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Warum ich keine Lust auf Klassenkampf habe

Karl Marx, philosopher

Im Folgenden werde ich Anmerkungen zu Marx machen, einem äußerst feindseligen Theoretiker, dessen Werk ich fast vollständig gelesen habe – ganz offenkundig im Gegensatz zu einem Großteil der Menschen, die sich auf ihn berufen. Oftmals entsteht zudem Eindruck, dass sich die Menschen, die sich auf Marx berufen, ohne ihn gelesen oder verstanden zu haben, gar nicht vorstellen können, dass andere die Muße dazu hatten.

Besonders überdrüssig bin ich, auf Grund der sich daraus ergebenen Missverständisse, der Gespräche mit Wertmarxisten, die von Klassenkampf sprechen und gleichzeitig das Projizieren sozialer Misstände auf Einzelgruppen, insbesondere die Juden, ablehnen wollen. Ich gucke niemanden an. Obgleich Marx der Bourgeoisie Eingeständnisse zu machen bereit war, relativierend von einem „gesellschaftliches Verhältnis“ sprach und von „Sachen, unter deren Kontrolle sie stehen, statt sie zu kontrollieren“, war er durch seine vermeintliche Nachsicht mit den Zuständnissen und den Klassenfeinden – die stets mit einer Art Mitleid einherzugehen scheint – nicht davor gefeit, ein klares Feindbild zu präsentieren.

„Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse.“

Diese vielerorts zitierte Auffassung eines Mannes, der die Klassen überwinden wollte, ist vielleichtals ein Zweifeln an der Konstruktivität seines Gesamtwerkes zu begreifen und zugleich stellt sie den wohl subtilsten und tolleriertesten Ausdruck personalisierter Kapitalismuskritik innerhalb der Linken da. Marx darf das anscheinend.

Marx ist, das dürfte vielleicht noch bekannt sein, in Bezug auf unsere Gesellschaft (in ihrem jetzigen und länger als geplant andauernden Stadium des „Spätkapitalismus“) von „zwei großen feindlichen Lagern“ augegangen, „zwei großen, einander direkt gegenüberstehenden Klassen: Bourgeoisie und Proletariat.“ Erstgenannter stand er, wie man an seiner klassenkämpferischen Rheotorik und unzähligen Passagen seines Gesamtwerkes erkennen kann, eher feindseelig gegenüber und – wenn es zum Leid der Arbeiter kam – unterstellte er ihr Absicht oder gar Genugtuung, wie etwa in Lohnarbeit und Kapital ersichtlich:

„Je rascher die Arbeiterklasse die ihr feindliche Macht, den fremden, über sie gebietenden Reichtum vermehrt und vergrößert, unter desto günstigern Bedingungen wird ihr erlaubt, von neuem an der Vermehrung des bürgerlichen Reichtums, an der Vergrößerung der Macht des Kapitals zu arbeiten, zufrieden, sich selbst die goldnen Ketten zu schmieden, woran die Bourgeoisie sie hinter sich herschleift.“

In anderen Texten, erstmals im Manifest, werden auch sozialistische Bourgeois scharf kritisiert. Karl Marx, der in seinem Leben keine Fabrik von innen gesehen hatte, empfand es als kritisch und wenig glaubwürdig, wenn Menschen mit Geld „im Interesse der arbeitenden Klasse“ handeln oder sprechen wollten: „Sie wollen die bestehende Gesellschaft mit Abzug der sie revolutionierenden und sie auflösenden Elemente.

Diese Feindseeligkeitserwartung lag offenbar im Selbstverständnis seines Klassenbewusstseins, welches er als eine objektive Wahrnehmung seiner gesellschaftlichen Stellung und der Lage in der man sich damit befand definierte; Außerdem war zumindest die eigene Feindseeligkeit ein aus seinen Zukunftsvisionen entstehender Zwang, denn bereits 1852, in einem Brief an Weydemeyer, war Marx der Überzeugung nachgewiesen zu haben, „dass der Klassenkampf notwendig zur Diktatur des Proletariats führt“ und „dass diese Diktatur selbst nur den Übergang zur Aufhebung aller Klassen und zur klassenlosen Gesellschaft bildet.“

Es ist natürlich wichtig sich zu vergegenwärtigen, dass die Rhetorik der Diktatur bei Marx meist metaphorisch zu begreifen ist und, je nach Kontext, synonym für verschiedene Unterdrückungsverhältnisse steht, die großteils erst nach seinem Tod seperiert wurden. Dennoch wäre eine Ablösung der „Diktatur des Proletariats“, wie auch immer diese aussehe durch den Himmel auf Erden gar nicht denkbar, wenn man Marx‘ Menschenbild teilte. Das Herrschen der Mehrheit über die Minderheit, kann unter diesen Vorrausetzungen schlicht nicht als eine Methode zur Überwindung von Klassen begriffen werden, sondern deutet viel mehr auf einen versteckten Rachewunsch hin.

