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Unperfekthaus Essen: Ein Herz für die Bürgerwehr

Das Unperfekthaus am Abend Foto: Wiegels Lizenz: CC BY 3.0

Das Unperfekthaus am Abend Foto: Wiegels Lizenz: CC BY 3.0


Im Unperfekthaus in Essen wollen sich die Gründer einer Bürgerwehr treffen. Der Macher des Unperfekthauses sagt ihnen seine  Unterstützung zu.

Seit vielen Jahren ist das Unperfekthaus in Essen ein Treffpunkt der unterschiedlichsten Gruppen und Menschen. Künstler haben dort ihre Ateliers, Magier treffen sich zum Stammtisch und Unternehmen veranstalten dort ihre Feste. Das Unperfekthaus ist ein offenes Haus. Es ist so offen, dass es nun auch den Gründern einer Essener Bürgerwehr zur Verfügung steht. Reinhard Wiesemann, der Gründer des Hauses begrüßt die Idee und hat in einem Rundschreiben seine Unterstützung angeboten:

Liebe Bürgerwehr-Gründer, bittet die Polizei darum, bei einem Eurer Treffen einen Vortrag zu halten, wie Ihr helfen könnt! Gern vermittel ich einen Kontakt, falls die Bürgerwehr-Gründer das nicht direkt machen wollen (bitte mich einfach per Mail ansprechen). Und wenn daraus dann eine tolle Truppe wird, die einen echten Beitrag zur Sicherheit leistet, dann haben wir alle gewonnen!

Wiesemann will nicht, dass die  Gründer der Bürgerwehr als Rechte dargestellt werden:

Und diejenigen, die jede Art von bürgerschaftlichem Engagement für Sicherheit pauschal mit schlimmen Erfahrungen aus der Nazizeit gleich setzen, sollten bitte akzeptieren, dass bürgerschaftliches Engagement in JEDEM Bereich normal ist. Bei der Altenpflege gibt’s Profis UND hilfsbereite Nachbarn, bei der Sauberkeit gibt’s die professionelle Stadtreinigung UND Bürger, die auch mal selbst sauber machen.

Dumm nur, dass die Bürgerwehren in ganz Deutschland bislang genau dies waren: Ein Sammelpunkt von Nazis und anderen Rechtsradikalen, die ihre Allmachtsphantasien ausleben wollen und oftmals einfach nur Lust auf Krawall haben. Die Polizei lehnt daher Bürgerwehren ab und sieht sie nicht als willkommene Unterstützung an – in vielen Orten ist sie sogar mit Platzverweisen und ähnlichem gegen solche Gruppen vorgegangen.

Wiesemann scheint das egal zu sein: Er hat sein Herz für Bürgerwehren entdeckt und will ihnen das Unperfekthaus zur Verfügung stellen.

 

Das ganze Rundschreiben:

Liebe Freunde des Unperfekthauses,

in den letzten 2 Tagen haben wir von mehreren Seiten (das Unperfekthaus ist umgeben von tollen Leuten – herzlichen Dank an alle!) die Information bekommen, dass eine Bürgerwehr in Essen gegründet werden soll und dass dazu im Unperfekthaus ein Vorbereitungstreffen geplant ist. Wie immer in solchen Fällen holen wir bei Fachleuten Rat ein und besprechen das Thema intern und auch öffentlich. Deshalb diese Mail, die meine (aktuelle) Meinung als Gründer und Inhaber des UpH abbildet (das UpH selbst ist neutral, und unsere Mitarbeiter haben alle ihre eigene Meinung):
Mehrere Gespräche gestern und heute mit der Polizei Essen (die Polizei hat Kontaktbeamte, die jede(r) einfach mal um Rat fragen kann) haben mich in dem Gedanken bestätigt, dass bürgerschaftliches Engagement für mehr Sicherheit legal möglich ist. Aufmerksame Bürger, die hinsehen, wenn etwas passiert, sind ganz eindeutig erwünscht!
Es gibt zahlreiche private Initiativen für Sicherheit, die es oft seit Jahrzehnten schon richtig machen. In den USA gibt es unzählige „Neighborhood-Watch-Areas“, und auf der ganzen Welt verbreitet sind „Guardian Angels“ (deutsche Info hier, viel ausführlichere englische Info hier).
Auch die vielen privaten Sicherheitsunternehmen in Deutschland und überall auf der Welt sind voll akzeptiert und werden sogar von staatlichen Stellen beauftragt, Events zu sichern, Flughäfen uvm. (Info dazu hier). Auch sie haben nicht mehr Rechte als jeder Bürger, doch jeder bekommt eine Ausbildung vor dem Einsatz.
Es kommt also auf das „Wie“ an, und da geht es vor allem um Ausbildung! Die Polizei ist nach meinen Erfahrungen sehr offen und klug in Deutschland, und sie hilft Bürgern, die etwas beitragen wollen. Man muss sich nur trauen, einfach mal bei der Polizei anzufragen, und um Beratung bei der Gründung einer Bürgerwehr bitten. Und diejenigen, die jede Art von bürgerschaftlichem Engagement für Sicherheit pauschal mit schlimmen Erfahrungen aus der Nazizeit gleich setzen, sollten bitte akzeptieren, dass bürgerschaftliches Engagement in JEDEM Bereich normal ist. Bei der Altenpflege gibt’s Profis UND hilfsbereite Nachbarn, bei der Sauberkeit gibt’s die professionelle Stadtreinigung UND Bürger, die auch mal selbst sauber machen.

