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Corona und Katastrophenschutz: Mund-Nasen-Schutz in München, aber nicht in Hamm

Houd Rechts – Urlaubsimpression (c) Memmeler

Seit dem 15. März 2020 unterhalten sich die Ruhrbarone mit Magnus Memmeler.  Bis heute sind 24 Interviews entstanden, die den Katastrophenschutz ins Visier nehmen und auch die Corona-Krise nachzeichnen. Im 25. Interview geht es u.a. um einheitliches Ampelsystem für Maßnahmen, prominente Negativbeispiele für die Corona-Prophylaxe und wie die Neubesetzung im BBK polarisiert.

Ruhrbarone: Noch vor einiger Zeit sprachen wir über den Herbst und wie sich das Infektionsgeschehen um uns herum in Europa entwickeln würde. Heute müssen wir konstatieren, dass es wieder zahlreiche Hotspots mit brisant wachsenden Neuinfektionen gibt. Wie sollte man mit dieser beunruhigenden Entwicklung umgehen?

Memmeler: Am Freitag wurden erneut über 2.000 Neuinfektionen innerhalb von nur 24 Stunden gemeldet. Die Stadt Hamm meldete sogar einen Inzidenzwert von über 100, das zu einer traurigen Bekanntheit im Bundesgebiet geführt hat. Beides sind leider die direkte Folge von unangebrachter Leichtfertigkeit der Bevölkerung in Pandemiezeiten. Leider wird der Leichtsinn vorgelebt und das uneinheitliche Vorgehen im Bundesgebiet sorgt dafür, dass lokal erforderliche Maßnahmen durch die Bevölkerung in Frage gestellt werden.

Ich möchte dies an einigen markanten Beispielen verdeutlichen, die sinnbildlich für das Fehlverhalten stehen, vor dem Virologen aktuell immer lauter werdend warnen.

Aus vernünftigen Gründen wurde in München das Oktoberfest abgesagt, um ein Superspreading-Event zu vermeiden. Zur Kompensation des bayrischen Bedarfs an Traditionsveranstaltungen und zur Befriedung der lokalen Gastronomie wurden Brauhausfeste genehmigt, was zu den aus den Medien bekannten Bildern von eng auf eng feiernden und singenden Menschen führte, die einen direkten Beitrag zur Infektionsentwicklung in München leisteten und suggerierten, dass ausgelassenes Feiern ja gar nicht so schlimm sein kann, wenn es sogar im sonst so rigoros agierenden Bayern gestattet ist. Das Signal an große Teile der Bevölkerung war: Selbst Söder findet Partys in der Pandemie okay. In der Folge kam es in München und anderen Städten natürlich auch zu weiteren, häufig spontan oder privat organisierten Festivitäten, die ihren Beitrag zur aktuellen Entwicklung des Infektionsgeschehens leisteten.


Magnus Memmeler (52 Jahre) lebt in Kamen. Seit 31 Jahren arbeitet er im Rettungsdienst und Katastrophenschutz. 25 Jahre davon hat er diverse Leitungsfunktionen eingenommen. Er war beauftragt zur Organisation des Sanitätsdienstes beim DEKT in Dortmund und Verantwortlicher einer großen Hilfsorganisation bei der Versorgung und Unterbringung von Geflüchteten in den Jahren 2013 – 2018. Er war zudem Mitglied bei der Stabsarbeit von Bezirksregierungen und in Arbeitskreisen des Innenministeriums bei der Konzeption von Katastrophenschutzkonzepten.


Die Prominenz aus Politik und Gesellschaft lebt Fehlverhalten – medial begleitet und damit dokumentiert – perfekt und offensichtlich nicht sanktioniert vor. Am ersten Spieltag der Fußballbundesliga flimmerten über alle Kanälen Bilder aus dem VIP-Bereich im Münchener Stadion. Das uns allen bekannte Abstandsgebot wurde nicht eingehalten, obwohl Zuschauer für das Spiel nicht zugelassen waren, weil die Infektionszahlen im Stadtgebiet München dies einfach nicht zuließen. Nun könnte man witzeln, dass die Herren Rummenigge und Hoeneß es mit Regeln ohnehin nicht so eng sehen, doch das Signal war, dass alles gar nicht so gefährlich sein kann, weil auch reiche Menschen an ihrem Leben hängen.

