1

Campino von den Toten Hosen im Gespräch: “Wir sind es ja, die nach Vorbildern suchen”

Campino und die Toten Hosen - im nächsten Jahr wird die Düsseldorfer Band 40 Jahre alt | Credit: Tereza Mundilova

Campino und die Toten Hosen – im nächsten Jahr wird die Düsseldorfer Band 40 Jahre alt | Credit: Tereza Mundilova

Heute wird Campino von den Toten Hosen 59 Jahre alt. Er ist einer der wenigen deutschen Musiker, der mit wortgewandten Größen wie Jürgen Klopp oder Günter Jauch in einer Liga spielt – seine Popularität ist nicht nur bei Hosen-Fans ungebrochen. Im Interview redet Campino über rechte Strömungen in Osteuropa, fehlende Vorbilder und das weltweite Gefälle zwischen Arm und Reich.

Hallo Campino. Der Volksmund sagt, dass jede Zeit ihre Pest hat. Was ist derzeit am schlimmsten? Warum gehen beispielsweise so wenige Leute zur Wahl?

Viele Leute sind aktuell sehr politikverdrossen. Das ist unter anderem den Parteien geschuldet und weil viele Politer einfach nur das sagen, was man von Ihnen ohnehin erwartet. Es ist selten, dass einer mal was charakterlich Wertvolles sagt, dass er sich auch mal gegen die eigene Parteilinie auflehnt. Wenn die Kanzlerin in manchen Angelegenheiten noch die Forscheste zu sein scheint, also beim Thema Flüchtlinge zum Beispiel, ist das für ihre Verhältnisse schon mal was, was zu denken geben sollte.

Inwiefern?

Man sieht wenigstens, dass Deutschland bemüht ist, sich diesem Thema anzunehmen und in gewisser Weise bereit ist in Verantwortung zu gehen. Was die Begeisterung rechter Parolen angeht, ist das ebenfalls kein übernormal großes bundesdeutsches Problem, wenn du das mit anderen Ländern wie Frankreich, Österreich, Ungarn oder anderen osteuropäischen Ländern vergleichst. Vielleicht haben wir gar nicht so schlecht auf das reagiert, was da gerade auf uns hereinbricht – natürlich im Verhältnis gesehen zu einigen anderen Ländern. Vor ein paar Tagen war ich ziemlich empört und entrüstet – da habe ich mir gedacht, dass es vielleicht auch gut ist, sich mal auf die guten Dinge zu konzentrieren. Es gibt viel Positives was derzeit passiert – und was einem Mut macht.

Aufregende Zeiten haben immer eine reelle oder kulturelle Entsprechung. Warum gibt es aktuell wenig gute deutsche Filme? Warum ist in Deutschland immer alles so verkorkst – der Berliner Flughafen ist irgendwie ein Paradebeispiel für viele Dinge die nicht funktionieren, oder?

Natürlich ist der Berliner Flughafen ein Witz. Viele große Firmen machen weltweit Milliarden, und trotzdem wird auf kriminelle Art und Weise die Weltbevölkerung beschissen. Das ist ein echter Hammer. Da kann man halt sehen, wie es um die Moral dieser Leute bestellt ist. Sie richten als Sponsor einen Kulturabend an anderer Stelle aus, um als Gutmensch dazustehen. Der VW Konzern hat eine Zeitlang in der Rockmusik rumgefuchtelt – das ist heuchlerisch und brutal.

Wie gehst du damit um?

Das ist einfach eine Sache des Blickwinkels. Ich will mir diese negativ gefärbte Hoffnungslosigkeit nicht komplett reinziehen.

Wie entspannst du, schaust du gerne Filme um runterzukommen?

Ich bin jetzt kein großer Cineast, aber ich denke, dass es im Untergrund und in der zweiten und dritten Reihe dennoch brodelt von guten, kleinen Filmen. Das Internet nimmt mehr Raum ein in unserem Leben; und was sich da abspielt an subversiven Aktionen ist beachtlich – und nicht mehr mit dem vergleichbar, was wir von früher her kennen.