Überall gibt’s das Zweigespann aus Profis UND Ehrenamtlern! Es kommt darauf an, dass sich beides kooperativ ergänzt, und auch im Bereich „Sicherheit“ brauchen wir beides: Polizei UND Bürger, die sich engagieren.

***

Schlimm ist allerdings, wenn ich höre, dass die Bürgerwehr-Gründer, Angst haben, das offen zu tun, weil sie Störer befürchten, die jede Diskussion in der noch unfertigen Gruppe unmöglich machen. Wenn ich den Gerüchten glauben kann, dann wollen die Gründer der Bürgerwehr ihr Treffen im Unperfekthaus unter einem unverfänglichen Namen anmelden, und DAS ist eine ganz schlechte Entwicklung: Da wollen Bürger etwas tun, das legal getan werden darf, und sie trauen sich nicht, das offen zu tun???? SCHLIMM!!! Und gefährlich. Denn wenn die Gründer solche Ängste haben, dann werden sie sich nicht trauen, die Polizei einzuladen, damit sie lernen, wie eine Bürgerwehr legal möglich ist.

Wer Gruppen von Menschen, die sich im Bereich „Sicherheit“ engagieren wollen, gleich unterstellt, dass sie Illegales vor haben, tut unserer Demokratie keinen Gefallen (auch wenn Einzelne in manchen Gruppen anders zu sehen sind – man muss die Motivationen jedes Mitglieds einzeln sehen). Wir leben davon, dass unterschiedliche Menschen unterschiedliche Aufgaben wahrnehmen, dass sich die Unterschiede alle friedlich ergänzen und zu einem derart hervorragenden Land beitragen, wie wir es in Deutschland haben und behalten wollen. Gerade hat die „Washington Post“ publiziert, dass Deutschland auf Platz 1 in der Welt steht! Mehr…

***

Ganz wichtig: Für „Schwarz/Weiss“-Denken sollten wir in Deutschland zu schlau sein. Wir sollten jedem helfen, die Beiträge, die er leisten möchte, auf legale Art zu leisten, so dass wirklich etwas gesellschaftlich Nützliches entsteht. Denn wenn wir Menschen, die sich engagieren wollen, ausgrenzen, dann radikalisieren wir sie. Und auch wenn manche in solchen Gruppen Parolen rufen, die die Mehrheit in Deutschland ablehnt, dann sollte man die Gruppe als Ganzes nicht ablehnen. Besser ist es, dabei zu helfen, dass jeder Mensch seine vorhandenen Energien für die Gesellschaft nützlich einsetzen kann.

Liebe Bürgerwehr-Gründer, bittet die Polizei darum, bei einem Eurer Treffen einen Vortrag zu halten, wie Ihr helfen könnt! Gern vermittel ich einen Kontakt, falls die Bürgerwehr-Gründer das nicht direkt machen wollen (bitte mich einfach per Mail ansprechen). Und wenn daraus dann eine tolle Truppe wird, die einen echten Beitrag zur Sicherheit leistet, dann haben wir alle gewonnen! Vielleicht sind die Guardian Angels wirklich ein Beispiel dafür, dass bürgerschaftliches Engagement im Bereich „Sicherheit“ etwas Gutes sein kann?

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56 Kommentare zu “Unperfekthaus Essen: Ein Herz für die Bürgerwehr

  • #51
    Moutacim Lachhab

    Boah könnt Ihr alle gut draufhauen.
    Ob von rechts, links, oben unten oder woher auch immer.

    Menschen machen Fehler, oder nicht ?
    Und die Fehler die hier passiert sind sind nu wirklich nicht
    sooo gravierend wie hier dargestellt…

    Da wurde und wird bestimmt auch mal wieder mit gezinkten Karten gespielt
    und Gutgläubigkeit ausgenutzt, da könnt Ihr euch sicher sein…

    Was mir viel mehr Sorgen macht ist diese widerwärtige Eskalation
    von Hass und diese andauernden Hetz-Tiraden, dieser Neid und der ganze Scheiß,
    der natürlich mal wieder von den Medien geschürt wird.

    Das ganze Theater ging damals mit dem ersten Golfkrieg los
    und Ihr Idioten lasst euch immer noch völlig blöde vor den
    Karren spannen.

    Schöne Grüße aus Indien, wo die Leute andere Sorgen haben
    als sich mit derartigem Quatsch auseinanderzusetzen.