Auch machte man damals natürlich nicht Halt davor, die Befürchtung einer anstehenden Weltherrschaft weniger Konzerne zu kommunzieren, die Konsequenz daraus wäre, dass die den Mehrwert schaffenden Arbeiter der größeren Unternehmen nach und nach durch effizientere Produktionsmittel ersetzt werden könnten, was nebenbei bemerkt, den Arbeitswert der Klasse immer geringer werden ließe. Es hat sich mittlerweile das Gegenteil bewahrheitet. Und dank der bösen, bösen Konkurrenz, den bösen besseren Produktionsmitteln und den bösen darauf zurückzuführenden Innovationen, sind wir, als Menschen, auf einem gutem Weg irgendwann keine Arbeiter mehr zu brauchen und keine Umverteilungsprobleme mehr zu haben und alle geistiger Arbeit nachgehen können, weil die Maschinen für uns sogar diesen Klassenkampf ausfechten können, der ja immer noch sehr wichtig zu sein scheint. Wer bereits eingesehen hat, dass es antisemitisch ist, zu denken, Reiche seien böse, weil sie Juden sind, sollte in der Lage sein zu erkennen, dass die Ansicht, Reiche seien böse, weil sie Reiche sind, ganz einfach Schwachsinn ist. Da die meisten wirtschaftspolitischen Thesen und Theorien von Marx ihren Ursprung leider in genau dieser Wahrnehmung haben, sind einige davon eben sehr gehaltlos.

Wer aber unbedingt Wert auf Planwirtschaft legt, im Glauben eine Verlangsamung des wissenschaftlichen, medizinisches und technologischen Fortschrittes wäre es wert, dass es jedem Menschen gleich schlecht geht, kann sich immerhin daraus ausruhen, den gleichen Freiheitsbegriff wie Adorno zu haben. Der war zumindest in seiner Kapitalismuskritik, meines Wissens, ein gutes Stück weiter.

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55 Kommentare zu “Warum ich keine Lust auf Klassenkampf habe

  • #51
    Thomas Weigle

    @ leolucaIch sehe da nicht wirklich eine Renaissance von Marx, aber egal. Ich kann aber doch nix dafür, wenn sich bis heute die Zeugen Lenins auf Marx berufen, und lediglich und ausschließlich ihre Form der Daseinserkenntnis, in der der Herr Marx eine wesentliche Rolle spielt, allen anderen aufzwingen wollen bzw dies in der Vergangenheit mit äußert unschönen Mitteln auch taten. Freiheitsidee des Sozialismus hin oder her, ich sehe da Zusammenhänge, denen ich mich nicht ausgesetzt sehen will.

  • #52
    Arnold Voss

    Marx war, wenn man die Texte von ihm wiederhot liest, geradezu bessessen von der Idee der gesetzliche Logik gesellschaftlicher Verhältnisse. Die Konstruktion der Charakterkaske war schon deswegen vonnöten, weil ohne sie der Kapitalist eben nicht quasi unbegriffener Teil eines in der Logik des Kapitalismus liegende Ausbeutungsverhältnisses isti.

    Ganz im Gegensatz zu seinen Frühschriften, in denen auch die individuelle Emanzipation von eben diesen gesellschaftlichen Verhältnissen einen zentrale Rolle spielt, bleibt der sogenannten subjektive Faktor bei seiner politischen Ökonomie fast gänzlich außen vor, um die dortigen Gesetzmäßigkeiten nicht in Unordnung bringen zu können. Genau der aber ist, und das erkennt mitterweile sogar die neobliberale Schule der Ökonomie an, sehr wohl von großer Bedeutung.

    Es gibt den individuellen Entscheidungsspielraum, und damit die eigenen Verantwortung innerhalb der Marktgesetze, des Wettbewerbs und der Ausbeutungslogik sehr wohl und sie ist obendrein kulturabhängig. Bei genauerer Erforschung konkreter Unternehmensentscheidungen zeigt sich sogar, dass Kapitalisten als konkete Individuen in konkrete Gruppenzusammenhängen unter gleichen Ausgangsbedingungen erheblich unterschiedlich entscheiden, ja dass individuelle Besonderheiten ünerhaupt erst den besonderen Erfolg oder Misserfolg von Unternehmen bestimmen.

