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41 Jahre Fan: Ich mache Schluss mit Fußball

Fußballfan schon als kleiner Junge. Nicht im Bild: Die Bayern-München-Bettwäsche. Foto: Gisela Tanzhaus

 

Fußballfan schon als kleiner Junge. Nicht im Bild: Die Bayern-München-Bettwäsche. Foto: Gisela Tanzhaus

41 von 45 Jahren war ich Fußballfan. Der Sport hat mein Leben geprägt – es mir sogar gerettet. Doch mit diesem Betrieb will ich nichts mehr zu tun haben. Deswegen mache ich heute Schluss mit Fußball.

Kennt noch jemand Stefan Hallberg? Ich schon. Er hat mich zum Bayern-Fan gemacht. Vor 41 Jahren. Mit seiner Hymne: „Wer wird Deutscher Meister – Ha, Ha, HSV.“ Mein Onkel ist damals durch das Haus meiner Oma gelaufen und hat gesungen: „Wer wird Deutscher Meister – Ha, Ha, Ha, Bayern München.“

Ich war vier Jahre alt. Damit kannte ich zwei Vereine. Bayern und den HSV. Weil ich meinen Onkel mochte und die Bayern rote statt weiße Trikots hatten, entschied ich mich für Bayern. Ich bin Fan. Bis heute. Doch heute mache ich Schluss mit Fußball.

Die Freunde meines Vaters haben mich als saarländisches Kind zu Bayern-Spielen mitgenommen. Wir sind samstags immer schon um 7 Uhr los gefahren – damit wir um 10 durchs Degerloch durch waren. Als wir in der Katholischen Jugend aufschreiben sollten, wer uns geprägt habe, schrieben die anderen das Sozial-Erwünschte: Gott, die Eltern, blablabla – ich schrieb Uli Hoeneß.

Uli Hoeneß hat mich geprägt

Und das stimmte. Keiner hat mich in meinem Leben so geprägt wie Uli Hoeneß. Sachen sagen, weil sie stimmen. Nicht danach gehen, ob es jemandem gefällt. Im Gegenteil. Es geil finden, wenn sich alle über dich aufregen. Als DGB-Pressesprecher habe ich mich auf Facebook für den angeklagten Hoeneß ausgesprochen. Zum guten Ton der Gewerkschafter gehörte es, über ihn die Nase zu rümpfen. Gratismut. Wollte ich nie. Brauchte ich nie.

Als Kind habe ich Fußball so geliebt, dass ich den Sport für eine Sünde hielt. Was so viel Spaß machte, konnte Gott einfach nicht gefallen. Mein liebstes Spielzeug war eine Keksdose voll mit Buntstiften. Ich ließ die Grünen gegen die Roten spielen. Gladbach gegen Bayern. Von beiden kannte ich die Startaufstellung auswendig. Obwohl die damals noch nicht eingeblendet wurde – und ich auch noch nicht lesen konnte.

Jetzt mache ich Schluss mit Fußball. Warum? Es ist viel zusammen gekommen. Fußball ist kein Mannschaftssport mehr. In den 80ern prägten einige Spieler den Verein über Jahre. In Mainz wurde Nikolce Noveski zum Kultspieler. Ein bestenfalls mittelmäßiger Innenverteidiger. Aber er war der einzige, der über ein paar Jahre blieb. Der Kader ist nach drei Jahren komplett durchgetauscht. Ich habe keine Lust mehr, mir jedes Jahr zehn neue Namen zu merken. Pro Mannschaft.

Gruselfußball und moralische Schiffsschaukelbremser

Dann bestehen zu viele Spiele daraus, dass zwei Mannschaften versuchen das Spiel zu verhindern. Zu sehen sind stattdessen Versuche, einen Elfmeter rauszuholen. „Er ist nicht überzeugend genug gefallen“ ist das neue „Der anschließende Eckstoß brachte nichts ein.“ Entschieden wird die Partie dann dadurch, wer am überzeugendsten gefallen ist. Moralisch erbauend.

Wobei die Moral ein gutes Stichwort ist: Zum ersten mal darüber nachgedacht, mit dem Fußball Schluss zu machen, habe ich nach einer Partie Gladbach gegen Frankfurt. 60 Minuten erfolgreiche Spiel-Verhinderung, dann ein Tor für Frankfurt, gefolgt von über 30 Minuten erfolgreicher Spielverzögerung.

