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„Antisemitismus heute“ in der Alten Synagoge Essen

Ein Ankündigungstext, ein beleidigter Muslimfunktionär, ein sozialdemokratischer Oberbürgermeister und die Alte Synagoge in Essen.

 

Alte Synagoge Essen - © Garver (Essen) / Wikimedia Commons / CC-BY-SA-3.0 & GFDL

Am Donnerstag, den 12. Mai, findet in der Alten Synagoge Essen eine Vortrags- und Diskussionsveranstaltung mit Chaim Noll statt; Thema: „Antisemitismus heute“. Der Schriftsteller wurde 1954 als Hans Noll in Ostberlin geboren. Mit seiner Kriegsdienstverweigerung fiel er in der DDR in Ungnade, siedelte 1984 nach Westberlin über, lebte einige Jahre in Rom, bevor er 1995 nach Israel auswanderte, dessen Staatsbürger er mittlerweile ist. Die Sprache verbindet freilich Noll noch mit der alten Heimat, die er immer wieder für Vortragsreisen besucht – so wie in dieser Woche.

Ob es daran liegt, dass Noll in Israel lebt? Wer weiß? Jedenfalls spielt der muslimische Judenhass in Nolls Vortrag eine besondere Rolle, schenkt man dem Ankündigungstext zu seiner Veranstaltung Glauben. Darin heißt es: „Judenfeindliche Ressentiments spielen seit der Niederschrift des Korans im 7. Jahrhundert und dem Massaker gegen die Juden von Medina im Jahre 628 durch Mohamed im Islam eine fundamentale Rolle. Bis heute kann dieser traditionelle Judenhass reaktiviert und politisch instrumentalisiert werden.“
Dieser Befund ist nicht weiter aufsehenerregend; aber so ist das mit Ankündigungstexten: man kann von ihnen einfach nicht allzu viel erwarten. Alle möglichen Zusammenhänge müssen in ein paar Zeilen gequetscht werden, und außerdem: das wirklich Spannende soll erst auf der Veranstaltung selbst verraten werden. Sonst könnte man sich die ganze Sache ja schenken. Also: antisemitische Ressentiments gibt es im Islam seit Mohameds Zeiten. Näheres dazu, wie das mit denen heutzutage zusammenhängt, erfährt man erst am Donnerstag.

Muhammet Balaban hat das Wenige – und mehr als das Zitierte steht wirklich nicht im Text – allerdings schon gereicht. Balaban, in Essen Vorsitzender des Integrationsrats und der „Kommission Islam und Moscheen in Essen“, ist „beleidigt“. Beleidigt als Türke und als Moslem. Beleidigt, weil es im Islam auch judenfeindliche Ressentiments gibt? Nein, denn dann müsste er ja nicht „beleidigt“ sein, sondern beschämt, zerknirscht oder vielleicht sogar bestürzt. Das ist er aber nicht; Herr Balaban ist beleidigt.

Und zwar ist Muhammet Balaban deswegen beleidigt, weil er in der zitierten Einladung „Angriffe“ auf den Propheten, den Koran und auf alle Muslime zu entdecken glaubt. Balaban wertet dies als weiteren Beleg dafür, dass die Arbeit der Synagoge, immerhin eine Einrichtung der Stadt Essen, „zweckentfremdet“ sei. Sie verstecke sich hinter dem Recht auf Meinungsäußerung und säe „Misstrauen, Hass, Anfeindungen in unserer Gesellschaft“. Dies sei „inakzeptabel“.
Diese seinem Beleidigtsein entsprungenen Einschätzungen des Wirkens des Hauses der jüdischen Kultur im allgemeinen und der aktuellen Veranstaltungsankündigung im besonderen hatte Balaban dem Essener Oberbürgermeister Reinhard Paß in einem Offenen Brief mitgeteilt. Und mittlerweile hat ihm der Sozialdemokrat auch geantwortet.
Paß konnte den Vorsitzenden des Integrationsrats beruhigen; jedenfalls bemühte er sich redlich. Dabei hatte er allerdings auch recht gute Karten. Edna Brocke hat nämlich Ende März die Leitung des Hauses aus Altersgründen niedergelegt. Seit sechs Wochen ist Uri Kaufmann als ihr Nachfolger im Amt. Die Wahl sei, wie zu hören ist, auch deshalb auf ihn gefallen, weil er als „umgänglicher“ gelte.

