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WATTENSCHEID IST UNSER LEBEN

Wir sind Wattenscheider Jungs! Geboren, aufgewachsen und geformt in dieser kleinen Weltstadt mitten im Pott. Eine harte Schule zwischen Ghetto und Einöde, zwischen Prolldisco und Straßenkampf, zwischen Fußball und Langeweile. Die SG Wattenscheid 09 hat unsere Jugend bestimmt. Mit ihrem Abstieg aus der ersten Bundesliga verebbte unsere Liebe für das runde Leder. Fußball-Legasthenie war die Folge. Kein Interesse, kein Antrieb, keine Kultur. Jetzt sind wir zurück zu den Wurzeln, auf dem Rasen, der die Welt bedeutet – beim Auswärtsspiel der Wattenscheider Kicker in der NRW-Liga. Ein Erlebnisbericht von Herrn Schlange und Herrn Joswig.

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Treffpunkt: Fanbus zum Auswärtsspiel der SGW gegen Fortuna Köln, Rathaus Wattenscheid, 17.30 Uhr.

Es ist kalt, der Himmel wolkenverhangen und grau. Schlange und Joswig spüren ihre Herzen wie wild in der Brust pochen. Pulsschlag aus Stahl. Hämmernd und laut. Nerven liegen blank. Das letzte Fußballspiel liegt Jahre zurück. Erinnerungen zucken durch ihre Köpfe: euphorische Massen und ohrenbetäubende Gesänge, fettige Bratwürste und der Geruch von Schweiß und Bier.

Joswig blieb 1990 mit seinem Arm in den Metalltoren zum Spielfeld stecken, als Wattenscheid mit einem Heimsieg gegen die Hertha BSC den Aufstieg in die erste Bundesliga sicherte. Die Fans drängten grölend auf den Platz. Die Masse riss ihn mit und hätte beinahe seinen Arm am Tor vergessen.
Als die SGW Ende der 90er auf St. Pauli traf, wurde Schlange von Wattenscheider Fans durch die halbe Stadt gejagt. Er hatte die falsche Seite gewählt und Jahre der Treue für ein bisschen Punk verkauft. Bis heute blieb dieses Spiel sein letztes.
Schmerzhafte Erinnerungen.

Mit der Partie der SGW gegen die Fortuna versuchen die beiden Abtrünnigen, die unschuldigen Kindheits-Erinnerungen an die Lohrheide wieder aufleben zu lassen, solch dunkle Schatten, die sich später über sie legten, endlich zu begraben.

Von 1990 bis 1994 gehörte die SG Wattenscheid 09 zum Elitekreis des deutschen Fußballs und rockte die Erste Bundesliga. Der absolute Höhepunkt der Vereinsgeschichte. Als sich jedoch zum Jahrtausendwechsel der Mäzen des Vereins, Klaus Steilmann, der seit den 60er die 09er pushte, finanziell zurückzog, ging es auch mit der SGW bergab. 2006 der Abstieg aus der Regionalliga, ein Jahr später der aus der Oberliga. Damit erreichte der Verein in der fünftklassigen NRW-Liga den Tiefpunkt seiner Nachkriegsgeschichte. Die Jungs sind Underdogs vor dem Herrn.

Zum Treffpunkt der 09er-Fans am Rathausplatz spazieren Schlange und Joswig perfekt ausgestattet: Wattenscheid-Schal um den Hals (extra zum Spiel geliehen), klirrende Jutetasche voller Bierflaschen in der Hand (explizit zum Spiel gekauft). Fan-Azubis auf Probezeit.
Das Bild am Rathaus ist beeindruckend. Rund drei Kästen Bier in Plastiktüten, drei Frauen und gut 15 Mann aufgestellt in geschlossener Formation, erkennbar durch Schals und Trikots. Die beiden angehenden Fußball-Jünger stellen sich dazu, nicken schüchtern und werden höflich ignoriert.

