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2 bis 3 Straßen im Interview am Borsigplatz

Der Künstler Jochen Gerz macht derzeit im Ruhrgebiet zwei Projekte. Während der Bochumer Platz des europäischen Versprechens auf der Kippe steht, läuft das Projekt 2-3 Straßen ganz gut an.

Ursprünglich sollten bis zu 80 kreative Leute von außerhalb in den Pott ziehen und hier nachsehen, wie das so läuft. Dazu wurden ihnen billige Wohnungen in Mülheim, Duisburg und Dortmund angeboten. Über Ihre Erlebnisse sollen sie Protokoll führen. Daraus will der Künstler Gerz später ein Buch oder ein Plakat oder was auch immer machen. Leider wollten nicht genügend Leute von außen ins Revier kommen, deswegen durften sich auch Kreative aus dem Ruhrgebiet an dem Projekt beteiligen. Tobias Eule ist einer von ihnen. Der Architekt ist von Bochum nach Dortmund gezogen, direkt an den Borsigplatz. Ich habe mit ihm gesprochen.

Warum machen Sie als Architekt überhaupt bei der Straßen-Nummer mit? Wo ist der Reiz für Sie?

Ich habe mich mal vor ungefähr einem Jahr bei ehemaligen Kommilitonen darüber beschwert, dass wir während unserem Architekturstudium nie gelernt haben uns auch mal Schriftlich mit dem Thema Architektur auseinander zu setzen. Das empfand ich als eine verpasste Gelegenheit, denn ich hatte gemerkt, dass ich zwar sehr gerne Schreibe, aber es doch recht selten getan habe. Besagter Freund machte mich ein paar Tage später auf die Anzeige von 2-3 Straßen aufmerksam, auf die ich mich dann einfach mal beworben habe, frei nach dem Motto, wenn sie mich nehmen werde ich mich ein Jahr lang intensiv mit dem Schreiben und mit der deutschen Sprache beschäftigen. Dies ist meine individuelle Motivation, wegen der ich nach Dortmund gezogen bin, der Reiz des gesamten Projektes besteht aber darin, dass hier mit einen mal ca. 30 Menschen nach Dortmund verpflanzt wurden, die alle in einer Phase ihres Lebens stehen, in der sie sich irgendwie verändern wollen und die sich nun ein Jahr lang mit dem Thema Nachbarschaft auseinandersetzen. Die spannende Frage ist also in wie weit sich so eine Maßnahme dann auch wirklich auf das Wohnumfeld auswirkt.

Sie haben schon in Hattingen gewohnt, in Bochum, in Bottrop. Sie kennen das Ruhrgebiet. Glauben Sie Dortmunds Norden kann Sie noch überraschen?

Der Künstler Jochen Gerz macht derzeit im Ruhrgebiet zwei Projekte. Während der Bochumer Platz des europäischen Versprechens auf der Kippe steht, läuft das Projekt 2-3 Straßen ganz gut an.

Ursprünglich sollten bis zu 80 kreative Leute von außerhalb in den Pott ziehen und hier nachsehen, wie das so läuft. Dazu wurden ihnen billige Wohnungen in Mülheim, Duisburg und Dortmund angeboten. Über Ihre Erlebnisse sollen sie Protokoll führen. Daraus will der Künstler Gerz später ein Buch oder ein Plakat oder was auch immer machen. Leider wollten nicht genügend Leute von außen ins Revier kommen, deswegen durften sich auch Kreative aus dem Ruhrgebiet an dem Projekt beteiligen. Tobias Eule ist einer von ihnen. Der Architekt ist von Bochum nach Dortmund gezogen, direkt an den Borsigplatz. Ich habe mit ihm gesprochen.

Warum machen Sie als Architekt überhaupt bei der Straßen-Nummer mit? Wo ist der Reiz für Sie?

