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Assmann, Mbembe & Co: „Blinde Lässigkeit“

Jan und Aleida Assmann anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 2018 Foto: Martin Kraft (photo.martinkraft.com) Lizenz: CC BY-SA 3.0

Früher setzten Widersprüche Einsichten frei, heute setzt es Friedenspreise. Seit sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in Händen hält, hat Aleida Assmann etwas gegen Bücher. Nicht gegen ihre eigenen, gegen die von anderen, sie sammelt Paradoxien: Morgens die Meinungsfreiheit verengen und abends über die „Verengung von Meinungsfreiheit“ klagen, solche Sachen. Blick in eine Widersprücheklopferei, frühes 21. Jahrhundert, Teil (I). Von unserem Gastautor Thomas Wessel.

Vor zwei Jahren hatten Aleida und Jan Assmann gemeinsam den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegengenommen und Aleida Assmann die Gelegenheit wahr, ein Lob auf Bücher anzustimmen, wörtlich:

  „Kulturen überschreiten Grenzen durch den Import und Export von Büchern, durch Übersetzungen, Aneignungen, Umdeutungen. Durch Kontakt mit anderen Kulturen verwandeln sie sich, gehen ineinander über, inspirieren und modifizieren sich gegenseitig. Sie lassen sich weder stillstellen noch in nationale Grenzen einsperren …“

16 Monate später fordert sie eben dies: ein Buch stillzustellen, es weder umzudeuten noch zu verwandeln, sondern gar nicht erst zu drucken. Adressat ihrer Faktura war der Suhrkamp-Verlag, Assmanns Begründung:

  „Anders als in der DDR herrscht keine Zensur mehr, Kunst- und Meinungsfreiheit sind in der Demokratie ein Bürgerrecht.“

Das ist die paradoxe Figur, die Assmann gerne fliegt, sie verteilt Zensuren, weil es keine Zensur mehr gibt. In diesem Fall ging es um ein Buch von Uwe Tellkamp, das kein Mensch je gelesen hat, auch Assmann nicht, das Buch ist nicht einmal fertig geschrieben, sie aber weiß, es sei ein „Brandbeschleuniger“. Und spoilert in der WELT:

  „Inzwischen hat Tellkamp die Seiten gewechselt. Aus dem Aufrechten ist ein Rechter geworden. Mit seinem neuen Roman wird der Autor selbst zum Widerstandsaktivisten und mobilisiert gegen den demokratischen Rechtsstaat des wiedervereinigten Deutschlands.“

Und dann fordert Assmann, eben noch vom Buchhandel geehrt, Suhrkamp öffentlich auf, einen Autoren aus dem Haus zu werfen und dessen Werk in die Tonne:

  „Bestseller hin, Bestseller her, hier steht das Renommee eines wichtigen deutschen Verlags auf dem Spiel.“

Mit Büchern handeln, die es nicht gibt? Die Empfehlung ist paradox, kurz darauf wird sie zur Aporie, Assmann teilt mit:

   „Frieden kann nur durch gegenseitigen Respekt erreicht werden“

und zwar gerade da,

  „wo kritischer Dialog notwendiger denn je ist.“

Also doch Respekt für Uwe Tellkamp, den Literaten? Keineswegs, Assmanns Forderung gilt nicht ihr selber, auch nicht Suhrkamp, sie ist an Merkel adressiert, Assmann zählt zu den 60 Kultur- und Wissenschaffenden, die einen Offenen Brief an die Bundeskanzlerin unterschrieben haben. Wieder geht es um ein Buch, das ihr mißhagt, diesmal ist es eines von Arye Shalicar, vor zwei Jahren erschienen, ob sie es je gelesen hat? Assmann weiß, das Buch, sei

  „nicht faktengestützt“,

es zeige aber

  „paradigmatisch die zunehmend auch in Deutschland wirksame Strategie der israelischen Regierung, jegliche Kritik der … Siedlungspolitik zu brandmarken“.

Und dann gleich wieder die assmannsche Aporie:

  „Wir erwarten den konsequenten Schutz der Meinungsfreiheit …“

Auch für die Lüge, die der Offene Brief verbreitet? Dass Shalicars Buch von der Bundesregierung gefördert sei? Namentlich von Felix Klein, dem Beauftragten für den Kampf gegen Antisemitismus? Die Behauptung ist, freundlich formuliert, „nicht faktengestützt“, Shalicars Verlag reagierte entgeistert, aber nun ist die Unwahrheit in der Welt, sie ist  –  so Assmann in ihrer Friedenspreisrede, sie gibt Karl Jaspers wieder  –  die Unwahrheit ist

