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Assmann, Mbembe & Co: „Eine Art Philosophie des Terrors“

Achille Mbembe Foto: Heike Huslage-Koch Lizenz: CC BY-SA 4.0


Setzt es Friedenspreise, setzt Aleida Assmann den Frieden um: Morgens den Rechtsstaat beschimpfen, mittags den Terror beschweigen und abends Achille Mbembe loben, den Troubadix des Terrors. Blick in eine Widersprücheklopferei, frühes 21. Jahrhundert, Teil (II). Von unserem Gastautor Thomas Wessel.

In jeder besseren Preisrede hieß es früher, der Antisemitismus käme aus der Mitte der Gesellschaft, heute drängt alles in eben diese Mitte. Soll man darauf hoffen, dass der Hass auf Juden gerade jetzt, wo er Zulauf kriegt von allen Seiten, in Randzonen flüchtet? Vor zwei Jahren hatte Aleida Assmann den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegengenommen und bei dieser Gelegenheit die „Unabhängigkeit des Rechts“ herausgestellt, sie zähle zu den „unstrittigen Überzeugungen“, die eine Gesellschaft tragen. Und ist zugleich das, was Assmann, kommt es ihr zupass, kurzerhand bestreitet:

In dem „Offenen Brief“, den sie zusammen mit anderen Kultur- und Wissenschaffenden an Merkel adressiert hat, erklärte sie, das Kammergericht Berlin folge weniger dem Gesetz als einer „Stimmung“, die Felix Klein geschaffen habe, der nämlich pflege einen

  „gesetzlich unfundierten Gebrauch des Antisemitismus-Begriffs, der auf die Unterdrückung legitimer Kritik an der israelischen Regierungspolitik zielt“

und darum auf sie, Aleida Assmann, sie leide unter

  „Brandmarkung, Einschüchterung und Angst. In dieser Atmosphäre wundert es nicht, dass das Berliner Kammergericht“ eine Klage gegen ein Buch von Shalicar „zurückgewiesen hat.“

Hinter allem aber steckten, so suggeriert es Assmann wenig diskret, „Interessen in der Regierung in Jerusalem“. Die hier, so muss man es sich wohl vorstellen, an Stimmungen dreht, als zöge sie an Strippen. Die „Unabhängigkeit des Rechts“, eben noch „unstrittige Überzeugung“, gibt Assmann auch bei anderer Gelegenheit preis: Mitte Juli meldete sie sich in der FAZ zu Wort mit einem dramatisch emotionalisierten Text, in dem es erst mal um sie selber ging: um ihre Ohnmachtsgefühle angesichts des „Elends der Welt“, dann um ihre eigenartige Fixierung auf das kleine Israel („es gelingt mir nicht … wegzuschauen“) und schließlich um das, was sie tun „muss“. Und anschließend schildert sie was? Einen Terroranschlag an einer Bushaltestelle, einem Café, einer Diskothek? Einen jahrzehntelangen Rechtsstreit in Israel, den eine wohlhabende palästinensische Familie verloren hat. Der Fall  –  er ging durch sämtliche Instanzen  –  ist mindestens kompliziert, er ist es nicht für Assmann, ihre Quelle: 1 Blog. Den lässt sie behaupten, das Recht in Israel sei „manipuliert“. Von wem? „Von der Regierung, den Siedlern und Gerichten“. Für Assmann, Professorin für Literaturwissenschaft, ist das evident, sie erklärt:

  „Israel hat etwas zu verlieren, und das ist sein guter Ruf als Rechtsstaat“.

Und jetzt wieder der assmannsche Flug in die Aporie: Den guten Ruf von Achille Mbembe verteidigt sie mit Vehemenz, jenem Mbembe, der ausdauernd ist darin, den liberalen Rechtsstaat zu denunzieren, ein Beispiel nur: Im Düsseldorfer Schauspielhaus erklärte der Historiker (ab 28:30), der Holocaust dauere an, es habe noch nie so viele Lager gegeben wie heute, und dann setzte er unwidersprochen Auschwitz mit Gefängnissen gleich und also den Terrorstaat mit einem Rechtsstaat, Judentum mit Kriminalität usw., mehr Relativierung geht nicht:

  „We thought we have dealt with it, with the Holocaust, that it was over, that we have burried the camp. No, we haven’t burried the camp, we have never had as many camps as we have today in the planet. And most of them in Europe. There are here in Europe.”

Diese totale Maß- und Maßstabslosigkeit   –  Ijoma Mangold hat sie „die Rhetorik des moralischen Maximalismus“ genannt  –  legt es logisch nahe, auch jeden Widerspruch rhetorisch zu totalisieren. Mbembe tut es, er verklärt den Terror: In seinem Aufsatz „Nekropolitik“ behauptet er, der Selbstmordattentäter  –  er bezeichnet ihn als „Märtyrer“  –  arbeite im „Zeichen der Zukunft“, die er „authentisch antezipieren“ könne, weil der Tod der „Vermittler der Erlösung“ sei, aber eben nicht der eigene Tod im stillen Kämmerlein, sondern der vieler anderer, es müssen Zivilisten sein, weshalb sich so ein „Kandidat fürs Martyrium“ Opfer suchen müsse an „der Bushaltestelle, dem Café, der Diskothek …“

Alan Posener hat das bizarre Zeugs hier en détail beschrieben, er zählt die Preise und Einladungen auf, die Mbembe für sowas erhält und fragt,

  „warum jemand, der Selbstmordattentate gegen Juden und Jüdinnen als ‚Erlösung‘ feiert, seinerseits von der deutschen Elite gefeiert wird“. 

