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Ehrenmord oder Familientragödie? Wie die Neuen Deutschen Medienmacher die Suche nach den richtigen Worten sabotieren.

Neuen Deutschen Medienmacher

Neue Deutsche Medienmacher (Bild: Julius Hagen)

Die „Neuen Deutschen Medienmacherveröffentlichten jüngst „Formulierungshilfen für die Berichterstattung im Einwanderungsland“. Der Glossar umfasst eine Liste mit politisch erwünschten Begriffen zu den Themen Islam, Migration, Asyl und Kriminalität. Der Leitfaden für einen diskriminierungsfreien Journalismus bewirkt jedoch das Gegenteil des Gewünschten: Er entfremdet die Leser von ihren Medien. Er verschleiert gesellschaftliche Verwerfungen, anstatt zu ihrer Überwindung beizutragen. Und er sabotiert eine freie und präzise Berichterstattung.

Konstantina Vassiliou-Enz, Ferda Ataman und Shion Kumai bilden die Redaktion der „Neuen Deutschen Medienmacher“, einem nach Selbstdarstellung „unabhängigen“ Zusammenschluss von Journalisten „mit und ohne Migrationshintergrund“. Ziel ihres Leitfadens ist eine möglichst wertfreie, korrekte und präzise Darstellung von Sachverhalten in der medialen Berichterstattung. Tatsächlich geht es den Verfassern um die ungeliebte political correctness, obwohl der Begriff selbst in der Formulierungshilfe nicht auftaucht.

Die Kritiker der politischen Korrektheit ließen nicht lange auf sich warten. Henryk M. Broder spottet in der Welt über den Vorschlag der Medienmacher, man solle die unpolitischen „Salafiten“ von den gewaltbereiten „Salafisten“ unterscheiden.

Alexander Kissler fragt im Cicero: „Wie will sich künftig der maximal korrekte Radiomensch […] verständlich machen mit den sonst klebrig umworbenen „Menschen da draußen“, die partout reden, wie der Schnabel ihnen wuchs? Werden Journalisten zu Volkspädagogen und Zurechtweisern, als die sie sich mitunter eh gerne sehen? Wo soll das offene, freie und riskante Gespräch gedeihen, wenn die Intuition fast immer falsch liegt und ein vorsorgendes Wortklempnertum nötig sein soll?

Die Überfremdungsparanoia des Stammtisches

Akif Pirincci bedient hingegen den Web-Stammtisch. In erwartungsgemäß enthemmter Sprache befeuert er die Überfremdungsparanoia der (politisch korrekt ausgedrückt:) „kognitiv herausgeforderten“ Proleten, die sich in den Kommentarspalten von Politically Incorrect austoben: Die Sprachcodes der Medienmacher, fürchtet er, werden schon bald „Eingang in den Pressekodex, wenn nicht sogar ins Strafrecht finden“. Der „Multikulti-Knigge“ solle Pirincci zufolge verschleiern, dass „ungebildete afrikanische Testesteron-Bomben mit der Neigung zu bewußtseinserweiternden Produkten“ einen „blutigen Krieg“ gegen die „Kartoffeln“ „wegen der Fickerei um die Bürgerinnen“ führen. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

Es wäre aber zu kurz gegriffen, dem gängigen, linken Narrativ zu folgen, nach dem jeder Widerstand gegen die Ideen der progressiven Wortdesigner auf einen latenten Rassismus der „Mehrheitsbevölkerung“ (früher: „Mehrheitsgesellschaft“) hinweist. Die Kritik und der Spott sind auch nicht lediglich Ausdruck einer unterbewussten Trauer „privilegierter, weißer Männer“ darüber, dass sie nicht mehr „Neger“ sagen dürfen. Die konservativen Skeptiker greifen ein Unbehagen auf, das einen berechtigten Kern hat, der die Rolle und Funktion des Journalismus für die Demokratie betrifft. Denn gut gemeinte Ratschläge sind oft die Vorstufe zu Tabus und soziologischem Aberglauben, gegen den eine präzise Berichterstattung immunisieren kann.

Die unaufgeklärte Öffentlichkeit

Der Markt für Journalismus bedient das Bedürfnis der Öffentlichkeit nach Informationen. In einem gelungenen Artikel reduziert der Journalist die Hyperkomplexität der Wirklichkeit auf einen möglichst unverfälschten Kern und erläutert die gesellschaftlichen Zusammenhänge von Ereignissen. Im Idealfall ermöglicht Journalismus das, was Habermas als „Diskursivität im öffentlichen Diskurs“ bezeichnete.

Die maßgeblichen Normen der Gesellschaft bedürfen einer vernünftigen Begründung. Dabei ermöglicht die Vierte Gewalt den öffentlichen Austausch von Argumenten und Informationen. Die aufgeklärte öffentliche Meinung bildet sich bestenfalls in einem Prozess, bei dem die überzeugenden Argumente über die Überlebensfähigkeit von Ideen entscheiden. Eine Debattenkultur der Tabuisierung hingegen unternimmt den vergeblichen Versuch, Ansichten zu ersticken, bevor sie widerlegt werden können. Für Tabus mag es vielfach gute Gründe geben. Sie können diese guten Gründe jedoch nicht ersetzen.

Postmoderne Spurenelemente

Der Leitfaden wird seinem eigenen Anspruch einer „korrekten und präzisen“ Darstellung der Wirklichkeit jedoch nicht gerecht, da er ein unausgesprochenes Vorverständnis voraussetzt. Der Glossar beinhaltet schon deshalb nicht das Handwerkszeug einer realitätsgetreuen Beschreibung, weil er selbst einer Erläuterung bedarf.

Bei den Formulierungshilfen handelt es sich um ein weitgehend akademisches Vokabular aus den sog. postcolonial studies, den critical whiteness studies und den gender studies. Die zugrundeliegenden Theorien werden zumeist fernab der Lebenswirklichkeit des Publikums in gesellschaftlich abgeschotteten Kreisen an Universitäten diskutiert. Ihre Wissenschaftlichkeit ist hochumstritten (vgl. Reuter et al. 2012; Sokal et al. 1998). Im Hintergrundrauschen des Glossars kann der Leser die philosophischen Konzepte von Poststrukturalismus und Postmoderne erahnen. Wirklichkeit soll nicht mehr zutreffend beschrieben, sondern diskursiv geschaffen werden.

Die kurze Halbwertszeit nichtdiskriminierender Wortschöpfungen

Der Glossar richtet sich gegen die mediale Diskriminierung von Minderheiten. Die designten Begriffe sind jedoch mit einem Verfallsdatum versehen. Diese Halbwertszeit nichtdiskriminierender Wortneuschöpfungen hat Max A. Höfer treffend beschrieben, als er eine „Liste der sozialen Unwörter“ der „Nationalen Armutskonferenz“ kommentierte:

Kaum ist ein neuer Begriff eingeführt, vergeht etwas Zeit, bis auch dieser als abwertend empfunden wird. Auf ‚Ausländer‘ folgte ‚Migrant‘, auf ‚Migrant‘ der ‚Mensch mit Migrationshintergrund‘, zuletzt war ‚Person mit Migrationshintergrund ohne eigene Migrationserfahrung‘ vorgeschrieben, das passt der Armutskonferenz aber jetzt auch nicht mehr. Wie man sich korrekt ausdrücken soll, verrät sie uns leider nicht. Fazit: Am besten nicht darüber reden“ (vgl. Höfer 2013).

Die Entfremdung des Publikums von den Massenmedien

Die manierierten Sprachcodes der Neuen Deutschen Medienmacher entfremden den Journalismus dabei zunehmend von seinen Lesern, Zuhörern und Zuschauern. Im Wettlauf um die neuesten Nichtdiskriminierungs-Trends lernen sie, Begriffe wie „Südländer“ zu dechiffrieren. Schnell durchschaut der Medienkonsument, dass die Autoren „Menschen aus Einwandererfamilien“ meinen, wenn sie über „Dikulturelle“ schreiben. Das Wording wirkt oft umständlich und gekünzelt. Der Inhalt einer Meldung wird von ihrem Wortgewand überschattet und mit dem negativen Beigeschmack von paternalistischer Fürsorge belastet.

