Review: Datashock – HD_Trailer

Eine neue Datashock ist da. Es gibt also wieder bisher unbekannte Aspekte der Welt der Freaks aus Saarlouis zu entdecken – wie in einer Comicbuchreihe. Wird auch nach 30 Releases nicht langweilig, die Geschichte.

Die auf dieser Veröffentlichung achtköpfige Gang schraubt unsere Ohren gemächlich kratzend und sägend in die Platte, die diesmal mehr nach Free Improv klingt als die direkten Vorgänger. Das liegt nicht an einer grundsätzlich anderen Herangehensweise der Musiker. Mehr oder weniger improvisiert sind die Konzerte und Platten der Shocks ja immer, aber diesmal mit weniger repetitiven Rockparts. So ist es eben passiert in der Session, die im Dezember ’14 in der Oettinger Villa in Darmstadt mitgeschnitten wurde.

Titel wie Cloudkraut Kaut Krautcloud (dem zwölfminütigen Höhepunkt der Platte) spielen in bewährter Weise mit den Erwartungen der Konsumenten. Auch das ist Teil der ganz eigenen Sprache, die Datashock in den vergangenen 13 Jahren für sich gefunden haben. Aber auch bei noch so viel Ironie und Postironie, die in Titeln, Artworks und Gebaren der Gruppe steckt, wohnt der Musik doch stets eine gewisse Ernsthaftigkeit inne. Die Stücke sind Reflexionen aus dem beschädigten Leben, die trotz aller Distanziertheit in ihren psychedelischen Ausbrüchen auch Gegenentwürfe anbieten – wenigstens für den Moment.

Datashock gelingt immer, auch diesmal. Und obschon das Teil bereits seit fast zwei Monaten draußen ist, gibt’s noch Vinyl zu kaufen.

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Review: Micromelancolié – External Sources

Robert Skrzyński alias Micromelancolié macht Beats voller Drones und Field Recordings unter Anwendung diverser analoger und digitaler Techniken.

Die Stücke auf External Sources bewegen sich zwischen Glitch und dekonstruiertem Ambient, erinnern aber auch immer wieder an Leftfield- oder Indierap-Sachen von 2econd Class Citizen oder Glen Porter. Im Gegensatz zu vielen Beattüftlern ist Skrzyńskis Stücken aber eine recht hektische Dringlichkeit inhärent. Anders gesagt: Er ist ziemlich unentspannt, weil die Droneflächen seines Albums immer wieder bewusst durch Claps und Klicks gebrochen werden. External Sources bewegt sich in der Ästhetik seiner Collagen ein wenig in Richtung Postinternet, bleibt dafür aber zu vielschichtig.

Eine schizophrene, eigentümlich nostalgische Kassette, spannend anzuhören.

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Review: Andrew Pekler – Tristes Tropiques

1935 reiste der Ethnologe Claude Levi-Strauss in die brasilianischen Wälder. Er hatte die Nase voll von schnöder Theorie. Sein Reisebericht „Traurige Tropen“ beschrieb nicht nur die indigenen Völker die er vor Ort vorfand, sondern kritisierte auch die Methoden und Auswirkungen der Wissenschaft, die er in Europa zurückgelassen hatte. Andrew Peklers Album heißt nicht nur wie jener Reisebericht, es ist quasi die Vertonung einer optimistischen Sicht auf die Wildnis.

Auf einem Teppich aus Zirpen und Zwitschern tastet sich Pekler in den Regenwald vor und spielt sich im Laufe seiner Reise geradezu in einen exotischen Rausch, zur Mitte des Albums durchleben wir psychedelische, repetitive Stellen, die von Trommeltänzen indigener Tänzer inspiriert sein mögen. Klar, die Ethnowolke hängt über dem ganzen Projekt – aber Andrew Pekler löst die Tropen-Abenteuer aus einer Dokumentation oder gar einem Ablatsch klar heraus und führt uns in eine assoziative, magische Welt. Das schönste Stück ist das elfminütige Theme From Tristes Tropiques / Avian Modulations / Life In The Canopy an vorletzter Position, in dem wir nunmehr ganz im Dschungel angekommen sind – eine lebendige und zugleich friedliche Stimmung liegt in allen Geräuschen. Werner Herzog hätte vermutlich kein Verständnis.

Tristes Tropiques lässt dem Fremden das Exotische, gemeindet es durch seine Synthetisierung aber zugleich unserem Kulturkreis ein – und auch unseren Hörgewohnheiten. Eine schöne, nicht-banale Aufnahme und unbedingt im Ganzen zu sich zu nehmen.

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Review: Frank Dommert – Kiefermusik

Kiefermusik von 1990 ist kein Album, das besonders schwer zu finden wäre. Trotzdem ist es schön dass es jetzt eine Neuauflage gibt, weil die den Fokus mal wieder auf die frühe Kölner Elektronik und den „Noise of Cologne“ lenkt.

Seite A schwurbelt sich in die Ohren wie ein dystopischer – aber durchaus nicht schlecht gelaunter -Traum. Ein bisschen ist es, als würden Echos von Bruce Naumans Clown Torture durch die Gewölbe der Kiefermusik hallen. Von dort gräbt sich die Musik mit dem Hörer unter einiger Anstrengung durch dichte Erdschichten hinauf in den Kölner Straßenverkehr. Dort – nunmehr auf der B-Seite – geht es mit deutlichen Anleihen bei Industrial und Music Concrete auf einen surrealen Trip. Mehrmals flicht Dommert Jahrmarktmotive ein, die die umgebenden Klangwelten umso mehr zum Zufluchtsort werden lassen. Eine humorvolle und zugleich spannende Platte.

