24

2010 macht gaga

Was ist nur im Führungsteam der Kulturhauptstadt 2010 los? Erst drehte Fritz Pleitgen hohl, im Zeppelin will er über den Ruhrschnellweg und zigtausend Kölner Kegelschwestern, klick. Jetzt ist Karl-Heinz Petzinka nicht mehr zu halten.

Foto: flickr buffel_de_be

Petzinka ist im normalen Leben Geschäftsführer der Treuhandstelle (THS) und dazu einer von vier  künstlerischen Direktoren von 2010. Was offenbar ziemlich ansteckend ist: Denn jetzt will auch Petzinka die A 40 ab 2010 jedes Jahr zur Volksfestmeile machen . . . klack: "Love-Parade, Marathon oder eine Olympiade für Gehandicapte", schweben Petzinka vor. Eine "Olympiade für Gehandicapte". Tolle Idee, nur gibt es längst Paralympics, Special Olympics. Und ob die wirklich auf einer Autobahn stattfinden wollen? "Auf einmal wird sich zeigen, dass diese…

Was ist nur im Führungsteam der Kulturhauptstadt 2010 los? Erst drehte Fritz Pleitgen hohl, im Zeppelin will er über den Ruhrschnellweg und zigtausend Kölner Kegelschwestern, klick. Jetzt ist Karl-Heinz Petzinka nicht mehr zu halten, klack.

Foto: flickr buffel_de_be

Petzinka ist im normalen Leben Geschäftsführer der Treuhandstelle (THS) und dazu einer von vier  künstlerischen Direktoren von 2010. Was offenbar ziemlich ansteckend ist: Denn jetzt will auch Petzinka die A 40 ab 2010 jedes Jahr zur Volksfestmeile machen. "Love-Parade, Marathon oder eine Olympiade für Gehandicapte", schweben Petzinka vor. Eine "Olympiade für Gehandicapte". Tolle Idee, nur gibt es längst Paralympics, Special Olympics. Und ob die wirklich auf einer Autobahn stattfinden wollen? "Auf einmal wird sich zeigen, dass diese Straße bespielbar ist", sagt Petzinka der WAZ. Aber wieso sollte ein Asphaltstreifen nicht "bespielbar"sein? Sogar spielbar, man müsste nur die Autos weglassen.

Weiter. Natürlich soll die A 40 auch zur "Visitenkarte der Region" werden, mit Autos und mit Kunstwerken, die sie "aufwerten, markieren" und blabla-en: "Die Aufwertung der A40 ist definitiv eines der schönsten Projekte im Rahmen der Kulturhauptstadt", sagt Petzinka. Denn dass sich "zwölf Städte an einer Hauptstraße abbilden" (steht da so), "gibt es an keiner anderen Stelle der Erde". Stimmt schon, zwölf Städte "die sich an einer Straße abbilden", das gibt es nirgendwo, nicht einmal im Ruhrgebiet! Aber nur hier wird aus solchem Unfug auch noch eine Vision gebaut:  "Und wenn es zwölf von 53 Städten geschafft haben, darüber Einvernehmen zu erzielen, werden es bei anderen Projekten vielleicht bald 24 und dann 48 sein. Dann fehlen uns zur Einheit nur noch fünf." Immerhin Kopf-Rechnen geht noch.

Wo der gute Mann aus Gelsenkirchen schon einmal bei seinen Flausen ist, stellt er noch eine weitere vor: Am Sitz von THS will der oberste Zechenhausverwalter auf den Turm von Zeche Nordstern vier Stockwerke Glasbüro setzen und "als Clou" (WAZ) ganz oben drauf einen 18 Meter großen Herkules  – "als Zeichen für Kraft und Mut" …. und Großspurigkeit?

Mein Fazit: Wenn die anderen Kulturstadtdirektoren Dieter Gorny, Asli Sevindim, Steven Sloane dann auch noch durchgedreht sind, kann Oliver Scheytt endlich seine Arbeit machen.

