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Bitte nicht den Rasen betreten!

Sehen so etwa Demo-Touristinnen aus, die nur auf Action aus sind? Foto: Sebastian Weiermann

Sehen so etwa Demo-Touristinnen aus, die nur auf Action aus sind? Foto: Sebastian Weiermann

Das Aktionsbündnis „Ende Gelände“ hat es wieder getan – am Wochenende wurden der Tagebau Garzweiler sowie die Bahnlinien zu den Kohlekraftwerken Neurath und Niederaußem blockiert. Dabei sollen acht Polizisten und eine unbekannte Zahl von Demonstranten verletzt worden sein.

Wenn man sich Facebook-Kommentarspalten zu den Vorfällen durchliest, stößt man immer wieder auf Menschen, die meinen, man sei nur solange Aktivist, wie man sich an Recht und Gesetz hält. Sobald man z.B. auf das RWE-Betriebsgelände in Garzweiler eindringt, ist man in den Augen dieser Leute nur noch ein Straftäter, so als ob man nicht beides sein könnte.

Diese Logik kennt man auch von Diskussionen über Ausschreitungen beim Fußball: Wer Pyrotechnik zündet oder gewalttätige Auseinandersetzungen mit gegnerischen Fans sucht, der könne demnach kein Fußballfan sein. Das ist natürlich Blödsinn. Straf- und Gewalttäter können selbstverständlich Fußballfans, Klima-Aktivisten oder meinetwegen auch gläubige Buddhisten sein. Klar, über die Legitimität solcher Aktionen lässt sich streiten, aber man sollte niemandem absprechen, dass er sich für eine Sache einsetzt, bloß, weil man seine Wahl der Mittel ablehnt.

Der sowjetische Diktator Stalin sagte einst, dass es in Deutschland keine Revolution geben könne, weil man dafür zuerst den Rasen betreten müsse. Dabei hatte selbst der Protest etwas sehr Deutsches. So gab es Absprachen der Aktivisten mit der Polizei, das Betriebsgelände gegen 10 Uhr wieder zu verlassen, wie Katrin Henneberger, Sprecherin von „Ende Gelände“, der DPA sagte. Ein gewaltsames Einschreiten der Polizei konnte dadurch freilich nicht verhindert werden.

Bereits vor den Ereignissen vom Wochenende hatten Aktivisten von Fridays for Future Spaltungsversuchen der Polizei eine Absage erteilt. Die Unterscheidung zwischen dem friedlichen Protest der Schülerdemos auf der einen und den Blockaden von „Ende Gelände“ auf der anderen Seite ist willkürlich, denn auch die Schüler, die freitags streiken, üben damit zivilen Ungehorsam aus – und auch sie müssen sich oftmals anhören, sie sollten doch samstags demonstrieren. Dass das nicht den gleichen Effekt hätte wie der wöchentliche Schulstreik, sollte eigentlich jedem klar sein.

Erst das Zusammenspiel verschiedener Protestformen macht die Umweltbewegung so stark. Das anzuerkennen, täte auch ihren Gegnern gut, denn Gewalt zu verurteilen, ist oftmals nur ein Vorwand, um die eigene Ablehnung der Proteste moralisch zu überhöhen.

Welche soziale Bewegung, die politische Veränderungen bewirkt hat, war wirklich gewaltfrei? Wir reden hier ja nicht davon, dass Steine, Bengalos oder Molotow-Cocktails geworfen wurden. Es wurden lediglich Polizeiketten durchbrochen. Die Gewalt ist hier kein Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck. Wem es bloß um Action geht, der wird sicherlich spannendere Alternativen finden, als auf Bahnschienen rumzuliegen und sich stundenlang ohne Verpflegung von der Polizei einkesseln zu lassen.

Zudem lässt sich nur schwer abstreiten, dass diese Art des Protests eine größere mediale Aufmerksamkeit garantiert als friedliche Demonstrationen mit zehntausenden Teilnehmern. Schon beim G20-Gipfel standen die gewaltsamen Aktionen, obwohl sich nur ein kleiner Teil der Demonstranten daran beteiligt hatte, im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Sicher hat das dem Anliegen der Demonstrationen auch geschadet, doch die Gewalt im Rahmen von G20 hatte eine andere Qualität und rief teils auch in der linken Szene Kritik hervor. Wenn Supermärkte geplündert werden, hat das nichts mehr mit politischem Protest zu tun. Wenn ein Tagebau blockiert wird, ist das ein Symbol des Widerstands gegen die deutsche Klimapolitik.

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6 Kommentare zu “Bitte nicht den Rasen betreten!

  • #1
    Giuseppe Bottazzi

    Ich finde diese Räuber- und Gendarmspiele immer noch lustig. Außerdem hat man später was zu erzählen, wenn schon im echten Leben alles aus Watte ist.

  • #2
    Yilmaz

    Das Aktionsbündnis „Ende Gelände“ sieht auf dem Foto eher aus wie ein Party-Bündnis…

  • #3
    EinLipper

    "Gewalt zu verurteilen, ist oftmals nur ein Vorwand, die eigene Ablehnung der Proteste moralisch zu überhöhen."
    Oh Mann, den alten Schnack:"Der Zweck heiligt die Mittel" hast Du aber schön verbrämt. Du bist dann wohl auch die Instanz, die im Zweifel festlegt, wann Gewalt eingesetzt werden darf und wann nicht, stimmts?

  • #4
    Arnold Voss

    "Es wurden lediglich Polizeiketten durchbrochen." Wer das macht sucht die unmittelbare Konfrontation mit der Staatsgewalt und kalkuliert Verletzte mit ein. Natürlich gibts dafür mehr Aufmerksamkeit. Aber eben auch Verletzte. Was daran politisch sein soll, erschließt sich mir nicht wirklich.

  • #5
  • #6
    Ke

    Ok, die Overalls wurden also bei Bauer Willi entsorgt.
    https://focus.de/10858035
    Öko ist anders.

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