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73 Prozent für den SPD-Mann. Die Geschichte eines totalen Sieges.

In Bottrop hat Oberbürgermeister Bernd Tischler (SPD) bei der Kommunalwahl über 73 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen können. Eine Spitzenleistung, die in einer Großstadt ihresgleichen sucht. Tischler hat sein persönliches Bestergebnis zudem im Verhältnis zur vorherigen OB-Wahl auch noch einmal um 7 Prozentpunkte steigern können. Ein Sieg, der mit einem Amtsbonus nicht zu erklären ist. Seine Partei, die SPD in Bottrop, konnte nicht mithalten. Sie verlor über 7 Prozentpunkte und kam auf 40,2 Prozent der Stimmen.

Was sind die Gründe für diesen totalen Wahlsieg Bernd Tischlers, der weit über die Parteigrenzen hinausreicht?

Die Analyse ist einfach: im Wesentlichen sind drei Dinge ausschlaggebend gewesen.

  • Bernd Tischler hat sich wie seine ebenfalls siegreichen Amts- und Parteikollegen Frank Dudda in Herne und Thomas Eiskirch in Bochum nicht auf die Landes- oder Bundespolitik konzentriert, sondern hat seine ganze Aufmerksamkeit der Kommunalpolitik geschenkt. Es gibt Ansiedlungen und Erfolge. Das ist in der Stadt erkennbar.
  • Es geht Bernd Tischler – wie Dudda und Eiskirch – um das Machen und Gelingen in ihren Städten. Ideologische Auseinandersetzungen um Gendersternchen oder die richtige Identitätspolitik sind ihm fremd. Er will, dass die Menschen in der Stadt erleben, wie sich ihr Leben konkret und vor Ort zum Besseren wendet. Tischler engagiert sich für die Bürger. Er ist ein Kümmerer, ansprechbar, nah, ehrlich. Das spüren die Menschen.
  • Bernd Tischler hatte mit Abstand die beste Kampagne von allen Bürgermeistern im Ruhrgebiet. Sein Slogan „150 Prozent für Bottrop“ war einfach und traf seinen Wesenskern. Er setzt sich mehr als erwartbar für die Stadt ein – er macht Überstunden und kämpft. Die Menschen haben über Tischlers Kampagne geredet. Sie nehmen ihn ernst und glauben ihm.

Diese drei wesentlichen Tatsachen haben für Tischlers Sieg gesorgt.

Dazu kamen noch ein paar Bottroper Besonderheiten.

  • Die CDU stellte keinen eigenen Kandidaten auf, weil keiner der Konservativen Lust hatte, gegen Tischler anzutreten. Mögliche CDU-Kandidaten wurden mit dem Spruch abgefertigt: „Warum willst Du antreten? Tritt der Bernd nicht mehr an?“ Die CDU gab Bottrop kampflos auf. Entsprechend verlor die CDU über 3 Prozentpunkte und kam nur noch auf 23,9 Prozent.
  • Die Grünen hatten eine schwache Kandidatin aufgestellt, die es weder schaffte, die Gunst ihrer Partei auf sich zu vereinen, noch über die Parteigrenzen hinaus Menschen für grüne Themen zu mobilisieren. Die Grünen-Kandidatin Andrea Swoboda kam auf nur knapp 9,5 Prozent, die Grünen steigerten ihre Zustimmung um über 7 Prozentpunkte auf 12,8 Prozent.

Doch selbst wenn man diese Besonderheiten berücksichtigt, und dafür 8 Prozent als Sondereffekte abzieht, hat Tischler immer noch 65 Prozent. Seine Art des Kümmerns war einfach am überzeugendsten. Daran sollte sich die SPD ein Beispiel nehmen, wenn sie irgendwann einmal wieder Mehrheiten in NRW stellen will. SPD-Fraktionschef im Landtag, Thomas Kutschaty, ging in Essen mit seiner Partei unter.

Nun bleibt die Frage, was Bernd Tischler mit dieser überwältigenden Zustimmung machen wird. Es geht jetzt um sein politisches Erbe.

