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Corona und Katastrophenschutz: Distanz in den Mai

Corona in einer Bearbeitung von K. Gercek

Zum 56. Mal seit dem 15. März 2020 unterhalten sich die Ruhrbarone mit Magnus Memmeler.  Bis heute sind 55 Interviews entstanden, die auf den Katastrophenschutz blicken und die Corona-Krise nachzeichnen. Im 56. Interview geht es um die Lockerungen, um die nunmehr beschleunigte Impfkampagne, um die Notwendigkeit einer Kommunikationsstrategie, um kindgerechte Lolli-Tests und einiges mehr. 

Ruhrbarone: Die Inzidenzwerte im Bundesgebiet sinken und die Zahl der Klinikeinweisungen nimmt geringfügig ab. Dürfen wir uns auf den Mai freuen?

Memmeler: In der Tat flacht die Kurve der Neuinfektionen aktuell etwas ab. In meinem Heimatkreis ist die Inzidenz von deutlich über 200 inzwischen auf 189,4 und im Bundesschnitt auf 148,6 gesunken. Der Wert lässt mich aber nicht spontan jubeln. Wir sollten uns lieber daran erinnern, dass wir den Inzidenzwert von 50 einst als kritische Marke empfunden haben – und dass zu einer Zeit, in der noch keine Virusmutationen bekannt waren. Jetzt gilt es, die dezent positive Tendenz zu verstätigen und nicht zu schnell in den Gedanken zu verfallen, dass alles überstanden ist.

Laut Robert-Koch-Institut ist die dritte Welle der Corona-Pandemie in Deutschland abgebremst. Die Entwicklung sei positiv, doch für Entwarnung sei es noch zu früh. Die Fallzahlen sind laut RKI noch zu hoch, auch wenn das exponentielle Wachstum sich seit Ostern nicht so fortgesetzt hat, wie Modellrechnungen es befürchten ließen. Offensichtlich waren viele Menschen so vernünftig, wie wir es uns hier stets gewünscht haben. An dieser Stelle einfach mal herzlichen Dank an die vernünftige Mehrheit in unserer Gesellschaft, die sich inzwischen seit 14 Monaten extrem einschränkt, während einige Mitmenschen immer wieder einen Beitrag dazu leisten, dass die Schutzmaßnahmen lange beibehalten werden müssen.

Laut RKI ist das momentane Problem, dass die Infektionszahlen bei Menschen unter 60 Jahren und bei Kindern deutlich zunähmen.

„Kinder tragen auf jeden Fall zum Infektionsgeschehen bei“,

sagte Wieler in dieser Woche.

Laut Wieler dürfe man die Langzeitfolgen, die es auch bei Kindern gebe, bei der Risikobewertung nicht aus dem Blick verlieren. Klinische Beobachtungen lassen vermuten, dass jeder zehnte Coviderkrankte unter Longcovid – Folgen leiden könnte. Deshalb betont Wieler in dieser Woche:

„Wir müssen weiter alles dafür tun, um die Fallzahlen zu senken. Wir müssen auf den letzten Metern vor der Impfung bislang Ungeschützte schützen.“

„Die Pandemie wird erst dann unter Kontrolle sein, wenn sie in allen Teilen der Welt unter Kontrolle ist.“

Wielers Prognose lautet deshalb:

„Wir werden bis Ende 2022 voll in der Pandemie stecken.“

Ich empfand es als sehr wichtig, dass Herr Wieler uns allen noch einmal klar gemacht hat, dass Deutschland keine Insel ist und eine Pandemie nun einmal bedeutet, dass wir weiterhin die weltweiten Entwicklungen im Auge behalten müssen, weshalb wir hier auch stetig konsequentere Reisebeschränkungen einfordern. Ja, inzwischen nehmen wir alle recht abgestumpft tägliche Meldungen von etlichen tausend Todesfällen in Indien oder Brasilien zur Kenntnis und vergessen dabei, dass uns nur Flugstunden von dort trennen.

Außerdem ist Indien die Apotheke der Welt. Viele Logistikketten der Pharmaindustrie beginnen leider in Indien, weshalb uns die dortige Entwicklung nicht kalt lassen sollte.