Ich habe mich mal vor ungefähr einem Jahr bei ehemaligen Kommilitonen darüber beschwert, dass wir während unserem Architekturstudium nie gelernt haben uns auch mal Schriftlich mit dem Thema Architektur auseinander zu setzen. Das empfand ich als eine verpasste Gelegenheit, denn ich hatte gemerkt, dass ich zwar sehr gerne Schreibe, aber es doch recht selten getan habe. Besagter Freund machte mich ein paar Tage später auf die Anzeige von 2-3 Straßen aufmerksam, auf die ich mich dann einfach mal beworben habe, frei nach dem Motto, wenn sie mich nehmen werde ich mich ein Jahr lang intensiv mit dem Schreiben und mit der deutschen Sprache beschäftigen. Dies ist meine individuelle Motivation, wegen der ich nach Dortmund gezogen bin, der Reiz des gesamten Projektes besteht aber darin, dass hier mit einen mal ca. 30 Menschen nach Dortmund verpflanzt wurden, die alle in einer Phase ihres Lebens stehen, in der sie sich irgendwie verändern wollen und die sich nun ein Jahr lang mit dem Thema Nachbarschaft auseinandersetzen. Die spannende Frage ist also in wie weit sich so eine Maßnahme dann auch wirklich auf das Wohnumfeld auswirkt.

Sie haben schon in Hattingen gewohnt, in Bochum, in Bottrop. Sie kennen das Ruhrgebiet. Glauben Sie Dortmunds Norden kann Sie noch überraschen?

Wenn ich mir die aufgezählten Städte angucke, kann mich der Norden Dortmunds schon überraschen, denn die Lebenssituation die hier vorherrscht gibt es in dieser Intensivität in besagten Städten nicht. Eine gute Freundin von mir hat aber eine Zeit lang in Gelsenkirchen gewohnt und dort ist die Lage ähnlich. Als erstes fällt einem auf, dass man als Deutscher hier in der Minderheit ist. Ich will das gar nicht werten, aber es fällt einem halt auf. Dann gibt es hier auch so manche Häuser die völlig Leer stehen und an denen die Fensterscheiben schwarz zugeklebt sind. Es ist eine Vorahnung, was aus dem Ruhrgebiet werden würde, wenn es wirklich zur massenhaften Abwanderung auf Grund fehlender Arbeit käme. Ein Quartiersmanager beurteilt die Lage um den Borsigplatz folgendermaßen. Es kommen viele Ausländer als erste Anlaufstelle an den Borsigplatz, weil die Mieten hier günstig sind, und wenn sie dann eine sichere Arbeit gefunden haben ziehen sie wieder weg. So ist die Stimmung hier, dagegen herrscht in Hattingen, Bochum und Bottrop schon noch heile Welt. Trotzdem sind die Menschen denen man begegnet und die man Anspricht hilfsbereit und offen wie überall im Ruhrgebiet, wenn auch ein wenig argwöhnischer.

Was heißt argwöhnischer?

Die meisten Menschen laufen hier oft einfach aneinander vorbei und wenn man sie anspricht ziehen sich manche erst mal förmlich in sich zusammen. Sobald sie dann aber merken, das man völlig normale Fragen stelle, z.B. wo der nächste Altglascontainer ist, oder dass man im Hausflur einfach nur ein paar nette Sätze wechseln will verlieren sie auch sofort diese skeptisch Haltung und sind nett und hilfsbereit wie ich es im Ruhrgebiet gewohnt bin. Man merkt daran aber schon wie verunsichert manche Menschen hier sind. Sie sind in unserer Gesellschaft irgendwie noch nicht heimisch geworden. Auf der anderen Seite Grüßen sich hier Schwarze oder Türken auf der Straße oft sehr freundlich, aber die verschiedenen Minderheiten bleiben anscheinend unter sich. Das ist natürlich ein Problem, denn eine Demokratie funktioniert ja nur wenn ihre Bürger sich als Teil der ganzen Gesellschaft sehen und somit auch bereit sind aktiv an der Entwicklung dieser Gesellschaft mit zu wirken.