RuhrBarone-Logo

24 Kommentare zu “2010 macht gaga

  • #1
    Stefan Laurin

    Zu klein gedacht: Als Zeichen der Zukunftsfähigkeit des Ruhrgebiet brauchen wir eine mindestens 200 Meter große Bergmannsfigur. In der Spitze der Hacke sollte ein rotierendes 3 Sterne Restaurant untergebracht werden. Im Grubenlicht des Helmes könnten Laser untergebracht werden, die regelmäßig Werbesprüche für das Revier in die Stratosphäre zeichnen. Der 200 Meter Kumpel (Robohauer) müßte laufen können, so dass er in jeder Stadt des Ruhrgebiets während des Kulturhaupstadtjahres eine Woche stehen könnte. Und dann brauchen wir noch im Mund des Kumpels eine 100.000 Watt Anlage aus der zu jeder vollen Stunde „Glückauf, der Steiger komm“ tönt – und wenn Schalke Meister wird auch „Blau und weiß, wie lieb ich Dich“ intoniert. Wir sollten aufhören, uns so klein zu machen. 🙂

  • #2
  • #3
    Jens Weissenberg

    Warum muss hier alles so zerpflückt werden? Merkt Ihr denn nicht, dass Ihr alles kaputt redet?

    Ich habe auch den Artikel heute gelesen…Recht hat Petzinka: „zwölf Städte, die sich an einer Hauptstraße abbilden“. Einzigartig!

    Mich erinnert die Gegenwehr, mit der viele hier gegen die Kulturhauptstadt 2010 „strampeln“ an die Zeit, als die ersten Hochhäuser in Frankfurt/Main gebaut worden sind. Damals gab es Unterschriftenaktionen und Demonstrationen und Argumentationen dagegen, heute kann sich Ffm niemand mehr ohne Skyline vorstellen, sie ist zu einem Wahrzeichen Frankfurts geworden.

    In der hiesigen Diskussion gibt es jedoch noch nicht mal Argumente. Es wird einfach zerrupft. Ich wünschte, dass sich die Kritiker mal konstruktiv dazu äußern würden, wie sie das „Ruhrgebiet“ der Zukunft sehen bzw. wie sie etwas für einen Imagewandel tun würden.

  • #4
    schuri Beitragsautor

    @jens w. Nun ja, wer hier „kaputt redet“, also sinnlos Vokabeln aneinander reiht (Städte können sich nun einmal nicht abbilden!!!), habe ich versucht zu zeigen. Ich bin gar nicht gegen Hochhäuser, wohl aber gegen Hochhäuser mit Herkules-Statuen auf dem Dach, zumal ich einer Stadt entstamme, über der der nackte Halbgott seit Jahrhunderten thront. Aber wenn es sein muss, meinetwegen. Frankfurts Skyline kann man bewundern, wenn ich sie sehe, von weitem im Zug, werde ich auch ein bisschen wehmütig, denke an die Stadtviertel, die zur Immobilie wurden, an das und die, die weggespült wurden. Jens, was meinst du, hätten die Besetzer, Bewahrer damals die Fresse halten sollen, weil heute alles so schön glänzt? Versteh dich nicht, nee nee …

  • #5
    Jens Weissenberg

    @schuri: nichts gegen Besetzer und Bewahrer, aber in Frankfurt gab es wenigstens noch etwas zu besetzen und zu bewahren…und wenn es gegen die Macht des (Finanz-) Marktes war…denn der war dort damals schon sehr gut entwickelt, wie wir alle wissen…in der Metropole Ruhr geht es dagegen darum, das Image einer ganzen Region zu wandeln…um Investoren anzulocken, um Arbeitsplätze zu schaffen. Das versucht die Politik zu fördern. Kultur ist hier ein nicht zu unterschätzender Faktor. Wir können Ideen und Konzepte kritisieren und darüber diskutieren, aber ich finde, wir können uns eigentlich nicht erlauben, „einfach dagegen zu sein“. Wie wollen wir in Zukunft leben?

  • #6
    Dirk E. Haas

    @Christoph, Stefan: Die Kritik an der Herkulesnummer geht in Ordnung, aber das A40-Projekt ist gerade jenseits der Autobahnparty dann doch ein anderes Kaliber. Egal wie ? sagen wir mal unglücklich ? die von Petzinka gewählten Worte auch sein mögen.