Der Leser nimmt die Sprachcodes oft als impliziten Vorwurf wahr: Die Neuen Deutschen Medienmacher konstatieren mit ihrem Glossar die Betreuungsbedürftigkeit einer zur Mündigkeit unfähigen Öffentlichkeit und geraten unter Manipulationsverdacht. Auf jede Wortneuschöpfung folgt ein routinierter Verweis auf George Orwells Roman „1984“.

Wasser auf die Mühlen der Rechtspopulisten

Wenn sich die Sprache der Medienmacher von der Sprache der Leser zu weit entfernt, ist der öffentliche Diskurs gestört. Schlimmstenfalls wandern die Leser dorthin ab, wo „Klartext“ geredet wird. Rechte Blogs gefallen sich in dem „rebellischen“ Gestus, sich den „Denkverboten“ der „gleichgeschalteten Mainstreammedien“ zu widersetzen. So versinkt der Anspruch auf bürgernahe Berichterstattung im Abgrund, der sich zwischen rechtspopulistischer Verwahrlosung und oberlehrerhafter Bevormundung auftut. Die Medienmacher verwechseln Aufklärung mit Belehrung und erzeugen ein Klima des gegenseitigen Misstrauens zwischen Medienmachern und Publikum.

Die Massenmedien laufen insbesondere dann Gefahr, ihre xenophoben Gegner zu munitionieren, sobald die  vorgebliche Rücksichtnahme mit einer „präzisen und korrekten“ Berichterstattung kollidiert. Das Unbehagen, das eine zentrale Planung und Normierung von Sprache auslöst, ist dabei Wasser auf die Mühlen von Rechtspopulisten und Rechtsradikalen. Die klügeren Rassisten haben längst aufgehört, hasserfüllt und dumpf über „kriminelle Einwanderer“, „Musels“ und „Fremdarbeiter“ zu schwadronieren und gerieren sich bevorzugt als Kämpfer für eine vermeintlich unterdrückte Meinungs- und Pressefreiheit. Wer es mit den Minderheiten ernst meint, sollte sich daher nicht auf politische Sprachsymbole konzentrieren.

Eine verlotterte Sprache führt zu einem verlotterten Denken.

Deutlich wird die Entfremdung des Publikums von seinen Massenmedien, wenn die Verfasser des Glossars vorschlagen, man möge „Islamfeindlichkeit“ und „Islamkritik“ als „antimuslimischen Rassismus“ bezeichnen. Der politisch erwünschte Sprachcode ist schon denklogisch falsch. Rassismus ist ein Sonderfall gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, nicht umgekehrt. Zudem ist der multiethnisch aufgestellte Islam keine „Rasse„. Das vielzitierte Argument, Islamfeindlichkeit richte sich nur vordergründig gegen die Religion und sei tatsächlich nur Ausdruck von Ausländerfeindlichkeit, ergibt im Falle „copyright-deutscher“ Konvertiten offenkundig wenig Sinn. (Eine gelungene Darstellung der Probleme, die der Begriff des „antimuslimischen Rassismus“ neben anderen Rassismusbegriffen aufwirft, hat der Politikwissenschaftler Floris Biskamp kürzlich auf publikative.org veröffentlicht.)

Eine unzutreffende Beschreibung kann auch dann vorliegen, wenn dem Leser wesentliche Informationen vorenthalten werden. Wer einen „Ehrenmord“ als „Familientragödie“ bezeichnet, verschweigt die archaischen und patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen, die den Mord an westlich lebenden Frauen aufgrund einer verletzten Kollektivehre erst ermöglichen. Auch der Vorschlag, über „Eifersuchtsdramen“ zu schreiben, verkürzt die zugrunde liegenden Sachverhalte. Zudem sind „Clans“, die als kriminelle Banden operieren, mehr als nur „(große) Familien“ oder schlichte „Verwandtschaft“.

Man kann die Realität ignorieren, aber man kann nicht die Konsequenzen der ignorierten Realität ignorieren.(Ayn Rand)

Die Hybris der Formulierungshilfen besteht in einer gefährlichen Selbstüberschätzung. Wer den „Flüchtlingen“ ohne großen Aufwand helfen will, spricht künftig zur Vermeidung der abwertenden Endung „-ling“ von „Geflüchteten“ und nennt die Umbenennung der „Asylanten“ Sprachhandeln. Dabei werden die maroden Zustände in den „Geflüchteten“-Heimen zwar nicht behoben. Aber zumindest werden die „Schutzsuchenden“ vor ihrer Abschiebung nicht zusätzlich mit diskriminierender Sprache belastet.

Auch die Menschen, die früher „Zigeuner“ hießen und heute „Sinti und Roma“ genannt werden, leiden weniger unter einer diskriminierenden Sprache als unter einer jahrhundertelangen Ausgrenzungsgeschichte, die sich in ihren Heimatländern fortsetzt. Das politisch korrekte Wording vermochte es nicht, die negative Einstellung des Publikums zu den „Arbeitseinwanderern“ (früher: „Armutseinwanderer“) zu beseitigen. Eine politisch korrekte Wortwahl leistet keinen Beitrag zur Überwindung realer, kriminogener Armut.

Sapere aude!

Damit stellt sich die Frage, wem die Formulierungshilfen überhaupt nützen. Da wären zunächst die Neuen Deutschen Medienmacher selbst. Sie sind gefragt, neue Begriffe zu erfinden, wenn der Ablauf des Haltbarkeitsdatums der letzten Auflage ihres Glossars droht. Nichtdiskriminierung ist zu einem Geschäftsmodell geworden.

Dass dieses Geschäftsmodell auch von den Politikmachern gewollt ist, zeigt die Entstehungsgeschichte des Glossars: „2013 sind auf Initiative der ‚Neuen deutschen Medienmacher‘ bundesweite Vertreterinnen und Vertreter von Medien, Wissenschaft und Verwaltung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zusammengekommen und haben Begriffe diskutiert und Definitionen abgeglichen.“ Für einen Politiker ist es wesentlich bequemer, im Zusammenschluss mit der Vierten Gewalt gesellschaftliche Verwerfungen zu chiffrieren, als Lösungen zu ihrer Überwindung zu entwerfen.

Zuletzt profitieren die denkfaulsten Medienmacher von dem Glossar. Normierte, unverfängliche Begriffslisten entlasten sie von der vornehmsten und anspruchsvollsten Aufgabe der Medienmenschen, die richtigen Worte zu finden, um uns die Welt ein wenig verständlicher zu machen.

Literatur

Höfer, Max A.: Vielleicht will der Kapitalismus gar nicht, dass wir glücklich sind? : Erkenntnisse eines Geläuterten. München: Albrecht Knaus Verlag, 2013.

Reuter, Julia ; Karentzos, Alexandra (Eds.) ; Reuter, Julia ; Karentzos, Alexandra: Schlüsselwerke der Postcolonial Studies. 1. Aufl.. Berlin Heidelberg New York: Springer-Verlag, 2012.

Sokal, Andrew; Bricmont, Jean: Fashionable Nonsens- Postmodern Intellectual’s Abuse of Science. New York: Picador, 1998.

Vassiliou-Enz, Konstantina; Ataman, Ferda; Kumai, Shion: Glossar der Neuen deutschen Medienmacher Formulierungshilfen für die Berichterstattung im Einwanderungsland, online-Veröffentlichung, 2014.

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59 Kommentare zu “Ehrenmord oder Familientragödie? Wie die Neuen Deutschen Medienmacher die Suche nach den richtigen Worten sabotieren.

  • #1
    Hank

    Sehr schöner Artikel, Kurios ist das von wohlhabenden Biodeutschen entschieden wird wie sich eine Minderheit selber zu bezeichnen hat, quasi über die Köpfe hinweg, so dass am Ende die betroffenen Gruppen nicht wissen wie sie sich selber nennen sollen. Auf einer Weise ist das ein Form der Diskriminierung, da die SelbstDefinition der Menschen in Frage gestellt wird.
    Volkserziehung in einer solch plumpen Weise von oben klappt bei den Grünen nicht und wird auch hier scheitern.

  • #2
  • #3
  • #4
    Sebastian Bartoschek

    „Frühling“ – auch so ´ne Sache – als sei diese Jahreszeit weniger wert.
    Ich finde wir sollten stattdessen „весна“ sagen.
    Auch um zu zeigen, dass die aggressive Politik der EU, Russland dazu genötigt hat, Kreuzer vor die Küste Australiens und in den Ärmelkanal zu verlegen!