Und so konnte OB Paß Herrn Balaban guter Dinge seine „Erwartung“ mitteilen, „dass die neue Leitung der Alten Synagoge sich den Integrationsgedanken deutlich mehr zu eigen macht als dies bisher der Fall war“. Damit sollte die beleidigte Seele eigentlich wieder ihre Ruhe finden können. SPD-OB lässt die Bemerkung, die Alte Synagoge säe Hass einfach mal so stehen, bestätigt sie also de facto, und erwartet deutlich mehr Integrationsgedanken im Sinne von: sich nicht hinter dem Recht auf Meinungsäußerung verstecken!
Mehr geht eigentlich nicht; mehr kann auch der beleidigste „Türke und Muslim“ nicht erwarten. Allerdings muss der Oberbürgermeister darauf hoffen, dass niemand von der „Kommission Islam und Moscheen in Essen“ noch eine sechs Wochen alte Zeitung bei sich rumfliegen hat. Oder einfach einen nur Internet-Anschluss. Dort könnte er nämlich darauf stoßen, was Paß in seiner Rede aus Anlass der Verabschiedung Edna Brockes zum Vortrage gebracht hatte:
OB Reinhard Paß beschrieb in seiner Rede Edna Brocke als eine Persönlichkeit, „die klar Stellung bezieht, auch wenn es unbequem wird“. Paß sagte: „Die Stadt Essen ist Ihnen zu großem Dank verpflichtet.“

Liebe Essener, liebe Sozialdemokraten, liebe Freunde der Integration, meine herzliche Bitte: erzählen Sie bitte Türken und Muslimen, soweit diese in Essen leben, nichts davon. Sie würden damit das friedliche Zusammenleben von Bürgern unterschiedlicher Herkunft und Religion unnötig gefährden. Zumal: gerade in Essen wissen die aufgeklärten Muslime sowieso, dass Antisemitismus so etwas von blöd ist, dass es den im Islam nicht gibt und niemals gegeben hat. Schon gar nicht in Essen.

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11 Kommentare zu “„Antisemitismus heute“ in der Alten Synagoge Essen

  • #1
    Stefan Laurin

    Es gibt zu dem Thema auch einen sehr guten Kommentar von Frank Stenglein auf Der Westen:

    „Denn seit langem war die Gedenkstättenleitung maßgeblichen Leuten im Rathaus ein Dorn im Auge, weil sie sich beispielsweise in der Islam-Debatte partout nicht in die kritiklose Konsenssoße einbinden ließ, die in Essen beliebt ist und die mancher mit gelungener Integrationspolitik verwechselt.“

    http://www.derwesten.de/staedte/essen/Alte-Synagoge-Der-Brief-von-Pass-und-seine-Folgen-id4621074.html

  • #2
    Michail Veldmann

    Seit sechs Wochen ist Uri Kaufmann als ihr Nachfolger im Amt. Die Wahl sei, wie zu hören ist, auch deshalb auf ihn gefallen, weil er als „umgänglicher“ gelte.

    Man hört viele Gründe. Stellen wir fest dass der Mann eigentlich unbekannt ist. Judaist aus Profession, Schöpfer unbekannter Monographien. Ich empfehle andere Fragen. Ist es nicht wahrscheinlicher dass es einen Zusammenhang gibt zum Umzug des Steinheim Instituts in die Alte Synagoge? Dann gibt es dort einen Mitarbeiter den die Stadt Essen bezahlt – kann auch nur Zufall sein. Man wird ihn nicht eingestellt haben für Führungen durch das Haus. Zumindest die Brockes kannten ihn bereits aus gemeinsamen Gremien.

  • #3
    ruelfig

    Geschichte: die arabische Halbinsel (außer Jemen) ist seit mehr als 1300 Jahren Judenrein, die meisten islamischen Länder haben (bis 2001) zu 97,99 % ihre vorislamischen Altlasten abgebaut (http://wahrheitgraben.wordpress.com/2009/05/05/vertriebene-fluchtlinge-juden/). Nun ist man damit beschäftigt, christliche Restposten zu verbrennen, zu erschlagen und zu vertreiben. Die Anwesenheit von Ungläubigen im Haus des Friedens wirkt nun mal beleidigend. Darauf müssen wir Rücksicht nehmen.
    Wer es gerne etwas aktueller hätte, möge sich mit mit dem segensreichen Leben und Wirken des Mohammed Amin al-Husseini beschäftigen (http://de.wikipedia.org/wiki/Mohammed_Amin_al-Husseini), dem der Kunstgriff gelang, im Koran verewigte Suren zum Judentum (Sure 5/60, 5/64, 5/82 usw) mit dem modernen europäischen Antisemitismus zu einer fruchtbaren Einheit zusammenzuführen, deren späte Auswüchse man nun in den Tiraden eines Muhammet Balaban (Gott behüte mich vor lautmalerischen Sprachspielereien) zu spüren bekommt. Wie kann sich dieser Typ erdreisten, sein Beleidigtsein zu einem Politikum zu machen und wieso fängt ein Oberbürgermeister einer westdeutschen Großstadt an, um den Bart des Propheten zu wieseln? Genau diese Mischung sät „Misstrauen, Hass, Anfeindungen in unserer Gesellschaft“. Dies ist inakzeptabel, wenn die Lüge zur Wahrheit gemacht werden soll im Dienst einer Ideologie, Politik oder Religion. Oder einer Mischung aus allen dreien.
    „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer (Francisco Goya)“. Die Antwort des Essener OB beleidigt jedenfalls mein Empfinden, aber daran ist man als Duisburger schon gewöhnt. Fehlt nur noch, dass „die linke“ anfängt zu bellen.