Katastrophenschutz ist Logistik! Und da eine Pandemie eine weltweite Katastrophe ist, müssen wir bei der Lagebewertung auch oft genug über den Tellerrand des Michels hinaus schauen – zum Beispiel auch in unsere direkten Nachbarländer.

Katastrophenschutz ist Logistik!

Die aktuellen Lockerungen in Belgien und den Niederlanden, die wesentlich höhere Infektionszahlen als die BRD aufweisen, sollten uns zur Vorsicht mahnen, wenn wir die vom RKI als positiv beschriebene Entwicklung nicht gefährden wollen. Ein Bericht im Ärzteblatt über die Modellregion Tübingen lässt erahnen, was die Lockerungen in den Nachbarländern bewirken werden. Der innereuropäische Grenzverkehr könnte also wieder zum Risiko werden, weshalb die aktuellen Reisewarnungen unbedingt beachtet werden sollten.

Für diejenigen, denen dieser Hinweis bereits zu weit geht, sei der Hinweis erlaubt, dass Australien Bürgern, die nun aus Indien einreisen wollen, bis zu fünf Jahren Haft androht. Nein, so drakonisch wünsche ich es mir auch nicht. Wir sollten uns nur alle klar machen, dass wir noch weit von dem entfernt sind, was uns manche Meldungen suggerieren wollen, wenn diese von angeblich harten Einschnitten berichten.

Und um auf den zweiten Aspekt Ihrer Frage einzugehen, müssen wir trotz nachlassender Klinikeinweisungen wegen Coviderkrankung zur Kenntnis nehmen, dass die Intensivstationen in manchen Regionen am Limit sind. Es wurden und werden zum Beispiel Patienten aus der Metropole Köln nach Bochum verlegt, um die Versorgungssicherheit in der Domstadt aufrechterhalten zu können. Der Krankheitsverlauf bei der britischen Virusmutation ist, insbesondere bei jüngeren Patienten, wesentlich gravierender, als dies bislang der Fall war. Auf einigen Intensivstationen ist der Altersdurchschnitt inzwischen auf unter vierzig Jahre gesunken.

Wegen der verlängerten Behandlungsdauer bei jüngeren Patienten, stellt deshalb auch eine etwas geringere Quote an Klinikeinweisungen ein Problem dar, weil die Intensivstationen sich nicht wirklich leeren. Um den Blick auf die Zahlen der freien Intensivbetten zu schärfen, muss man wissen, Low Care”-Betten machen etwas mehr als die Hälfte der Intensivplätze in Deutschland aus, “High Care” – Betten ungefähr vierzig Prozent und “ECMO” – Behandlungsplätze ungefähr 3 Prozent aller Intensivbehandlungsplätze.

Patienten mit Covid-19 können nicht überall gleich gut versorgt werden – größere Krankenhäuser übernehmen auch Patienten aus dem Umland, teilweise sogar aus anderen Bundesländern. Das verzerrt die Auslastungsquote vor Ort. Außerdem wird die Quote der als frei gemeldeten Intensivbetten durch verschobene Eingriffe relativ konstant gehalten, um die Versorgungssicherheit bei Notfällen möglichst nicht zu gefährden. Die Abnahme der Neuinfektionen ist also auf den Intensivstationen noch lange nicht angekommen. Dieser Effekt wird wahrscheinlich erst in vier bis sechs Wochen extrem langsam wahrnehmbar werden, wenn nicht noch mehr jüngere Patienten erkranken.


Magnus Memmeler mit Maske Foto: Privat

Magnus Memmeler (53 Jahre) lebt in Kamen. Seit über 31 Jahren arbeitet er im Rettungsdienst und Katastrophenschutz. 25 Jahre davon hat er diverse Leitungsfunktionen eingenommen. Er war beauftragt zur Organisation des Sanitätsdienstes beim DEKT in Dortmund und Verantwortlicher einer großen Hilfsorganisation bei der Versorgung und Unterbringung von Geflüchteten in den Jahren 2013 – 2018. Er war zudem Mitglied bei der Stabsarbeit von Bezirksregierungen und in Arbeitskreisen des Innenministeriums bei der Konzeption von Katastrophenschutz-konzepten.