  • #5
    Arnold Voss

    Wie wäre es mit dem Verbot des Wortes Ich. Mit dem Satz “ Ich denke als bin ich“ ist doch das ganze Elend der eigenen Gedanken über die Welt gekommen. Damit muss endlich Schluss sein, Leute! Stattdessen heißt es ab jetzt: Ein Teil Wir. Abgekürzt: ETW.

  • #6
    Julius Hagen Beitragsautor

    @Arnold Voss
    „Ich“ ist völlig in Ordnung. Das Wort „Wir“ hingegen nicht. So zumindest die Neuen Deutschen Medienmacher:
    „Wir ist zunächst ein harmloses Wort, das jedoch ausgrenzend verwendet werden kann.
    Oftmals steht wir, ohne ausgesprochen zu werden, für wir Deutsche (ohne Migrationshintergrund). Journalisten sind gut beraten, bewusst damit umzugehen und durch die Verwendung keine Zuschauer, Zuhörer oder Leser außen vor zu lassen. „

  • #7
  • #8
  • #9
    Julius Hagen Beitragsautor

    @Thomas Weigle:
    Nach der postmodernen Standpunkttheorie kann diese Frage nur von denjenigen objektiv beantwortet werden, die selbst vom 1. April betroffen sind.

  • #10
    keineEigenverantwortung

    Ein guter Artikel. Insbesondere der Veweis auf das Geschäftsmodell ist richtig. Wie viele Menschen wohl schon von diesem Geschäftsmodell leben?
    Es ist auch kein Wunder, dass viele Medien immer weniger Leser haben. Wenn ich bspw. etwas über Kriminalität wissen will, lese ich die Polizeipresse und nicht die modifizierten Versionen der Medien, wo Täterbeschreibung meistens komplett entfallen.
    Motto:
    Wanted: Menschliches Wesen (m/w)

    Allein die Auswahl der Begriffe sagt alles und ist vermutlich diskriminierend. Genau wie diese Umschreibung, weil jeder halbwegs intelligente Leser direkt seine Mediensprache Deutsch-Übersetzung laufen hat.

    Lieber mehr Recherchieren als Sprache und Inhalte zu verwässern.

  • #11
    Arnold Voss

    @ Julius Hagen

    Postmodernisten? Sind das nicht die, die von der postmatriellen Gesellschaft schwafeln, während bei der privaten Vermögensbildung überall die Flucht in die Sachwerte geschieht und große Konzerne weltweit fruchtbares Land und Trinkasserreserven en masse in ihren Besitz bringen?

    Sind das nicht die, die von der postdemokratischen Gesellschaft faseln, währen weltweit massenhaft Menschen ihre Leben opfern um wenigstens rudimentäre Formen von Demokratie zu errichten?

    Sind das diese selbstreferentiellen Quatschtüten, die mich schon seit vielen Jahren mit ihrem Beliebigkeitsjargon nerven und das als Wissenschaft verkaufen?

    Ich empfehle dazu als Gegengift das kleine aber feine Buch mit dem Titel „Bullshit“ von Harry G. Frankfurt.

  • #12
    Julius Hagen Beitragsautor

    @Arnold Voss
    Ihre Beschreibung ist sehr treffend. Harry G. Frankfurt hatte ich überdies immer wieder mal im Blick und werde Ihrer Empfehlung nachkommen.

  • #13
    Frank

    Discriminare heißt unterscheiden. Begriffe, Sprache handeln vom Unterschied, und nur davon. Denn der Mensch sieht nur den Unterschied. Was er aber täglich sieht, sieht er nicht mehr und bespricht er nicht. Würden wir von den Gutmenschen nicht ständig aufgefordert, die Unterschiede zu leugnen, wir sähen sie längst nicht mehr.
    Und genau das ist das Ziel der politisch Korrekten: uns dazu zu bringen, ihre Ressentiments auszusprechen. Damit sie ihre Autoaggression nach außen richten können. Davon handelt auch die sog. „Anti“fa.

  • #14
    Arnold Voss

    @ Julius Hagen # 12

    Auf Grund des großen weltweiten Zuspruchs den das Buch gefunden hat, hat der kluge Mann ein zweites, sozusagen als Folge-Buch, mit dem Titel „Über die Wahrheit“ geschrieben. Beide Abhandlungen gibt es übrigens auch als Hörbücher.

  • #15
    Wolfram Obermanns

    Der Artikel ist doch mal wieder eine kleine Sternstunde hier bei den „Baronen“ – finde ich.
    Wieso wird aber im Artikel das gute alte Wort „Propaganda“ vermieden. Das ist doch die Schlußvolgerung des Artikels, die vermeidlich neutrale Sprache dient einer intentionalen, eben nicht neutralen Berichterstattung. Außerdem steht weitergehend ein erzieherischer Anspruch im Raum.

    Persönlich kann ich mich übrigens nicht des Eindrucks erwehren, daß „Neusprech“ eine spezifische sprachliche Minderbegabung bei Erfindern, Autoren und Lesern voraussetzt. Eine Minderbegabung die zu der irrigen Annahme führt, Codes ganz allgemein und Sprache im Besonderen seien 1:1 Abbildungen und nicht u. a. mehrdeutig oder kontextabhängig.

  • #16
    Gastarbeiterkind

    Letztlich finde ich die Empfehlungen jedoch richtig. Medienmacher sollten für diese Begrifflichkeiten empfänglich sein, im idealfall nochmals nachdenken. Einen Zwang dazu sehe ich nicht.
    Wenn in Zukunft die Gesellschafts/Sozialstruktur sich weiter ändert, Begriffe wieder umbenannt oder sonst umgedeutet werden müssten, sollte das nicht problematisiert werden.
    Im übrigen sind unter den Medienkonsumenten genauso Migranten.

  • #17
    Julius Hagen Beitragsautor

    @Gastarbeiterkind:

    Medienmacher sollten im Idealfall immer nachdenken, welche Worte (oder Bilder) sie wählen, anstatt sich auf die wohlgemeinten Ratschläge vermeintlicher Autoritäten zu verlassen. Gerade das macht Journalismus als Beruf spannend.

    Und wenn sich die Gesellschafts- und Sozialstruktur ändert, ist es dringend erforderlich, die Begriffe an diese Veränderungen anzupassen. Andernfalls fallen sie hinter die Wirklichkeit zurück.

    Ihre Verwendung des Begriffs „Gastarbeiter“ ist ein solcher Begriff. So sagen die Neuen Deutschen Medienmacher zutreffend:
    „Gastarbeiter wurden arbeitsmarktbezogene Einwanderer genannt, die seit den 50er
    Jahren durch bilaterale Verträge zur Anwerbung von Arbeitskräften aus dem Ausland kamen. Im Wort »Gast« schwang mit, dass die Einwanderer nicht bleiben sollten. Der Begriff ist inzwischen veraltet, wird manchmal aber noch zur Selbstbezeichnung gebraucht, z.B. als Gastarbeiterkind. Die wissenschaftliche Literatur ist dazu übergegangen, ihn mit dem Zusatz sogenannte Gastarbeiter zu versehen“

    Mein Punkt war jedoch ein anderer: Manche Begriffe beinhalten das, was in der Wissenschaftstheorie „unausgesprochenes Vorverständnis“ heißt. Ein solches liegt vor, wenn ein Begriff nicht nur ein Phänomen beschreibt, sondern gleichzeitig auch auf eine Leitideologie, die aus wissenschaftlicher Sicht jedoch gerade keine Rolle spielen dürfte, zurückgeht. Wenn ich zum Beispiel (wie in dem Text aufgegriffen), von „antimuslimischem Rassismus“ spreche, dann beschreibe ich nicht nur die Gesinnung eines z.B. Täters einer Straftat, sondern bejahe gleichzeitig einen poststrukturalistischen Ansatz zur Erklärung eines bestimmten Verhaltens.
    Darin liegt aber weniger eine Beschreibung als eine Wertung. Beides sollte meiner Meinung nach möglichst auseinandergehalten werden, denn ich halte die Vermengung von Meinung und Thema im Journalismus für außerordentlich unseriös.