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Schlanges Tasche setzt klimpernd auf den Pflastersteinen auf. Sein Blick trifft Joswigs. Ein tiefer Atemzug, ein Schulterzucken. Joswig nickt konspirativ. Wie die verlorenen Söhne werden sie hier nicht empfangen. Schade.
Biere werden geköpft, Kippen geraucht, die Gruppe der Wartenden wächst. Fan-Veteranen, grauhaarig mit Parker, Urgesteine des Fanblocks, daneben Schlachtenbummler der Hardcore-Klasse mit Aufnäher verzierten Jacken – Metall-Kutten der Fußball-Szene. Jugendliche mit Lockenschopf oder kurzgeschorenen Haaren, leidenschaftliche Fußballer, Väter mit ihren Söhnen, Ehefrauen und Freunde. Nach einer Viertelstunde wird zum Sammeln gepfiffen. Der Fan-Bus ein ausrangierter Linienbus, ehemals weiß, von Arbeit ganz grau. Kippen glühen hektisch auf.

Schlange und Joswig schütteln die letzten Zwei aus der Schachtel und stecken sie an. Abgesehen vom Fan-Beauftragten der SGW, bei dem die beiden vor einer Woche die Fahrkarten gekauft hatten, hat sie hier niemand eines wohlwollenden Blickes gewürdigt. Eine eingeschworene Gemeinschaft die Wattenscheider. Eiserne Lokalpatrioten, die 35 Jahre nach der Eingemeindung zu Bochum noch immer für ihre Unabhängigkeit kämpfen: Auf Ortsschildern wird Bochum überklebt, die alten Wat-Autokennzeichen regelmäßig im Stadtblättchen gezählt. Jetzt muss Wattenscheid mit ansehen, wie seine Einkaufsstraße vom Virus der Ein-Euro-Läden zerfressen wird. Wenn vor Deinen Augen Deine Stadt zugrunde geht und Dein Verein von der ersten in die fünfte Liga rutscht, ringen dir die drohende Klimkatastrophe, die Weltwirtschaftskrise, Selbstmordattentäter oder zwei verweichlichte Fan-Aspiranten nur noch ein müdes Lächeln ab. Wattenscheid hat andere Probleme.

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Oh, Du schönes Wattenscheid, mein Herz gehört nur Dir, für mich bist Du die einzige Blume im Revier. Wattenscheid – Du wahre Weltstadt, bist einfach zu bescheiden, bist voller Heldenmut und großer Persönlichkeiten. Auf Deinem Grund und Boden wurde Agent James Bond geboren, wurdest wohl zur offiziellen Heimat auserkoren – sagt jedenfalls seine Biografie. Spitzensportler nährten sich an Deiner Brust, einen Olympiastützpunkt darfst Du Dein Eigen nennen. Und sogar die Tetzlaffs wohnten in Wattenscheid und gaben mit ihrem Familenoberhaupt, einem reaktionären Spießer, Deiner Stammtischpolitik eine Stimme. Ja, die Fernsehserie „Ein Herz und eine Seele“ spielte bei Dir. Rosenmontagszug – Ekel Alfred liebte Deinen Karneval. Oh, Du schönes Wattenscheid, schwören wir uns ewige Treue.

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„Ich geh noch ma schiffen.“ Joswig tippt Schlange an. „Halt den Bus notfalls auf.“
Schlange nickt und nippt an seiner Flasche. Zwei, drei große Schlücke, dann schnippt er seine Kippe unter den Bus und sieht, wie Joswig wieder hinter einem Gebüsch an der Rathaus-Mauer hervor zum Bus trottet.
„Alter, du kannst doch nicht direkt ans Wattenscheider Rathaus pissen.“
Joswig hebt gleichgültig die Schultern. „Och, da waren schon einige Fans vor mir. Ich hab nur noch drüber gepinkelt.“

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Abfahrt 18 Uhr, mit dem Linienbus über die Autobahn.