 

 


Spätestens seit der Eindrucksvollen Teilnahme eines Intensivpflegers bei der Bundespressekonferenz sollte jedem klar sein, wie es um die Belastung des Personals auf Intensivstationen bestellt ist. Bis die Impfquote einen signifikanten Einfluss auf das Infektionsgeschehen hat, ist also noch Zurückhaltung angesagt.

Ruhrbarone: Die Impfungskampagne nimmt an Fahrt auf und die Tageszahlen Geimpfter sind erfreulich. Es wird erwogen, ab Juni die Priorisierung gänzlich aufzuheben. Wie beurteilen Sie denn diese Entwicklung?

Memmeler: In der Spitze wurden in dieser Woche über eine Millionen Menschen an einem Tag geimpft. Wenn wir die Kurve bei der Impfquote betrachten, können glücklich zur Kenntnis nehmen, dass es endlich richtig los geht beim Impfen. Leider gehört aber auch zur Wahrheit, dass zahlreiche Mitmenschen ihren Impftermin ungenutzt verstreichen lassen.

Dies hat mehrere Gründe. Die einen haben generell Bedenken, sich impfen zu lassen, andere haben sich sowohl beim Hausarzt, als auch im Impfzentrum registrieren lassen und sagen bei Zusage den zweiten Termin nicht ab und andere wollen warten, bis der Wunschimpfstoff angeboten wird.

Neben Bedenken und Egoismus, stellt also die nicht vorhandene Koordinierung von Einladungen weiterhin und auch zunehmend ein Problem dar, alle Impftermine wirklich effektiv vergeben zu können. Für den einen oder anderen Mitmenschen stellt sich dies inzwischen auch als gern willkommener Zufall dar, wenn Hausärzte spontan Begleitpersonen mit impfen, um Impfstoff nicht verfallen zu lassen oder Mitarbeitende aus Discountern einbestellen, da sie hierdurch aktiv zur Pandemiebewältigung beitragen wollen, statt Impfstoff zu verwerfen.

Ich persönlich kann es nicht als verwerflich bezeichnen, wenn auf diese Art und Weise von der Priorisierung abgewichen wird. Nicht hinzunehmen sind Abweichungen von Priorisierungen, die ausschließlich auf persönlichen Beziehungen oder dem Bemühen beruhen, Privatpatienten an Praxen zu binden. Zum Glück sind diese Auswüchse jedoch die absolute Ausnahme, da die Masse an Ärzten sehr verantwortungsvoll vorgeht.

Impfzentren möchte ich persönlich empfehlen, Verkaufspersonal aus dem Lebensmittelhandel in Wartelisten zu registrieren, um ausgefallene Impftermine schnell kompensieren zu können, denn wir dürfen nicht vergessen, dass diese Mitmenschen dafür sorgen, dass unsere Kühlschränke voll sind und dabei permanent den meisten Kontakten ausgesetzt sind.

Wie wichtig es ist, eine möglichst hohe Impfquote zu erreichen, zeigt eine Meldung aus Lützen, die wir in dieser Woche lesen konnten. In Lützen im Burgenladkreis gab es ein größeres Ausbruchsgeschehen in einer Lützener Pflegeeinrichtung, bei dem es auch zwei Todesfälle gab.

Insgesamt sind dort 21 Personen positiv auf das Coronavirus getestet worden. Dabei handelte es sich um sieben Mitarbeiter sowie 14 Bewohner. Die infizierten Pflegekräfte sind allesamt ungeimpft gewesen. Überhaupt hätten 75 Prozent der dortigen Mitarbeiter das Impfangebot des Kreises nicht in Anspruch genommen.

Auch die Impfquote innerhalb von Senioreneinrichtungen muss also beachtet werden, wenn manch einer nach bundesweit einheitlichen Lockerungen für Senioreneinrichtungen verlangt.

Bis Ende Juni jedem ein Impfangebot

Wenn, wie durch Lieferanten und Bund angekündigt, die Liefermengen für die Arztpraxen im Mai deutlich angehoben werden, gibt es richtig gute Nachrichten. Laut einer Modellrechnung der KV wird bei durchschnittlich 100 Impfungen pro Praxis und Woche jeder Erwachsene bis Ende Juni ein Impfangebot erhalten.