Gekrönt durch einen Frankfurter, der an der Außenlinie fiel und sich neben dem Feld verletzte. Er robbte sich aufs Spielfeld, um so eine Unterbrechung von mehreren Minuten zu erzwingen. Davon abgesehen, dass das so sympathisch ist wie Anfixen am Hauptbahnhof: Lebenszeit ist begrenzt. Wir müssen alle sterben. Vielleicht nicht in ein paar Monaten, aber doch irgendwann. Will man da am Ende seine Zeit damit verbracht haben, einem solchen moralischen Schiffsschaukelbremser bei der Arbeit zugesehen zu haben? Eben.

Kommerz stört mich nicht. Grundsätzlich. Ich werde weiterhin American Football schauen. Und die Jungs machen das auch nicht gerade ehrenamtlich. Aber es gibt einen wesentlichen Unterschied: Dank Gehaltsobergrenzen erwirtschaften die Teams Gewinne. Die Spieler kriegen nur, was sie auch erarbeiten. Und die Besitzer müssen mit dem Verband kooperieren, sonst sind sie draußen – und machen keine Geschäfte mehr.

Dubiose Geldgeber

Fußball ist ein Zuschussgeschäft. Immer mehr Vereine können nur oben mithalten, weil Mäzene etwas dazu geben. Da haben wir es mit Dietmar Hopp noch vergleichsweise gut. In England gibt es dubiosere Menschen, die dubioseres Geld zugeben. Und wer die Musik bezahlt, wählt sie auch aus.

Den ersten Schritt dahin, mit dem Fußball Schluss zu machen, bin ich schon längst gegangen. Mein Sky-Abo habe ich vor Jahren gekündigt. Zum einen weil ich wenige Unternehmen je als so wenig kundenfreundlich erlebt habe. Zum anderen war es auch ein Abschied vom Fußball. Immer seltener habe ich danach ins Free-TV geschaltet. Einmal zappte ich in ein Pokalspiel. Live-Übertragung. Bayern gegen Dortmund. Als ich umgeschaltet habe, traf gerade Bayern zum 1:0. Ich dachte mir nur: Eigentlich interessiert dich das doch gar nicht mehr. Also habe ich wieder umgeschaltet.

Das war früher anders: In der Bundesliga hat Bayern mal 0:0 gegen Duisburg gespielt. Obwohl sie 20 zu 0 Torchancen hatten. Ich habe vor Wut im Bad eine Scheibe eingeschlagen. Mit der bloßen Hand. Die Narbe am rechten Mittelfinger habe ich heute noch. Nachdem Bayern gegen Manchester das Finale der Champions League vergeigt hat, stand ich eine halbe Stunde nach dem Abpfiff vor dem Fernseher und habe Markus Babbel angebrüllt, der gerade ein Interview gab – und davor  das Spiel mit einem Rückpass über 50 Meter in der Nachspielzeit gedreht hatte.

1996 kämpfte ich um ein privates Anliegen. Bei den (letztlich vergebenen) Versuchen kam ich immer wieder in Ablenkungsgespräche, wie wohl das Halbfinale im Uefa-Cup ausgehen würde. Bayern gegen Barcelona. Dann scheiterte das private Anliegen auf besonders bittere Weise. Ich dachte ernsthaft über den letzten Schritt nach. Aber Bayern gegen Barcelona wollte ich noch sehen. Als die Bayern es überraschend im Rückspiel drehten, habe ich geweint. Als ich ins Bett ging und den Fernseher im Schlafzimmer anschaltete, lief der Schluss von Rocky III. The Eye of the Tiger. Ich machte weiter.

Exklusive Bundesliga

Jetzt mache ich Schluss. Mit dem Fußball. Trotz alledem. Den letzten Kick gab die Entscheidung, als einziges Land neben Weißrussland den Spielbetrieb inmitten einer Pandemie wieder aufzunehmen. Die letzten Tage ging die Debatte noch an mir vorbei. Mit dem Gedanken, dass Brot und Spiele helfen, konnte ich was anfangen. Der Realität ins Auge schauen. Habe ich von Uli Hoeneß so gelernt.

Der letzte Entschluss kam, als ich Mittwoch das Heute Journal sah. Nach all den Beiträgen über Virus, Todesfälle, zweite und dritte Wellen, gefährdete Existenzen und wirtschaftliches Chaos kam der Beitrag über die Bundesliga. Ich hörte nur noch mit halbem Ohr zu, machte mich für den Abendspaziergang mit dem Hund fertig. Abmoderiert wurde der Beitrag mit: Man müsse die Chance sehen. Jetzt werde die ganze Welt Bundesliga sehen, weil ja sonst nichts da sei. Ich esse viel, aber nicht genug, um das Bedürfnis danach stillen zu können, ausreichend zu kotzen.