    Eine starke, eigene Meinung von Medienmachern ist für den öffentlichen Diskurs absolut essentiell. Aber ich glaube, dass guter Journalismus sich dadurch auszeichnet, dass der Journlist seine Meinung auch kennzeichnet und nicht hinter unscheinbaren, aber philosophisch aufgeladenen Begriffen verbirgt.
    Anders verhält es sich zum Beispiel in der Wissenschaftssprache, die sich an ein Fachpublikum richtet, von dem die Kenntnis wissenschaftlicher Begriffe erwartet werden kann.

  • #18
    Gerd

    Ich verstehe die Aufregung nicht. Die fordern doch nur, was die Presse oft schon macht und was der geschulte Leser durchschaut.

  • #19
    Frank

    @ #17 Julius Hagen:

    Was suggeriert demnach der Begriff „Zuwanderung“ im Unterschied zu „Einwanderung“? – Zuwendung, Zuspruch, Zulauf?

    Zur Unterscheidung von Fakten und Meinung:
    Mich bewegt ein Artikel stärker zu einer Meinung wenn der Autor seine Intention bzw. seine Pointe nicht ausspricht, sondern mich die Schlussfolgerung auf Basis der von ihm genannten „Fakten“ ziehen lässt.

  • #20
    Arnold Voss

    @ Julius Hagen # 17

    „Anders verhält es sich zum Beispiel in der Wissenschaftssprache, die sich an ein Fachpublikum richtet, von dem die Kenntnis wissenschaftlicher Begriffe erwartet werden kann.“

    Aber selbst unter dieser Bedingung sind die verwendeten Begriff eben nicht ein für allemal festgelegt, gschweige denn geklärt. Dazu gibt es noch den üblichen Kampf der wissenschaftlichen Schulen gegen- und miteinander um die Deutungshoheit beim Wissenschaftssprech.

    Beim Antisemitismus- und beim Rassismusbegriff wird das in den letzten Jahrzehnten ganz offensichtlich. Da gibt es erst einmal ein äußerst anstrengendes Definitionsmarathon, bevor man überhaupt ein handlungsorientierte Diskussion führen kann. Dahinter stehen aber nicht nur Denkschulen sondern zugleich auch unaugesprochene politische Absichten, so dass am Ende dann doch nichts wirklich geklärt ist.

  • #21
    leoluca

    Für meinen Geschmack wird der Einfluss der sogenannten political correctness überschätzt. Sicher ist er in bestimmten linksliberalen Universitätszirkeln, durchgegenderten Redaktionen und grün-bunten Kulturszenen vorhanden und führt dort zu neuen Sprachtabus und verquaster Rhetorik.

    Aber was ist mit solchen Begriffen wie „Gutmensch“, „Putinversteher“, „alternativlos“ etc., die allesamt aus dem medialen Wording der führenden politischen Klasse kommen und mit denen man heute – tabulos – politisch Andersdenkende rasieren darf?

    Hier wird eine „verlotterte Sprache“ geradezu zelebriert.

  • #22
    Sean

    Was hier geboten wird, ist im Prinzip nichts anderes als Sarrazin. Der sich selbst zum Opfer stilisierende Deutsche nimmt seine Political-Correctness-Keule in die Hand und verteidigt sein gottgebenes Recht, andere diskriminieren und beleidigen zu dürfen. Gleichzeitig wehrt er sich gegen die unverschämte Zumutung der Selbstreflextion und drischt wie bekloppt auf alle ein, die seine Privilegien in Frage stellen. In diesem Fall: die absolute Deutungshohheit über die Sprache.
    Und auch wenn es bereits in der Einleitung des Dokumentes der NDM heißt, die Vorschläge seien „als Debattenbeitrag zu verstehen und sicher nicht abschließend“ – der biodeutsche Wutbürger wittert einfach mal trotzdem die große Verschwörung der Fremden, die ihm den Mund verbieten und alles vorschreiben wollen. Das sieht man hier spätestens in den Kommentaren. Aber auch der Artikel an sich lässt eher den Eindruck entstehen, die NDM hätten, wie Pirincci es herbeihalluziniert, ein verbindliches Regelwerk vorgelegt und nicht ein Debattenvorschlag, mit dem man sich ihaltlich auseinandersetzen kann.
    Solche Leute tun sich offenbar schwer damit, dass diese Gesellschaft eben nicht mehr nur aus Personen besteht, die früher zumindest den kleinen Ariernachweis bekommen hätten. Dementsprechend können sie nicht akzeptieren, dass Menschen mit Migrationshintergrund zum Beispiel im öffentlichen Diskurs über die Sprache mitreden wohl (n.b.: „mitreden“- nicht: „den armen geknechteten Deutschen Vorschriften machen“).
    Leider wird auch in diesem Beitrag auf dieser Weise argumentiert, was im Prinzip auf ein mit geschliffenen Formulierungen vorgebrachtes „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ hinausläuft.
    Besonders perfide ist die Täter-Opfer-Umkehr: „Die Massenmedien laufen insbesondere dann Gefahr, ihre xenophoben Gegner zu munitionieren, sobald die vorgebliche Rücksichtnahme mit einer „präzisen und korrekten“ Berichterstattung kollidiert.“ Natürlich darf kurz darauf die obligatorische Floskel „Wasser auf den Mühlen der Rechtspopulisten“ nicht fehlen. Das ist im Grund das Gleiche, wie wenn deutsche Regierungspolitiker sich gegen Verbesserungen der Lebenssituation von Asylsuchenden wehren. Nach dem Motto: „Wenn wir nicht ein bisschen rassistisch sind, dann laufen die Leute zu denen über, die richtig rassistisch sind.“
    Das verschwörungstheoretisch angehauchte Gerede von einem „von Politikmachern gewollten Geschäftsmodell“ soll wohl andeuten, dass es irgendwelche mächtigen Akteure gibt, die ihre wahre Absichten verschleiern und das Volk unter Vorspiegelung falscher Tatsachen (z.B. unter dem Deckmantel der Wissenschaft) ideologisch umerziehen wollen. Es ist die gleiche ignorante Argumentation, die ins Feld geführt wird, wenn z.B. Gender Studies oder postkoloniale Sichtweisen die herrschenden Machtverhältnisse und Privilegien einzelner Gruppen in der Gesellschaft in Frage stellen. Hauptsache „wir“ können weiter machen wie bisher, müssen nicht darüber nachdenken, was wir tun und was wir sagen, und wenn jemand aufmuckt und auf diskriminierende Alltagspraktiken und strukturelle Machtverhältnisse anprangert, dann ist diese Person selbst Schuld, weil PC und Meinungsfreiheit und so.
    Ich hoffe, dass die Zeiten bald vorbei sind, in denen ein immer kleiner werdender Teil der Bevölkerung die absolute Deutungshohheit darüber hatte, welche sprachliche Ausdrucksformen zulässig sind und welche nicht. Vielleicht kann man dann die Political-Correctness-Keule einpacken und auf Augenhöhe miteinander diskutieren. Ganz so weit sind wir aber offensichtlich noch nicht.

  • #23
    Jens

    Als einen der ersten Kritiker „politisch korrekter Ausdrucksweise“ zitieren Sie Henryk M. Broder. Just der mutiert aber zum denkbar schärfsten Einforderer „politisch korrekter Ausdrucksweise“, sobald es um das weite Feld der „Israelkritik“ geht. Ein Beispiel für die Verlogenheit der Debatte?

  • #24
    Stefan Laurin

    @Jens: Ich wüsste nicht, wo Broder das bislang getan hat.
    @Sean: Was heißt für Sie eigentlich Debatte – und die NDM wollten ja eine Debatte? Hundertprozentige Zustimmung und alles andere ist böse?
    @leoluca: Ich glaube auch nicht, dass sich zum Beispiel die Theorie, Geschlecht sei eine soziale Konstruktion, auf breiter Basis durchsetzt. Natürlich hat die Gesellschaft massiven Einfluss auf das Verhalten der Geschlechter, aber in der Radikalität ist es natürlich einfach nur poststrukturalistischer Unfug.

  • #25
    kdm

    In der Liste der Quellen fehlen mindestens zwei ganz wichtige (frühe) Texte, ach einer reicht auch. Der ist klug und er war sehr vorausschauend: http://bit.ly/1HOFWq4
    Dieter E. Zimmer, und zwar schon vor 31 (einundddreißig) Jahren!