  • #7
    Stefan Laurin

    Das A40 Projekt ist auch Größenwahn pur. Die Zentren der Städte liegen nicht an der A40 (Ausnahmen: Duisburg und Essen) und eine Autobahn ist keine Visitenkarte. Wir haben hier so häßliche Innenstädte, dass man die erst einmal in Ordnung bringen muß, bevor man sich mit der Gestaltung der A40 beschäftigt. Zumal: woher soll das Geld für so ein Projekt kommen? Das ginge wirklich nur in einem sehr grossen Maßstab – und den wird niemand bezhalen. Zudem mag ich es nicht das Ruhrgebiet auf alte Zechen und Autobahnen zu reduzieren.

  • #8
    Dirk E. Haas

    @Stefan: Um die hässlichen Innenstädte kann sich jede Stadt selbst kümmern, dazu braucht es kein regionales Projekt. Die A40 ist aber ein regionaler Raum, für den sich bislang keine Stadt zuständig fühlte ? und genau für solche Räume macht die (regionale) Kulturhauptstadt ja Sinn.

    Wir reden hier ja auch nicht über einen vollständigen Neubau des Ruhrschnellwegs, sondern über ? soweit ich das Projekt kenne ? punktuelle, aber systematische Eingriffe. Außerdem: Den Etat von straßen.nrw kann man kaum überschätzen.

  • #9
    Jens Weissenberg

    @Stefan: da bin ich jetzt wirklich nicht Deiner Meinung. Eine Autobahn ist vielleicht keine Visitenkarte, aber es ist eine Verbindung zwischen Großstädten, hier in der Metropole Ruhr mehr und dichter als anderswo, insofern kommt der A40, gerade auch im Hinblick auf die Betonung der Gesamtmetropole eine große Bedeutung zu.

    Kunstwerke an Autobahnauffahrten, farbig gestaltete Brücken (zur Unterscheidung der Ruhrstädte) – Prima! Wenn wir es schaffen, ein bisschen Boulevard-Flair auf die A40 zu zaubern, dann werden wir der Metropole Ruhr ein winziges kleines Stück näher gekommen sein…immerhin.

  • #10
    Stefan Laurin

    Ich bin ein großer Freund von gepflegten Autobahnbrücken – aber die machen keinen Boulevard und keine Metropole. Etwas Kunst hier und da an der A40 ist sicher nett, aber man sollte nicht alles immer so überhöhen. 2010 schaut die Welt auf Istanbul und nicht auf die A40.

  • #11
    Jens

    @Stefan:

    Und dann brauchen wir noch im Mund des Kumpels eine 100.000 Watt Anlage aus der zu jeder vollen Stunde ?Glückauf, der Steiger komm? tönt – und wenn Schalke Meister wird auch ?Blau und weiß, wie lieb ich Dich? intoniert. Wir sollten aufhören, uns so klein zu machen.

    Das geht durch keine Rechnungsprüfung. Ist schließlich unwahrscheinlich, dass Schalke Meister wird.

    Grundsätzlich finde ich jedoch die Idee aus der A40 was zu machen und da jedes Jahr etwas besonderes stattfinden zu lassen nicht schlecht. Auf die „längste Tafel“ 2010 bin ich gespannt und es würde mich nicht wundern, wenn schon 2009 die Love Parade sich die A40 genauer anschauen würde (denn wo in BO will man die sonst vernünftig stattfinden lassen).

  • #12
    Dirk E. Haas

    @Stefan: Von ?Prachtboulevard? oder ?metropolitanem Flair? schreiben die Zeitungen, weil sich die Redakteure nichts anderes vorstellen können ? weder Petzinka noch die Projektautoren nehmen so etwas in den Mund (ich hoffe, ich vertue mich da nicht). Das Ding heißt ?regionaler Stadtraum? und ist ? ob man will oder nicht ? für das ästhetische Erscheinungsbild des Ruhrgebiets symptomatisch. Man kann darüber streiten, ob farbige Autobahnbrücken die angemessene Antwort auf Gestaltungsdefizite sind und welche Art von Kunst(räumen) da entstehen sollte, aber das ändert nichts daran, dass die A40 einer der wichtigsten Passagen des Ruhrgebiets ist und deshalb entschieden mehr Aufmerksamkeit verdient als in der Vergangenheit. Dies festzustellen, ist keine Überhöhung, sondern regionales Denken (mit oder ohne metro-Gedöns, egal).

    Über Istanbul reden wir sinnvollerweise erst dann, wenn wir wissen, was die Verantwortlichen dort vorhaben.

