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„Am 9. November fiel die Mauer und ich musste nie wieder Angst haben“

Dietmar Herzog arbeitet bis heute als Lokomotivführer von Dampfloks Foto: Privat

Unser Gastautor Dietmar Herzog lebt in Dresden und erinnert sich an den Tag als die Mauer fiel.

1989 kam der Brief; nicht unerwartet. Das „Wehrkreiskommando“ teilte mit, dass ich im November zu den „Bausoldaten“ der NVA einberufen werde. Während meiner Ausbildung zum Schienenfahrzeugschlosser Anfang der 80er hatte man mir noch nahegelegt, dass ich mich mit der Weigerung, etwas anderes als den 3-jährigen „Ehrendienst“  in Betracht zu ziehen, von meinem Ziel, Lokomotivführer zu werden, eher entfernen würde. In drastischeren Worten. Ich wurde davon nicht entmutigt, hatte ich doch ohnehin vor, Dampflokführer zu werden, eine Berufung, der in der untergehenden DDR nur noch wenige folgten. Zudem ließen Rohstoffkrisen und die allgemein verfahrene wirtschaftliche Lage den Einsatz von  Dampflokomotiven zumindest mittelfristig als gesichert erscheinen.

Und so ließ ich mich nach der Facharbeiterprüfung zum damaligen Bahnbetriebswerk Nossen versetzen, habe ein Jahr den Hof gefegt, bin als Heizer gefahren und wurde 1986 mit zarten 21 Lenzen „Triebfahrzeugführer für rostgefeuerte Dampflokomotiven“ mit der Lizenz „C“, welche zum Einsatz im Streckendienst berechtigte. Ein Jahr später kam der erste Einberufungsbescheid zum sogenannten Grundwehrdienst von 18 Monaten.

Diese Episode wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit nach sechs Wochen abgeschlossen gewesen; Lokführer wurden in aller Regel nach der sechswöchigen Grundausbildung zurück in ihre Dienststellen geschickt um dort halt ihrer täglichen Arbeit weiter nachzugehen. Ich war nicht mutig, ich war nicht in der Opposition, aber ich fand es mittlerweile grundfalsch, in diesem Land, für dieses System Soldat zu werden und so teilte ich mit, dass ich im besten Fall als Bausoldat zur Verfügung stünde. In der Einberufungskommision saßen ein Offizier, eine Schreibkraft und ein Herr im Anzug, der gar nicht versuchte, zu verschleiern, dass er bei der Stasi war. Seine Argumente, Drohungen und vor allem die Informationen, die er über meine Familie hatte, zeigten Wirkung:  Ich hatte Angst. Letztendlich teilte man mit, dass es mit meiner Einberufung nun dauern könnte,  als kleine Rache zog man Bausoldaten in der Regel kurz vor Erreichen des 27. Lebensjahr ein. Nun also der Brief und die Entscheidung, einzurücken oder zu verweigern.

Wehrdienstverweigerer kamen in der DDR zwischen 18 und 22 Monaten in den Knast, pro Jahr ca. 150 Leute, von denen ein großer Teil Angehöriger der Zeugen Jehovas war. Es ist müßig erklären zu wollen, was es bedeutet, diese Alternativen abzuwägen und nicht zu verzweifeln. Ich holte mir Rat im Freundeskreis und kirchlichen Oppositionsgruppen, in denen ich mich seit meiner Jugend bewegte und  in der Enge dieses Landes eine leise Ahnung von Freiheit spüren konnte. Und so gelang es mir, Kontakt zu einem Mann in Berlin herzustellen, der in der Umweltbibliothek  der Zionskirche Berlin aktiv war und Wehrdienstverweigerer in der DDR beriet. Nun hat man den nicht einfach angerufen, dieser Mann war ständiger Überwachung und „Zersetzungsmaßnahmen“ der Stasi ausgesetzt, deshalb fuhr ich mit einem seiner engeren Freunde nach Berlin. Dieses Treffen hatte wider Erwarten nichts, was mich in meiner Situation ermutigte oder mir eine Entscheidung erleichterte. Mein Kontakt war zurückhaltend bis zur Mürrischkeit und gab Informationen mehr als zögerlich preis. Jahre später erfuhr ich, dass er allen Grund dazu hatte: Nach der Einsicht seiner Akte aus der Gauck-Behörde musste er feststellen, dass ein großer Teil der vermeintlich Rat bei ihm Suchenden direkt von der Stasi zu ihm geschickt worden war. Immerhin erfuhr ich, dass 1985 der damalige Armeegeneral alle inhaftierten Wehrdienstverweigerer entlassen hatte und seitdem niemand mehr eingesperrt worden sein soll. Allerdings wurde diese Meldung nie veröffentlicht und war bestenfalls ein Raunen unter der Hand. Das war die Realität in der DDR der 80er, welche noch 1995 von einem deutschen Großschriftsteller  als „kommode Diktatur“ geadelt wurde. Ein Land voller Mißtrauen und Paranoia, ein Land der vorgehaltenen Hand und des Flüstertons. So es in der alten Bundesrepublik eine „bleierne Zeit“ gab, fand im Osten  das Leben gleichsam in der Tiefsee statt;  ohne das Licht, welches eine Zukunft verheißt; ohne die Luft, die man Atmen muss, um Vertrauen  entwickeln und sich sicher fühlen zu können.