    (Der andere Tipp wäre Robert Hughes‘ Buch über p.c. in den USA gewesen, schließlich kommt diese vermaledeite Modetorheit daher).

  • #26
    Sean

    „Hundertprozentige Zustimmung und alles andere ist böse?“
    Einen netten kleinen Strohmann haben sie sich da gebastelt, Herr Laurin.

    Das Dokument der NDM ist eine Einladung zur Debatte und zur kritischen Reflexion des Sprachgebrauchs. Diese Einladung wird in diesem Beitrag pauschal ausgeschlagen mit der arroganten Überheblichkeit derjenigen, die es nicht nötig haben, irgendetwas was sie tun, zu hinterfragen. Sie nehmen sich einfach das Recht dazu heraus und sprechen anderen das Recht auf Mitsprache ab.
    Ich persönlich finde einige Vorschläge gut, andere weniger. Hier wird allerdings das ganze Vorhaben abgelehnt und ein „weiter so“ gefordert. Mitunter mit brandgefährlichen Argumenten wie „sonst ist Wasser auf die Mühlen der Rechtspopulisten“.
    Ich erinnere an die Kritik an die „Themenwoche Toleranz“ der ARD. Mir scheint, als würde diesem Beitrag die gleiche Denkweise zugrundeliegen, die in dem Zusammenhang kritisiert wurde. Die Mehrheitsgesellschaft entscheidet, wieviel Toleranz für sie zumutbar ist (und kommt zu dem Schluss, dass sie ja eh schon so unglaublich tolerant ist), anstatt anzuerkennen, dass sie nicht mehr das Deutungsmonopol hat und ein „weiter so“ in einer pluralistischen und von Vielfalt geprägten Gesellschaft nicht mehr zeitgemäß ist.

  • #27
    Arnold Voss

    @ Sean # 22

    „Es ist die gleiche ignorante Argumentation, die ins Feld geführt wird, wenn z.B. Gender Studies oder postkoloniale Sichtweisen die herrschenden Machtverhältnisse und Privilegien einzelner Gruppen in der Gesellschaft in Frage stellen.“

    Sie tun es aber nicht, Sean. Sonst müssten sie sich hier nicht so künstlich echauffieren.

    „Hauptsache “wir” können weiter machen wie bisher, müssen nicht darüber nachdenken, was wir tun und was wir sagen, und wenn jemand aufmuckt und auf diskriminierende Alltagspraktiken und strukturelle Machtverhältnisse anprangert, dann ist diese Person selbst Schuld, weil PC und Meinungsfreiheit und so.“

    Der Ignorante sind sie hier, Sean. Oder kennen sie die Alltagspraktiken derer, die hier diskutieren? Sie sind es, der hier unter irgendeinem ominöses WIR Menschen die sie nicht kennen zu einer Gruppe homogenisiert, um sie dann entlang ihrer Vorurteile abzurteilen!

    „Ich hoffe, dass die Zeiten bald vorbei sind, in denen ein immer kleiner werdender Teil der Bevölkerung die absolute Deutungshohheit darüber hatte, welche sprachliche Ausdrucksformen zulässig sind und welche nicht.“

    Und dann die Zeiten ihrer absoluten Deutungshoheit beginnt, Sean?

    In diesem Land hat übrigens schon lange keiner mehr eine absolute Deutungshoheit über Irgendwas, Sean. Kann sein, dass sie es auf Grund ihrer ideologischen Feindbildbedürftigkeit noch nicht wahrnehmen konnten. Hilfreich ist in diesem Fall, darüber nachzudenken, dass sie hier ihre Meinung problemlos uns und allen unseren Lesern mitteilen können. 🙂

  • #28
    Andreas

    Gute Argumentation, auch wenn ich nicht so ganz übereinstimmen kann (siehe auch den Beitrag von Sean zu durchaus relevanten Kritikpunkten).

    Was übersehen wird, ist die Chance, die darin liegt, das Diskriminierungspotenzial von Begriffen aufzudecken und neue Begriffe vorzuschlagen. Es ist eine gute Sache, die üblichen Begriffe regelmäßig zu hinterfragen und neue zu lernen. Armutseinwanderung ist eventuell eben auch etwas anderes als Arbeitseinwanderung, und nicht unbedingt nur ein hässlicheres Wort für die selbe Sache.

    (Den Begriff des Ehrenmords finde ich übrigens aus zwei Gründen bedenklich. Zum einen, weil er sich auf die Kultur des Täters bezieht und so tut, als komme so etwas nur bei Fremden vor – als ob es dem „deutschen“ Ehemann, der Frau, Kinder und sich selber umbringt, nachdem er Haus und Hof verspielt hat, nicht um seine Ehre ginge. Zum anderen greift er die Rechtfertigung des Täters auf und teilt der ganzen Welt mit, dass hier „Ehre“ verteidigt wurde – was im Sinne des Täters ist.)

  • #29
    Arnold Voss

    Andreas, woher wissen sie, worum es „dem deutschen Ehemann“ geht, der seine Frau und seine Kinder umbringt? Hat er ihnen das gesagt? Gibt es „den deutschen Ehemann“ überhaupt? Ist nicht nach ihrer eigenen Doktrin nicht jeder Fall als ein Einzelfall zu betrachten?

    Und ehe sie sich weiter zwischen den verschiedenen Ehrbegriffen verirren lesen sie als ersten Einstieg mal das:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Ehrenmord

  • #30
    Sean

    Ohje, es wird nicht besser.
    Breaking News für Arnold Voss: Es gibt in dieser Gesellschaft vielfältige Formen von Diskriminierung die von der Mehrheitsgesellschaft ausgehen. Das auszusprechen, heißt nicht „unter irgendeinem ominöses WIR Menschen die sie nicht kennen zu einer Gruppe“ zu homogenisieren.
    Und wer meint, „In diesem Land hat übrigens schon lange keiner mehr eine absolute Deutungshoheit über Irgendwas“ hat die Debatten um Themen wie Leitkultur, Blackfacing, Sarrazin usw entweder nicht mitbekommen oder von seiner eigenen Selbstgerechtigkeit geblendet. Es ist immer der gleiche Muster: „Lasst uns in Ruhe, das ist doch alles gar nicht so schlimm, ist ja nicht böse gemeint, und überhaupt, man wird ja wohl noch…. usw.“

    „Und dann die Zeiten ihrer absoluten Deutungshoheit beginnt, Sean?“
    Ja, der nächste Strohmann. Können Sie sich an den Weihnachtsbaum hängen. Hab ich natürlich nicht gefordert, aber der selbstgefällige Deutsche sieht ja jeden abweichende Stimme der Einfachheit halber einfach mal als Gängelung seitens der bösen Fremden, schon klar.

    @Andreas: Die Kritik an der Unterscheidung „Familientragödie / Ehrenmord“ ist absolut zutreffend. Ich denke, es ist bezeichnend, dass die wenigen Versuche, sich inhaltlich mit den einzelnen Vorschläge auseinanderzusetzen, böse auf die Fresse fallen. Ein weiterer Hinweis, dass an einer ernsthaften Beschäftigung mit dem Thema nicht wirklich stattfindet.

  • #31
    Andreas

    @Arnold
    Doktrin??
    Wie auch immer, Sie haben durchaus Recht, was die Begriffsverwirrung angeht. Meinen Sie, der durchschnittliche Zeitungsleser bekommt das besser gebacken als ich? Oder schlagen Sie vor, zur Verdeutlichung so was wie „Familienehren-Mord (nicht zu verwechseln mit dem Täterehren-Mord)“ zu schreiben?

  • #32
    Thomas Weigle

    Der Begriff Ehrenmord, an dessen Verwendung ich persönlich festhalten werde, wird doch in der Regel von DEUTSCHEN GUTMENSCHEN kritisiert, z.B. E. Hecht.Galinski. Es ist nun mal so, so jedenfalls habe ich es in meiner langen und bewegten Laufbahn als Sonderschullehrer fast täglich erfahren, dass das Wort Ehre von Menschen einer bestimmten Herkunft ständig in Gebrauch war, auch der obige ominöse Begriff blieb nicht zustimmend unerwähnt. Die Ehre der Schwester bspw. war ein hohes Gut, an der nicht zu rütteln war, auch nicht vom besten deutschen Freund, während dessen Schwester durchaus Ziel von Begehrlichkeiten sein konnte.
    Da hilft auch kein Hinweis auf Sarrazin, um diese Wirklichkeit nicht wahrnehmen zu müssen.
    Wenn einer Haus und Hof verspielt, dann wg. der Ehre seine Familie umbringt, ist möglicherweise ein Grund, eher aber wohl die finanzielle Aussichtslosigkeit. Familientragödien werden in der Regel auch nicht im Familienrat beschlossen, sondern sind die Tat eines Einzelnen, sie werden auch nicht von einem Teil des Umfeldes gutgeheißen.