Bei Einbeziehung der Betriebsärzte könnte das Impfgeschehen zusätzlich beschleunigt werden, um möglichst bald auch allen eine Zweitimpfung anbieten zu können. Hoffnung macht, angesichts der Inzidenzwerte bei Kindern und Jugendlichen, die Ankündigung von Biontech, ab Juni wahrscheinlich auch die Freigabe zur Impfung von Kindern ab dem zwölften Lebensjahr zu erhalten und ab September eventuell sogar für alle Altersstufen.

Angesichts dieser nun eintretenden Impfdynamik ist es auch vollkommen richtig, endlich Aufklärung in Stadtbezirken zu betreiben, in denen extrem hohe Inzidenzwerte aber auch Vorbehalte gegenüber der Impfung bestehen, da Sprachprobleme und hartnäckige Falschmeldungen zu extrem großen Vorbehalten gegenüber Impfungen geführt haben. Leider wurde viel zu spät darauf reagiert, wirklich allen Mitmenschen den Zugang zu validen Informationen zu ermöglichen.

Um es klar und pointiert auszudrücken, muss man eingestehen, dass die Bundesrepublik Integrationspolitik seit den Sechzigern vollkommen verpennt hat. Durch dieses Versäumnis ist es in Ballungsgebieten zu einer regelrechten Gettoisierung gekommen, die uns in dieser Pandemie erneut Probleme bereitet, da Sprachbarrieren, soziokulturell geprägtes Zusammenleben und natürlich auch prekäre Wohnformen zum einen das Infektionsgeschehen beeinflussen aber auch Impfvorbehalte verstärken.

Deshalb ist es gut, wenn die Aktivitäten aus den Impfzentren zunehmend in Stadtteile verlagert werden, die einen hohen Migrationsanteil aufweisen oder in denen viele finanzschwache Familien leben. Querdenker gibt es leider nicht nur unter den strammen Ariern, wie spätestens seit dem “Brokkolihimmler” Attila Hildmann wissen.

Ruhrbarone: Gestern, am 1. Mai waren auch wieder viele Querdenker auf den Straßen unterwegs, die zur negativen Stimmungsmache gegen die Impfkampagne weiter beitragen. Das ist für eine erfolgreiche Kampagne problematisch, oder?

Memmeler: Auch wenn ich kein Soziologe bin, traue ich mir die Aussage zu, dass auch hier viel zu spät erkannt wurde, wie groß das Problem ist und wir leider weiterhin mit diesem Problem leben lernen müssen.

Wie groß das Problem inzwischen wirklich ist, erkennen wir doch daran, dass sich die AFD inzwischen vollkommen offen dazu bekennt, der parlamentarische Arm der Anti-Corona-Proteste zu sein. Zuletzt hatte sich die Berliner AFD, namentlich die AfD-Landesvorsitzende, hierzu in aller Deutlichkeit positioniert. Die Bundespartei, die in der so genannten „Querdenken“-Bewegung einen politischen Partner sieht, hat sich bereits auf dem Bundesparteitag in Dresden klar zu den Zielen der Querdenkerbewegung bekannt.

Um zu erkennen, wie groß dieses Problem wirklich ist, kann ein jeder Leser die Prozentanteile der AFD bei den aktuellen Wahlprognosen heranziehen. Wenn man dann auch noch die Wählergunst in den einzelnen Bundesländern betrachtet, kann man sehr leicht erkennen, wo die Hütte bereits mächtig brennt. Zur Erinnerung – der Verfassungsschutz hat den Querdenkern Demokratiefeindlichkeit und eine Delegitimierung des Staates attestiert.

Das die Südthüringer CDU Hans-Georg Maaßen zum Direktkandidaten für den Wahlkreis 196 nominiert hat, kann als Nachweis dazu herangezogen werden, dass Querdenken sich nicht allein auf eine Partei reduzieren lässt. Zusätzlich zum rechten Spektrum in dieser Szene, erleben wir auch immer wieder zahlreiche Gruppierungen, die im besten Fall an Hippies erinnern oder schlicht Menschen sind, die unglaublich viel Pech beim Denken haben.

Auch dieses Phänomen in dieser Pandemie ist eine Katastrophe.