Ihm stellen sich drei Herausforderungen:

  • Die Umweltprobleme der Bottroper Kokerei müssen in den Griff gekriegt werden. Klappt das nicht, wird sich Bottrops Süden von der SPD dauerhaft abwenden und die Partei wird strategisch in Bottrop untergehen – die Siege Tischlers werden dann nicht mehr auf die Partei einzahlen.
  • Der Verkehr der Autostadt muss Zukunftssicher werden. Der Umbau in eine Rad- und Nahverkehrsstadt steht an. Daran geht kein Weg vorbei, die Klimakrise erzwingt es. Auch wenn es schwer wird.
  • Die Innenstadt muss belebt werden. Auch dafür gibt es nur einen Weg. Die Passantenzahlen in der Fußgängerzone müssen erhöht werden. Gelingt dies nicht, wird eine tote und ruinierte Innenstadt zum bleibenden Bild von Tischlers Erbe, und von 70 Jahren Regierung SPD.

Aufgrund des Arbeits- und Einsatzwillens von Bernd Tischler ist davon auszugehen, dass er  diese Probleme angeht – auch wenn sie noch so groß sind. Das Vertrauen der Menschen hat er jedenfalls, dass er alle Schwierigkeiten meistern kann, die sich ihm in den Weg stellen.

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8 Kommentare zu “73 Prozent für den SPD-Mann. Die Geschichte eines totalen Sieges.

  • #1
    Robert Müser

    Eine Anmerkung zu Beginn:

    "Der totalen Sieg" erinnert mich doch sehr an die Auswürfe eines promovierten Germanisten im 3. Reich, aber egal – die deutsche Sprache hat da beim nächsten Mal bestimmt andere Bezeichnungen über.

    Zur SPD und ihrem Absturz:

    Wenn man sich als Partei auf ziemlich allen Ebenen von Bund, über Land zur Kommune/Kreis von seinem verbliebenen klassischen Wahlvolk entfernt, so verwundert der Absturz in die jetzigen Werte nicht weiter. Das klassische Arbeitermilieu löst sich z.B. immer mehr auf, der Kampf um billigen Wohnraum setzt einem Teil dieser Wählerschaft immer mehr zu, auch scheint sich diese Klientel nach eigener Wahrnehmung in vielen Bereichen in einem Verdrängungswettbewerb zu Zugezogenen zu befinden. Die SPD hatte früher ein Auge dafür, solche Bevölkerungsgruppen noch mitzunehmen, offentsichtlich gelingt ihr dies immer weniger. Die Werte der AfD in manchen Kommunen sind vor diesem Hintergrund zwar erklärbar, aber trotzdem nicht zu akzeptieren.
    Wenn die SPD nicht bald kritisch Teile ihrer programmatischen Ausrichtung hinterfragt, wird es bei den nächsten Wahlen für sie m.E.n. eher weiter in den Keller gehen.

  • #2
    M. Kitzer

    Herr Tischler scheint ja in Bottrop sehr beliebt zu sein. In Kirchhellen bekommen wir wenig davon mit.
    Der Umgang mit dem Fall rund um die alte Apotheke hat jedoch für mich Herrn Tischler unwählbar gemacht. Vor Bekanntwerden des Skandals wude Herr Stadtmann von Herrn Tischler hofiert und alles für ihn möglich gemacht. Nachdem die Machenschaften aufgedeckt wurden, waren das plötzlich alles nur oberflächliche und geschäftsmäßige Begegnungen.
    Leider wurde das Verhältnis OB und Apotheker im Wahlkampf nicht thematisiert. Da hätte man den OB durchaus ins Schwitzen bringen können.

  • #3
    Frau U.

    Haha, köstlich, Tischler interessiert sich nicht für Gendersternchen und Identitätspolitik, sprich er verleugnet das Programm und die Kevinisierung der SPD und gibt sich als Wolf im Schaftspelz, denn natürlich muss er den Unsinn, den das Führungsduo S&N vorgibt (Aufnahme aller Moria Migranten, Verbot des Verbrenners, einfache, gendergerechte Sprache etc.) auch in der Kommune unsetzten. Anscheinend lassen sich die Bottroper noch für dumm verkaufen, währenddessen man in Gelsenmoschee schon bemerkt hat, von wem man verraten wird, mit der wokeness Sekte!