  • #33
    Arnold Voss

    @ Sean # 30

    Sie haben recht, Sean, ihre Argumentation wird nicht besser.

    1. Dass es keine Diskriminierung durch die Mehrheitsgesellschaft gibt, hat hier Niemand behauptet.

    2. Weder die Debatte um die Leitkultur noch um das Blackfacing noch die Positionen Sarrazins haben eine a b s o l u t e Deutungshoheit erreicht. Im Gegenteil.

    3. Ihr „selbstgefälliger Deutscher“ ist von der gleichen sprachlichen Machart wie “ der frauenfeindliche Türke“, der „mafiosische Russe“ usw. usw.

    4 . Sie bezichtigen andere Kommentatoren pauschal diskriminierender Alltagspracktiken ohne sie zu kennen.

    Der Rassist sind sie hier, Sean. (Obwohl sie natürlich keiner sein wollen, denn wer will das in der heutigen Zeit schon) Und ihre bösen Fremden sind die Menschen, die hier nicht ihre Meinung vertreten. Oder kennen sie hier Jemanden persönlich?

    Ach ja, ich habe ihnen nicht unterstellt, dass sie die absolute Deutungshoheit beanspruchen, sondern sie (ironisch) gefragt, ob sie sie beanspruchen wollen. Natürlich wollen sie das nicht. Aber ihr Sprachduktus sagt das Gegenteil, Sean: Alle sind doof, außer Sean. 🙂

  • #34
    gutmenschisklar

    Liebe Neuen Deutschen Medienmacher, liebe Herausgeberinnen des besagten Glossars – Konstantina Vassiliou-Enz, Ferda Ataman, Shion Kumai,

    ich weiß nicht, was Sie denken und wie Sie fühlen, wenn Sie lesen, wie über Ihr Projekt hier geschrieben wird – wahrscheinlich sind Sie Kummer gewöhnt. Meiner Ansicht nach ist die Arbeit der Neuen Deutschen Medienmacher sehr wichtig: Alle sollten sich Gedanken darüber machen, wie sie über andere Menschen reden – wenn sie über andere Menschen reden. Stimmen, die einen bestimmten Sprachgebrauch als verletzend empfinden, sollten gehört werden. Sicherlich kann ein reflektierter und empathischer Sprachgebrauch nicht alle Probleme dieser Welt lösen – aber das ist sicherlich auch nicht der Anspruch eines Glossars.

  • #35
    Helmut Junge@gmx.de

    Als ich die die Sprache der etwas älteren 68iger Studenten endlich verstanden habe, und gemerkt hatte, was für ein Stuß das war, was die meist von sich gaben, galt es plötzlich als besonders revolutionär „proletarisch“ zu sprechen. Dabei wurde natürlich kein elaborierter Sprachcode abgeschafft, sondern „datt“ und „watt“ statt „das“ und „was“ gesagt. Der Stuß aber, der im missionarischem Eifer jedem der es hören wollte, oder auch nicht hören wollte, gesagt wurde, blieb ähnlich weltfremd. Nur die Zielgruppe war nicht mehr auf die Uni beschränkt., sondern man ging in die Arbeitersiedlungen, um die „Massen“ zu überzeugen. Die haben aber allen diesen Missionaren „den Vogel“ gezeigt. Die haben einfach aus der sie umgebenden Wirklichkeit, ihre eigenen Schlüsse gezogen.
    Später ist dann niemand mehr in die Arbeitersiedlungen gegangen. Die Studenten sind in ihrem Umfeld geblieben, und haben dort, fernab von der übrigen Welt an neuen Normen gebastelt, deren Regeln allerdings immer enger gezogen wurden, was aber nicht verwundert, wenn man berücksichtigt, daß es von Anfang an Regeln waren, die die Sprache betrafen. Durchgesetzt haben sich nämlich diejenigen, die behauptet haben, daß Wörter, also die Sprache, eine gewisse Geisteshaltung zeigt und fördert, sogar generiert.
    Und wenn wir annehmen, daß Menschen anderen Menschen gegenüber gerne ihre Überlegenheit zeigen wollen, vielleicht sogar müssen, dann kann man sich auch leicht vorstellen, daß das in einem System, in dem korrekter Sprache eine Schlüsselrolle zukommt, sich diejenigen Personen outen, die diese Normen nicht befolgen. Umgekehrt werden die Korrekten zu Richtern. Inhalte oder gar komplizierte Zusammenhänge verlieren komplett ihr Gewicht.
    Außerhalb dieser kleinen Welt, in der diese Regeln anerkannt sind und Geltung haben, leben alleerdings Menschen, die sich anders orientieren und letztlich eigene Regeln des Zusammenlebens entwickeln. Regeln gibt es aber bei denen.
    Nur führen sie nicht immer zusammen.
    Weil man aber im Elfenbeinturm der Unis gemerkt hat, daß es schwierig ist, mit der Konversation mit außerhalb lebenden Gruppen, denkt man sich Regeln aus, die in mehreren Stufen bis zum Adressaten, mit dem man ja selbst nicht mehr kommunizieren kann, von Dritten, also den Medien transportiert werden sollen. Die Idee ist einfach. Medienvertreter sollen erzogen werden, bestimmte Sprachregeln zu akzeptieren und einzuhalten. Wenn die das lange genug machen, kommt es irgendwann „unten“ an. Wenn es „unten“ angekommen ist, ist das Problem des Rassismus gelöst.
    Und das alles, ohne selbst in die Vororte gehen zu müssen.
    Und wenn das nicht klappt?
    Ja dann hat man immerhin ein paar Fachartikel publizieren können, was auf akademischer Ebene doch auch was ist, und kann sich dem nächsten Problem zuwenden.

  • #36
    Arnold Voss

    Lieber gutmenschisklar, ich weiß nicht was sie gedacht oder gefühlt haben, als sie den obigen Comment verfasst haben. Aber warum schon wieder so von oben herab? Warum nicht etwas mehr emphatischer und reflektierter Sprachgebrauch gegenüber Menschen, die nicht unbedingt ihrer Meinung sind. Warum nicht mal die Maßstäbe die man an andere gerne anlegt, auf sich selbst anwenden? Könnte bei den zukünftigen Comments hilfreich sein. 🙂

  • #37
    Sean

    @ Arnold Voss
    „Sie haben recht, Sean, ihre Argumentation wird nicht besser.“
    Sehr schlau. I see what you did there.

    „1. Dass es keine Diskriminierung durch die Mehrheitsgesellschaft gibt, hat hier Niemand behauptet.“

    Haben Sie sehr wohl, weil sie bestreiten, dass es überhaupt sowas wie eine Mehrheitsgesellschaft gibt, es gibt ja nur Einzelpersonen, über die man nur urteilen kann, wenn man sie persönlich kennt.

    „2. Weder die Debatte um die Leitkultur noch um das Blackfacing noch die Positionen Sarrazins haben eine a b s o l u t e Deutungshoheit erreicht. Im Gegenteil.“
    Einige Personen haben sich kritisch zu Wort gemeldet und wurden auf der gleichen Art und Weise niedergemacht, wie es hier die NDM gemacht werden. Wohlgemerkt nicht in Form von einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit ihren Argumenten, sondern nach dem Motto „Ihr habt überhaupt kein Recht, uns zu kritisieren.“ Dabei wird eben genau dieses „wir“ konstruiert und die wiederkehrenden Muster sind immer die gleichen. Deshalb ist es zulässig, hier von der allgemein vorherrschenden Reaktion der deutschen Mehrheitsgesellschaft zu sprechen.

    „3. Ihr “selbstgefälliger Deutscher” ist von der gleichen sprachlichen Machart wie ” der frauenfeindliche Türke”, der “mafiosische Russe” usw. usw.“
    Ahja, jetzt sind wir schon beim beliebten Thema „Rassismus gegen Deutsche“. Ist ja ein enormes Problem in unserer Gesellschaft, ne?