Ruhrbarone: Darf der Hinweis auf die Katastrophe als Wink verstanden werden, nun genauer auf die Rolle des Bevölkerungsschutzes in dieser Pandemie zu schauen?

Memmeler: Ich denke, dass das auch in dieser Woche wieder erforderlich ist, da inzwischen sogar die CSU-Innenpolitikerin Andrea Lindholz zu der Einschätzung gelangt ist, große Krisen wie die Corona-Pandemie sollten besser von einem mit Fachleuten besetzten Krisenstab, als von Politikern gemanagt werden. Um dem Aufschrei vorzubeugen, darf ich an dieser Stelle sagen, dass allen Bevölkerungsschützern daran gelegen ist, eine solche Lageführung nur umzusetzen, wenn zuvor die erforderliche parlamentarische Legitimierung erfolgt ist.

Frau Lindholz bezieht sich bei dieser Aussage auf einen detaillierten Plan der seit einigen Jahren existiert. In diesem Handlungskonzept ist festlegt, wie das Bundesinnenministerium auf Antrag eines Ressorts oder betroffener Bundesländer “bei lang anhaltenden, länderübergreifenden Gefahren- oder Schadenslagen mit hohem Abstimmungs- und Beratungsbedarf” eine Interministerielle Koordinierungsgruppe von Bund und Ländern einberufen kann.

Eine der Aufgaben der Koordinierungsgruppe wäre “eine abgestimmte Bund-Länder-Kommunikationsstrategie zu erarbeiten”. Aufgemerkt und hingehört möchte man hier rufen, wenn man sich an die unzähligen Ministerpräsidentenkonferenzen und das jeweils daran anschließende Regelchaos erinnert.

Wir machen mal alle gemeinsam Nichts

Wie wichtig eine gute Krisenkommunikation, zu der es ja auch Ausarbeitungen gibt, ist, haben wir hier oft genug betont. Als aktuelles Beispiel dafür, warum es ein solches Konzept gibt, kann man den Impfgipfel vom vergangenen Montag heranziehen. Fazit des Gipfels war, wir machen mal alle gemeinsam Nichts. Alle wollten warten, bis der Bund einen Vorschlag macht, wie es denn nun mit den Grundrechtseinschränkungen für vollständig geimpfte Mitbürger weiter gehen soll.

Nach bis gestern acht Bundesländern, die geimpften Mitmenschen gewisse Privilegien einräumen, ist nun auch NRW nachgezogen, obwohl der für seinen Wankelmut inzwischen bekannte Ministerpräsident Laschet das bis Freitag noch vehement abgelehnt hat.

Offensichtlich hat Frau Lindholz die nicht stattgefundene Einberufung des konzeptionierten Krisenstabes sogar schon gegenüber Bundestagsabgeordneten thematisiert, denn in einem Interview in dieser Woche sagte sie:

“Als ich einmal gefragt habe, weshalb dieser Krisenstab nicht aktiviert wurde, hat man mir geantwortet, es gäbe doch die Ministerpräsidentenkonferenz.”

Als Geschäftsstelle für diesen Krisenstab ist in den bestehenden Konzepten das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) in Bonn vorgesehen. Wie wir wissen, konnten wir vom inzwischen greisen Minister aus Bayern bislang noch keine Lebenszeichen in dieser Pandemie verzeichnen und der von ihm berufene BBK Chef Armin Schuster wird von vielen Bevölkerungsschützern, spätestens seit der Ausschussanhörung über die wir hier berichtet haben, als absolute Fehlbesetzung angesehen.

Um dem breiten Leserspektrum zu verdeutlichen warum es Pläne für einen solchen Stab gibt, warum Bevölkerungsschützer immer wieder diese klaren Strukturen gefordert haben und welche Fehler durch die parlamentarisch legitimierte Einberufung des Stabes hätten vermieden werden können, möchte ich nur wenige aber dafür eindeutige Beispiele benennen.