  • #4
    Barbara

    Eine Formulierung wie "der totale Sieg" ist völlig fehl am Platz und mindestens geschmacklos. Sprache schafft Wirklichkeit. Gerade in aufgeregten Zeiten wie diesen wünsche ich mir – insbesondere von Profis wie David Schraven – einen achtsamen Umgang damit.

  • #5
    Angelika (also die Angelika, die schon länger hier als Angelika kommentiert ...)

    "Herr Tischler scheint ja in Bottrop sehr beliebt zu sein. In Kirchhellen bekommen wir wenig davon mit…"#2

    Die in Bottrop, "…wir…" in Kirchhellen … Bei ‚uns‘ im Dorf… Du meine Güte …

  • #6
  • #7
    Matthias Strehlke

    Das Wichtigste hat der Autor allerdings vergessen: Herr Tischler hat lange vor FridaysForFuture in Bottrop den Klimaschutz zur Chefsache gemacht und dabei nie das grellgrüne Mäntelchen umgehängt. Natürlich war es Glück, dass die Stadt Bottrop seinerzeit den Zuschlag für InnovationCityRuhr erhalten hat. OB Tischler ist aber vom Fach und kann den ökologischen Umbau in seiner Stadt glaubwürdig vertreten und gleichzeitig erfolgreich die Fördertöpfe von Bund und Land anzapfen. Im Gegensatz zu zahlreichen anderen SPD Kommunalpolitikern ist er in Sachen Klimaschutz auch für Fachleute jederzeit ein kompetenter Gesprächspartner. Zwischenzeitlich ist sogar die langjährige Klimaschutzmanagerin aus der Nachbarstadt Gladbeck nach Bottrop gewechselt.

  • #8
    Arno Nym

    "SPD-Fraktionschef im Landtag, Thomas Kutschaty, ging in Essen mit seiner Partei unter." Sollte man mehr von wissen, wenn man es als Gegenbeispiel anführen will. Kandidiert hat nicht Thomas Kutschaty, sondern Oliver Kern. Der hat eine Berufslaufbahn von dreieinhalb Jahrzehnten als Jugendleiter, Erzieher, Leiter und schließlich Geschäftsführer von Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen und zuletzt der Arbeiterwohlfahrt. Alles am Ort, mehr Kümmerer geht gar nicht. Es ist sicher so, dass er damit öffentlich nur wenig wahrgenommen wurde, anders als ein Kommunalpolitiker.

    Der Grundgedanke ist sicherlich richtig, doch es fehlt der entscheidende Aspekt der medialen Inszenierung. Überwältigende Wahlsiege erringen all die, die sich vor Ort kümmern und ihr Gesicht dabei in jede verfügbare Kamera halten, so oft sie können. Soweit sich das sehen lässt, sind es ausschließlich Amtsinhaber, die bei Wiederwahlen so erfolgreich sind, weil nur sie die Gelegenheit zu medialer Dauerpräsenz haben.

    Das spricht nicht gegen, aber genau so wenig zwingend für die Qualität der eigentlichen Arbeit. Paradebeispiel ist der ebenfalls "totale Wahlsieger" Thomas Kufen in Essen, der hier nicht beschrieben wird. Der war absolut omnipräsent und strahlt mit seiner Honigkuchenpferdmethode an jedem Tag aus unzähligen Fotos und Videos heraus. Von besonderen Fortschritten, von großen Errungenschaften in der Stadt Essen hat man in diesen Jahren jedoch nichts gehört. Die Selbsterkenntnis ist auch da, der Wahlsieger bekennt sich zu seinen "moderierenden Fähigkeiten".

    Aus dem Gesamtbild kann man eher den Schluss ziehen, dass eine freundlich wirkende Allgegenwart der entscheidende Faktor ist. In der Sache schaden Erfolge nichts, doch es genügt genau so, nicht unangenehm aufzufallen. Das honorieren die Wahlbürger und -innen, und später klagen sie weh, wenn die Stadt antriebslos vor sich hindümpelt.

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