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Stilkritik: Warum nuttig aussehen ungeil ist

In Ruhrgebiet | Am 25 Mai 2012 | Von Annina Luzie Schmid

Terres des Femmes-Plakat auf dem Slutwalk 2011, Berlin

Terres des Femmes-Plakat auf dem Slutwalk 2011, Berlin.

“Stelle fest: Im Sommer fallen Prostituierte im Straßenbild kaum noch auf.” 

Diesen Status habe ich heute Nachmittag auf Facebook veröffentlicht. Nicht mehr als die Feststellung, dass die aktuelle Mode auf dem Straßenstrich nicht allzu weit von dem entfernt ist, was viele junge Frauen in der Freizeit tragen: knappe, eng anliegende, durchsichtige Kleidung und High Heels. Es scheint, als würden Prostituierte und Nicht-Prostituierte in dieser Saison in denselben Läden shoppen. Optimistisch betrachtet könnte das für Prostituierte bedeuten, dass das Ansehen ihres Jobs in der Gesellschaft – womöglich gar dank YouPorn – gestiegen ist. Ihre Dienstklamotte finden sie inzwischen nicht mehr nur in überteuerten Sexshops in dreckigen Gegenden, sondern in den Casual Dress-Sparten von Forever 21 und H&M. Pessimistisch betrachtet ist derzeit eine Art Weiblichkeit hip, die immobilisiert: wegrennen, anpacken, oft auch nur ein paar Meter gehen – ist in solchen Hacken nicht.

Dabei habe ich nichts gegen hohe Schuhe. Ich besitze selbst diverse Paare und trage sie zu besonderen Anlässen (!) in Innenräumen (!) gerne. Kombiniert zu Kleidungsstücken, von denen ich mir einbilde, sie seien stilvoll. Stilvoll à la Carolyn Bessette, nicht Katie Price. Kurzes Unterteil oder schulterfrei. Eng oben- oder untenrum. “Ordentlich” halt und ein bisschen so wie beim Schminken: Wenn es neben der Drei-Farben-Regel, an die ich mich praktisch nie halte, überhaupt etwas gibt, das ich aus Modezeitschriften gelernt habe, dann, dass frau den Mund oder die Augen schminkt. Geiz ist geil – außer an Fasching.

Es geht mir dabei überhaupt nicht darum, uns den Spaß an modischer Selbstverwirklichung zu verderben. Es geht mir darum, ein Bewusstsein für die eigenen Bedürfnisse und Beweggründe zu schaffen. Was genau finde ich an meinem Outfit gut? Fühle ich mich in meiner Kleidung sicher und frei? Lange vorbei sind die Zeiten, in denen ich Paris Hiltons unterhosenloses Aussteigen aus einem Taxi als feministischen Akt fehlgedeutet habe. In denen ich mir Pole Dancing als Trendsportart hätte verkaufen lassen.

Grundsätzlich muss klar sein, dass keine Klamotte Anmachen oder dumme Sprüche legitimiert. Auch nicht, wenn es sich bei der Frau um eine Prostituierte handelt. Egal wie “nackt”, “billig” oder sexy eine Frau auf der Straße aussehen mag, verbale oder körperliche Übergriffe sind niemals gewollt, erwünscht oder auch nur okay. Leider weiß ich aus eigener Erfahrung, dass selbst eine halbstündige ÖPNV-Fahrt in einem Spaghettiträger Top und einer langen Hose viele Männer dazu animiert, mir ihre Meinung über mein Aussehen mitzuteilen. Will ich nicht hören. Hat mit Komplimenten nichts zu tun, nur mit mangelnder Impulskontrolle und Grenzüberschreitung. Wir alle müssen tragen dürfen, was wir wollen, ohne deswegen bedrängt zu werden. Deshalb unterstütze ich Initiativen wie den Slutwalk und Hollaback.

Ein freizügiges Outfit aus Spaß zu tragen unterscheidet sich nämlich grundlegend davon, es für den Lebensunterhalt zu benötigen. Nur die wenigsten Prostituierten haben sich ihren Berufsweg gewünscht. Ich möchte also, dass die jungen Frauen, die sich nicht prostituieren müssen, ihre Wünsche überdenken. Damit sie schnell genug wegrennen können, wenn es drauf an kommt.

Dieser Kommentar erschien ursprünglich auf Girls Can Blog.