Als die zwei im Bus Plätze suchen, entdecken sie ein Pärchen auf den mittleren Sitzreihen. Alte Bekannte. Erleichterung. Schlange und Joswig nehmen hinter den beiden Platz.
Begleitet von Fan-Gesängen geht es zur A40. Ob Urinstinkte, Gruppendynamik oder einfach nur die verinnerlichte Sitzordnung in Linienbussen – die Fan-Gemeinde verteilt sich wie im Öffentlichen Nahverkehr. Die älteren Herren wie graue Eminenzen neben dem Fanbeauftragten vorne beim Fahrer. Der eine mit braun-weißem, der andere mit schwarz-weiß-rotem Norweger-Pulli, einer mit Jägerhut, der andere mit Schlägermütze. Institutionen der Fan-Gemeinde im Altherren-Look. Dahinter die Familien, Ehepaare, Pärchen und Schlange und Joswig. Dann die hintere Bustür, und auf den Rückbänken die Chaosfraktion: jugendlich, alkoholisiert und singfreudig. Insgesamt sitzen knapp 50 Mann im Bus.

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„Wer ist der Schreck vom Ruhrgebiet?“ – „NUR DIE SGW!“

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„Gib mir ma bitte n neues Bier.“
Joswig gibt Schlange seine leere Flasche. Der zieht zwei frische Pils aus dem Beutel, reicht eins weiter. Im ganzen Bus dasselbe Schauspiel. Zischen, prosten, schlucken, Motorengeräusche und Fußballchöre, vereinzeltes Gefachsimpel – das alles verschwimmt zu einem weißen Rauschen. Die Luft ist feucht von Atem und Körperwärme. Draußen zeichnen sich Regenfäden an den Scheiben ab. Joswig wird schläfrig.

Nach 20 Minuten kommen erste Unmutsbekundungen von der Chaosfraktion, die Stimmung kippt:
„Warum können wir hier nicht rauchen?“
„Konnten wir keinen Bus mit Toilette kriegen?“
„Tank-stel-le, Tank-stel-le!“
Am lautesten beschwert sich ein junger Bursche mit Glatze und Eintracht Frankfurt-Pulli. „Ich muss pissen, dumme Scheiße!“
Es wird weiter Bier getrunken. Wie Lemminge saufen sich die Fußballfans in einem Bus ohne Klo ins Verderben. Das Ende ist vorprogrammiert und verdammt dreckig.

Irgendwann grölt der Bus auf. Schreie aus dem hinteren Teil. Joswig dreht sich um und erstarrt. Fassungslos schaut er Schlange an.
„Alter, die kleine Glatze versucht da an der Hintertür in ne Cola-Pulle zu pullern. Und die ganze Scheiße läuft ihm an den Händen runter.“
Schlange dreht sich um und sieht nichts. Nichts als blauen Jeansstoff. Ein Typ hat sich direkt vor seiner Nase aufgebaut. Trikot, Handy in der Gürteltasche, Bikerboots – und ein ziemlich dicker Hintern.
„Ich kann s nicht sehen, verdammt.“
Joswig: „Boar, das läuft alles die Stufen runter.“
Die Rufe werden lauter, die Fans feuern weiter ihren kleinen Prinz Pipi an. Trotz der Verluste schafft er es die Flasche zu einem Viertel zu füllen. Eine eineinhalb-Liter-Flasche. Respekt. Später versucht es noch ein zweiter Bursche. Nach zehn Minuten setzt er sich unverrichteter Dinge. Er konnte einfach nicht.

Als sich Schlange nach vorne beugt, gleitet ihm die Bierpulle aus der Hand und zerschellt auf seiner Jutetasche. Bierbäche auf dem Busboden. Wieder grölt die Mannschaft. Wie in einer amerikanischen Sitcom wird alles kommentiert, Gelächter, Stöhnen, Applaus. Missmutig klaubt Schlange die Scherben vom Boden. Schade um das schöne Bier.