Wie wichtig gute Krisenkommunikation, nach einer validen Lagebeurteilung ist, erkennt man aktuell wohl sehr gut am Impfstoff Sputnik V, den der bayrische Silberrücken Söder und der ewig schwächelnde Sachse Michael Kretschmer den Bürgerinnen und Bürgern in ihren Bundesländern beschaffen wollen. Hier wurde von zwei Ministerpräsidenten ein Beschaffungswunsch artikuliert, obwohl viele Wissenschaftler gewarnt haben, dass es zu wenige Daten gebe, die eine Beurteilung der Wirksamkeit zuließen.

Mit Brasilien verweigert nun das erste Land Sputnik V die Zulassung, nachdem in dem russischen Corona-Impfstoff vermehrungsfähige Viren entdeckt wurden, was für Menschen mit Immunschwäche gefährlich werden kann. Der Leiter des brasilianischen Pendant des Paul-Ehrlich-Institutes gab zu Protokoll:

“Der Impfstoff hat das Potenzial, ein genetisch verändertes Adenovirus zu erzeugen, dessen Reaktionen im menschlichen Körper und dessen potenzielle Risiken nicht bekannt sind. Wir haben Daten aus Russland analysiert und keine Studien gesehen, die die Sicherheit des Impfstoffs belegen. Das Vorsorgeprinzip hat uns dazu veranlasst, ihn nicht zu empfehlen.”

Auch wenn nun im Nachhinein festgestellt werden würde, dass hier ein einmaliger Vorgang von Schlamperei bei einer eigentlich sicheren Methode vorliegt und dies bei der Produktion in Deutschland vermeidbar wäre, ist durch diese Meldung nicht nur der Ruf des Impfstoffes vernichtet, sondern auch das Vertrauen in die Qualität der beteiligten Länderchefs beschädigt. Im „Kleinen“ entspricht dieses voreilige Balzen um Wählergunst genau dem, was wir seit 14 Monaten Ministerpräsidentenkonferenz erleben.

Ebenso könnte durch einen solchen Krisenstab lageabhängiges und auf wissenschaftlicher Expertise basierendes Beschaffungsmanagement und die erforderliche Logistik angestoßen werden. Als nachvollziehbares Beispiel können wir hier auf die noch immer katastrophale Teststrategie bei Kitas und Schulen zurückgreifen. Seit vielen Monaten wird auf den zunächst unterschätzten Einfluss von Kindern und Jugendlichen auf das Infektionsgeschehen hingewiesen.

Der Test muss dem Kind und nicht dem Ministerium schmecken

Aus ideologischen Beweggründen wurden Schulen und Kitas geöffnet gehalten und zeitgleich keine Testmöglichkeiten bereitgestellt. Nun wo Testmöglichkeiten beschafft werden, sind es in der Regel keine kindgerechten Lolli-Tests, die auch super einfach in der Anwendung sind, wie ich aus dem Betrieb eines Testzentrums bei meinem Dienstgeber weiß. Ein Bevölkerungsschützer hätte hier pragmatisch entschieden, dass der Köder, hier der Test, dem Fisch, also dem Kind, und nicht dem Angler, hier dem Ministerium, schmecken muss.

Den Spitzenbeweis für die Notwendigkeit guter Krisenbewältigung in Stabsform liefert natürlich wieder NRW. Nachdem Familienminister Stamp den Einsatz von Lolli-Tests in Kitas bislang ablehnt, werden diese nun durch Bildungsministerin Gebauer für Grundschulkinder eingesetzt. Diese zwei Minister-innen aus ein und derselben Fraktion in ein und derselben Landesregierung beweisen, ressortübergreifende Krisenbewältigung gelingt nur mit einem guten Dirigenten.

Diese Kritik am Ministerpräsidenten Laschet ist zugleich ein sehr gutes Beispiel warum Staatskanzleien durch Krisenstäbe, die natürlich parlamentarisch legitimiert und überwacht werden, ersetzt werden müssen.

Ich denke, dass wir alle keine Kristallkugel benötigen, um zu erkennen, dass die Diskussion um die zukünftige Krisenbewältigung und die Rolle des Bevölkerungsschutzes nun ernsthaft betrieben werden muss, statt mit politischen Placebos um sich zu werfen, indem man geringe Geldflüsse verspricht, mit denen beispielsweise neue Katastrophenschutzfahrzeuge bereitgestellt werden können.