Vielleicht  –  und diese Antwort deshalb, weil sich Mbembe gern auf Hannah Arendt beruft, ich denke sehr zu Unrecht   –  weil dieser Flirt von Elite und Terror sich dem anähnelt, was Arendt als „Bündnis zwischen Mob und Elite“ in den Blick genommen hat, ein Bündnis, das weniger geschmiedet wurde als dass es ineinanderfloss:

  „Was die Elite ansprach, war Radikalismus als solcher.“

Man feierte sein Gefallen an Gedichten, die  –  so wie heute Mbembes Elogen auf den Terror  –  „dem Krieg, dem ‚Reiniger‘ und ‚Erlöser‘ als solchem“ galten, feierte ein ästhetisches „Prahlen mit Grausamkeit“, während man „öffentlich mit Tugenden prunkte“, und begann insgeheim, sich nach der reinen Tat zu sehnen, ihrer „brutal-reinen Notwendigkeit“. In solchem Gemenge entstand die Verklärung des Terrors, die, so Arendt,

  „Vorliebe für terroristische Aktionen, die allen anderen Arten politischen Handelns als überlegen gelten. Terroraktionen stehen nicht mehr im Dienste einer so oder anders gearteten Politik, sind nicht mehr die ultima ratio politischen Handelns (…) Was die intellektuelle Elite wie den Mob zum totalitären Terror verführte, war vielmehr der Umstand, dass es sich um Terrorismus im wahrsten Sinne des Wortes handelte, um eine Art Philosophie des Terrors. Terror war zum Stil politischen Handelns überhaupt geworden, ein Mittel, sich selbst, den eigenen Hass und ein blindes Ressentiment auf alles Bestehende auszudrücken. Er war eine Art Bombenexpressionismus, und seine Anhänger waren durchaus bereit, mit ihrem Leben für einen gelungenen Ausdruck ihres Selbst … zu bezahlen.“

Soweit sind wir heute nicht … und doch gehen Terror und Selbstexpression auch heute Hand in Hand: Ein Killer wie Andreas Baader hat es zur Kunst-Ikone geschafft, ein Killer wie Balliet versucht, sich wie ein Baader in Szene zu setzen usw., offenbar hat Arendt richtig gesehen, dass, wenn eine Kulturelite mit totalitärem Denken flirtet, „ihre Amoralität mit großer Anstrengung offene Türen einrennt“.

Wird Mbembe deshalb so verbissen verteidigt? Weil er so wundervoll expressiv ist und, so Ijoma Mangold in der ZEIT, „repräsentativ für ein ganzes politisch-akademisches Milieu“? Ein Denker, dessen „unerbittlicher Antiliberalismus“ einher gehe damit, dass er „geradezu um sich schlägt, sowie es um Israel geht“? Assmann hat keinen Millimeter Distanz erkennen lassen bisher, und so fragt man sich beklommen, wie sie die Widersprüchlichkeit ihrer öffentlichen Interventionen wohl einmal auflösen wird. Ihre Attacke gegen Felix Klein gibt da insofern einen Ausblick, als sie  –  ist es Projektion, wird es Strategie?  –  haargenau das ist, was sie Felix Klein vorwirft, wörtlich:

  „ein Ablenkungsmanöver, das ist falsch ausgedrückt, eine Umlenkung der wirklichen Aufmerksamkeit“.

Was aber, sollte der Antisemitismus der Mitte, in der sie steht, tatsächlich keine Aufmerksamkeit mehr erfahren? Weil diese Art zu hassen zur Philosophie geadelt worden ist, zum modischen Style am kalten Büffet? Weil der Stilden Mbembe vorführt, „zum Stil politischen Handelns überhaupt geworden“ ist? Was unterscheidet Mbembe von Trump? Und was Balliet von Baader? Wie findet sich in einer solchen Welt, in der unstrittige Überzeugungen in aller Öffentlichkeit mit großer Geste drangegeben werden, jemand zurecht, deren öffentliche Präsenz in einem äußerst scharfen Kontrast zu ihrer politischen Hilflosigkeit steht?

Ihre Friedenspreisrede jedenfalls hat Aleida Assmann mit einer „Perspektive des Friedens“ beendet. Das Exempel, an dem sie diese Perspektive statuiert, ist  –  wundert es noch –  „das Westjordanland, das von Israel besetzt“ sei, sie übt sich gleich an Hebron, höchster Schwierigkeitsgrad, und löst die Aufgabe leichthin:

  „Als palästinensisch-israelisches Erbe könnte sich die Altstadt von Hebron von einem Ort der Gewalt und des Terrors in einen Ort der Annäherung und des Friedens verwandeln …“ 

Und wenn nicht? In Hebron, 200 000 Einwohner, leben 800 Juden.

Mehr zu dem Thema:

Teil I: Assmann, Mbembe & Co: „Blinde Lässigkeit“

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