    Dazu gehört auch der Umgang mit den Mitarbeitern eines Unternehmens und der Grad der Fairniss ihrer Bezahlung, bzw. ihrer Beteiligung am Unternehmenserfolg. Konkret: Ausbeutung ist eben nicht nur stummer Zwang äußerer Verhältnisse sondern immer auch bewusste Entscheidung. Und sie existiert eben nicht nur in kapitalistischen Systemen geschweige ist sie deren Kern. Der Kapitalismus ist , sofern es politisch gewollt ist, verhandelbar, kontrollierbar und veränderbar. Er ist eine Machtfrage, und nicht eine Systemfrage. Er besteht nicht jenseits der an ihm beteiligten bzw. von ihm betroffenen Individuen, sondern er ist von ihnen gemacht.

    Ausbeutung ist deswegen immer konkret und historisch zu betrachten. Die Ausgebeuteten sind genauso wenig eine Klasse wie die Ausbeuter sondern jeweiles besondere Menschen in besonderen Verhältnissen, von denen sie zwar beeinflusst und geprägt werden, denen sie aber nicht ausgeliefert sind. Sie sind verantwortlich, egal ob sie diese Veranwtortung annehmen oder nicht. Sie unterliegen keinen Gesetzmäßigkeiten wenn sie das nicht wollen. Auch Kapitalisten nicht.

    Der Kapitalismus kann deswegen auch nicht als solcher „böse“ sein und die sogenannte Arbeiterklasse „gut“. Genausowenig sind augebeutete Menschen die „besseren“ Menschen. Viele von ihnen wären wohlmöglich noch schlimmere Ausbeuter, wenn sie denn dazu die Gelegenheit hätten. Es ist die Ausbeutung selbst die zur gesellschaftlichen Debatte zu stehen hat, sofern überhaupt ein Interesse daran besteht, sie – ohne die Illusion sie ganz und für immer abschaffen zu können – zumindest zu verringern.

    Es gibt nämich kein Wirtschaftsmodell das sie systemisch zu verhindern in der Lage wäre. Auch nicht die gemeinschaftliche Kontrolle der freie Assoziation der Produzenten, was immer damit Karl Marx konkret gemeint haben könnte. Nicht umsonst hat er sich bei der konkreten Beschreibung einer ausbeutungsfreien Gesellschaft im Gegensatz zu seinen sonstigen Beschreibungen der ausbeuterischen Verhältnisse seiner Zeit erstaunlich ungenau, ja geradezu absichtlich unklar ausgedrückt.

    Gemeinschaften welcher Art auch immer sind dem Indviduum, was das rationale Handeln betrifft, nämich nicht prinzipiell überlegen, noch sind sie eine Garantie für mehr Gerechtigket. Genausowenig lässt sich die heutige hochkomplexe weltweite Arbeitsteilung so vereinfachen, dass sie für alle Produzenten und Konsumenten über- gschweige denn durchschaubar würde. Subjektve und fachlich fundierte unternehmerische Eigenverantwortung ist deswegen weder sinnvoll abschaffbar noch beliebig demokratisierbar. Unternehmerische Initiative ist vielmehr der treibende Faktor dynamischer Gesellschaften, und darf schon deswegen nicht beliebig reguliert werden.

    Ausbeutung dagegen kann verringert werden, ohne die so gegebene und gewollte Dynamik gänzlich zum Stillstand zu bringen, wenn auch die Unternehmer nicht nur wirtschaftliche sondern auch soziale Verantwortung übernehmen. Solche Unternehmer gibt es jetzt schon, was zeigt, dass das grundsätzlich möglich ist. Die anderen müssen im Ernstfall durch die Ausgebeuteten dazu gezwungen werden, sofern deren Macht dazu ausreicht.

    Ansonsten gibt es die schon lange erfolgreich praktizierten betriebswirtschaftliche Modelle der Genossenschaft und der innerbetriebliche Mitbestimmung. Beides ist ausbaufähig ohne die wirtschaftliche Dynamik des Kapitalismus strukturell zum Erliegen zu bringen. Käme eine weltweite Reregulierung und Kontrolle der Finanzmärkte dazu wären wir mit dem Kapitalismus in Sachen weniger Ausbeutung und mehr Verteilungsgerechtigeit schon ein ganzes Stück weiter.