Die Toten Hosen im Jahr 1985 als Coverhelden der Spex

Es gibt in der Bundesrepublik eine Suche nach Menschen mit Vorbildfunktionen. Haben wir davon zu wenige? Ein Uli Hoeneß gehört da sicher nicht dazu, oder?

Dumm ist per se, wer sich so einen Menschen zum Vorbild macht. Er ist ein sehr erfolgreicher Fußballer gewesen und mit seiner Metzgerei hat er ebenfalls ein gutes Händchen gehabt. In seiner Branche als Präsident des FC Bayern ist er sicherlich durchsetzungsfähig gewesen, aber hat das trotz seiner Moralreden gereicht? Wir sind es ja, die nach Vorbildern suchen. Dabei darf man ja nicht vergessen, dass Menschen trotz Ihrer öffentlichen Strahlkraft oftmals große Fehler haben. Die Menschen, die auf der Suche nach Vorbildern sind, gehen mit diesem Begriff oftmals sehr leichtfertig um. Was soll schon ein Held sein? Es gibt immer wieder Leute, die speziell durch Ihre Schwächen auffallen – aber man möchte ja schon, dass es Menschen gibt, die positiv auffallen. Diesen Gefallen erfüllt uns das Leben leider nicht.

Das Gefälle zwischen Arm und Reich explodiert auf der Welt immer mehr. Wird sich das auf dem Globus irgendwann noch einmal ändern?

Die reichsten Menschen der Welt sind so abgesichert, an die kommst du ja gar nicht mehr ran. Aber dir und mir geht es im Vergleich zu vielen anderen Einwohnern auf der Welt wirklich gut, wenn du es beispielsweise mit den Lebensmöglichkeiten im nordafrikanischen Eritrea vergleichst. Dagegen leben wir verdammt noch mal wie Könige. Das Menschen in Afghanistan, im Irak oder in Syrien haben, abgesehen von der Kriegsproblematik, ein Recht haben zu sagen: ich komm hier nicht mehr auf die Füße, hier ist alles kaputt und hier kann ich meine Familie nicht mehr ernähren. Es ist legitim, dass diese Menschen ihre Familien durchbringen wollen. Natürlich funktioniert unter diesen Aspekten das „alte Europa“ wie ein prächtiger Garten Eden.

Die Welt bleibt ein schwieriger Fall, oder?

Ich glaube, dass wir mit der Spezies Mensch immer wieder auf dieselben Typen treffen. Es gibt wahnsinnig viel Boshaftigkeit und Egoismus. Aber hin und wieder blinkt auch mal wieder eine Seele auf, die selbstlos ist und sich mit seinen Wertevorstellungen von niederen Trieben abgrenzt – und damit eine ganze Menge an Menschen in eine gute Richtung ziehen kann. Es ist ein ewiger Kampf. Aber es ist nicht so einfach zu sagen, da vorne stehen die 80 Reichsten, das sind die Schweine – und hier unten sind wir alle die Guten. Die Wahrheit ist doch, dass du überall gute und schlechte Menschen findest – egal, ob arm oder reich. Es kann nur darum gehen, dass die Menschen, die reich und wohlhabend sind, die Verantwortung übernehmen, für andere zu sorgen, denen es nicht so gut geht. Ich zumindest möchte jedoch in keiner Gemeinschaft leben, wo es keine Solidarität mehr mit den Armen und Schwachen gibt.

RuhrBarone-Logo

Ein Kommentar zu “Campino von den Toten Hosen im Gespräch: “Wir sind es ja, die nach Vorbildern suchen”

  • #1
    M. Scholz

    Eigentlich sind die Hosen mit ihrem WDR2 Mainstream-Schmierrock a la Revolverheld ja unerträglich – aber was Campino sagt ist oftmals wirklich sehr gehaltvoll und richtig gut.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.