  „das eigentlich Böse, jeden Frieden Vernichtende“, sie reiche „von der Verschleierung bis zur blinden Lässigkeit, von der Lüge bis zur inneren Verlogenheit, von der Gedankenlosigkeit bis zum doktrinären Wahrheitsfanatismus …“

… und weiter in den Brief hinein, den Assmann unterzeichnet hat. Im Gedankengang dieses Briefes allerdings kommt dieser Unwahrheit eine entscheidende Funktion zu: Sie dient als Beleg  –  als einziger  –  für eine angebliche Strippenzieherei der israelischen Regierung, die Felix Klein ins Geschirr gelegt habe, um die „Unterdrückung legitimer Kritik“ an ihr voran zu bringen. Die vermeintliche „Förderung der Publikation“ von Shalicar sei, so Assmann,

  „ein Beispiel, welches menschenverachtende Ausmaß solche Aktivitäten annehmen können“.

Sie schreibt es wirklich: Die Förderung eines Buches sei menschenverachtend. Was geht in Köpfen vor, die derart jedes Maß verlieren? Hier eine Passage aus einem Interview, das der DLF mit Assmann geführt hat, sie behauptet darin ein

  „Muster, eine Spur der Verengung von Meinungsfreiheit“,

die Felix Klein gezogen habe und die sie, Aleida Assmann, auslesen könne, wörtlich:

  „Mit diesem Offen Brief an Angela Merkel wird eine ganz deutliche und enge Allianz, Verknüpfung aufgedeckt oder gezeigt, und das ist eben die Verbindung von dem Shalicar, diesem Autor mit dem Buch ‚Der neu-deutsche Antisemit‘, der in Israel im Informationsministerium angestellt ist. Das Buch kommt hier an, und es ist alles sozusagen zeitgleich auch mit der Einsetzung des Antisemitismus-Beauftragten, der eine ganz enge Verbindung nach Israel hat. Also ich sehe da eine sehr enge politische Verbindung zwischen dieser neuen Konstruktion auf der einen Seite und Interessen in der Regierung in Jerusalem selbst.“

Es hat etwas Beschwörendes, wie sie eine „ganz deutliche und enge Allianz“ anruft, eine „Verbindung“, die „eine ganz enge Verbindung“ wird, die „eine sehr enge politische Verbindung“ wird und am Ende in einem Buch besteht, das, als es noch verfügbar war, bei Amazon auf Platz 31 935 rangierte.

Deutlicher noch als Assmann führen solche Bedeutungsmunkelei Bascha Mika und Micha Brumlik vor, Brumlik hat wie Assmann den Offenen Brief unterschrieben, Mika mimt die Stichwortgeberin, es gibt nicht eine kritische Nachfrage von ihr, sie setzt stattdessen die nächste Lüge in die Welt:

  „Shalicar berät den Mossad, das ist kein Geheimnis. Gleichzeitig wird er bei seiner publizistischen Arbeit von der Bundesregierung unterstützt. Heißt das, der israelische Geheimdienst nimmt auf diesem Wege Einfluss auf die Debatte in der deutschen Öffentlichkeit?  –  Micha Brumlik: Indirekt ja. Der Antisemitismus-Beauftragte hat eine Lesereise durch Deutschland von Shalicar unterstützt.“

Der Mossad organisiert jetzt Lesereisen, die „deutsche Öffentlichkeit“ wird manipuliert … Vielleicht muss man, was Aleida Assmann in ihrer Preisrede erklärt hat, als Strategie verstehen: Öffentlichkeit, so Assmann, sei eben

  „eine Kampfzone, in der sich die Wahrheit unablässig gegen die Unwahrheit behaupten muss“.

Um hier nur 1 Wahrheit gegen Assmanns Unwahrheit zu setzen: Die Bundesregierung und die EU fördern tatsächlich Bücher millionenschwer und seit Jahrzehnten, nämlich palästinensische Schulbücher, die knallhart antisemitisch zum Terror gegen Juden anleiten. Erst in letzter Zeit, Kleins Amtszeit, ringt sich Europa zu sanften Reklamationen durch.

Für Aleida Assmann, die Büchern eine enorme Macht zutraut, sind derlei Bücher kein Thema bisher, ihr Schweigen darüber ist repressiv. Öffentlichkeit hingegen  –  jetzt wieder ihr Selbstwiderspruch, an diesem Punkt ihrer Friedenspreisrede gibt man ihr gerne recht  –  „ist das Gegenteil eines repressiven Schweigens“.