  • #53
    leoluca

    @Arnold Voss

    Wer so sehr von der Reformfähigkeit der kapitalistischen Produktionsweise und Gesellschaft überzeugt ist, der sollte erklären können, warum der sogenannte Rheinische Kapitalismus bzw. der alte, von Keynes und Roosevelt herkommende Wohlstandskapitalismus aus den 1960er und 70er Jahren heute in den USA so gut wie gar nicht mehr und in Europa nur noch in Teilen existiert.

    Wo erlaubt der globalisierte Kapitalismus noch wirkliche Mitbestimmung der Gesellschaft und der demokratisch legitimierten Politik? Wo wird noch der gute alte Satz aus dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ernst genommen: Eigentum verpflichtet?

    Seit dem großen Crash 2008 hat sich an der Zügellosigkeit der Finanzmärkte nichts geändert. Wir steuern auf die nächste große Wirtschafts- und Finanzkrise zu und dürfen dann wieder erleben, wie ihre ökonomischen und sozialen Folgen hübsch „sozialisiert“ werden. In dieser Lage kann es nicht überraschen, dass die auf Marx zurückgehenden radikalen Analysen wieder interessant werden.

  • #54
    Helmut Junge

    Arnold (52), ein guter Kommentar, dem ich gerne noch ein paar Gedanken zufügen möchte. allerdings bin ich seit Jahrzehnten nicht mehr „drin“ im Thema und völlig überrascht, daß es so heftig diskutiert wird. Aber gründliche Vorbereitung kostet viel Zeit, die ich leider in den nächsten 2 Monaten nicht habe. Darum nur soviel „aus der hohlen Hand“.
    Die Dialektik sagt, daß jedes System Widersprüche in sich selbst trägt. Diese Widersprüche können unüberbrückbar werden und dann zu einem Neuen führen. Wie das Neue aussehen wird, ist aber nicht wirklich vorhersehbar. Deshalb sind die diesbezüglichen Aussagen von Marx auch unscharf. Du hast es oben schon gesagt. Es gibt auch keine Zielstrebigkeit in eine bestimmte Richtung. Die Geschichte strebt nicht konsequent auf ein bestimmtes Ziel hin, sondern es gibt eben Abzweigungen, Variationen die zu veränderten Verhältnissen führen. Richtig ist, daß die Gesellschaft sich immer verändern muß. Das ist gesetzmäßig, weil sie der Mensch durch sein Verhalten, seine Aktivität dauernd verändert. Auch richtig ist, wer sich diesen Veränderungen nicht stellt, muß, wird untergehen. Das sagt die Dialektik. Wer das anders versteht, hat das Prinzip nicht verstanden. Auch die Vorstellung, daß es eines Tages eine Gesellschaft geben wird, die dem Paradies entsprechend traumhaft ohne Widersprüche funktioniert, ist nicht dialektisch, sie wäre ja wäre statisch, und wäre mir persönlich ein Gräuel. Ebenso ist und war mir immer klar, daß die periodischen Zyklen der Industrieproduktion und der Finanzwirtschaft, geglättet werden können. Das ist auch geschehen und geschieht fortwährend. Den Schlüssel dazu hat ein Herr Keynes nach dem Crasch Ende der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts geliefert. Und der Kapitalismus hat diese Schwierigkeiten bisher überlebt, wenn auch in fortwährend veränderter Form. DEN Kapitalisten, der seinen ARBEITERN direkt gegenübersteht gibt es heute praktisch kaum noch. Die großen Konzerne werden von hochbezahlten Angestellten geleitet, die widerum einem Aufsichtsrat Rechenschaft ablegen müssen. Natürlich bleibt die Gewinnorientierung dabei die Maxime. Das ist nicht vergleichbar mit einer „gesellschaftlichen Kontrolle“ wie sie einigen Sozialisten vorgeschwebt hat. Die Entwicklung des kapitalistischen Systems bleibt weiterhin ein dynamischer Entwicklungsprozeß und es wäre vermessen von mir zu sagen, daß ich wüßte, wohin der Zug rollen wird. Und wenn das einer genau voraussehen könnte, wäre es auch aus mit dem Prinzip der Dialektik, denn dieses Prinzip läßt solche präzisen Voraussagen gar nicht zu. Du hast noch den Faktor „Mensch“ ins Spiel gebracht, der sich auch individuell anders verhalten kann, als es seinen theoretischen Klasseninteressen entspricht. Und du hast das damit begründet, daß bei Marx „bleibt der sogenannten subjektive Faktor bei seiner politischen Ökonomie fast gänzlich außen vor, um die dortigen Gesetzmäßigkeiten nicht in Unordnung bringen zu können.“
    Das sehe ich ähnlich. Er hat eine Theorie entwickelt und diese Theorie in ihrem Kern ausgearbeitet, so wie ein Physiker vorgeht, der z.B. den freien Fall eines Gegenstandes beschreibt. Der vernachlässigt immer erst mal die Luftreibung, weil die die Sache zunächst komplizierter macht. Niemand kommt auf die Idee Isaac Newton deshalb zu schelten, daß er die Luftreibung bei seinen grundlegenden Berechnung vernachlässigt hat. Der Apfel fällt trotzdem vom Baum. Das war wohl Arbeit genug und Marx ist nicht so alt geworden um diese Arbeit vielleicht zu ergänzen. Da müssen sich Ander mit beschäftigen, haben es auch getan, über die spricht man auch meist nicht, aber das ist nicht mein Kommentarthema.
    Besonders gefällt mir an deinem Kommentar der letzte Satz, der die Kontrolle der Finanzmärkte betrifft. Das ist nämlich die Frage unserer Epoche, die wir in unserer Zeit lösen müssen. Und daran, daß es nicht etwa Marxisten sind, die sich damit auseinandersetzen, sondern Leute, die mit Marx gar nichts am Hut haben, zeigt, wie sehr sich die Gesellschaft seit den zeiten von Marx schon verändert hat. Früher nannte man diese Leute „Bürgerliche“. Ja, die arbeiten am Thema, wenn es Einigen auch zu zaghaft, oder falsch erscheint, Anderen widerum gar nicht paßt. Das Problem ist aber da und es ist hartnäckig.
    Was uns aber bei der Lösung dieses Problems gar nicht helfen wird, und noch nie jemals geholfen hat, sind Zitate aus den Schriften von Marx. Der Kern der marxistischen Dialektik sagt nämlich, daß die Welt sich verändert und jede Veränderung bewirkt, daß eine frühere Aussage falsch werden kann, wenn auch nicht zwangsläufig falsch werden muß. Dann wäre es ja wieder einfach. Leider ist aber nichts einfach im Leben. Wir werden diese Frage mit unserer eigenen Intelligenz klären müssen. In diesem Sinne viel Spaß an der Diskussion. Ich werde nicht viel Zeit haben, mich darin zu vertiefen, wie ich es müßte, um diesem Thema so gerecht zu werden, daß ich meinem eigenen Anspruch genügen kann.