  • #4
    Hans

    Und das 23 Jahre nach dem Rücktritt Philipp Jenningers. Bis jetzt war nur „wegsehen und Schnauze halten“ angesagt. Nun wird eine neue Phase eingeläutet. Als aufgeklärter Demokrat kann ich auf beleidigte Leute jedenfalls keine Rücksicht nehmen. Armes Deutschland. Es ist zum Knochen kotzen …

  • #5
    Werner Jurga Beitragsautor

    @ Hans (# 4):
    Die umstrittene Passage der sog. Jenninger-Rede vom 10.11.1988 hatte Ignaz Bubis am 9.11.1989 wiederholt, ohne dass es Beanstandungen gegeben hatte. Bubis´ Coup konnte nicht die beabsichtigte Aufmerksamkeit finden, da an diesem Tag ein ganz anderes Ereignis alle Aufmerksamkeit gebunden hatte.
    Bubis wollte verdeutlichen, dass am Text des Redemanuskripts eigentlich nichts auszusetzen gewesen wäre, wenn Jenninger nicht aufgrund seines Vortragsstils völlig missverstanden worden wär. Die Rede gilt als das Paradebeispiel misratener politischer Rhetorik:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Rede_am_10._November_1988_im_Deutschen_Bundestag

  • #6
    Haskala

    Wenn kompetente Referenten zum Thema „Antisemitismus und Islam“ gesucht werden, kann man den Soziologen und Antisemitismusforscher Prof. Dr. Gess aus Bielefeld empfehlen: http://www.kritiknetz.de/

    Da seitens interessierter Kreise auch gerne der Vorwurf „Islamophobie“ erhoben wird, ist z.B. Klaus Blees von Aktion 3.Welt Saar zum Thema „Kampfbegriff Islamophobie“ empfehlenwert. Veröffentlicht regelmäßig in den MIZ (http://www.miz-online.de/)

  • #7
    P.

    Es ist ein empirischer Fakt, dass der Antisemitismus unter Muslimen weit verbreitet ist. Herr Balaban sollte dies zur Kenntnis und sich nach den Gründen für den muslimischen Judenhass fragen und sich – wie es in einer offenen Gesellschaft üblich ist – am öffentlich geführten Diskurs beteiligen. Dieses a-priori-Beleidigtsein indes führt zu nichts und ist in einer Demokratie, die bekanntlich vom Austausch der Argumente lebt, ganz und gar fehl am Platze.

    Sollte sich dann am Donerstag beim Vortrag herausstellen, dass Chaim Noll „Misstrauen, Hass, Anfeindungen in unserer Gesellschaft“ sät (was bei Chaim Noll, den ich als Schriftsteller und Publizist sehr schätze, nicht im geringsten zu erwarten ist), hätte Herr Balaban allen Grund sich zu beschweren. Aber bitte nicht schon im Vorfeld und auf Grundlage der zwei, drei Sätze im Ankündigungstext.

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  • #10
    Samir

    Las eben die Meldung vom Zentralrat der Juden und frage mich wie dann diese Veranstaltung dazu passt die nicht den Dialog fördert sondern mehr zum Misstrauen auffordert

    http://www.dernewsticker.de/news.php?title=Zentralrat+der+Juden+f%FCr+mehr+Toleranz+gegen%FCber+Muslimen&id=211369&i=mqjgqp

  • #11
    Hans Müller

    http://www.derwesten.de/staedte/essen/Leiter-der-Alten-Synagoge-setzt-auf-Kontinuitaet-id5093390.html

    Uri Kaufmann hat sich schon entlarvt. Palästina statt Israel und Chaim Noll kommt aus dem Osten, deshlab kann er kein ARABISCH!

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