Außerdem werden Menschen wie Tönnies, der ebenfalls anwesend war, ja wissen, wie man sich schützt, wenn ringsherum die Infektionszahlen explodieren und Neuerkrankungen zunehmen. Schließlich hat er darin bereits sehr bekannte und ausgiebige Erfahrungen sammeln müssen. Herr Spahn drängt sich bei einem Klinikbesuch öffentlichkeitswirksam mit zahlreichen Menschen in einen Lift, während der Arbeiter Horst Müller Arbeitsschutzvorschriften einhält und die Unternehmenstoilette erst betritt, nachdem sein Kollege die Örtlichkeit verlassen hat, die normalerweise drei Kollegen die Erleichterung bei Notdurft ermöglicht.

Promis und Politiker ohne Maske sind keine Vorbilder

Politiker betreten bei diversen Interviews mit Maske das Podest und nehmen Platz, bevor die Maske abgesetzt wird. Nach einer manchmal mehr oder weniger weisen Aussage stehen diese Herrschaften jedoch gemeinsam mit den Platznachbarn auf und verlassen mit nur noch geringem Abstand und selbstverständlich ohne Maske das Podium. Welches Vorbild wird hier an die Bevölkerung gesendet, die eventuell sogar im Interview dazu aufgefordert wurde, einen persönlichen Beitrag dazu zu leisten, die Auswirkungen dieser Pandemie beherrschbarer zu machen.

Die UEFA bestätigt Spinner wie den “Grünkohl-Goebbels” Atila Hildmann, der ja alle Maßnahmen zur Infektionsreduzierung als Zeichen einer Diktatur wertet, indem ein Supercup in einem Risikogebiet ausgetragen wird und die teilnehmenden Mannschaften ebenfalls aus erwiesenen Risikogebieten anreisen, um dann auch noch ausreichend begleitende Zuschauer in einem gefährlichen Mix zu vereinen, bevor es dann ins Stadion geht, aus dem uns Bilder erreichen, die Fans in inniger Umarmung zeigen. Auch ein Herr Orban kann einem Virus kein temporäres Beschäftigungsverbot erteilen. Deshalb können wir nun nur gespannt verfolgen, welche Folgen die Austragung des Supercups, unter den bekannten Bedingungen bei An- und Abreise, mit sich bringen wird. Das Signal der UEFA an die Gesellschaft war und ist einfach katastrophal. Zum Ausgleich müssten nun alle Medien entgegen wirken und darauf hinweisen, dass extrem behütete Fußballprofis von Mönchengladbach und Schalke aktuell infiziert wurden, obwohl diese durch ein ausgeklügeltes Hygienekonzept geschützt werden, was Nachweis genug dafür sein sollte, dass Infektionen immer und überall möglich sind.

Zu Ihrer Frage, was man besser machen kann, kann ich nur sagen, dass wir endlich zu bundesweit einheitlichen Standards kommen müssen, um der Bevölkerung erforderliche Maßnahmen verständlich und nachvollziehbar nahe zu bringen.

Ruhrbarone: Wie sollte das denn umgesetzt werden? Können Sie uns Beispiele nennen?

Memmeler: Die Relevanz von Vorbildern habe ich ja bereits dargestellt. Für das vorletzte Interview schoss ich ein Bild in den Niederlanden. Darauf war eine sehr einfache Beschilderung zu sehen, die die Laufwege in Fußgängerbereichen regelt. Warum ist es in Deutschland nicht möglich, eine solche Regelung umzusetzen? Stattdessen laufen die Menschen in Bahnhöfen und auf Bahnhofsvorplätzen kreuz und quer. Selbst vor dieser Pandemie haben wir uns doch schon alle etwas mehr Disziplin auf stark frequentierten Treppen, wie zum Beispiel der Freitreppe gegenüber dem Bahnhof Dortmund gewünscht.

Warum ist es nicht möglich bundesweit einheitliche Schwellenwerte festzulegen, die das Tragen von Mund-Nasenschutz in öffentlichen Räumen regeln? Es ist doch Wahnsinn und für niemanden nachzuvollziehen, warum in der Innenstadt von München das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes vorgeschrieben ist, im westfälischen Hamm jedoch nicht, obwohl hier derzeit bundesweit das größte Infektionsrisiko besteht. Warum gibt es kein bundesweit einheitliches „Ampelsystem“, welches lokal erforderliche Maßnahmen regelt, um der verständlichen Forderung nachzukommen, dass man auch lokale Risiken bei der Regelung von Maßnahmen berücksichtigen muss und dabei dennoch erreicht, dass Maßnahmen für alle nachvollziehbar werden und nicht mehr willkürlich erscheinen.