Wieso hat der Künstler Jochen Gerz ausgerechnet Sie ausgesucht, um mit einem Berliner Musikverleger am Borsigplatz zu wohnen?

Während der Bewerbungsphase mussten wir unter anderem die Fragen beantworten, warum wir an dem Projekt teilnehmen wollen und was wir während der Zeit dort machen wollen und anscheinend war meine Antwort individuell genug um in die engere Auswahl zu kommen, trotzdem hat man mich nicht für den Standort Duisburg, für den ich mich eigentlich beworben habe genommen, denn eigentlich wurden Menschen gesucht, die von außerhalb des Ruhrgebietes in diese Region ziehen. In Dortmund konnte man aber sich erst Ende November mit den Beteiligten einigen welche Wohnungen zur Verfügung gestellt werden können, und weil man in der kurzen Zeit von einem Monat nicht genug Zeit hatte für jede Wohnung Bewohner von außerhalb zu bekommen, hatten auch wir Ruhrgebietler ein Chance. Die Rückfragen Ende November, ob ich auch in eine andere Stadt ziehen würde und ob ich denn auch wirklich jeden Tag schreiben wolle habe ich äußerst positiv beantwortet. Und weil die Vorstellung von Jochen Gerz war, dass die Teilnehmer sich eigentlich selbst aussuchen sollen, hat sich mein Wille zur Teilnahme dann halt durchgesetzt.

Sie haben den Künstler getroffen, der in Berlin geboren wurde, in Paris arbeitete und nun in Irland lebt. Hat der Künstler in Ihren Augen irgendeinen speziellen Bezug zum Ruhrgebiet?

Das kann sein, schließlich gestaltet Herr Gerz zur Zeit auch den Platz des Europäischen Versprechens in Bochum und hatte vor Jahren schon in Dortmund eine Aktion laufen die „Das Geschenk“ hieß. Ich glaube aber, dass das gar nicht entscheidend ist, vielmehr kreiert Jochen Gerz Situationen auf die Menschen reagieren und er ist vielleicht hauptsächlich daran interessiert wie die Menschen sich dann verhalten. Wo das ganze stattfindet ist wahrscheinlich sekundär, denn Menschen sind ja auf ihre Art und Weise überall in der Welt spannend. All zu sehr habe ich mich aber mit der Kunst von Jochen Gerz noch nicht auseinandergesetzt.

Wie beurteilen Sie den künstlerischen Ansatz? Können Sie bei der Erarbeitung des Ansatzes mitwirken?

Beeindruckend finde ich, dass ich den künstlerischen Ansatz am Anfang eher banal fand und mich aus ganz eigenen Interessen hierzu beworben habe, ich aber je länger ich mich mit Herrn Gerz befasse die Empfindung habe, er weiß schon was er da tut. Jetzt sitzen in drei Städten motivierte Menschen, die in ihrem Leben an eine Stelle gelangt sind, an der sie sich aus welchem Grund auch immer verändern wollen. Und all diese Menschen denken jetzt über Nachbarschaft nach, begegnen ihren Nachbarn und schreiben dann auch noch jeden Tag, was ja auch immer eine Reflexion des Erlebten beinhaltet. Insgesamt sind das pro Straße rund 10 Prpzent der Anwohner. Da ist es doch schon spannend, wie sich das über ein Jahr entwickelt. Und auch zu der Frage, wer denn den Text, der hier nebenbei entsteht überhaupt lesen soll antwortet Herr Gerz doch sehr souverän, dass solle man doch Aufgabe des Verlegers sein lassen und diesen gibt es außerdem schon. Ich bin zwar immer noch skeptisch was das gemeinsame Buch angeht, auf der anderen Seite schreiben jetzt fast 80 Leute jeden Tag Sachen auf, die Herr Gerz am Ende nach belieben zusammenstellen, kürzen und verändern kann, da bin ich dann doch mal gespannt.

Haben Sie Anweisungen bekommen, wie Sie sich verhalten sollen?

