Wie ich einmal weltläufigen Teenagern das Ruhrgebiet erklärt habe

In Alles über Pop, Glaube, Sitte, Heimat | Am 11 Oktober 2008 | Von Thomas Meiser

Eine Freundin von mir hat Kinder. Warum auch nicht? Wir sind doch alle irgendwie Kinder. Und haben welche. Jedenfalls soweit wir Väter sind.

So weit, so unschlimm. Aber – der Hammer war, daß ich für die Dame und die beiden Kurzen Stadtbilderklärer spielen mußte. Hier im Sprengel. In an extended Version.

Hier muß man vielleicht erwähnen, daß ich die irgendwie Mutter seit dem Kindergarten kenne, deren Töchter hart an die Volljahrigkeit steuern, nämlich 16 und 17 sind – und das die gesamte Mädelssippe zwar aus meiner kleinen Geburtsstadt im Ruhrgebiet stammt. Aber ansonsten immer ziemlich deutlich um die globalen Häuser gezogen ist. Weil die Mutter für ein Kulturinstitut eines benachbarten Staates praktisch alle naselang, also praktisch so gut wie regelmäßig in einem der üblichen anderen Länder ihren dienstlichen Reigen verzapft. 

Entsprechend rotzig, großkotzig waren deren Kids. Klar, weibliche Teenager, die sich schon in ihrer Kindheit die üblichen drei oder vier Kontinente weggeguckt haben, neigen erheblich zum Größenwahn und haben sich trotzdem die Wimpern gezupft wie Paris Hilton.

Jedenfalls, ich habe viel überlegt, was ich den weltläufigen Mädels besuchsexkursorisch bieten kann und bin dann eh nur auf den Duisburger Landschaftspark gekommen.

Weil der das Beste ist, was das Ruhrgebiet überregional bedeutend momentan zu sagen hat.

Dann – immerhin war die Pommesbude gegenüber des Besucherzentrumes geöffnet, das ist ja durchaus nicht selbstverständlich – haben wir uns da erstmal die Fritten weggepickt.

Und ich schlug den jungen Damen die Alternative vor: Fahren wir nach Holland. Ins Doornroosje. Nach Nimwegen. Die Mutter, die eh alles weiß und ahnt, was werden wird, war auch sofort einverstanden. Und nur darauf kommt es an.

Weil – das war nämlich unsere übliche Wochenendtour.

Damals, vor zwanzig Jahren, sind wir über das Moerser Aratta, das war diese Kokainistenkneipe für die Hauptschüler nahe den drei Zechen, wo man schwarze Klamotten und Lederjacken tragen mußte, sind wir erstmal bis elf am Samstag gelandet.

Wir aber tingelten weiter, die B 57 hinauf, die alten Römerstraßen, nach Kleve ins Radhaus. Das war dann schon schwer hippieartig.

Und von dort natürlich in den Hort, den Orkus, in den Orkus locus oder so Dinge. Ziel: Doornroosje Nimwegen. Jedenfalls, damals war das Doornroosje in Nimwegen das Ziel, so ab zwei am Sonntagmorgen.

Um zwei Uhr morgens in der Nacht auf den Sonntag konnte man da alle Leute treffen, die irgendwie wichtig waren und die Karten zu mischten glaubten. Vor zwanzig Jahren natürlich nur.

Also uns.

Ich unterhielt mich während der Fahrt prächtig mit meiner Ex-Freundin.

Regster Anekdotenaustausch:

Wie wir mit Siggies alter Lastenente – es gab die Ente mit einem Sonderbau, der sie hinten verlängert, damit kann man Bücherschranke transportieren, wenn die Rückwand eingeklappt ist, nach Duitsland rübergefahren sind, prall wie Uschi, die Grenzer, verdächtiges witternd, dann am Checkpoint praktisch den ganzen Wagen in Einzelteile zerlegten, ausgekontert haben, weil.. Aber: Wir nahmen ja nie was mit.

Wie Herman Brood, schwer angesagt damals und heute auch noch lehrreich, jenseits des Roosje hilflos in einem After-Show-Laden voll mit Shore bedröhnt eine Treppe runterflog, hilflos dort liegen blieb, bis, ja, ja, ein weiblicher Punk sein Blut im Gesicht mit Tempo aufwischte, eine Mitleidsgeste, die Herrn Brood wieder dermaßen schnell auf Vordermann brachte, daß er er hilfreichen Frau eine knallte und ihre Nase brach.

Jedenfalls hab ich die Teenager-Wir-erzähl’n-Dir-was-über-die-Welt-Dude-Honey-Bitchmädels so zum Verstummen gebracht.

Im Dornroosje spielte übrigens gestern abend: ‘The Herbaliser‘.

Smoothes Zeug. Allein deswegen darf man den Weg schon fahren. Wie immer ziemlich genau, 158 km out of Revier.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich Luzifer schön grüßen. Dieser Vogel und dessen Grußkult muß wohl eine große Nummer sein, die beiden Kurzen standen jedenfalls darauf.

Ach ja, die doofen Lütten waren von dem Herbaliser auch nicht unbegeistert. Wäre halt coole Partymucke. Puh, bin ich begeistert, daß die junge Generation Geschmack entwickelt.