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Stadtwerke in der Energiewendefalle

Stadtwerke Zentrale in Bochum: Foto: Stadtwerke Bochum Lizenz: Copyright

Stadtwerke Zentrale in Bochum: Foto: Stadtwerke Bochum Lizenz: Copyright

Die Stadtwerke Duisburg überlegen, aus der Energieerzeugung auszusteigen. Sie sind nicht das einzige Stadtwerk mit Problemen. Auch andere denken darüber, den Betrieb von Kraftwerken aufzugeben.

Mit zwei eigenen Kraftwerken produzieren die Stadtwerke Duisburg Strom für über die Hälfte der Duisburger Haushalte. Die Zeiten, in denen das Unternehmen, das zu 80 Prozent der Stadttochter Duisburger Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft (DVV) und zu einem Fünftel RWE gehört, mit seinen beiden Kohle- und Gaskraftwerken, Geld verdiente sind vorbei: 22 Millionen Euro Verlust fuhr das Unternehmen mit seinen Kraftwerken ein. Anstatt Geld an die Stadt abzuführen, musste das klamme Duisburg seine Stadtwerke mit zwei Millionen Euro stützen. Nun denkt DVV-Geschäftsführer Marcus Wittig darüber nach, aus der Stromerzeugung auszusteigen. Dem DVV-Mitarbeitermagazin Durchblick sagte Wittig: „Wir werden prüfen müssen, ob die eigene Erzeugung weiter betrieben werden kann. Daran geht kein Weg vorbei, auch wenn dies bedeuten würde, dass wir mit einem solchen Schritt in die Kernkompetenz unseres Stadtwerke-Unternehmens eingreifen würden.“

Diese Kernkompetenz ist die Daseinsvorsorge. Sie ist der meist genannte Grund, warum Städte sich um die Erzeugung von Strom und die Versorgung mit Wasser oder Gas kümmern: Die eigenen Bürger sollen die Sicherheit haben, versorgt zu werden, unabhängig von den Unbilden des Marktes. Eine staatliche Vollkaskoversicherung, die Wärme und Licht garantieren soll, unabhängig vom Markt. Das die Städte mit diesen Leistungen lange viel Geld verdient haben, ist streng genommen nicht mehr als ein angenehmer Nebeneffekt gewesen. Aber die Zeiten, in denen das gelang, sind vorbei. Genau wie die Großkonzerne RWE und Eon stehen auch die Stadtwerke durch die Energiewende unter Druck. Nicht nur in Duisburg sind diese Zeiten vorbei, auch in Dortmund werden die Stadtwerke in Zukunft nicht mehr den Haushalt durch Überweisen unterstützen.

In Bochum ist es noch nicht soweit. Hier soll auch in Zukunft Geld an die Stadtkasse überwiesen werden – zumindest ist das der Plan. Aber es gibt auch eine politishe Agenda:

Die Stadtwerke Bochum sind an gemeinsam mit anderen Stadtwerken aus ganz Deutschland an Kraftwerken in Lünen und Hamm beteiligt, die rote Zahlen schreiben. Ob sie auch aus der Energieerzeugung aussteigen, ist offen: „Über die Zukunft dieser Beteiligungen diskutieren wir derzeit mit den anderen Gesellschaftern, und zwar in alle Richtungen“, sagt Bernd Wilmert, Sprecher der Geschäftsführung der Stadtwerke Bochum und erhebt Vorwürfe gegen die Politik: „Es ist nicht allzu lange her, da haben wir als kommunale Unternehmen auf Drängen der Politik und vieler Experten in konventionelle Kraftwerkskapazitäten investiert und Marktchancen genutzt, um Versorgungssicherheit auch nach dem Ausstieg aus der Atomenergie zu gewährleisten.“

Wilmert will ein anderen „Strommarktdesign“. Hinter der blumigen Wortschöpfung verbirgt sich die Forderung nach Kapazitätsmärkten: Kraftwerksbetreiber sollen Geld dafür bekommen, dass sie Kraftwerke vorhalten und nicht nur wenn sie deren Strom auch verkaufen. Durch die hochsubventionierte Solar- und Windenergie mit ihrer Einspeisegarantie gelingt das immer seltener, sagt Manuel Frondel, Energieexperte beim RWI-Essen: „Durch den rasanten Ausbau der Erneuerbaren in Deutschland wird immer mehr grüner Strom produziert. Das zunehmende Überangebot führt zwangsläufig zu sinkenden Großhandelspreisen für Strom, immer häufiger sogar zu negativen Börsenstrompreisen. So werden Erdgas-, aber auch Steinkohlekraftwerke zunehmend unwirtschaftlich.“

Setzen sich Bernd Wilmert und andere Stadtwerke mit der Forderung nach einem Kapazitätsmarkt durch, wäre der Energiemarkt Geschichte und jede Form der Stromerzeugung in Deutschland subventioniert. Frondel spricht sich eher dafür aus, dass die Stadtwerke ganz aus der Energieerzeugung aussteigen: „Die Produktion von Strom ist keine ureigene Aufgabe von kommunalen Versorgern. Sie sollte jenen vorbehalten sein, die darin Spezialisten sind und die auch aufgrund von Größenvorteilen komparative Vorteile haben und Strom so kostengünstig produzieren können.“

Anders das NRW-Wirtschaftsministerium: „Im Zuge der Energiewende wird der weitere Ausbau der Erneuerbaren Energien insgesamt zu einer stärkeren Dezentralisierung der Energieerzeugung führen und die Bedeutung der Stadtwerke weiter erhöhen.“

An die 200 Mitarbeiters der Stadtwerke Duisburg wird das zukünftige, grüne Utopia nichts mehr nutzen: Ihre Jobs stehen jetzt auf der Kippe. Betriebsbedingte Kündigungen sind bei der Stadttochter in Zukunft ausdrücklich nicht mehr ausgeschlossen, wenn der Ausstieg aus den Kraftwerken kommen sollte.

