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15 Jahre Kanzlerin Angela Merkel: „Nicht immer Zustimmung, aber in jedem Fall Anerkennung“

Angela Merkel: Foto: CDU/Laurence Chaperon Lizenz: Copyright

Heute vor 15 Jahren wurde Angela Merkel als Bundeskanzlerin dieser Republik vereidigt. Ein guter Jahrestag um einmal auf die Zeit mit ihr im Kanzleramt zurückzublicken. Was gefiel, was weniger. Wir haben an diesem Wochenende einmal ein paar Stimmen von Ruhrbarone-Autoren zusammengetragen. Was denken die Macher dieses Blogs über die CDU-Kanzlerin Merkel? Was bleibt am Ende wohl von ihr hängen? Was kann man eher vergessen? Hier das Ergebnis unserer kleinen redaktionsinternen Umfrage:

Dan Droprock: Inhalte überwinden. Angela Merkel hat die Christlich-Demokratische Union Deutschlands in den vergangenen 15 Jahren zu einer effektiven und effizienten Politikmaschine umgebaut, in der Machtgewinn und Machterhalt am wichtigsten sind. Dabei gab die Mechanikerin der Macht stets eine bessere Figur ab, als die tönern tönenden Beta-Männchen, die an ihr scheiterten. Koalitionspartner waren immer Verbrauchsmaterial in dieser Maschine. Der unbändige Hass auf Angela Merkel ist durch ihre inhaltliche Unverbindlichkeit alleine nicht zu erklären. Es ist auch ihre außerordentliche Begabung mit Macht umzugehen. Ein werte- statt wählerorientierter Politikstil wäre häufig besser gewesen. Aber niemand surft auf dem Brett der asymmetrischen Demobilisierung so elegant über die Wogen der Wählergunst, wie die Bundeskanzlerin. Ihr Kurs verdient nicht immer Zustimmung, als Politikerin verdient sie aber in jedem Fall Anerkennung.

Peter Hesse: Jeder deutsche Bundeskanzler hatte ein Thema, was sich zum Leitmotiv zu dessen Amtszeit entwickelt hat. Bei Konrad Adenauer war das die Westbindung und bei Ludwig Erhard die soziale Marktwirtschaft. Kurt Georg Kiesinger führte die erste große Koalition in der Republik und Willy Brandt setzte auf Wandel durch Annäherung und brachte die Ostverträge auf den Weg. Helmut Schmidt baute die Nato-Nachrüstung auf, bei Helmut Kohl spielten Europa und die deutsche Einheit die Hauptrolle, bei Gerhard Schröder war die Agenda 2010 die wichtigste Station seiner Amtszeit. Angela Merkel hat sich mit der Durchhalte-Parole „Wir schaffen das“ weit aus dem Fenster gelehnt und diesen Satz zur Leervokabel verkommen lassen. Die Migrationskrise hat die Bundesrepublik von Grund auf verändert und auch die dazugehörige Gewichtung in der öffentlichen Wahrnehmung anders aufgestellt. Die Corona-Krise bringt derzeit so manche Stützverstrebung ins Wanken, aber die demokratisch geprägten Grundpfeiler der Bundesrepublik stehen auf einem festen Fundament – und das ist gut so. Ob NSA oder NSU, ob Naziaufmärsche in Chemnitz oder ein Twitter-Gewitter aus dem Weißen Haus – zu wichtigen tagespolitischen Themen hat sich Merkel die „Aussitzen und Abwarten“-Politik zu eigen gemacht, mit der Dr. Helmut Kohl ganze 16 Jahre regiert hat. Das Merkel als Physikerin einen naturwissenschaftlichen Background hat, ist während der Covid-19-Pandemie ein erheblicher Vorteil gewesen. Auch ihre uneitle und gewissenhafte Art kommt bei einem Großteil der Bevölkerung gut an – wenn wir die Verschwörungstheoretiker mal außen vor lassen. Ob Sie nach ihrer Amtszeit zum Gazprom-Berater aufsteigt – so wie ihr Vorgänger Gerhard Schröder, ist genauso unwahrscheinlich, wie eine Karriere als Leitartikel-Autorin bei der Wochenzeitung ›Die Zeit‹, so wie Helmut Schmidt es viele Jahre getan hat. Die CDU tut sich schwer einen würdigen Nachfolger für Frau Merkel zu finden – denn sie hat alle wichtigen Krisen in den letzten 15 Jahren gemeistert – auch wenn es hier und da mal blaue Flecken gab.