    „4 . Sie bezichtigen andere Kommentatoren pauschal diskriminierender Alltagspracktiken ohne sie zu kennen.“
    Mir geht es nicht um die alltäglichen Praktiken einzelner Personen sondern um den Alltagsrassismus der von der Mehrheitsgesellschaft ausgeht und hier verteidigt wird. Um die Leute, die dies zu tun, zu kritisieren, muss ich sie nicht persönlich kennen. Im Übrigen ist es bezeichnend, wie hier in den üblichen rassistischen Codes pauschal vom Verhalten von „Menschen aus bestimmten Kulturkreisen“ die Rede ist, ist auch bezeichnend für das Klientel, das von solchen Beiträgen angezogen wird.

    „Ach ja, ich habe ihnen nicht unterstellt, dass sie die absolute Deutungshoheit beanspruchen, sondern sie (ironisch) gefragt, ob sie sie beanspruchen wollen. Natürlich wollen sie das nicht. Aber ihr Sprachduktus sagt das Gegenteil, Sean: Alle sind doof, außer Sean. :-)“

    Die Quintessenz des selbsgerechten Kartoffelschwachsinns, der diese Debatten prägt. Wer die vorherrschenden Haltungen der Mehrheitsgesellschaft kritisiert und vorschlägt, mal darüber nachzudenken, was man da so sagt und tut, wird so hingestellt, ob wollte er (als Fremder) „uns“ Vorschriften machen. Dabei bist du zusammen mit deinen anderen Kollegen derjenige, der verbissen darum kämpft, das biodeutsche Denk- und Sprachmonopol in dieser Gesellschaft aufrecht zu erhalten. Die „Fremden“ sollen gefälligst ihr Maul halten und froh sein, dass die Deutschen ihnen das Maß an Toleranz einräumen, was die Deutschen in ihrer unendlichen Gnade ihnen gewähren.

  • #38
    Helmut Junge

    Ich vermute mal, daß solche Wortwendungen wie „des selbsgerechten Kartoffelschwachsinns“ absolut ok sind. Sonst würde jemand wie Sean sie ja nicht benutzen.

  • #39
    Hank

    @#37
    Wieviele „Fremde“ sind eigentlich in der NDM? Oder geht es hier Elitekartoffel gegen Normalkartoffel und der Fremde, welche Frucht auch immer bleibt aussen vor?

  • #40
    Sean

    @Helmut Junge
    „Ich vermute mal, daß solche Wortwendungen wie “des selbsgerechten Kartoffelschwachsinns” absolut ok sind.“
    Wer sich so verhält, kann ruhig auch so bezeichnet werden. Mag sein, dass ein Großteil des Ruhrbarone-Klientels mittlerweile Leute ehr anhand ihrer Zugehörigkeit zu „Kulturkreisen“ beurteilt, aber ich sehe das ein wenig anders.

    @Hank Ich weiß nicht, wie Sie „Fremde“ definieren, aber die NDM sind zum allergrößten Teil JournalistInnen mit Migrationshintergrund, falls das Ihre Frage beantwortet.

  • #41
    Klaus Lohmann

    @#37 Sean: „Um die Leute, die dies zu tun, zu kritisieren, muss ich sie nicht persönlich kennen“
    Und ich muss Sie dann wenigstens in Ihrer „Neuen Macher“-Art weder ernst noch mit diesem darmgepressten Relativismus-Geschwurbsel für voll nehmen, solange Sie mich nicht kennen. That’s simple, cheers.

  • #42
    Hank

    Jetzt hab ich es auch gesehen, mal sehen wie sich die Sache entwickelt, ich denke aber entscheidend ist auf dem Platz.
    Das Wort „Fremde“ hatte ich aus ihren Post übernommen, für mich persönlich sind Fremde alle Menschen die ich nicht kenne.

  • #43
    Helmut Junge

    @Sean,
    Menschen mit Kartoffeln zu vergleichen, wäre normalerweise durchaus schon schlimmster Rassismus.
    Das tun Sie zwar, aber Sie werden sicher nach einer Ihrer eigenen Definitionen selbst gar kein Rassist sein können. Eine Ausnahmeerscheinung eben.
    Sie haben das Glück, daß die hiesigen Menschen, die Sie gerne Biodeutsche nennen, genügend selbstbewußt sind, solche, als Beleidigung gedachten Bezeichnungen, gar nicht wahrzunehmen.
    Aber gerichtsverwertbar für eine Beleidigungsklage dürfte der Begriff schon sein.

  • #44
    Thomas Weigle

    Ich habe jedenfalls in meiner Berufszeit ein Ausmaß an Fremden-und Frauenfeindlichkeit bei Menschen mit Migrationshintergrund erlebt, wie ich es bis dahin nur bei (Neo) Nazis vermutet hätte. Diese Wirklichkeit wollte man in den Fraktionen der Grünen, in denen ich in den 90ern tätig war, schlicht und ergreifend nicht wahrnehmen. Daran hat sich bis heute wenig geändert, der Kreis derer, die diese Wirklichkeit leugnen, ist sehr viel größer geworden, wie man an den Diskussionen um bspw. den Neukölner Bezirksbürgermeister sehen kann. Wer auf diese Probleme hinweist, dem wird schnell zum Rassisten gestempelt. Hilfreich ist das nicht.

  • #45
    Arnold Voss

    @ Sean

    Mein Lieber Sean, warum machen sie immer die gleichen Fehler? Statt zu unterstellen, dass Niemand außer ihnen hier über Diskriminierung auch nur nachdenkt, vermuten sie doch erst mal positiv, dass auch andere darüber reflektieren, darüber reden und sogar gegen Diskriminierung was tun, obwohl sie nicht ihre spezielle Meinung dazu teilen. Das wäre hilfreich für jede weitere Diskussion hier.

    Des weiteren empfehle ich ihnen dringend sich mit dem Begriff des Reverse Racism zu beschäftigen. Es ist nämlich nicht so, dass nur die Mehrheitsgesellschaft rassistische Vorurteile gegenüber Minderheiten hat sondern umgekehrt und häufig im Wechselverhältnis die Minderheiten rassitische Vorurteile über Mehrheiten haben. Dazu kommen noch die gegenseitigen rassistischen Zuschreibungen zwischen Minderheiten.

    Mit einem Satz: Opfer von Rassismus können sehr wohl selbst Rassisten sein. Oder allgemeiner: Opfer sind nicht schon dadurch die besseren Menschen, dass sie Opfer sind. Was uns natürlich nicht davon abhalten sollte, den Rassismus, wo immer er auch vorkommt, zu bekämpfen. Auch den potentiellen in uns selbst.

    Dass dabei die Sprache eine besondere Rolle spielt, liegt auf der Hand. Aber Sprachempfehlungen von Oben herab, ja sogar eventuelle Sprachverbote, helfen da nur sehr begrenzt. In den USA gibt es, was den Rassismus betriff, meines Wissen die älteste und fortgschrittenste sprachliche Political- Correctness Ausrichtung weltweit und sie hat bislang die realen Verhältnisse, wie sie gerade wieder einmal an der Stadt Furgeson sehen können, nicht ernsthaft verändert.

    Lassen sie mich aber noch mal ganz konkret auf die deutschen Verhältnisse und ihre persönliche Verwendung des sprachlichen Stigmas Kartoffel zu sprechen kommen. Ich finde an diesem Begriff nichts ehrenrühriges, wen man mit ihm umgeht wie Jan Delay bei seinem gleichnahmigen Song auf der CD „Mercedes Dance“. Eine meiner deutsch-musikalischen Favorites übrigens. So wie sie den Begriff hier benutzen ist er allerdings zutiefst rassistisch.

    Ach ja, und noch ein eher künstlerischer Tipp der ihnen auf äußerst spannender Weise helfen könnte aus ihrem geschlossenen Weltbild herauszufinden: Der preisgekrönte Spielfim „L. A. Crash“.