13 Kommentare zu »Stilkritik: Warum nuttig aussehen ungeil ist«

  1. #1 | Arnold Voß sagt am 25. Mai 2012 um 19:51

    Dazu fällt mir Coco Chanel ein, die einmal gesagt haben soll:

    “Weibliche Nacktheit muss man den Männern mit dem Teelöffel geben, nicht mit der Schöpfkelle”

  2. #2 | Springorum sagt am 25. Mai 2012 um 20:25

    Kann den Beitrag unterstützen. Leider ist es auf ruhrbarone.de so ein Problem mit dem Einschränken von persönlichen Freiheiten. In diesem Fall ginge es um die persönliche Kleiderwahl. In anderen Fällen geht es zum Beispiel um das Recht zu Rauchen…Warum erschließt sich mir dieser Beitrag eher?

  3. #3 | Yilmaz sagt am 25. Mai 2012 um 21:50

    Da lob ich mir die Türkei !

  4. #4 | Mel sagt am 26. Mai 2012 um 01:55

    Ich persönlich handhabe es eher wie die Autorin dieses Artikels, finde aber, dass jede -so wie sie es mag- sich verkleiden darf. Auch außerhalb von Fasching!
    Ich halte uns Frauen für emanzipiert (gibt es dieses Wort 2012 eigentlich noch?) genug uns darüber nicht aufzuregen.
    Trotzdem hat mir dieser Artikel gefallen!!

  5. #5 | Eva sagt am 26. Mai 2012 um 11:49

    @ Yilmaz: Dieser Kommentar ist unerträglich. In der Türkei und anderen islamischen Ländern werden Frauen in radikal-religiösen Kreisen genötigt, sich mit zeltähnlichen Kleidungsstücken zu umhüllen. Daran ist nichts Lobenswertes. Die Zelte schränken die Bewegungsfreiheit der Frauen genau so ein wie High Heels; auch damit können Frauen nicht gut gehen, geschweige denn im Bedarfsfall weglaufen. Weiterhin frage ich mich, wie es wohl sein mag, sich in heißen Ländern wie der Türkei mit Stoffbergen zu umhüllen. Eine dem Klima angepasste Kleidung ist das jedenfalls nicht. Besonders fragwürdig finde ich die Begründung für diese Art von Kleidung: Demnach sollen sich Frauen damit vor sexuellen Übergriffen schützen. Das kehrt das Täter-Opfer-Verhältnis um: Kommt es zu einem Übergriff, ist dieser Logik zufolge eine Frau, die sich nicht nach islamischer Mode gekleidet hat, selbst daran schuld. Das reduziert die Frauen genau so auf Äußerlichkeiten, wie es aufreizende westliche Kleidung tut.

  6. #6 | Norbert sagt am 26. Mai 2012 um 13:39

    Selbstauferlegte (aus welchem Grund auch immer) Kleidungs”verbote” sind Kapitulationen und keine Lösung. Das Problem ist nicht die Kleidung, sondern dass manche dieser Kleidung etwas zuschreiben, dass mit der Kleidung nichts zu tun hat, nämlich das die Trägerin “leicht zu haben sei” etc.

  7. #7 | Linksverkehr KW 21/2012 » YOUdaz.com sagt am 26. Mai 2012 um 17:01

    [...] Stilkritik: Warum nuttig aussehen ungeil ist [...]

  8. #8 | Styriaholland sagt am 27. Mai 2012 um 07:27

    Typisch (west)deutsches Problem. Würde in den ehemaligen Ostblock-Staaten keiner drauf kommen. Aber mal was anderes: Ein nicht unerheblicher Teil sexueller Übergriffe findet an sogenannten “widerstandsunfähigen Personen” statt – also Menschen mit psychischer, physischer und geistiger Behinderung. Die tragen in der Regel keine High Heels, auch wenn das sicherlich im Rolli geht. Da wird also von den Tätern eine Situation ausgenutzt. Was mich zu der Annahme treibt, dass nicht die Kleidung der Faktor ist (was ich für abgestanden strukturkonservativ halte), sondern die Gelegenheit. Und neben der Gelegenheit (was wir nach diversen Studien aus lateinamerikanischen Militärdiktaturen kennen) die Straflosigkeit, mit der Täter meinen rechnen zu können. Empfehle mal einen Blick auf die Nudistenbewegung der DDR, deren Blankziehen gegenüber der SED-Obrigkeit hart erkämpft werden musste. Können wir was lernen.