Inzwischen wurde selbst in NRW geregelt, dass ab gewissen Inzidenzwerten Maßnahmen mit den Landesbehörden abgestimmt werden müssen und bei Erreichen des Wertes von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von 7 Tagen, Maßnahmen verbindlich gestellt werden. Sogar die DFL hat endlich einheitliche Regelungen zur Zuschauerbeteiligung in Stadien geschaffen. Steigt der Inzidenzwert am Austragungsort eines Bundesligaspiels über den Schwellenwert von 35, findet das Bundesligaspiel ohne Zuschauer statt.

Kein simples Ampelsystem in Sicht

Wir brauchen klare und bundesweit einheitliche Regelungen, die nach einem simplen Ampelsystem geregelt sind. Diese Forderung formulieren auch zahlreiche Landkreise, indem diese erklären, dass zum Beispiel die Zahl von Teilnehmenden bei Familienfeiern bundesweit einheitlich geregelt werden sollte. In einem föderalen System wird es wahrscheinlich unmöglich sein, dass Mecklenburg Vorpommern eine Höchstteilnehmerzahl von 50 akzeptiert, wenn entsprechend wenig Neuinfektionen in diesem Bundesland zu verzeichnen sind, während in NRW inzwischen Festivitäten beim Ordnungsamt angemeldet werden müssen, weil Hochzeitsfeierlichkeiten inzwischen im gesamten östlichen Ruhrgebiet zu einem Anstieg von Neuinfektionen geführt haben. Dies geschah, weil nicht vorhandene Gästelisten und bewusste Falschangaben zum uns allen bekannten Infektionsgeschehen und zur Überforderung von Gesundheitsbehörden in Hamm und Umgebung beigetragen haben. Wahrscheinlich hilft auch hier nur ein Ampelsystem mit bundesweiter Gültigkeit, um nachvollziehbare Regelungen zu treffen. Inzidenz von unter 5 bedeutet die Zulässigkeit von 150 Besuchern, Inzidenz von bis 20 bedeutet die Zulässigkeit von 100 Besuchern und so weiter.

Ebenso wie die inzwischen für NRW getroffene Regelung, Festivitäten bei Ordnungsbehörden anmelden zu müssen, damit die Nachvollziehbarkeit von Infektionsketten ermöglicht wird und Hygienemaßnahmen verbindlich geregelt werden können, halten viele Virologen auch die Forderung von Thomas Kutschaty für berechtigt. Kutschaty fordert, dass Stadion- und Konzertbesucher auch einen 10,00 € teuren Schnelltest finanzieren sollten, wenn ihnen die Teilnahme an einer Veranstaltung schon 60,00 € wert ist. Warum nicht, wenn wir Veranstaltungen wieder ermöglichen wollen, ohne auf eine möglichst hohe Sicherheit zu verzichten zu wollen? Leider sind noch nicht ausreichend viele Schnelltests verfügbar, um sowohl Massenveranstaltungen zu versorgen und zusätzlich Schnelltests für zum Beispiel Besucher von Seniorenheimen und Klinikpersonal sicherzustellen.

Ruhrbarone: Schnelltests, die wahrscheinlicher werdende Bereitstellung von Impfstoffen und die Ermöglichung von flächigen PCR Tests geistern derzeit durch die Medien. Vor kurzem wurde noch über die Überlastung von Laboren und Mitteilungspannen berichtet. Inzwischen warnen Virologen davor, dass es sehr bald auch zu einer größeren Belastung des Gesundheitswesens kommen wird. Wie bewerten Sie die darin liegenden Chancen und Risiken?

Memmeler: Ich möchte mit der Testempfehlung für Gesundheitsberufe beginnen, die aktuell erarbeitet wurde. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) haben sich bereits rund 26.000 Mitarbeitende im Gesundheitswesen mit Covid-19 infiziert. Das sind 10,3% der Gesamtzahl der registrierten Infektionen in der BRD. Das RKI empfiehlt deshalb eine Testung alle 14 Tage – auch ohne Symptome – für Mitarbeitende im Gesundheitswesen. Bei ca. 5 Mio. Mitarbeitenden im Gesundheitswesen und einer wöchentlichen Testkapazität von 1,4 Mio. Untersuchungen, wären die Bestehenden Laborkapazitäten bereits überfordert, wenn allein diese nachvollziehbare Empfehlung umgesetzt würde.