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Die erste von insgesamt drei offiziellen Pinkelpausen während der Hinfahrt: Der Bus hält an einem Feldweg, die Türen öffnen sich und ein Schwarm Fans strömt aus dem Wagen, verteilt sich am Straßenrand wie Tauben auf der Hochspannungsleitung und lässt laufen. Bildlicher könnte man sich das Wort „Notdurft“ nicht vorstellen. Gesichter entkrampfen, während Dampf vor den Beinen aufsteigt. Die austrainierten Trinkerblasen und die wenigen Abstinenzler stehen vor dem Bus, quatschen und qualmen. Eine dreiviertel Kippe, länger dauert der Halt nicht. Dann geht es zurück in den Bus. Die Luft dort ist mittlerweile zäh wie im Hühnerstall, es stinkt nach Bier, Urin und Schweiß.
Bei der zweiten Pause öffnen sich die Türen direkt an einem Feld. Als hätte jemand den Startschuss gegeben, stürmen die Männer auf den feuchten Acker, die Frauen nach rechts hinter eine Schallschutzmauer. Ein junger Bursche hinterher zu den SGW-Damen an die Mauer. Auf seinem Sweatshirt prangt der Aufdruck „1909 % Wattenscheid – 1848 % Anti-Bochum“. Als er wiederkommt – ein Handy am Ohr – böllken seine Kollegen los:
„Scheiße, Alter! Wat gehste denn zu den Mädels pissen?“

Der Bursche grinst. Ohne das Handy vom Ohr zu nehmen, antwortet er: „Ich hab Dünnschiss. Keine Ahnung.“

Dann nimmt er das Handy verdutzt vom Ohr. „Als ich Dünnschiss gesagt habe, hat meine Freundin aufgelegt.“ Er lacht dreckig. „Die olle Schlampe.“

Für die feineren Damen ein letzter Halt an einer Raststätte. Alle guten Dinge sind drei. Deutliche Ansage vom Fanbeauftragten an die Mannschaft: „Nur die Frauen dürfen aufs Klo. Alle anderen bleiben am Bus.“ Als der Bus losfährt, stehen Glatze und Dünnschiss am Eingang von McDonald’s. Der Bus tobt. Einer der Fußball-Veteranen aus der ersten Reihe giftet zum Fahrer: „Lass doch die dummen Frankfurter stehn. Kerr, fahr los!“ Joswig schaut Schlange irritiert an. Ist das die viel beschworene Fan-Gemeinschaft? Die beiden Vergessenen werden doch noch eingesammelt. You’ll never walk alone.

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„Wer sammelt alle Punkte ein?“ – „NUR DIE SGW!“

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Terror auf der Weiterfahrt. Fangesänge werden wie verzerrte Mantras runtergeschrien, das hintere Abteil hämmert grölend gegen die Scheiben, bis der Fanbeauftragte durchdreht: „Müsst ihr verdammt nochmal an die Fenster kloppen? Kloppt auf eure eigenen Köppe, wenn ihr wat hören wollt.“ Teenager außer Kontrolle, der Fanbeauftragte als Erziehungshelfer.

Aus internen Quellen erfahren Schlange und Joswig, dass die heutige Zusammensetzung der Fan-Delegation bereits die „oberen Zehntausend“ (O-Ton) darstellt.

Für die normale Fahrt über die A40, die A52 und A3 nach Köln veranschlagt jeder Routenplaner knapp 60 Minuten. Der Fanbus der SGW ist gut zweieinhalb Stunden unterwegs. Vollsperrung auf der A3. Über absurde Umwege geht es nach Köln. Zwei Mal wird nach dem Weg gefragt. Der Kölsche Dialekt verwirrt. Joswig mault in den Bus: „Hat denn hier keiner ein iPhone?“ Ein Typ mit eingefallenen Wangen, Dreitagebart und stechend grünen Augen unter seinen schwarzen Brauen starrt ihn ausdruckslos an. Langsam bewegen sich seine Lippen: „ Was meinse? Eilkohol?“ Das auch.

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Ankunft am Kölner Südstadion etwa fünfzehn Minuten vor Ende der ersten Halbzeit. Es steht bereits 1:0 für die SGW.

Für die Gäste ist auf der Haupttribüne ein abgetrennter Bereich eingerichtet. Etwa 20 Meter lang und mit roten Schalensitzen ausgestattet. Insgesamt sind vielleicht 80 Wattenscheider vor Ort. Joswig zittert vor Kälte. Gefühlte 20 Grad unter Null. Er und Schlange stehen mit einem Kölsch in der Hand auf den untersten Sitzreihen. Hinter ihnen toben die Fans.