Die Anweisung die wir bekommen haben hat mir äußerst gut gefallen. „Wir wollen hier alle nicht mehr tun als wir tun wollen.“ Jochen Gerz will auf keinen Fall, dass die Bewohner hier bespaßt werden und irgendwelche Events geboten kriegen. Alles soll so unaufgeregt wie möglich laufen, aber doch halt kommunikativer. Projekte wie z.B. Malen oder Musizieren mit Kindern oder auch Interviewen von Nachbarn werden sehr begrüßt, aber jeder soll schon selbst entscheiden wie sehr er sich einbringt. Wobei ganz klar gesagt wird, dass man natürlich nur so viel aus diesem Jahr für seine eigene Entwicklung rausholen kann, wie man an Energie hineinsteckt, aber das ist ja bei allen Aktivitäten so. Und auch was den gemeinsamen Text angeht hat Herr Gerz in seinem Konzeptpapier formuliert, dass alles was geschrieben ist einen Wert an sich hat. Es gibt also auch hier keine Vorgaben, sonst würde das Ergebnis aber auch sehr viel eintöniger und damit auch langweiliger.

Macht Ihnen das Schreiben für das Projekt 2-3 Straßen Spaß?

Ja sehr, deshalb bin ich ja hier. Ich sehe das ganze ein wenig wie eine Ausbildung, in der man mit seiner Sprache jeden Tag ohne Vorgabe experimentieren kann wie man will. Schreiben als Selbstzweck ist doch, wie jede Aktion um seiner selbst willen, der pure Luxus.

Sehen Sie irgendwas spezielles an ihrer Gegend da in Dortmund? Ne besondere Solidarität oder so?

Das ist hier natürlich die Gegend um den Borsigplatz. In der Pommesbude gegenüber meiner Haustür wurde vor hundert Jahren der BVB gegründet, damals war da aber noch eine Kneipe. Das ist schon ein besonderer Ort für diese Stadt, wobei man hier sagt, dass die Bewohner des Borsigplatzes zwar noch den BVB im Herzen tragen, ob der BVB aber noch den Borsigplatz im Herzen trägt ist zu bezweifeln. Trotzdem, der Fußball verbindet und da ist es schön das dieses Jahr die Fußball WM ist, denn es dürften von jeder teilnehmenden Nation auch Menschen hier in der Nachbarschaft wohnen. 2-3 Straßen könnte zumindest hier am Borsigplatz gerade in dieser Zeit eine neue Dynamik entwickeln.

Städtebaulich hat diese Gegend außerdem durchaus ihre Qualitäten, mit einem für das Ruhrgebiet recht hohen Altbaubestand und Innenhöfen die durchaus das Potential haben verschiedenst genutzt zu werden. Der Stadtteil hätte also, wenn es das Schicksal freundlicher gemeint hätte auch das Zeug zu einem hippen Studentenviertel gehabt. Das ist jetzt im Dortmunder Kreuzviertel, welches einfach schon näher an der Uni liegt.

Sie sind Deutscher und damit rund um den Borsigplatz sowas wie ne Minderheit, ist das komisch für Sie?

Ehrlich gesagt gewöhnt man sich doch sehr schnell daran. Ich bin aber auch schon als kleiner Junge in eine Grundschule in Bottrop-Welheim gegangen, die einen hohen Ausländeranteil hatte und habe auch in Bochum auf der Dorstener Straße gewohnt, auf der alle paarhundert Meter ein türkisches Lebensmittelgeschäft war. Trotzdem fällt es mir einfach auf, dass kaum Deutsche unterwegs sind. Für die aus anderen Gegenden zugereisten Projektteilnehmer ist die Situation aber selbstverständlich viel ungewöhnlicher, so wundert sich mein Mitbewohner schon amüsiert über die legender knappen Sätze im Ruhrgebietes. Die übliche Kommunikation beim Bäcker „Watt machtat“ „Zweifuffzich“ ist für Zugezogene schon gewöhnungsbedürftig.