Ich habe gar nicht mitbekommen, wer es gesagt hat. Es ist mir auch egal. Mit dem Betrieb will ich nichts mehr zu tun haben. Zynismus ja. Aber mit Anspruch. Nicht auf Anfixer-Niveau. Ich mache Schluss mit Fußball, weil das System erst vor die Wand fahren muss, bevor es wieder in gescheite Bahnen kommt. Und passiert das nicht, ist es mir auch egal. Wenn die Geisterspiel-Saison vorbei ist, werde ich mich noch einmal mit dem Thema beschäftigen, durch die Wohnung laufen und singen: „Wer wird Deutscher Meister – Ha, ha, ha – scheißegal.“

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10 Kommentare zu “41 Jahre Fan: Ich mache Schluss mit Fußball

  • #1
    Martin Schmitz

    Ein Artikel, der mir von der ersten bis zur letzten Zeile aus der Seele spricht. Es macht schon lange keinen Spaß mehr und jetzt diese dreiste Anmaßung in Corona-Zeiten…

    Allerdings, eine Sache habe ich ganz anders erlebt 😉 : das 0:0 zwischen Duisburg und Bayern. Da war ich auch 90 Minuten sehr angespannt, aber total glücklich, als wir nach 90 Minuten den Bayern die Meisterschaft verdorben hatten (33. Spieltag 1997/98, K’Lautern wurde dadurch Meister). Die Rache kam zwei Wochen später beim DFB-Pokalfinale im Berliner Olympiastadion…

  • #2
  • #3
    Peter Müller

    Lieber spät vernünftig werden als nie. Es gibt Wichtigeres als Brot und Spiele.

  • #4
    Ulrich Heidemann

    Ich bringe es mal kurz auf den Punkt meine Meinung zu dieser Kackophonie und klaue das Zitat dazu:
    Wer sowas schreibt, hat den Fussball nie geliebt!
    Klar gibt’s da Ansatzpunkte die man diskutieren kann aber es hätte ein Einschreiten der Fifa geben müssen, um weltweit den Fussball wieder in andere Bahnen zu lenken. Das ist nicht passiert. Ich hänge einfach viel zu sehr an meinem Verein und dem Fussball und dem "gemeinsam mit Freunden gucken" und feiern / Leiden, dass ich so reagiere wie du es vorhast. Ich nehme Dir das einfach nicht ab oder Du hast den Fussball nie geliebt.

  • #5
    Onno Quist

    Im Ernst Ulrich? Den Fußball nie geliebt? Schon mal was von enttäuschter Liebe gehört? Das kommt dann dabei raus. Geht mir 100% genauso wie dem Autor. Wat bin ich stolz auf meinen HSV gewesen. Als Fünjähriger mit der Fahne um den Block gefahren, wenn wir gewonnen haben. Hunderte Spiele mitgefahren, alles erlebt. Ich bin fertig mit dem PRODUKT. Für immer.

  • #6
    Rudi

    Ich glaube man kann durchaus den Fußball lieben und das Profi-Fußball-Geschäft verachten. Ich liebe den Fußball, den meine Kinder spielen. Die dürfen jetzt langsam anfangen, mit Abstandsregeln das Training wieder aufzunehmen, während die Profis sich bei Eckbällen mit 21 Spielern im Strafraum tummeln. Die Bundesliga hat mit dem Fußball den ich liebe so viel zu tun wie der Jahresgeschäftsbericht der örtlichen Sparkasse mit einem Roman von Stephen King. Wer keine Kinder hat, denen er zujubeln kann, dem empfehle ich den nächstgelegenen Amateurverein. Auch in der Kreisklasse kann man mitfiebern. Und irgendwann werden die auch wieder spielen. Die Zukunft des Fußballs hängt nicht davon ab, ob die Bundesliga wieder startet, so wie es von Seifert behauptet wurde. Die Zukunft des Fußballs hängt einzig und alleine davon ab, ob es auch nach der Pandemie noch Menschen gibt, die Freude an dem Spiel haben. Und daran habe ich keinen Zweifel.