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„Wer spielt den Gegner an die Wand?“ – „NUR DIE SGW!“

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Schlange zu seinem Nebenmann rechts: „Sag ma, welche Farbe haben unsere Jungs eigentlich?“
Sein Nachbar entnervt zurück: „Schwarz.“
Joswig von links zu Schlange: „Sag ma, auf welches Tor spielen wir eigentlich?“
Schlange entnervt zurück: „Keine Ahnung, soweit bin ich noch nicht.“
Die beiden Fan-Azubis nehmen nachdenklich einen Schluck Kölsch. Zwei Männer ohne Fußball-Gene.

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Halbzeit. Dreißig Fans stürmen zu der kleinen einsamen Bierbude am Kopf des Stadions. Ein junger Bursche hinter dem Zapfhahn müht sich redlich. Wattenscheider sind ein mürrisches Völkchen – das zeigt sich auch hier. „Geht das nicht schneller?“, „Wieso ist der Kerl alleine?“, „Wo bleiben die Würstchen?“ Im grellen Neonlicht der Bude schimmern Schweißperlen auf der Stirn des Dienstleisters. Dass er wahrscheinlich der erste wäre, der sich hier über Verstärkung freuen würde, interessiert nicht. Schlange bekommt zwei neue Kölsch.

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Es ist angenehm durch ein Stadion zu laufen mit 12.000 Plätzen und nur 750 Zuschauern. Gute Voraussetzung für Klaustrophobiker und milde Misanthropen. Mit dem Gerstensaft in der Hand beginnen Schlange und Joswig sich zu entspannen. NRW-Liga ist Underdog. Fußball-Punk und Klassenfahrt. Mit achtzig Wattenscheidern ein ganzes Stadion rocken. Familiärer, rebellischer und vor allem billiger als die Bundesliga.
Als sich die beiden eine Kippe anstecken, kommt ein dicker Typ mit schwarz-weißem Trikot und Schal auf sie zu gerannt.
„Ey, seid ihr Studenten, oder wat?“
Joswig knurrt: „Nur er.“ Schlange winkt ab.
Der Bursche grinst bierseelig und hält seinen Becher hoch. Er strahlt wie ein Honigkuchenpferd, lobt Schlanges Oldschool-Wattenscheid-Schal und verschüttet beträchtliche Teile Kölsch auf dem Stadionboden.
„In erster Linie bin ich ja Schalker. Aber mein zweiter Verein ist Wattenscheid. NRW-Liga ist viel cooler. Und die Wattenscheid-Fans sind eh die geilsten!“ Während er ins leere Stadion grölt, versickern 20 cl Kölsch zwischen den Pflastersteinen. Es wäre immer wichtig noch einen zweiten kleinen Verein zu haben, erklärt er. Viel ursprünglicher, näher dran.
Ein Security-Mann liefert der Bierbude frische Würstchen, Joswig bibbert, und Schlange hört dem Honigpferdchen zu. Wäre dieser Typ nicht so verdammt betrunken, man könnte sicherlich Spaß mit ihm haben.

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Zurück in der Fankurve. Das Spiel einfach zusammengefasst: 22 Mann mit kräftiger Beinmuskulatur prügeln sich um einen Ball, drei rote Karten für Fortuna Köln, Bier fließt, Joswig friert, Wattenscheid gewinnt 3:1. Einzelheiten erreichen nicht das Langzeitgedächtnis der beiden Fußball-Pfosten. Ach ja, und ein Flitzer rennt in Unterhose über das Spielfeld. Großes Tennis.
Joswig sieht sich zitternd um. „Sag ma, warum frierst du eigentlich nicht?“
„Ich trag ne lange Unterbuchse.“
„Waas?!“ Joswig schlägt Schlange gegen die Schulter. „Nee.“
„Jipp, ne pink-schwarz gestreifte aus alten Punktagen. Aber verrat s keinem, sonst werd ich hier noch verprügelt.“
Joswig knallt ihm noch eine Faust gegen die Schulter. „Du Arsch!“
Und noch eine. „Warum hast du mir das nicht zu Hause gesagt?“
„Ich dachte, du wärst alt genug.“
Joswig landet einen letzten Treffer, dann dreht er sich schmollend weg.