Am frühen Sonntagmorgen des1.Oktober 1989 stand ich mit meiner Lok auf einem Nebengleis des Bahnhofs Freital Hainsberg bei Dresden und erwartete mit meinem Heizer einen geruhsamen Rangierdienst um Güterzüge zu bilden. Wir hatten über mehrere Ecken erfahren, dass in der Prager Botschaft „etwas im Gange“ war. Einige Zeit später kam er nur wenige Meter an uns vorbeigefahren, der Zug mit einem Teil der Botschaftsflüchtlinge aus Prag. Fahnen wehten aus offenen Zugfenstern und glückliche Menschen winkten uns zu. Mein Heizer fragte: „Willst Du auch gehen?“  Die Gründe, es nicht zu tun, waren so banal wie entscheidend: Ich liebte es, Dampflok zu fahren und ich hätte um keinen Preis meiner Mutter das Herz gebrochen.

Aber ich schrieb eine Postkarte an das Wehrkreiskommando in Dresden. Ich werde den Wehrdienst verweigern. Am 9.November 1989 fiel die Mauer und  ich musste nie wieder Angst haben.

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2 Kommentare zu “„Am 9. November fiel die Mauer und ich musste nie wieder Angst haben“

  • #1
    thomas weigle

    Eine ganz andere Darstellung findet sich im Zentralorgan der Geschichtsverlierer "Junge Welt":
    "Was mir begegnete war ein aggressiver, teils alkoholisierter Frontstadtmob, der die Mauer mit Vorschlaghämmern und Spitzhacken traktierte…Lynchstimmung lag in der Luft. Durch das Stahlgeflecht der durchlöcherten Mauer sah ich ein Spalier von verängstigt wirkenden Grenzern. Flutlichtstrahler tauchten die Szene in gespenstisches Licht. Rasch suchte ich das Weite." So erinnert sich der heutige Chefredakteur der Leib und Magenzeitung der trauernden DDR-Hinterbliebenen, ein Stefan Huth, der damals in Westberlinvor dem Mauerfall überlegte in die DDR überzusiedeln, wie er missmutig ob der geschichtlichen Ereignisse mitteilt, die seinen Umzug verhinderten.

  • #2
    thomas weigle

    Entlarvend im selben Beitrag auch: "Das Dokument( Westberliner Ausweis, T.W.)-es hatte keinen Bundesadle-, gab mir die Möglichkeit, qua "Mehrfachberechtigungsschein" Visa für die Hauptstadt der DDR zu beantragen. Das reduzierte den obligatorischen Valutaumtausch von 25 auf 5 DM. Ich nutzte das ausgiebig…"
    Dass dieser Rächer der DDR- Enterbten und Entrechteten sich nicht mal ansatzweise fragt, wieso bundesdeutsche Arbeiter, Arbeitslose, Rentner Studenten u.a. 25 DM pro Tag zwangstauschen mussten und keinen "Mehrfachberechtigungsschein" bekamen, passt in das Bild derer, die bis heute den Untergang der DDR als "Sieg der Konterevolution" bezetern.

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