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6 Kommentare zu “Stadtwerke in der Energiewendefalle

  • #1
    keineEigenverantwortung

    Als Kind aus den Zeiten des kalten Kriegs ist es mir immer noch wichtig, dass wir eine ausfallsichere Versorgung haben, die auch Sabotage etc. übersteht.

    Ich sehe auf der einen Seite Großverbraucher mit einem hohen Strombedarf und auf der anderen Seite Privatverbraucher, die vermutlich immer weniger Strom benötigen und diesen auch lokal erzeugen können.

    Wo bleibt also das Geschäftsmodell: „Ich baue ein Großkraftwerk und drucke damit Geld“?

    Es ist nur verständlich, dass die Stadtwerke an einen Ausstieg denken. Leider viele Jahre zu spät.

    Offen ist dann nur noch, wie Großverbraucher versorgt werden. Haben sie eigene Kraftwerke? Das gibt es ja auch schon seit Jahren.

    Für mich steht aktuell die Heizung auf der Tagesordnung. Hier hängt noch immer viel am Gas. Das ist zwar immer günstiger, aber die Unternehmen geben die Preise nicht weiter.

  • #2
    Klaus Lohmann

    Am Beispiel Dortmund und den DSW21 lässt sich allerdings gut demonstrieren, dass nicht die Energiewende allein für finanziellen Verdruss sorgt, sondern der Missbrauch solcher kommunalen Töchter für Pleite-Experimente mit Quersubventionierung ala Dortmunder Flughafen oder Übernahme an sich rein kommunaler Aufgaben wie die Infrastruktur-Entwicklung des Vorzeige-Immobilienprojekts Phoenix-See. Man ist halt völlig unbedarft davon ausgegangen, dass Stadtwerke trotz solcher halbgaren Privatisierungsspielchen von naiven Kommunalpolitikern immer weiter an der Energie verdienen.

    Aber die Pöstchen für Dortmunds „verdiente“ Politniks, die liegen weiter ungekürzt parat.

  • #3
    Arnold Voss

    Die Zukunft der kommunalen Energierversorgung liegt in der Dezentralisierung. Hier bieten die alternativen Energien technisch die besten Möglichkeiten und die Energiegenossenschaft die besten Form der bürgernahen Selbstverwaltung. Den Rest kann dann der frei Markt besorgen, sofern es den im Energiebereich je geben wird.

  • #4
    Hans Meier

    Es geht erstaunlich schnell, wie die Folgen der „Energiewende“ vergleichbar einem Sabotageanschlag, schwere Störungen verursachen.
    Genau so wie es vorhersehbar war, verursacht der mit Kartellprivilegien weit über Marktwert vergütete ideologische „Edelstrom“, das alle Stromerzeuger, die von der Lobbypolitik nicht am „Vergütungs-Trog“ gemästet werden, nun zügig vor die „Hunde gehen“.
    Da wird eine ideologisch motivierte, vom Wetter abhängige, nur sehr mangelhaft und unzuverlässige Stromerzeugung von absoluten Volltrotteln als „Zukunftsmodell“ gefeiert, denen jedes logische Denkvermögen fehlt und darum in Dumm-Schwätzer-Manier auch noch daran festhalten, diese Art der Stromerzeugung mit politischen Kartellprivilegien zu adeln.
    Wenn der angerichtete Schaden ja nur die bekloppten in der Politik treffen würde wär`s nicht so schlimm, aber die Folgen dümmster Politik treffen die gesamte Bevölkerung.

  • #5
    Arnold Voss

    http://de.wikipedia.org/wiki/Dezentrale_Stromerzeugung
    https://www.tatup-journal.de/tatup103_moua10a.php
    http://www.bkwk.de/fileadmin/users/bkwk/download/Fakten_Thesen.pdf
    http://www.it-gipfel.de/IT-Gipfel/Redaktion/PDF/ag2-dezentralisierung-der-energienetz-fuehrung-mittels-ikt-unterstuetzen,property=pdf,bereich=itgipfel,sprache=de,rwb=true.pdf

  • #6
    Bert Robel

    Hallo Herr Meier,

    Ihren Aussagen ist voll und ganz zuzustimmen. Leider ist der Anteil an Menschen in Deutschland,
    die noch eine umfassende Bildung im Bereich von Naturwissenschaft/Technik und Ökonomie besitzen sehr klein geworden, insbesondere im politischen Bereich, wo ja inzwischen Ethikräte über solche Sachverhalte entscheiden und Elektronen nach moralischen Prinzipien von „Gut“ und „Böse“ bewertet werden. Der Großteil der Menschen wird erst etwas bemerken, wenn die negativen Folgen sich extrem drastisch bemerkbar machen, aber dann sind der Großteil der wirtschaftlichen/technischen Schäden irreparabel. Es ist leider sehr, sehr düster aus!!!!!!

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