Stefan Laurin: Wahrscheinlich ist Angela Merkel die klügste Bundeskanzlerin die das Land jemals hatte. Eine promovierte Physikerin an der Spitze der Regierung ist zurzeit ein Glücksfall. Niemand muss ihr erklären, wie man Statistiken liest oder was eine exponentielle Steigerung ist. Als Wissenschaftlerin versteht sie Wissenschaft. Sie erlebt die beste Phase ihre Kanzlerschaft, man merkt, dass sie weiß, worüber sie während der Coronakrise spricht und das schafft Vertrauen. In anderen Politikbereichen wie Wirtschaft oder Energie hat sie sich jedoch für einen opportunistischen Weg entschieden. Von der Reformpolitikerin die gegen Gerhard Schröder antrat ist leider nicht viel übriggeblieben. Gerade die Folgen von Merkels Energiepolitik wird der Bundesrepublik in den kommenden Jahrzehnten ebenso große Probleme bereiten wir ihr zunehmendes Desinteresse an Wirtschaft. Wohlstand ist eine der wichtigsten Grundlagen für eine stabile Demokratie. Merkel hat leider nichts unternommen, um Wachstum und Wohlstand auch für die Zukunft zu gewährleisten. Das sorgte sicherlich aktuell für gute Stimmung und Schlagzeilen. Es könnte gut sein, dass ihre Arbeit in zehn Jahren nicht mehr so freundlich beurteilt wird. Was aber bleibt ist, dass sie die Regierungschefin Europa war, die während der Pandemie am klügsten gehandelt hat. Das wird bleiben.

Robin Patzwaldt: Die Bundestagswahl 2005 ist die bis heute einzige in meinem bisherigen Leben, an der ich als Wahlberechtigter nicht teilgenommen habe. Ich saß seinerzeit am 18. September unerwartet lange Zeit in München auf dem Flughafen fest und erreichte das Wahllokal daher leider nicht mehr vor seiner Schließung um 18 Uhr. Als ich daheim dann direkt die laufende TV-Berichterstattung zur Wahl eingeschaltet habe, war ich doppelt entsetzt. Der von mir damals unterstützte SPD-Kanzler Gerhard Schröder hatte mit seiner Partei die Wahl nicht nur verloren, was mich schmerzte, er gab sich gegenüber seiner Herausforderin Merkel zudem an diesem Abend extrem arrogant und weltfremd. Ich war zweifach geschockt an diesem denkwürdigen Tag. Damals hätte ich noch nicht im Traum gedacht, dass ich 15 Jahre später einmal mit so viel Respekt und Anerkennung auf das Wirken von Angela Merkel zurückblicken würde. Während ich Schröder für sein politisches Wirken inzwischen so gut wie gar nicht mehr wertschätze, ist das in Bezug auf die Person Merkel umso mehr der Fall. Eine für mich damals niemals zu erwartende Entwicklung. Ich bin daher auch fest davon überzeugt, dass wir die aktuelle Kanzlerin ab dem kommenden Herbst noch sehr vermissen werden. Von den derzeit diskutierten Kandidaten sehe ich jedenfalls keinen, den ich lieber als Kanzler(in) hätte als die Frau, die ich einst als ‚Kohls Mädchen‘, wie so viele andere auch gnadenlos unterschätzt habe. Merkel ist insbesondere auch in Corona-Zeiten für Deutschland aus meiner Sicht ein echter Glücksfall, sie ist an ihren Aufgaben stetig gewachsen. Ihre eher vorsichtige, mahnende Art in dieser von uns allen zuvor so noch nie gesehenen Krise gefällt mir außerdem bisher sehr gut. Schade, dass einige Ministerpräsidenten sie in diesen Tagen immer wieder so sehr auflaufen lassen… Hoffentlich rächt sich das nicht noch bitter.

Roland W. Waniek: Die Vernunftkanzlerin Angela Merkel ist die Kanzlerin der politischen Vernunft, des politischen Kompromisses, des politischen Austarierens, des „leben und leben lassen“. Sie inspiriert nicht, sie begeistert nicht, sie reißt nicht mit. Der große Entwurf, die übergreifende Strategie, die große Vision sind ihre Sache nicht. Aber sie tut meist das Notwendige, das Vernünftige, das Gebotene in einer gegebenen Situation. Sie handelt überwiegend situativ und reaktiv. Dabei hat sie ihre Emotionen im Griff und bleibt nüchtern. Und damit hat sie Deutschland, hat sie uns alle in den letzten fünfzehn Jahren gut über die Runden gebracht. Beileibe war nicht alles perfekt. Sie hat Fehler gemacht, zum Teil schwere. Aber insgesamt können wir mit ihr zufrieden sein. Fünfzehn Jahre Merkel waren gute fünfzehn Jahre.

Mario Thurnes: Ich bin kein Fan von Angela Merkel. Der Reformstau und ihre Strategie der Asymmetrischen Demobilisierung werden diesem Land noch lange nach ihrer Amtszeit schaden. Gut war sie allerdings in Krisenzeiten. Da kommt ihre Stärke zum Tragen: Ruhe bewahren. Am sympathischsten war sie mir in der Ukraine-Krise, als sich sogar die Grünen in verbaler Kriegstreiberei versucht haben.

 

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