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4 Kommentare zu “Assmann, Mbembe & Co: „Blinde Lässigkeit“

  • #1
    Werntreu Golmeran

    Es ist schon ein wenig unverständlich, wieso Frau Assmann ihrer Eitelkeit erliegt und auf die Anfrage der WamS überhaupt antwortet. Dass sich der Suhrkamp Verlag und Herr Tellkamp nicht erst in den letzen Wochen entfremdet haben, liegt offen zutage. Es wäre für mich daher sehr nachvollziehbar, wenn die beiden ihre Zusammenarbeit beenden würden bzw. wenn der Suhrkamp Verlag auf ein Ende drängen würde.

    Ich kenne natürlich den Roman auch nicht, aber die Inszenierung Tellkamps als verfolgter Schriftsteller, der sein letztes Buch ja auch nicht im Suhrkamp Verlag hat erscheinen lassen, sondern im "Exil"-Verlag von Frau Dagen, zeigt doch recht deutlich, dass Herr Tellkamp in ziemlich trüben Wassern fischt.

    https://antaios.de/buecherschraenke/reihe-exil/

    Frau Dagen, die einmal eine sehr engagierte Buchhändlerin war, ist irgendwann 2017 mit ihrer "Charta 2017" irgendwo rechts abgebogen und nicht gemerkt, dass sie zu weit gefahren ist. Und Herr Tellkamp ist wohl bereit, diesen Weg zumindest ein Stück mitzufahren.

    https://www.youtube.com/watch?v=G4tLBfcNfGM

    Er ist da ja nicht allein. Lengsfeld, Maron etc.

    https://www.youtube.com/watch?v=FFGhTmZmtec

    Wenn der Suhrkamp Verlag seinen Vertragspartner Tellkamp nund die Gretchenfrage stellt, "wie hältst Du’s mit der sogenannten Suhrkamp-Kultur", dürfte die Antwort nicht schwer zu erraten sein.

    Herr Landgrebe vom Suhrkamp Verlag wird Herrn Tellkamp dabei sicher auch vorhalten, dass seine neue Zweit- "Verlegerin" Dagen nicht nur mit Frau Kositza einen – zum Glück wenig gesehenen – Youtube-Channel unter dem Titel "Aufgeblättert.Zugeschlagen–Mit Rechten lesen." betreibt, vor allem wird er ihn fragen müssen, ob er sich eher der Gesellschaft mit Hesse, Benjamin, Brecht oder James Joyce zu Hause fühlt oder im lauschigen Buchhaus Loschwitz von Frau Dagen, die zusammen mit Frau Kositza den "Verfolgten" Schootingstar der Identitären, Martin Sellner, unter dem Pseudonym Robert Wagner eine Bühne bietet.

    https://www.youtube.com/watch?v=8DZmX6kfKG0

    Frau Assmann ist da eigentlich nebensächlich.

  • Pingback: Assmann, Mbembe & Co: „Eine Art Philosophie des Terrors“ | Ruhrbarone

  • #3
    Thomas Wessel

    Tellkamp erzählt politischen Mist, schon klar, Literatur ist aber kein Parteiprogramm. Ob Suhr- dem Tellkamp die Tür weisen sollte, dafür gibt es ästhetische Maßstäbe, wie Suhrkamp sie an alle Autoren anlegt. An Martin Walder beispielsweise, die Geschichte in Kürze:

    Suhrkamp hat, Jahre her, „Tod eines Kritikers“ veröffentlicht, NACHDEM die faz es für alle Zeit verrissen hatte. Es gab heftige Debatten, und Walser – nach seiner Rede zum Friedenspreis 1998 zurecht unten durch – wechselte irgendwann zu Rowohlt, was ja nun kein „Kultur“-Wechsel ist, und dann hat er dieser langen und für viele tief schmerzhaften Auseinandersetzung einen tieferen Sinn abgerungen, den er aber eben nicht in ein politisches Statement gegossen hat, sondern in ein literarisches:

    https://www.juedische-allgemeine.de/politik/walsers-spaete-wende/

    Seitdem hab ich einen stabilen Respekt vor Martin Walser, und von solchem Respekt kriegen andere heute einen Kredit. Warum nun aber eine Professorin für Literatur eine solche Erinnerung daran, wie Literatur politisch agieren und was sie bewirken kann, derart blasiert ignoriert (es geht ums selbe Thema!) und stattdessen den Rauswurf ihres Verlagskollegen fordert … Mich wundert es, dass nicht gesamte Branche auf die Palme geht. Es hat sich etwas verändert.

  • #4
    Johannes Schumann

    Es ist ja immer eine Frage, wie substantiell Kritik ist. Kritik an Walser war berechtigt, speziell sein Buch "Tod eines Kritiker", wo es unverblümt um Reich-Ranicki geht. Aber die Kritik gegenüber Shalicar und Tellkamp ist von wenig Substanz. Im Falle von Shalicar ist das ja noch ein Euphemismus: Die Kritik an ihm und seinem Buch bedient sich antisemtischer Denkmuster.

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