwa pervers? Oder gar priesterlich infiziert, von erzkonservativen Anwandlungen geplagt? Bewahre…

Ich gerate allerdings in Wallung, wenn keuchende Jogger im Fitness-Wahn fast über die Grabränder hüpfen. So werden sie ihrer Vergänglichkeit nicht entkommen.

Neulich zog ein Trupp mit ratternden Rollkoffern (abseits der Bahn- und Flugsteige ohnehin eine akustische Zumutung) übers Gelände, als ginge es stracks zum Terminal C. Natürlich lauthals, geradezu elend jetzig, bestürzend diesseitig. Machertypen, Top-Entscheider. Andererseits: Blutrote Sprayer-Sauce auf den Engels-Skulpturen ist auch nicht mein Fall.

Etwa einen Kilometer vom Friedhof entfernt lockt derweil ein sich progressiv wähnender Bestatter mit geilen Angeboten. Da kann man sich beispielsweise mit allen Insignien des Fußballs verscharren lassen. Fantrompeten bis in den Tod.

Zum letzten „Tag des Friedhofs“ ist in der Regionalzeitung meines beschränkten Vertrauens ein Beitrag erschienen, der sozusagen das Profane brav herbetete, der die Gräberfelder gleichsam für die Spaßgesellschaft vereinnahmte. Zitat aus dem dürren Elaborat: „Der Ort der letzten Ruhe als Platz, an dem man lebt, feiert, Spaß hat. Dieses Ziel verfolgen die Organisatoren am Tag des Friedhofs…“ Na, und so weiter, immer flockig, locker, lustig. Zum Programm gehörten Geocaching (gähn) und Poetry Slam (doppelplusgähn), Geistliche gaben vorab ihren zeitgeisthörigen Segen. Gottchen, wie heutig, wie überaus aufgeschlossen! Für dieses Jahr dann bitte noch etwas mehr Sex, am besten gleich BDSM.

Leben und Spaß? Ja, ja, ja. Bitte sehr, bitte gleich. Aber doch nicht ohne Ansehen von Ort und Zeit. Herrscht denn tatsächlich immer noch stets und überall dieser Zwang zum Gackern? Comedy rund um die Uhr? Ja? Nun, dann will ich fortan jener bärbeißige Mann sein, der zuweilen mit finsterer Miene über den Friedhof schnürt und vor dem ich als Kind Angst gehabt hätte. So weit kommt’s! So weit bringen sie einen.



7 Kommentare zu »Spaß auf dem Friedhof«

  1. #1 | Links anne Ruhr (12.01.2011) » Pottblog sagt am 12. Januar 2011 um 07:31

    [...] Spaß auf dem Friedhof (Ruhrbarone) [...]

  2. #2 | mimi müller sagt am 12. Januar 2011 um 08:02

    Ich begleite Sie dabei gerne und geb die Oma mit Stock…

  3. #3 | Christus sagt am 12. Januar 2011 um 10:58

    Welcher Friedhof in Dortmund hatte denn schöne Grabmale? Über diese Information würde ich mich freuen.

  4. #4 | Sven sagt am 12. Januar 2011 um 12:15

    Ostfriedhof? Da führe ich gerne Gäste hin und kann bei der Gelegenheit Stadtgeschichte mit denen üben (Kochbuchautorin, Grubenunglücke usw.)

    Die Jogger finde ich ehrlich gesagt nicht dramatisch. Es ist inzwischen doch eher ein Parkt, als ein Friedhof, oder?

  5. #5 | Bernd Berke sagt am 12. Januar 2011 um 13:16

    @ Mimi Müller: Einverstanden. Bitte schon mal wirksame Drohgebärden einüben.
    @ Christus/Sven: Jawohl, es ist der Ostfriedhof. Hätte allerdings von Christus gedacht, er wüsste das bereits… ;-)
    @ Sven: Dramatisch vielleicht nicht, aber es nervt manchmal schon durch die schiere Frequenz.
    Es ist halt ein Parkfriedhof. Ich kannte mehrere Menschen, die jetzt dort liegen. Auch das macht einen empfindlich.

  6. #6 | Ulf sagt am 13. Januar 2011 um 11:08

    Die Planungen der Stadt Dortmund für den Ostfriedhof sahen vor, ihn allmählich zum Ostpark, ähnlich dem Westpark (igitt) umzuwandeln. Der Friedhof verwilderte, im Sommer gab es Picknicks und Partys, und die große Rasenfläche gegenüber dem jüdischen Friedhofsteil diente als Hundewiese. Die Folge waren Abfall und Lärm überall. Dann sorgten Proteste der Anwohner, die ihre Angehörigen nicht auf dem Hauptfriedhof, sondern in der Nähe bestatten wollten, dafür, dass der Ostfriedhof seit einiger Zeit wieder als Friedhof genutzt wird. Das hat sich gelohnt, wie ich finde. Das Gelände und viele alte Grabstätten sind renoviert worden. Der Wildwuchs auf den Grünflächen wurde beseitigt, dabei kamen einige uralte Gräber wieder zum Vorschein. Und freilaufende Hunde sind mir seitdem dort auch nicht mehr begegnet. Die freilaufenden Jogger nehme ich in Kauf. Kurz: Der Ostfriedhof ist einer meiner Lieblingsorte in Dortmund – zum Spazierengehen, Entspannen und Fotografieren. Und zum Gedenken.

  7. #7 | Bernd Berke sagt am 13. Januar 2011 um 15:39

    @Ulf: Vielen Dank für den interessanten Hinweis.
    Bin ich froh, dass ich offenbar die ganz üblen Zeiten dort nicht erlebt habe.
    Der Westpark (in dem ich als Kind manchmal gespielt habe) geht tatsächlich gar nicht mehr – es sei denn als Refugium für Dealer.
    Wer weiß: Wahrscheinlich sind wir einander im Ostpark/Friedhof unwissentlich mal über den Weg gelaufen – oder werden dies noch tun.

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