  • #13
    Jens Weissenberg

    Warum müssen wir uns immer mit Istanbul vergleichen? Dieser Vergleich hinkt. Istanbul ist und bleibt eine weltbekannte Metropole und das wird auch 2010 so sein. Klar schaut die Welt auf Istanbul. Ruhr wird Istanbul nicht gleich links überholen, auch auf der A40 nicht. So what?

    Ich meine etwas anderes: Wenn wir eine zusammenhängende (!) Metropole sein wollen, als solche nach außen auftreten wollen, dann müssen das die Hauptverkehrsverbindungen auch hergeben. Auf der A40 hat man streckenweise das Gefühl, im Niemandsland zu sein, ich meine, man hat noch nicht einmal eine Ahnung, was für ein Großstadtdschungel sich links und rechts erstreckt, diesen auf der A40 zu visualisieren, macht die Metropole Ruhr greifbarer – für uns Ruhreinwohner wie für jeden Besucher. Das ist etwas, was über 2010 hinausweist. Das finde ich sehr gut.

  • #14
    schuri Beitragsautor

    @all: Die Laboranten der A40, das Planungsteam um Herrn Sander, die B1-Seilschaften, Kunst am Stau das sind Dinge, die ich schätze. Da wird nach vorne gedacht, Ästhetik und Exotik im Alltag beobachtet und die Vorzüge dieses provinziellen Städteraumes… Was ich weniger schätze, ist der Sprech des Abbildens, Markierens, Bespielens, hier ins maßlose gesteigert von Herrn Petzinka (oder vor mir aus auch dem WAZ-Kollegen). Und was ich wirklich gruselig finde, sind Volksfeste auf der Autobahn als Aushängeschild einer werdenden Kulturhauptstadt. Vielleicht muss das sein, um viele mitzunehmen, aber sympathisch ist mir das nicht. Istanbul muss man abwarten, aber die US-, UK-, FR-Kollegen , die werden dorthin schauen, da gibt es kein vertun, leider.

  • #15
    Arnold Voß

    Die A40 kann nur dann ein Zukunftsthema sein wenn sich das diesbezügliche Projekt mit der Vision von (immer) weniger Autoverkehr verbindet. Wird es nur als künstlerisch verbrämte Dekoration von (immer) mehr Autoverkehr verstanden dann ist es zu Beginn des „Jahrhunderts des Klimawandels“ schlicht der längste „gebaute Witz“ der Welt.

    Die durchgängig hohe Verkehrsdichte auf der A40 erfordert jetzt schon alle Sinne des Fahrers und der Fahrerin für die Straße. Übrigens auch im Stau, denn der kann sich jede Sekunde weiterbewegen und das gilt es bei Strafe des Niederhupens durch den Hintermann nicht zu verpassen. Kunst kann hier deswegen nur in Sekundenbruchteilen wahrgenommen werden. Einzig die Brücken und anliegende Großgebäude bieten ernstzunehmende Gestaltungspotentiale.

    Gibt es aber einen Handlungsstrang der die Straße als Hauptverkehrsader in einem Netzt sieht das sich als Ganzes den neuen ökologischen Bedingungen des geraden beginnenden Jahrunderts anzupassen hat, dann gibt dies der ganzen Sache, wenn auch nur mittel- bis langfristig, einen überzeugenden Sinn. Selbst als zukünftige „Hauptstraße von Ruhr“.

    D.h.aber, dass die Tage der Bespielung (ohne Verkehr) dann kontinuierlich zunehmen müssen. D.h. auch, dass die A40 Stück für Stück „schmaler“ zu werden bzw. der Autoverkehr Flächen/Spuren an andere Nutzungen (z.B.Alleebegrünung, Fahrradweg,Fußweg)abzugeben hat, und zwar über die ganze Strecke.

    Erst dann hätte das Ganze (für mich) internationalen Vorzeigecharakter und zugleich auch etwas mit Wandel durch Kultur zu tun.

  • #16
    Dirk E. Haas

    Das klingt jetzt aber schwer nach TimeTunnel-Lösung für die A40: Rückbau von Fahrspuren zu Gunsten von Fuß- und Radwegen auf dem Ruhrschnellweg ? Ist das nicht eines dieser gut abgehangenen Konzepte aus den 1980er Jahren?