  9. #9 | Ulli sagt am 27. Mai 2012 um 22:32

    Liebe Eva, das Verhüllen in arabischen Ländern hatte früher nichts mit Religion zu tun. Es war schlicht weg der Schutz vor zuviel Sonneneinstrahlung und eine vorzeitige Hautalterung. Schauen sie sich hier mal 30jährige an die 3x in der Woche ins Sonnenstudio gehen, die Haut ist einfach viel schneller gealtert. Zum Glück ist dies rückläufig und man sieht heute dem Menschen auch Büroaltag an.
    Das heißt blasse Haut, dafür aber jungfräulicher. Ich habe mich im Urlaub amüsiert, wenn die Mädels zum Kamelausritt im Top und kurzen Hosen kamen, hatten dann einen Riesensonnenbrand. Dies erstmal zur Kleidung im sonnigen Süden. Ich bin der Meinung jeder nach seinen Wünschen egal ob verhüllt, knappes Höschen oder gar nichts an, wie beim FKK-Wandern. Hab damit gar kein Problem.

  10. #10 | Helmut Junge sagt am 28. Mai 2012 um 10:14

    @Ulli (9),
    Das das Verhüllen in arabischen Ländern früher nichts mit Religion zu tun gehabt haben soll, ist ein Märchen.
    Sehen Sie sich nur mal die altägyptischen Malereien an.
    Da sind alle dargestellten Frauen beinahe nackt.
    Darum frage ich mich, welches Motiv hinter der Verbreitung solcher merkwürdigen Erklärungstheorien steckt.
    Denn das, was @Eva beschreibt, ist real, und das was Sie beschreiben, ist bestenfalls eine Theorie, wie Sie sich die Wirklichkeit zurecht biegen. Vielleicht Ihr Wunschdenken?

  11. #11 | Norbert sagt am 28. Mai 2012 um 19:32

    @10:

    Von den doch – in Bezug auf die Anzahl der Menschen im ganzen Gebiet – doch vergleichsweise geringen Anzahl an Bildern aus Ägypten auf die damaligen Bedingungen zu schließen ist auch nicht gerade sachdienlich. Heutzutage werden bei uns auch mehr Fotos von nackten Menschen angefertigt und nicht in Skianzügen. Und weder das eine, noch das andere ist die übliche Kleidung.

  12. #12 | Helmut Junge sagt am 28. Mai 2012 um 20:47

    Norbert,
    Erstens gibt es sehr viele Bilder aus dem alten Ägypten.
    Zweitens zeigen sogar schon die sehr viel älteren Felszeichnungen aus der Sahara nackte, bzw. dürftig bekleidete Frauen.
    Drittens laufen heute noch Menschen in viel südlicheren, also sonnigeren Ländern, als Arabien, mit zumindest nacktem Oberkörper herum, sofern sie nämlich nicht gerade Moslems sind.
    Und viertens gibt es nicht ein einziges Bild unter den ganz alten Bildern, das eine verhüllte Frau zeigt.
    Wir dürfen übrigens auch getrost davon ausgehen, dass es vor der Erfindung der Kleidung, eben auch keine Kleidung gab, die hätte schützen konnen. und die Menschen auch deswegen nicht ausgestorben sind, obwohl sie keinen Sonnenschutz hatten.
    Wir leben schließlich immer noch.
    Allerdings haben unsere Vorfahren, als sie das sonnenarme Europa erreichten, hier ihre schützende Pigmentierung verloren, weil diese die Vitamin-D- Bildung in der Haut verhinderte.
    Lebertran, oder gar Vigantol stand aber nicht überall zur Verfügung.
    Rachitis war damals aber schlimmer als ein gelegentlicher Sonnenbrand.
    Konsequenterweise sind wir Bioeuropäer auch heller und stärker sonnenbrandgefährdet, als die Menschen, die damals nicht mit in den sonnenarmen Norden gezogen sind.

  13. #13 | Arnold Voß sagt am 29. Mai 2012 um 08:18

    Ich empfehle ergänzend zu den Kommentaren von Helmut Junge:

    “Venus, Maria, Fatima – Wie die Lust zum Teufel ging” von Ekkehart und Gernot Rotter, Düsseldorf 1996

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