Das den Nutzerinnen und Nutzern von Luca- und Corona-Warn-App (CWA) nun, da wir uns alle auf Lockerungen in der Freiluftsaison freuen, wochenlanges Chaos beim digitalen Einchecken beispielsweise in der Gastronomie droht, sollte der allerletzte Anstoß sein, zukünftig Fachleuten die Krisenbewältigung zu überlassen. Leider kann die neue Check-in-Funktion der CWA die QR-Codes der Luca-App nicht lesen, obwohl der Bundesgesundheitsminister genau das angekündigt hat.

Dem BMG ist seit Wochen bekannt, dass die Luca-Codes nicht gescannt werden können, so die Vertreter der Luca-App. Dennoch wurde auf Presseterminen Mitte April von Vertretern des BMG zugesichert, dass auch die Luca-QR-Codes für die Corona-Warn-App verwendet werden können.

Lassen Sie uns nun einfach den noch jungen Mai begrüßen und darauf hoffen, dass wir uns diesen Dilettantismus sehr bald wieder gemeinsam im freien schön saufen können. Bis ausreichend Vernunft bei den Regierenden in Bund und Ländern einkehrt, muss es halt der Maibock richten. Bleiben Sie tapfer und gesund.

Ruhrbarone: Besten Dank und bleiben Sie gesund.

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7 Kommentare zu “Corona und Katastrophenschutz: Distanz in den Mai

  • #1
    ke

    Hat irgendwer auf Basis der Presseinformationen verstanden, wer jetzt keinen negativen Test mehr benötigt? Hier ist auch die Presse gefragt, genauer zu berichten.

    Corona ist seit der Anfangszeit als soziales Problem beschrieben worden. Es ist bekannt, dass viele Kulturen eine andere Einstellung zum Impfen haben. Hier wurde zu wenig getan. Es fehlen schon jetzt die niedrigschwelligen Impfangebote, die sichtbar sind.

    Dann hat Spahn mal wieder verschlafen, dass es Impfpässe geben wird. Bürger hätten längst Zertifikate bekommen können.

    Es ist nur immer wieder erstaunlich, welche Sprüche Lindner so den ganzen Tag absondert, ohne dass seine FDP Regierungspartei in NRW auch nur irgendwas geregelt bekommt. Die AFD Fraktion war doch auch nicht gegen Luftfilter im Landtag bzw. gegen Impfungen, wenn es um die persönliche Sicherheit geht.

  • #2
    ccarlton

    Da schon wieder von exponentiellem Wachstum die Rede ist, eine bildliche Gegenüberstellung des Wachstums der sog. Infektionszahlen in den vier Wochen vor Ostern und je einer exponentiellen, kubischen und linearen Wachstumskurve.

    https://i.postimg.cc/RVrmYJqc/Bild-2021-05-02-132427.png

    https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/6/64/Exponential.svg/1280px-Exponential.svg.png

    Das sieht für mich wie lineares Wachstum aus.

  • #3
    Memmeler

    @ke: Die Berichterstattung ist schon seit Beginn der Pandemie grauselig.

  • #4
  • #5
    Robert Müser

    Vielen Dank für die neuen Betrachtungen dieser Reihe.

    Der Schreiber dieser Zeilen fühlt sich inzwischen an die legendäre Kabarettsendereihen "Notizen aus der Provinz" bzw. "Scheibenwischer" von Dieter Hildebrandt erinnert, so absurd laufen inzwischen die Pandemie-Dinge in diesem Land.

    Der aktuelle Lockerungsaktionismus mancher Länderfürsten ähnelt dem imaginären Wettbewerb:

    "Deutschland sucht die 4. Corona-Welle".

    Die 16 Teilfürsten scheinen aus ihrem unseligen Wirken rund um Ostern nichts gelernt zu haben, sonst würden sie beim viel wichtigeren Part des Hochfahrens des normalen Lebens nicht so ein Chaos anrichten …

    Bleiben Sie trotzdem tapfer und bleiben Sie gesund!

  • #6
    ccarlton

    #4:

    Erste Antwort, zweiter Absatz: Die Fallzahlen sind laut RKI noch zu hoch, auch wenn das exponentielle Wachstum sich seit Ostern nicht so fortgesetzt hat, …

  • #7

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