    Ihr Votum, im A40-Projekt ein Schrumpfen des Autoverkehrs konzeptionell vorwegzunehmen, würde ja bspw. bedeuten, schon jetzt ein paar RevierRad-Stationen o.ä. an die Autobahn zu verlegen. Das, was viele dann wirklich für einen ?gebauten Witz? halten würden (Radstationen auf der Autobahn? Crazy Krauts!), wäre in Wirklichkeit ?Zukunftserschließung? (wie es immer so schön heißt) ? mal abgesehen davon, dass es ohnehin viele Tage auf der A40 gibt, an denen ein Fahrrad das schnellere Verkehrsmittel wäre.

    Und: Eine Region, die diese abgefahrene U-Bahn-Linie zwischen Mülheim und Essen auf die A40 bauen konnte, dürfte mit dem Radfahren auf der Autobahn schon sehr schnell keinerlei Probleme mehr haben (another cool modal split halt).

    Wollen wir diese wunderbar retroaktive ? ähem ? Klimakultur-Idee nicht als Beitrag zu metro.lines, B1_21st usw. beim schon sprichwörtlichen ?guten Mann aus Gelsenkirchen? einreichen? Wer das ist? Oliver Wittke (MBV), Heinz-Dieter Klink (RVR), Karl-Heinz Petzinka (RUHR.2010) ? das Angebot ist groß. Suchen Sie sich einen aus!

    Von mir aus auch ?powered by Ruhrbarone? (Sie scheinen ja eh alle radikal Rad fahrende Großstadtkinder mit einem Faible fürs Subversiv-Niedliche zu sein).

  • #17
    Arnold Voß

    @ Dirk
    Wo kommt (nicht nur) bei ihnen diese systematische Unterschätzung des Fahrrads für die Zukunft des Stadtverkehrs her? Fahrräder sind mittlerweile von Material/Gewicht und Technik/Kraftübertragung her hightec Fahrzeuge erster Güte. Aber auch in der „unmodernen“ Fassung haben sie im personalen und kleintransportorientierten lokalen Nahverkehr die ersten großen Wirtschaftsaufschwünge fast aller großer Industrienationen begleitet. Die großen Städte Chinas wären schon lange (oder viel eher) an den eigenen Emmissionen erstickt, wenn diese erste große Wachstumsphase des Landes auf lokaler Ebene stattdessen mit Motorfahrzeugen von statten gegangen wäre.

    Was die Zukunft des Fahrrades betrifft empfehle ich den Blick nicht nur nach Amsterdam oder Münster oder Freiburg sondern vor allem und beispielhaft nach Berlin, London und New York. Gerade in diesen sogenannten Metropolen nimmt der Radverkehr (auch ohne mehr Radwege) in den letzten Jahren gegen alle Vorhersagen kontinuierlich und überdurchschnittlich zu. Dort sind es gerade die jungen „Kreativen“ die begriffen haben, dass das Fahrrad das smarteste aller Stadtfahrzeuge ist. Denn auch elektro- oder wasserstoffbetriebene bzw. emissionsarme Fahrzeuge fressen Energie. Vor allem aber fressen sie Stadtraum und dass auch wenn sie nicht benutzt werden.

    Die A40 hatte übrigens als „B1“ (und da war sie auch schon „Schnellstraße“) viele Jahrzehnte Radwege an beiden Seiten und in Dortmund ist das streckenweise heute noch so. Überhaupt könnte man, wenn man nur wollte, eher in Dortmund als in Essen die Zukunft der gesamten A40 sehen. Dort ist sie nämlich größten Teils (noch) Stadt-Allee-Straße im von mir gemeinten Sinn. Mit weniger und leiseren Motorfahrzeugen könnte sie als moderate Schnellstraße d.h. ohne Lärmschutzwände und mit Fahrrad und Fußwegbegleitung wieder urbaner oder besser humaner werden.

  • #18
    Dirk E. Haas

    Über den klassischen Stadtverkehr (oder den Verkehr in der klassischen Stadt) müssen wir auch gar nicht reden. Inwieweit das Fahrrad aber im (stadt-)regionalen Verkehr, und zwar jenseits von freizeitorientiertem Radwandern, als smartes Alltagsverkehrsmittel zwischen den Städten eine Rolle spielen kann, das ist die spannende (und soweit ich es sehe auch noch offene) Frage.