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Friedliches Sammeln zur Rückfahrt. Zusätzliche Fans werden eingeladen, stapeln sich im Mittelteil des Busses. In Wattenscheid wird niemand zurückgelassen. Jeder Fan zählt. Verständlich.
Von der letzter Bank schallen anfangs noch euphorische Hymnen, die immer mehr abebben. Irgendwann klingt das Gegröle wie das Nölen eines kleinen Jungen, der sich nach einem Heulkrampf in den Schlaf brummt. Die Pärchen im Bus schmusen, die Frauen kuscheln sich in die Arme ihrer Männer, Joswigs Kopf klatscht an die Busscheibe. Er nickt langsam und friedlich weg.
„Tank-stel-le, Tank-stel-le.“
Joswig schreckt hoch.
„Tank-stel-le, Tank-stel-le.“

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Der Bus fährt von der Autobahn ab. Ohligser Heide: ein Rastplatz, eine Tanke, ein Burger King. Das Paradies in Anbetracht dessen, dass niemand die Würstchen-Lieferung im Kölner Stadion bemerkt hatte, und der Bus voller hungriger, besoffener Fußball-Fans ist, die sich nach Bier und Fleisch sehnen. Mit dem Öffnen der Türen drängen sich dreißig Mann raus. Wie eine biblische Heuschrecken-Plage breiten sich die Fan-Horden aus und verdunkeln den grauen Asphalt mit ihren Schatten. Schlange und Joswig schlurfen schläfrig Richtung Fastfood-Restaurant hinterher.

An der Kasse des Burger Kings steht genau ein Mädchen. Vielleicht zwanzig Jahre alt, hager, blond. Ihr dünnes, kurzgeschnittenes Haar lugt schüchtern unter der Dienstmütze hervor. Locker zwanzig Mann stehen auf der anderen Seite der Theke und meckern.
„Scheiße, dauert dat lange.“
Die Auslagen sind leer. Kein Essen, das gepackt werden könnte. Zwischen den Burger-Ablagen hindurch sieht Joswig einen weiteren Mitarbeiter in der Küche rotieren. Solch Ansturm wurde nicht erwartet. Schlange und Joswig stellen sich hinten an.
Ein SGW-Jünger taumelt an der zweiten Kasse vor und zurück und faselt vor sich hin. Dann schaut er abrupt auf. „Wann wird hier die zweite Kasse aufgemacht?“ Eine Frau vorne an der Kasse, ein unbekannter Typ hinten in der Küche, der sich unter Schweiß und Tränen die Hände blutig brät. Wer soll denn die zweite Kasse machen? Diese Bedenken kommen dem Mann nicht. Er taumelt weiter und reißt fast ein halbes Paket Servietten zu Boden.
Ein kurzes Beispiel für den Umfang der Bestellungen: zehn Cheeseburger für die kleine Glatze, sechs Burger für Dünnschiss, vier Burger für den einen, fünf Burger für den anderen.
Die Wut der Wattenscheider wächst, die kleine Blondine wird nervös.
„Boar, wenn ich bei meinem Job so arbeiten würde, wäre ich schon längst gefeuert.“
Schlange murmelt: „Kann man Hartzis kündigen?“
Joswig kichert: „Ich geh schon ma zum Bus, rauch mir noch eine. Bringste mir einen Double-Steakhouse-Burger mit?“ Schlange nickt, Joswig verschwindet.