  • #52
    Naroska

    Lieber Herr Wiesemann,
    wenn eine Gleichsetzung der neuen Bürgerwehr mit derjenigen gleichnamigen Truppe der Nazis nicht stattfinden soll, frage ich mich, warum die lieben neuen Schutzpatronen sich nicht gleich einen anderen Namen gegeben haben?!
    A.Naroska

  • #53
    Ralf Fischer

    Sehr geehrter Herr Wiesemann,
    im Rahmen der kleinen Kundgebung vom Freitagabend hatte ich in meinem spontanen Redebeitrag die Strategie der organisierten Neonazis benannt, die nach den Kölner Ereignissen grassierenden Unsicherheits- und Angstgefühle in Teilen der Bevölkerung auszuschlachten, um mit Hilfe dieser vorgeblich an "Sicherheit" interessierten "Bürgerwehren" eine politische Massenbasis zu
    gewinnen.
    In Essen können Sie dies nicht nur an der besagten Gruppe ablesen, die in Ihrem Hause tagen wollte, deren Sprecher ein bekannter Rechtsextremist ist. Auch zum heutigen "Stadtspaziergang" in
    Essen-Dellwig, zu der eine "Bürgerinitiative Dellwiger Frieden" aufruft, die sich ausdrücklich gegen Flüchtlingsunterkünfte richtet, als gäbe dadurch Bürgerkrieg in Dellwig, wird von der Nazipartei NPD
    aufgerufen.
    Dass wir keine Feinde der Demokratie sind, haben Sie hoffentlich gemerkt, als Sie auf der Kundgebung von "Essen stellt sich quer" ausführlich zu Wort kamen, Ihre Standpunkte darlegen und auf andere Redebeiträge antworten konnten. Hiermit möchte ich Ihnen ausdrücklich für Ihr Kommen und auch Ihre Wortmeldungen danken.
    Jedoch haben Sie auf die gesellschaftspolitisch m.E. entscheidende Frage nicht geantwortet und scheinen nicht bereit, die hinter diesen Entwicklungen stehenden politischen Strategien zu erkennen. Daher erlaube ich mir Ihnen einen Link zu einem Beitrag in der Süddeutschen Zeitung mit nachfolgenden weiteren Links zum Thema zu übersenden:
    http://www.sueddeutsche.de/politik/buergerwehren-in-deutschland-buergerwehren-die-innere-unsicherheit-1.2830313
    Der Oberhausener Polizeipräsident sagte übrigens in einem Kommentar im dortigen NRZ-Lokalteil am 19.01.2016 ironisch: "Wir danken … für die unnötige Mehrbelastung." Denn die Polizei müsse nun nicht nur die Kriminellen, sondern auch noch die "Bürgerwehren" im Auge behalten. So sorgen "Bürgerwehren" de facto für mehr Unsicherheit statt mehr Sicherheit. Dass die Polizei diese selbsternannten Streifen unterstützen würde, wie Sie behaupten, ist schlicht unwahr.
    Ich hoffe, dass Sie verstanden haben, dass nicht wir die "aufgeheizten Kommentare" lieferten, die Sie kritisierten, sondern eine sachliche Kritik benannt haben an einer gesellschaftlichen Tendenz, die vielfach geleugnet wird, um wie Sie behaupten zu können, diese Neonazis, etwa der Sprecher "unserer" Bürgerwehr, ließen sich reformieren und demokratisieren.
    Als eher verstörend empfanden wir Ihre am Freitagnachmittag veröffentlichte Stellungnahme. In dieser behaupteten Sie, dass ggf. auch wir als "Störer" Ihres Verständnisses von Demokratie zu Gewalt aufriefen. Sie griffen zur Totalitarismusthese, dass Extremisten von rechts und links die Demokratie zerstörten. Ganz abgesehen davon, dass eine friedliche Demonstration gegen diese Bürgerwehren" (und auch Ihr Haus, wenn Sie solche Gruppierungen zu Gast haben), zu den
    demokratischen Grundrechten in unserem Land gehört. Die Totalitarismusthese ist weder bezogen auf den früheren deutschen Faschismus wissenschaftlich haltbar, noch in Bezug auf das Gebaren
    heutiger faschistischer Kräfte.
    Auch die Darstellung, ein sicherer Betrieb Ihres Hauses wäre nicht mehr gewährleistet gewesen, entbehrt jeglicher Grundlage. Dazu hatten Sie auch die Wahl, nur diese eine Gruppe wieder auszuladen, statt gleich das ganze Haus zu schließen. Dafür können Sie nun wirklich niemand anderen verantwortlich machen als sich selbst.
    Was die Neonazi-Strategie angeht, so muss es in unseren Augen heißen: Wehret den Anfängen! Denn sonst sind es eines Tages wir, die wieder aus unserem Lande werden fliehen müssen.
    Mit freundlichen Grüßen und der Hoffnung auf weitere Gesprächsbereitschaft verbleibt
    Ralf Fischer, Kreisvorstand DIE LINKE. Essen

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