    Und da bin ich unbedingt dafür, diese offene Frage an der A40 zu thematisieren, aber eben nicht allein als Rückgriff auf den kommoden (und allseits gerne goutierten) Stadtraum vom Typ ?Allee?, sondern im Geiste einer verkehrsplanerischen Utopie (wie eben die U18 auf der A40 in den 1960er Jahren auch einmal eine war). Radstationen auf den Autobahnen des Ruhrgebiets wären ohne Zweifel ein solches Utopieversprechen.

    Nebenbei bemerkt: ?Verrückter? oder zumindest unorthodoxer Infrastruktururbanismus ist eine der wichtigsten städtebaulichen Traditionen des Ruhrgebiets. So bringt sich diese Region wirklich zum Sprechen, und zwar international (deshalb war ich auch für das Fliegende Rathaus, ein just in diesem Sinne verrücktes Projekt aus der Bewerbung um den Kulturhauptstadt-Titel, das wir nun nicht sehen werden).

    Wenn nun aber doch bunte Brücken und plöde Palmen den künftigen Prachtboulevard schmücken sollen, dann kann man immer noch auf die andere wichtige städtebauliche Tradition des Ruhrgebiets hoffen, und die heißt: peauty by mistake. Irrtümliche Schönheit, die niemand gewollt hat.

  • #19
    Arnold Voß

    Wenn sie z.B. häufiger am Rhein-Herne-Kanal entlang oder auf der Erzbahntrasse radfahren, was ja die zur Zeit schon eingerichteten zwischenstädtischen Verbindungen in Ost-West-Richtung sind, dann werden sie bemerken, dass diese beiden „Fahrradautobahnen“ schon jetzt (bei gutem Wetter) im Alltagsverkehr als kürzeste Wege zwischen den agglomerativen Verdichtungsbreichen benutzt werden. D.h. sie nehmen – wenn auch nur für eine Minderheit – jetzt schon bei den Bikern die gleich Funktion ein wie die A 40 und der Emscherschnellweg für die Autofahrer.

    Ernstzunehmende Modal-Split-Effekte werde sich allerdings erst bei weiter erhöhtem Sprit- und Energiepreisen ergeben, aber das kann schneller passieren als die meisten glauben und für diesen Fall ist es gut, wenn solche zwischenstädtischen Regionaltrassen schon vorhanden sind und nicht erst gebaut werden müssen.

    Spannender – und natürlich auch viel kostenintensiver – wäre allerdings ein weitere Ost-West-ÖNV-Trasse als Hoch bzw. Hängebahn über der A40.Damit wäre die entlang dieses Verkehrsbandes in den letzten jahrzehnten konzentrierten Konsum- und Arbeitseinrichtingen (Bandstadt)endlich auch sehr schnell ohne individuelle Motorisierung zu erreichen und könnten perfekt mit dem fast alle Brücken überfahrenden Buss- und Straßenbahnstrecken und natürlich mit dem Radwegenetzt verbunden werden. Durchzusetzen wäre diese ÖNV-Trasse ebenfalls ohne Probleme, weil der Luftraum über der A40 ganz und gar im öffentlichen Besitz ist.

  • #20
    Stefan Laurin

    @Arnold/Dirk: Ich fahre ja gerne Rad – und werde damt auch bald zur Arbeit fahren. Aber als Verkehrsmittel zwischen den Städten taugt es nun wirklich nicht: Wer will den verschwitzt beim Kunden auftauchen? Oder Pitschnass von einem plötzlichen Regen? Das Rad ist gut für die kurze Distanz, aber für Strecken von 10-20 Kilometern braucht man auch auf Seiten des Arbeitsplatzes eine erhebliche Infrastruktur: Duschen, Spinde für frische Kleidung etc. Und bitte denkt auch mal an den Faktor Geschwindigkeit: Auch im übelsten Stau bin ich mit dem Wagen schneller von Bochum in Duisburg als mit dem Rad.