Oberflächlich haben die Leute da am Borsigplatz eines gemeinsam. Sie haben in der Regel wenig Geld und fühlen sich oder werden sogar tatsächlich ausgebeutet. Fühlen sie sich auch ausgebeutet? Soviel ich weiß kriegen Sie gerade mal einen Teil der Miete bezahlt und müssen dafür alle Rechte an dem abgeben, was Sie im Rahmen des Projektes schreiben?

Die schöne Anwerbung vom Mietfreien wohnen war zum Teil natürlich schon eine Mogelpackung, denn neben der Miete gibt es ja noch die Nebenkosten, die Strom- und die Elektrokosten, die wir selbst zahlen müssen und das ist zusammen ja genauso viel wie die eigentliche Miete. Was die Rechte zu dem Geschriebenen angeht ist der Vertrag den wir akzeptieren mussten schon sehr resolut. Man merkt halt, dass Herr Gerz schon sehr lange im Geschäft ist und deshalb Verträge aufsetzen lässt, in denen alles was zu seinen Gunsten denkbar ist auch hineingeschrieben wird. Herr Gerz hat die Ausschließlichen Rechte auf alles was wir Schreiben, in jeder erdenklichen Publikationsform, selbst Teletext und Schulfunk wird erwähnt. Besonders perfide ist der Unterpunkt in dem steht, das auch Texte und jegliche sonstige Aktivitäten von mir, die irgendwie mit dem Wohnen am Borsigplatz zu tun haben, auch dann Herrn Gerz gehören, wenn ich sie ihm nicht zur Verfügung stelle. Trotzdem fühle ich mich nicht ausgenutzt, denn ich weiß ja, dass solche Verträge pro Forma für alle Eventualitäten aufgesetzt werden und ich ja nicht hier bin um mit meinem Schreiben Geld zu verdienen, sondern um festzustellen, ob ich nach einem Jahr täglichen Schreiben erst mal davon gesättigt bin, oder ob ich immer weiter schreiben könnte. Was dann 2011 passiert bleibt abzuwarten und ist vielleicht für mich noch viel spannender als 2-3 Strassen.

Wie würden Sie ihr Verhältnis zum Künstler beschreiben? Chef und Angestellter? Gleichberechtigt? Oder sind Sie ein Versuchskaninchen?

Ich nenne meinen Künstler schon jetzt gerne meinen Meister, denn er dient mir als Inspirationsquelle. Auch ist er so was wie ein Trainer, der uns durch seine Ansprache schon zu motivieren versteht. Aber trotzdem sind wir natürlich gleichberechtigt, denn ich bin hier aus eigenen Antrieb, um mein eigenes Leben zu bereichern und wenn Herr Gerz was mit meinem Output anfangen kann ist das schön für ihn, wenn nicht interessiert mich das aber nicht die Bohne. Von daher sind Definitionen die an die Arbeitswelt erinnern völlig falsch, außer vielleicht der Begriff des Versuchkaninchen, wobei ich mich ja selbst in das Labor gestürzt habe und auch jeder Zeit wieder gehen kann.

Haben Sie Kontakt zu den anderen Leuten, die in dem Projekt mitmachen?

Zum einen habe ich natürlich Kontakt zu meinem Mitbewohner, den ich ja ohne 2-3 Straßen nie kennen gelernt hätte. Dann gibt es am Borsigplatz ein Büro in der Mitarbeiter von Herrn Gerz sitzen und sich um uns kümmern. Über sie enthält man dann z.B. Einladungen von anderen Bewohnern, morgen führt uns z.B. eine Teilnehmerin die aus Dortmund kommt durch die Stadt. Ich habe aber auch schon Teilnehmer auf der Straße getroffen, die mich dann gleich zu sich eingeladen haben. So schnell wie hier habe ich also noch nie Nachbarn kennen gelernt, aber darum geht es ja auch.