    Überhaupt sollten sie sich ein bisschen mehr in der Welt umsehen, und/oder einfach ein paar Jahre mit Zuwanderern, Migrationshintergründlern und sonstigen „fremden“ Menschen Tür an Tür leben. Ich tue das seit Jahrzehnten und das nicht nur in Deutschland. Gauben sie mir, Sean, die Gruppe der Arschlöcher ist auf alle Ethnien dieser Welt ziemlich gleich verteilt. 🙂

  • #46
    Ich wer sonst

    Das mit der Rasse ist ein blödes Argument. Die neuere Rassismusforschung sucht die Ursache von Rassismus nicht in den Objekten des Rassismus, sondern in den Subjekten die rassistisch handeln. Rasse ist – sofern man ihre Existenz annimmt – nur eine Möglichkeit die Objekte zu definieren. Wenn einer der üblichen Verdächtigen einen Türken oder türkischstämmigen Menschen tottritt und dabei „Scheißtürke“ ruft ist das ein rassistischer Mord, ganz unabhängig ob Türken eine Rasse sind oder nicht. Schon im alten Rassismus wechselte der Begründungszusammenhang zwischen Kultur und Biologie d.h. Rasse hin und her. Ob „der Neger“ dumm, bzw. eher manuell geschickt sein soll weil er biologisch zurückgeblieben sei oder dumm weil unterentwickelt sei ist für die Logik einen Rassisten und auch die Opfer völlig nebensächlich.

  • #47
    Stefan Laurin

    @Ich wer sonst: Dann verharmlost die neuere Rassismusforschung Rassismus in dem sie den Begriff zu weit ausdehnt. Rassismus bezieht im Kern sich auf Eigenschaften, die ein Mensch nicht ändern kann: Herkunft, Hautfarbe oder eine Behinderung. Er hat keine Chance sich dem Rassismus zu entziehen. Islam ist wie jede Religion eine Meinung von der Welt – nicht mehr und nicht weniger. Wenn es antimuslimischen Rassismus gibt, gäbe es auch antikommunistischen Rassismus etc.. Also ist die Diskriminierung von Muslimen nicht rassistisch, sie ist eine religiöse Diskriminierung. Bei ihrem Türken-Beispiel handelt es sich hingegen klar um Rassismus – seine Herkunft kann man nicht ändern.

  • #48
    Wolfram Obermanns

    „Scheiß Türke“ ist semantisch und rational betrachtet Ausdruck eines nationalistischen Überlegenheitsgefühls.
    Die Ausdehnung des Begriffes Rassimus auf jedewede Form von Diskriminierung, wie Ich wer sonst das skizziert, ist semantisch und rational betrachtet Ausdruck einer sprachlichen Minderbegabung oder exakt antagonistisch zur Rationalität ein Ausdruck von Konfusion.
    So wird man wachsender Ressentiments bestimmt nicht Herr, im Gegenteil.

  • #49
    Arnold Voss

    @ Ich, wer sonst

    Die Rassismusforschung ist selber politisch. Die systematische Überdehnung des Begriffs hat hierin seine unausgesprochenen Ursachen. Sie ist zugleich eine Kopfgeburt selbstreferentieller universitärer Kommunikationssysteme, die jedoch genau deswegen außerhalb des Wissenschaftssystems je nach politisch-ideologischen Gusto instrumentalisiert werden kannn und wird.

    Den Mechanismus dahinter kann man sehr gut am Begriff der Islamophobie erkennen. Er entspringt einem eigenen totalitären Wahrheitsanspruch, der andere Meinungen für krankhaft erklärt, und damit die eigentliche Kritik nicht mehr zu widerlegen braucht, respektive sich einer Diskussion darüber von vorneherein entziehen kann.

    Was den Rassismus betrifft, wird, abgesehen davon, dass die neuere Rassismusforschung selbst in der Wissenschaft nicht unumstritten ist, über die Konstruktion, dass es gar nicht um Rasse sondern um die dahinter stehende homgenisierende Diskriminierungsabsicht geht, in der Praxis zum beliebigen Generalverdacht gemacht. Ein Begriff so auszuweiten, dass er sich selbst gar nicht mehr enthält, obwohl er als Begriff weiter existiert, ist aber auch sprachlogisch ausgesprochen problematisch.

  • #50
    Helmut Junge

    Die Regeln werden immer enger ausgelegt und und nach kurzer Zeit geändert. Beides geht aber nicht zusammen.
    Helfen tut es nicht, denn dann hätten wir schon vor langer Zeit erste Erfolge sehen müssen, aber Verwirrung darüber, was man sagen soll, und was nicht, gibt es durchaus jetzt schon.
    Ich sehe im oben diskutiertem Regelwerk übrigens Ähnlichkeiten mit den Meistersingern.
    Zitat aus Wikipedia „Die Regeln des Meistergesangs sollten Hilfe bieten und zu kompositorischer Tätigkeit anregen, wurden aber immer enger ausgelegt. Diese Tendenz wurde 1868 von Richard Wagner in seiner Oper Die Meistersinger von Nürnberg karikiert – vor allem in der Person des strengen Stadtschreibers Beckmesser, dessen Name zum Synonym für Pedanterie wurde.“
    Und was ist aus den Meistersingern geworden? Männergesangsvereine!

  • #51
  • #52
    abraxasrgb

    Schöner Artikel, passend zum Thema, vor ein paar Tagen in der Welt:
    http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article134846245/Wueste-Poebelei-im-Namen-der-gerechten-Sprache.html

    Besonders schön herausgearbeitet ist der Teil mit dem moralischen Distinktionsgewinn 😉
    Der von mir geschätzte David Foster Wallace kommt auch zutreffend analytisch darin vor.

    Ansonsten mal einen für linke post-was-weiss-ich mal bei dem etwas wirren Slavoj Zizek suchen, selbst der fand für die Substitutionsorgie von kreativen Wortverdrehern die schöne Figur der Euphemismus-Tretmühle. Na ja, auch ein blinder Hahn findet mal ein Korn 😉
    (POST= Akronym und Präfix für: Personen ohne sinnvolle Tätigkeit)

    Gefühlosophen á la „Sean“ mit Logik und Linguistik parieren zu wollen, ist ungefähr so sinnvoll, wie ein Dialog zwischen Neurochirurg und Komapatient. Performativer Selbst-Widerspruch? Na und ..!

    Die zentrale Frage bleibt doch: Warum sollte ich meine Sprache ändern? Nur weil es ein anderer möchte? Und was, wenn ich sie nicht ändere? Liebesentzug? Gulag? Strafarbeiten schreiben?
    Bei Paul Watzlawick war doch ein wichtiges Axiom der Kommunikation immer, das der EMPFÄNGER und nicht der Sender entscheidet, wer die Nachricht in den falschen Hals bekommt.

    Negerküsschen 😉

  • #53
  • #54
    Rainer Möller

    Danke für diesen Artikel und die Literaturangaben.
    Ehrlich gesagt hab ich den Eindruck, da wird gerade etwas links wiederentdeckt, was man rechts schon seit langem weiß – aber es kommt natürlich immer auch darauf an, wer es wo sagt.

  • #55
    Klaus Lohmann

    Richtig, Rainer Möller, der rrrrechte Dumpfbär wusste es ja immer schon. Nicht besser, aber schon.

  • #56
  • #57
  • Pingback: Medienmacher gegen Pressekodex und Realität | Ruhrbarone

  • #59
    Nansy

    Man sehe mir diese Abschweifung an den Rand des Themas bitte nach – aber zu den "manierierten Sprachcodes" der Deutschen Fernsehmacher zähle ich auch die immer wiederkehrende Abmoderation von Korrespondenten mit den schönen Worten "Vielen Dank für ihre Einschätzungen".
    Während früher noch den Reportern und Korrespondenten für ihren Bericht gedankt wurde, hat man jetzt dem Zuschauer nurmehr "Einschätzungen" zu bieten. Als Zuschauer fragt man sich, ob vieleicht im Hintergrund die Rechtsabteilung des Senders wacht, um den Reporter davor zu bewahren, rechtlich anfechtbare Äußerungen zu tätigen? Oder man fragt sich, ob es dem Korrespondenten in der Kürze der ihm zur Verfügung stehenden Zeit nicht möglich war, genauer zu recherchieren?
    Für die in dieser Wortwahl zum Ausdruck kommende Zaghaftigkeit und Vorsicht bezahlen die Zuschauer mit hohen Gebühren – eigentlich in der Erwartung, von kompetenten Fachjournalisten informiert zu werden.

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