  • #55
    Arnold Voss

    @ Leoluca 53

    Auch Reformen sind eine Machtfrage. Das Pendel ist dabei in den letzen 30 Jahren eindeutig zu Gunsten der Kapitalseite ausgeschlagen und hat eine gewaltige gesellschaftliche Umverteilung von Unten nach Oben hervorgerufen. Da aber die Produktivität insgesamt ebenso gewaltig gestiegen ist, blieb genug Verteilungsspielraum um die unteren 25 % in den entwickelten Gesellschaften über zeitweise oder dauerhafte staatliche Transfers eine Art Grundeinkommen zu sichern und die Schichten zwischen den unteren 25% und den obersten 5% weiterhin zufrieden zu halten.

    Da aber das Bewusstsein über diesen Prozess bei dieser Mehrheit der Nochzufriedenen immer größer wird, das de fakto Grundeinkommen zu gring ist und sich – wie so zu recht schreiben – weitere Krisen anbahnen, kann dieses Pendel auch wieder in die andere Richtung schlagen. Die neoliberale Reduktion des Staatsanteils war aber nach meiner Einschätzung grundsätzlich richtig. Aber auch hier zeigt sich immer mehr, dass Privatisierung vokswirtschaftlich nicht per se gut ist und auch dafür wächst weltweit das Bewusstsein.

    Wenn mittlerweile selbst Milliadäre für mehr Steuererechtigkeit zu ihren eigenen Ungunsten plädieren, scheint auch auf der Kapitalseite das Bewusstsein für einen Wandel zu wachsen. Verlassen sollte man sich darauf allerdings nicht. Geld bedeute (nicht nur wirtschaftliche) Macht, und viel Geld bedeute viel Macht und wer diese einmal hat, gibt sie selten freiwillig wieder ab.

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