Glauben Sie aus ihrer Straße kann ein Abbild des Ruhrgebietes erschaffen werden? Oder werden einfach Klischees transportiert? Oder anders gefragt, wird auch eine Straße in Essen-Überruhr oder in Bochum-Stiepel im Rahmen des Projektes untersucht?

Die Straßen die für das Projekt ausgesucht wurden liegen alle in sogenannten Sozialen Brennpunkten. Das hat ja auch einen pragmatischen Grund, denn nur hier stehen die benötigten leeren Wohnungen zu Verfügung. Deshalb ist der Projekt schon auch Repräsentativ für andere prekäre Standorte im Ruhrgebiet. Die Lebenswirklichkeit von wohlhabenden Gegenden wie Bochum-Stiepel kann man hier aber bestimmt nicht untersuchen. Ob am Ende dann die Klischees transportiert werden bleibt abzuwarten. Jochen Gerz will das bestimmt nicht, ich Frage mich aber ob das wirklich so schlimm ist, wenn man sich dann über Fußball, Bier und Halal-Grillen näher kommt. Die Klischees sind ja immer auch Teil der Realität und wenn in dieser Region schon lauthals besungen wird, dass die Ruhrgebietler ehrliche Häute sind die sich ohne Schminke geben, dann erfüllt dieses Klischee als self fulfilling prophecy doch durchaus seinen Zweck.

Zum Schluss, wie ist das am Borsigplatz denn so? Wie man hört, ist die Gegend ganz schön runtergekommen.

Das jetztzeitige Ruhrgebiet ist ja eine Kraftanstrengung um gegen das Phänomen der shrinking-cities in postindustriellen Ballungsräumen anzugehen. Das ganze trägt dann den schönen Namen Strukturwandel und kostet Land und Bund seit Jahrzehnten Millionen. Am Borsigplatz geht dieser Kampf teilweise verloren. Trotzdem sind wir hier noch weit entfernt von Zuständen wie Detroit, denn die Fenster sind zwar schwarz verklebt aber noch nicht eingeschmissen. Aber man muss gerade in Stadtteilen wie diesen alles tun um einer weiteren Verödung entgegenzuwirken, denn es gibt einen Punkt off-no-return ab dem keine Menschen mehr bereit sind wieder in die verlassenen, heruntergekommenen Stadtteil zu ziehen. Die Gegend hier steht an dieser Grenze und es sind kreative Lösungsmöglichkeiten gefragt um solche Quartiere wieder auf die Bahn zu kriegen. An den Plattenbaustädten in Ostdeutschland hat man gesehen, dass z.B. ein partieller Abriss kombiniert mit einer Umstrukturierung die Stimmung in den Städten positiv verändern kann. Dazu bedarf es aber Geld und gerade die Städten an der Ruhr bräuchten ein Äquivalent zu dem Soli-Ost. Ob dieses Geld überhaupt da ist kann ich nicht beurteilen, wenn nicht könnte es allerdings zu einer Abschreibung ganzer Stadtteile des Ruhrgebietes kommen, wie es in Duisburg teilweise schon der Fall sein soll.

Können Sie sich vorstellen, da wohnen zu bleiben, oder gehen Sie nach dem Projekt wieder weg? Falls ja, wohin denn? Nach Spanien?

Diese Wohnung kann ich mir nach diesem Jahr alleine nicht leisten und mein Mitbewohner wird höchstwahrscheinlich die Stadt verlassen, also ist auch für mich am Ende 2010 wieder ein Umzug angesagt. Sollte ich im Ruhrgebiet bleiben, werde ich wieder nach Bochum ziehen, weil mir die Stadt von ihrer Größe aber auch von ihrem Habitus zusagt. Aber wie gesagt sind die Teilnehmer hier, weil ihr altes Leben sie nicht mehr ganz ausgefüllt hat und somit bin auch ich in einem Veränderungsprozess, was dabei am Ende herauskommt und wohin die Reise geht bleibt abzuwarten.