  • #21
    Thomas

    Stefan, Du weisst, ich bin kein Missionar, und deswegen argumentiere ich immer nur gebrochen:

    Also, ich freue mich, daß Du schon in naher Zukunft mit der Fiets auffe Arbeit fahren wirst (-;

    Aber das mit den Duschräumen, Wechselspinden, das ist selbst in den mittelständischen HighTechKlitschen im Ruhrgebiet schon rum, das gipps schon seit Jahren; ich kenne einen nicht ganz unberühmten Laden in unserem Sprengel, der hatte nie Mitarbeiter-Parkplätze, aber immer schon Fietzabstellräume, Klamottenwechselspinde und Duschen. Das ist Firmenpolitik bei denen. Und die Leute kommen wach und smart auffe Schicht. Weil die vorher gefietst haben. Jedenfalls vom S-Bahnhof aus. Mal unabhängig davon, dasses n EDV-Laden ist. Und die Leute sowieso entweder zu Hause bei sich im Hippelandgarten oder beim nächsten WiFi ihres Vertrauens im Biergarten übern Laptop hängen und dabei rabotten.

    Es gibt eine Interdependenz, gar eine Dialektik zwischen Fietsen und Formen der neuen Arbeit, die sich übers Netz Bahn bricht.

    Fahrradwege und Netzwege sind praktisch nur zwei Seiten einer Medallie. Ok, steile These, ich weiß. (:

    Das ganze hat eine Ideengeschichte, die man – nur zwei Bahnstunden weiter, 198 Gleiskilometer von DU, etwa in A’dam verorten kann. Der weisse Fahrrad-Plan, die Hippieidee von früher: Male ein paar Hundert Räder weiß an, stell die in den urbanen Verdichtungsraum; jeder, der Bock hat, kann die nutzen und dann abstellen.

    Große Idee! Weil damit auch Kommunität kommuniziert würde.

    Hätte man hierorts für die Kulturhauptstadt draufsatteln können.

    > Und bitte denkt auch mal an den Faktor Geschwindigkeit: Auch im übelsten Stau bin ich mit dem Wagen schneller von Bochum in Duisburg als mit dem Rad.

    Hm, ich bin noch schneller. Immer schon gewesen: Mit der S 1 hab ich das in 34 Minuten hinter mir. Von City zu City. 24/7, im Halbstundentakt. Und ich hab‘ sogar n Rad dabei.

    Du im Stau nicht. (-:

  • #22
    Stefan Laurin

    @Thomas: Ich habe leider noch nie bei einer Firma gearbeitet, die eine Dusche für Radfahrer hat. Ich fändes es toll, kenne es aber nicht. Wenn es geht, ist es natürlich super.

  • #23
    Arnold Voss

    In New York kannst du mittlerweile spezielle Rucksäcke für Manager kaufen, die mit dem Fahrrad zu Arbeit kommen. In ihnen kannst du deinen Anzug so unterbringen, dass er weder nass wird noch knittert und hast ein Fach für das Paar Businessschuh und das frische Hemd und natürlich auch für den Laptop, das Iphone usw. Duschen und Umziehräume im Büro sind Standard bzw. gibt es in jedem Hochhause solche Möglichkeiten für die Mitarbeiter.

    Die Kombi U-Bahn/Subway und Rad ist dort ohne Extra Ticket und zu jeder Tages und Nachtzeit möglich. Radfahrer könne dort (wie die Fußgänger)auch unter den Augen der Polizei bei Rot die Ampel queren und über jeder Brücke nach Manhattan gibt es mittlerweile eine extra Fahrradspur jenseits der Autotrassen.

  • #24
    Dirk E. Haas

    @Arnold: Eine Hängebahn über der Autobahn wäre ohne Zweifel jene Art von Infrastruktur, die ich dem Ruhrgebiet in wirtschaftlich besseren Zeiten zutrauen würde.

    Aber noch mal zurück zum Ausgangsthema (2010-Gagaismus): Wenn das längste Straßenfest der Welt (oder andere „Labor A40“-Projektideen) dazu beitragen, dass sich Menschen eine Autobahn als etwas anderes vorstellen können als eine Autobahn, dann ist das eine Form von ?Sinneswandel?, ohne die das Ruhrgebiet nicht Kulturhauptstadt geworden wäre.

    Stören würde es mich, wenn auf der A40 wieder nur ?Vielheit? und ?Vielfalt? des Ruhrgebiets abgebildet werden würden; Vielfalt, Differenz und die Kultur des Unterschieds sind längst Realität, da muss nichts herbeiinszeniert werden. Macht auch niemanden mehr neugierig. Statt also weiter nach Vielfalt Ausschau zu halten, wird eher die Suche nach einer neuen Gleichartigkeit immer wichtiger. Dafür braucht es „Labore“.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.