In Kiefermusik kulminierte Dommerts Schaffen der achziger Jahre, in denen er rund um sein Label Entenpfuhl mit allerlei tollen Leuten nicht weniger tolle Projekte gemacht hatte (darunter H.N.A.S.). Die Platte blieb seine einzige Soloveröffentlichung. Einige Wirkung haben seine Arbeiten bis heute, allerdings noch am wenigsten in Deutschland. Wie so oft auch hier ein Qualitätsmerkmal.

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Video: Buriers – A Lesson In Skinning Goats

Heute hat die Londoner Alt-Rap/Folk-Gruppe ein neues Video zum Album To Speak Of One’s Own Pride veröffentlicht.

Buriers geben ihren poetischen und oft düsteren Songs Zeit zur Entfaltung einer fragilen Schönheit. „No hope for folk singers these days“…. Es ist eine traurige, ätherische Romantik in den Liedern der Gruppe. Melodien tauchen nicht bloß als Hook auf, die vermeintlich verschiedenen Genres Rap und Folk fließen wie von selbst ineinander. Das Ergebnis ist ein getragenes aber völlig unprätentiöses Statement gegen die Zumutungen des Alltags, gegen die Einsamkeit und das Älterwerden. Weder schlichte Folk-Introspektion noch Rap- oder Popderivat. Etwas Eigenes.

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Review: Masayoshi Fujita & Jan Jelinek ‎– Schaum

Im Schaum ordnen sich die Komponenten zu einem harmonischen Chaos, und das ist auch dem Ambient-Duo Fujita und Jelinek gelungen. Was auf dem Debutalbum noch Interaktion war, ist jetzt gemeinsamer Ausdruck.

Der flüssige Klang mag auch dem Umstand geschuldet sein, dass Jelinek diesmal viel intensiver mit den Basistracks nachgearbeitet hat. Schaum ist natürlich ein HiFi-Erlebnis, aber ein wesentlich unpathetischeres als im heutigen Ambient-Mainstream üblich. Das liegt an den kleinen Brüchen und unprätentiösen Dissonanzen und bestimmt auch an der Vorliebe von Fujita und Jelinek für Improvisation sowie der technischen Verspieltheit der Protagonisten. Die ist natürlich am offensichtlichsten in den raffinierten Modifikationen von Fujitas Vibrafon zu erkennen.

Bildlich führen uns die vielen kleinen Geschichten auf Schaum, dem im Titel versprochenen Aggregatzustand entsprechend, in Gefilde mit hoher Luftfeuchtigkeit. Davon abgesehen lässt die Platte trotz aller Dichte schier unbegrenzten Interpretationsspielraum. Toll!

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Experimente und Abenteuer beim Shiny Toys Festival im Ringlokschuppen

Shiny Toys (philosophische Spielzeuge) heißt das bedeutendste audiovisuelle Festival der Region. Am Samstag findet es wieder im Mülheimer Ringlokschuppen statt. Der lange Abend ist in diesem Jahr der „zeitbasierten Experimentalkultur“ gewidmet, darunter versammeln sich Lichtkünstler, Avantgarde-Musiker und vor allem Künstler die beide Richtungen verbinden.

Mit dabei ist das größte und wildeste Jazz-Orchester des Landes The Dorf, der tunesische Künstler Aymen Gharbi, die Improvisations- und Krautrock-Legende Limpe Fuchs und viele andere mehr. Das britische Duo Sculpture veröffentlicht zum Festival eine Zoetrop-Platte – bedeutet: Auf der Picture-Schallplatte läuft ein kleiner Film ab. Schwer zu erklären, leicht zu verstehen – man muss es nur sehen und hören. Am Samstag ab 18 Uhr im Ringlokschuppen Ruhr. Tickets kosten zwischen 5 und 12 Euro.

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Dokumentation über Tony Conrad in Mülheim

Im Mülheimer „Zentrum für Kunst und Technik“, dem Makroscope, wird am kommenden Mittwoch der Film Tony Conrad: Completely in the Present gezeigt. Es geht um das bahnbrechende Leben und Werk des legendären Künstlers und Musikers. Heute feiert der Film UK-Premiere in der Londoner Tate Modern. In Mülheim ist er als „special preview screening“ zu sehen. Der Regisseurs Tyler Hubby aus San Francisco wird anwesend sein und Fragen beantworten. 

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Datenleck bei der Stadt Mülheim: Führerscheine im Internet

Bewohnerparken Altstadt Mülheim

Anwohner der Mülheimer Altstadt können einen Bewohnerparkausweis beantragen – auch online. Brisant: Statt die dabei übermittelten privaten Unterlagen zu schützen, lagen sie bislang frei zugänglich auf dem Server der Stadt.

Obwohl die Gegend auf dem Mülheimer Kirchhügel nicht wirklich zum Stadtzentrum gehört, geht ohne Parkticket in der Altstadt seit nunmehr einem Jahr nichts mehr. 466 Anwohner haben sich bislang einen Parkausweis ausstellen lassen, die meisten auf herkömmlichen Wegen. Jene allerdings, die dafür den Online-Service der Stadt genutzt haben, mussten unter Umständen eine Reihe sensibler Dokumente hochladen. Sind sie nämlich Nutzer, aber nicht Halter des Fahrzeugs, haben sie Führerschein, Fahrzeugschein und eine Bescheinigung des Halters vorzulegen. 

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