Grafik: 2-3 Straßen

Foto: Tobias Eule

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5 Kommentare zu “2 bis 3 Straßen im Interview am Borsigplatz

  • #1
    Arnold Voss

    Ist schon seltsam. Das größte Problem der von Gerz ausgesuchten Stadtteile ist anscheinend die Fluktation, sprich, dass sich dort keine stabile Nachbarschaft entfalten kann, weil die, denen es irgendwie wieder besser geht, sofort wieder abhauen.

    Und er schickt Leute da rein die mit aller größter Wahrscheinlichkeit diese Gebiet auch wieder verlassen (wollen), ja sogar verlassen müssen, weil die Mietförderung durch das Projekt selbst begrenzt ist. Obendrein müssen sie alles, was sie dort produziert haben vorher bei ihm abgeben.

    Dann kann er das alles alleine verwerten, d.h. privatisieren, obwohl das Projekt mit öffentlichen Geldern finanziert wird.

    Ob das ganze Kunst ist weiß ich nicht, aber dass es nicht fair ist, scheint mir sicher zu sein.

  • #2
    Muschelschubserin

    Danke für das Interview. Ich hab zum ersten Mal etwas konkreter eine Ahnung, worum es geht oder gehen kann. Bisher fand ich die alleinigen Projektbeschreibungen zu abstrakt, mir mochte sich der Sinn nicht so recht erschließen. Nu is besser. 🙂

  • #3
    Thomas

    Schönes Stück. Zu dem Aspekt der Ausbeutung der in den 2,3 Straßen Wohnenden durch Gerz, der sich mit einem Knebelvertrag alle Rechte an den Produktionen seiner Subjekte sichere:

    Ich hab mit einigen Leuten an einem anderen Standort der in den zwei, drei Gerz-2,3-Straßenzügen Wohnenden gesprochen, die das energisch anders sehen als Dein Protagonist, David.

    Die fühlen sich allerdings durch Gerz rigide ausgebeutet, gar zum Subjekt qualifiziert, sagten allerdings, sie hätten sonne Art Güterabwägung betrieben:

    Für den ökonomischen Faktor, ein Jahr recht billig wohnen zu können, hätten sie bei Abschluß des Kontraktes den völligen Ausverkauf ihrer Rechte zunächst mal in Kauf genommen.

    Hm, bei dieser, bei Gertz‘ Konzeptkunst geht es ja auch um Alltagsgeschichte:

    Nicht auszuschließen ist sicher, daß sich manche der in den 2,3 Straßen Wohnenden zusammenschließen, um gegen den full buy-out ihrer Kreativität vor Ort zu opponieren.

    Das wäre dann eine von Gerz nicht gewünschte Syndikalisierung seiner Subjekte, die dadurch zum Objekt würden, liefe unter einem eher materielleren Kunstbegriff, hihi – und wäre eine andere schöne Geschichte der 2,3 Straßen.

    Was ich übrigens für eine der interessantesten und elaboriertesten Kunstprojekte der Kulturhauptstadt, soweit sie mir bekannt sind, überhaupt halte.

    Auch und gerade – hier passt die Phrase wirklich mal (-: – in der Interaktionalität des Projektes, die sich schon absehbar entwicklen wird.

    Außerdem – ich mag Konzeptkunstansätze wirklich.

    http://www.vi-anec.de/Trance-Art/KunsthistErlaeuterungen/Konzeptkunst.html

    Der Gedanke zählt, ej. Das ist Kunst fürn Schädel, Mann.

  • #4
    Arnold Voß

    Wenn das Hauptmotiv der Protagonisten vor Ort wirklich ein „1Jahr-Billig-Bude“ ist, würde ich mir als normal zahlender Nachbar, sofern ich das wüsste, allerdings gelinde gesagt veräppelt vorkommen.

    Wie arm dran ,respektive erpressbar, muss andererseits jemand sein, dass er sich d a f ü r als Schreiberling alle Rechte über e i n Jahr Arbeit abkaufen läßt.

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