  • #7
    Gunnar Eckle

    Einige Kommentare vor mir schrieb ein HSVer. Mir als St. Paulianer Ist jetzt auch einfach genug: Fick dich Profi Fußball. Und mein Idol, auch weil er aus meiner Holsteinischen Heimat an der Ostsee Küste kommt, Volker Ippig, FC St. Pauli Torhüter Ikone aus der Zeit vor 30 Jahren sieht das so vor einem guten Jahr: „Fußball war mir schon immer wichtig, aber heute verbindet mich nur noch das Spiel meiner Töchter. Für mich ist das echter Fußball. Mir ist viel mehr wichtig als das, was im Profifußball passieren kann ", betonte Ippig in einem Interview, in dem er auch bedauerte, dass " Millerntor ein Labor war. Zu der Zeit war alles echt. Heute ist es etwas Orchestriertes, Künstliches. Nur der Mythos bleibt übrig. Alles ist viel Nebel » . Denn die Wahrheit ist, dass dem Monster des kommerzialisierten Fußballs leider fast nichts widerstehen kann, nicht einmal die echte Utopie, die die Sankt Pauli verfolgen. In dieser verrückten Welt betrachten viele Volker Ippig als den radikalsten Fußballer der Geschichte. Aber wie er selbst hervorrief,"Jedes Mal, wenn die Medien mich als Unruhestifter bezeichneten, schalt mich mein Großvater. Und wenn ich mich rechtfertigen wollte, sagte er zu mir: "Aber es erscheint in der Zeitung!" »Aber Opa, als du 50 geworden bist, hat die Zeitung gesagt, du hast Kaninchen aufgezogen. Und du züchtest Kanarienvögel! “, Antwortete ich .

  • #8
    Raphael

    Ich finde den Artikel anmaßend und arrogant. Es kommt so rübet, als würde der Autor mitteilen wollen "Sehet her: ich habe die ‚Wahrheit‘ entdeckt und das andere (Fußballgeschäft) ist ethisch schlecht!"
    Es wirkt so, als würde eine Veganer seine Argumente darlegen, wieso Tierprodukte schlecht sind.

    Viele Punkte die aufgezählt wurden, wirken populistisch und übertrieben. Verständlich, wenn Artikel sich solchen Stilmitteln bedienen. Jedoch ist der Autor offenbar ein Anarchist – was mir zuwider ist. Er möchte "das ganze System gegen die Wand gefahren haben". Ausdrücke, die man aus der Politik nur von links- oder rechtsextremen Menschen kennt. Übersehen wird dabei, dass der moderne Fußball, wie er momentan ist, ein wohltäter ist! Ein wohltäter ist er deshalb, weil er durch die Umsetzung der sozialen Verantwortung, die der DFB vorgibt, auf allen ebenen (Kinder, Jugendliche, Integration, Inklusion) viel dazu beiträgt, dass Deutschland ein bisschen sozialer und schöner wird. Wenn Mäzene und Unternehmen Millionen in deutsche Vereine stecken wollen, dann lass sie doch die Saisonziele mitbestimmten oder dergleichen mehr – wenn dadurch gesichert werden kann, dann schöne Projekte wie (nur 1 Beispiel) "Mainz 05 hilft e.V." umzusetzen, ist das etwas, wovon die Gesellschaft profitiert.
    Mit Arbeitsplätzen möchte ich gar nicht erst anfangen. Putzfrauen, Greenkeper oder Verwaltungsfachangestellte würden sich bedanken, wenn "das System gegen die wand" fährt.
    Zudem werden Inland und Ausland in einen Topf geschmissen. Wer das englische oder weißrussische System kritisiert, kann nicht mit den gleichen Argumenten das Deutsche System kritisieren. Der Anschein wird erweckt in diesem Artikel, dass Dietmar Hopp "dubios" sei. Wozu solche Äußerungen im Internet führen, ist bekannt (s. Eklat von Hoffenheim-Bayern).

    In diesem Sinne: für eine Welt mit weniger Populismus.

    LG Raphael

  • #9
    Ulf

    Moin,
    interessanter Artikel. Die Single von Stefan Hallberg & die Westkurvenfans steht bei mir im Plattenregal.
    Eine Anmerkung: Uli Hoeneß, der "Sachen sagt, weil sie stimmen", ist einer populistischen Vorreiter in Deutschland. Und er hat die Kommerzialisierung sehr flott voran getrieben, natürlich zum Wohl der Bayern (siehe Geheimvertrag des FC Bayern mit der Kirch-Gruppe).

    Gruß von Ulf

    https://www.spiegel.de/sport/fussball/neue-bundesliga-affaere-kirch-zahlte-fc-bayern-40-millionen-mark-a-236741.html

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