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Die weiteren Geschehnisse im Burger King (Schlanges Erlebnisse): Drei Mann stehen noch vor ihm in der Schlange, macht weitere vierzehn Burger. Als zwei Burschen ihre Fresstüten vorgesetzt bekommen, starten sie eine zähe Diskussion, dass sie doch Cheeseburger und keine normalen Hamburger geordert hätten. Die Jungs werden ausfällig und weigern sich zu zahlen.
Schließlich packt die kleine Bedienung vier neue Cheeseburger ein. „Hier. Und die Burger könnt ihr so mitnehmen – für irgendjemanden in eurem Bus.“
Die Jungs: „Mann, zu blöd um ein paar Cheeseburger einzupacken. Echt.“ Sie verschwinden zum Bus.
Irgendwann steht Schlange nur noch alleine an der Kasse. Sein Blick wechselt besorgt zwischen der Blondine und dem Bus draußen auf dem Parkplatz hin und her.
„Wenn es schnell geht, einen Double-Steakhouse-Burger, ein Whopper-Spar-Menü und einen Cheeseburger, bitte.“
Die Bedienung: „Kein Problem. Pommes sind auch fertig. Cola oder Fanta?“
Schlange: „ Ähm, Fanta, bitte. Hauptsache es geht schnell. Ich hab keinen Bock, dass die mich hier an der Tanke stehen lassen.“
Die Bedienung: „Och, so asozial sind die nicht.“
Schlange: „Nee, asozial sind die nicht. So wie die dich behandelt haben, machten die doch einen verständnisvollen Eindruck, nicht wahr?“
Die Bedienung lächelt gequält, packt die Bestellung ein und reicht Schlange einen Becher Cola.
Schlange bezahlt, schnappt sich die Fastfood-Tüte und sprintet zum Ausgang. Über die Schulter hinweg ruft er der Bedienung zu: „Danke. Schönen Abend noch.“

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Die Geschehnisse am Bus (Joswigs Erlebnisse): Joswig schlurft aus der Raststätte an der Tanke vorbei zurück zum Bus – eine Kippe im Mundwinkel. Schlange steht noch im Burger King. Der Bus tobt, aus der geöffneten Tür schallen erboste Rufe.
„Steig endlich ein! Wir wollen weiter.“
„Lass den anderen Arsch zurück.“
„Losfahren! Der Wichser kommt schon nach Hause.“
Joswig stellt sich an die vordere Tür und raucht. Der Busfahrer lehnt sich zu ihm und schreit: „Ihr solltet nur pissen gehen. Ich will weiter. Ist eh schon spät.“
Die Stimmung im Bus kocht. Schreie, Beschimpfungen, Flüche und Gewaltandrohungen. Schließlich schalten sich die grauen Eminenzen aus der ersten Reihe ein. Zum Busfahrer: „Fahr einfach los. Lass die Montagsmaler stehn. Dann sollense ne S-Bahn nehmen.“ Wie Waldorf und Statler versprühen die beiden Gift und Galle. Der Alte mit der Schlägermütze leckt sich unentwegt die wulstigen Lippen, bis sie aussehen wie fettige Schweineschwarten. Den ganzen Bus erfüllt ein Tumult aus Hass und Frustration.
Irgendwann platzt Joswig der Kragen: „Wenn ihr Ärsche jeder zehn Burger bestellt, ist es klar, dass es länger dauert. Verdammt.“ Joswig schnippt seine Kippe weg und steigt in den Bus. Zum selben Zeitpunkt stürmt Schlange aus dem Burger King und rennt über den Parkplatz.
„Wenigstens hat der Penner begriffen, dass es schnell gehen muss“, brüllt einer aus der Chaosfraktion.
Als Joswig sitzt, betritt Schlange den Bus. Der Opa mit den Schweinelippen zischt ihn an. „Das war aber asozial von dir!“
Schlange nimmt Platz. Der Bus pegelt sich wieder auf das normale Gröl-Level ein.

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Die Rückfahrt dauert etwa eineinhalb Stunden. Joswig schläft, Schlange isst, die Chaosfraktion lärmt bis zum bitteren Ende. Lautes Schreien oder Brüllen hat auf Dauer denselben Effekt wie Hyperventilieren. Die Menschen fühlen sich benommen – wie in religiöser Verzückung. Fußball sei unser Gott.

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Ankunft am Wattenscheider Rathaus um viertel vor zwölf. Nach fast sechs Stunden besoffener Schlachtrufe hasst man jedes Geräusch. Schlange und Joswig sind raus – Fußball ist nichts für Weicheier. Die Bustüren öffnen sich, und die Fans der SGW spritzen in alle Himmelsrichtungen auseinander. Kein gemeinsames Bierchen, kein glorreicher Abschied.

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„Wer hat die besten Fans im Land?“ – „NUR DIE SGW!“

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You’ll never walk alone, Ihre Wattenscheider Schule.

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SPECIAL THANX to kofi anal.

Der Text ist in dem Magazin “Heimspiel B1″ (Klartext Verlag) erschienen.

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