Deshalb haben die 17 medizinischen Fachgesellschaften unter der Federführung der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) eine Leitlinie für eine nationale Teststrategie für Mitarbeitende im Gesundheitswesen veröffentlicht. Die wichtigste Forderung der Leitlinie ist laut Professor Uwe Janssens, Erstautor der Leitlinie, Präsident der DIVI und Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin am St.-Antonius-Hospital in Eschweiler, dass gezielt nach Relevanz getestet werden muss und kein Gießkannenprinzip zum Einsatz kommt. Der dringende Appell an die Politik lautet nun, sich mit der vorgelegten Leitlinie zu befassen, da der Schutz von Mitarbeitenden im Gesundheitswesen gleichzeitig auch Patientenschutz bedeutet.

Um die Teststrategie des RKI zu spezifizieren, nennt die neue Leitlinie vier Kriterien: Grad des Infektionsrisikos in Arbeitsbereichen mit hohem Infektionsrisiko, wie zum Beispiel. Intensivstationen oder Notaufnahmen, Art der Risikotätigkeit, Lokaler Inzidenzwert. (mehr als 50/100.000 Infektionen in den letzten 7 Tagen) und lokales Ausbruchsgeschehen (Hot-Spot-Gebiete oder relevante Anzahl von betreuten Covid-19-Patienten auf Stationen oder in Praxen). Diese Orientierungswerte sollen eine Übertestung vermeiden und ließen sich leicht auch auf andere Bereiche in der Gesellschaft übertragen.

Schnelltests erst Anfang 2021

Aktuell melden die Laborverbünde eine Abnahme der Testaktivität und eine noch 75%ige Testbelastung im Vergleich zu vor noch 3 Kalenderwochen. Erstaunlich und auch beängstigend ist, dass die Positivquote vor wenigen Wochen bei den Massentests bei Urlaubsrückkehrern, Erzieherinnen und Erziehern und Lehrerinnen in Lehrern bei 0,4% lag, nun aber bei knapp 4% liegt. Die derzeitigen Teststrategien sind also offensichtlich effizient, weil eine entsprechend hohe Durchseuchung eingetreten ist. Aus dem gleichen Grund aktivieren bundesweit Gesundheitsbehörden mobile Testteams, die in der Regel von Hilfsorganisationen gestellt werden, indem diese zunächst ehrenamtliche Kräfte aktivieren, bis ausreichend hauptamtliches Personal zur Besetzung der erforderlichen Teams bereitgestellt werden kann. Diese Teams sollen unter anderem dazu beitragen, dass nur getestete Patienten von Pflegediensten versorgt werden, in Tagespflegen aufgenommen werden können oder ihnen die Aufnahme in Seniorenheimen ermöglicht wird. Hierdurch soll das Einschleppungsrisiko in pflegerische Bereiche reduziert werden. Die bereits erwähnten Schnelltests sollen hierbei unterstützen. Leider werden wohl erst zu Beginn des Jahres 2021 ausreichende Mengen an Schnelltests zur Verfügung stehen, um Tests auf Antikörper innerhalb extrem kurzer Zeit in allen relevanten Bereichen zu ermöglichen.

Beim Thema Impfstoff weckt aktuell eine Meldung aus Berlin zusätzliche Hoffnung, weil Forscher der Charieté hochwirksame Antikörper entdeckt und erfolgreich reproduziert haben. Hierdurch könnten sogenannte Passivimpfungen ermöglicht werden könnten, bei denen Antikörper verabreicht würden, die sofortigen präventiven Schutz böten und sogar bei bereits erkrankten Patienten Anwendung finden könnten. Im Gegensatz zu einer Aktivimpfung werden die „fertigen“ Antikörper mit der Zeit abgebaut, was den Schutz weniger beständig macht, als dies bei Aktivimpfungen der Fall wäre. Dafür wäre der Schutz allerdings sofort vorhanden, wohingegen sich dieser bei der Aktivimpfung erst aufbauen müsste. Wie bei allen derzeit als vielversprechend bezeichneten Ansätzen, wird aber auch hier erst die dritte Teststufe, die noch lange nicht erreicht ist, zeigen ob und wann ein Impfstoff zur Verfügung stehen könnte. Alle Forscher weisen darauf hin, dass eine ausreichende Menge Impfstoff auf keinen Fall vor Mitte 2021 zur Verfügung stehen wird und die derzeit in der Entwicklung befindlichen Impfstoffe sich in ihrer Wirksamkeit und somit im Schutz stark unterscheiden werden.

Um Ihre eingangs gestellte Frage zu beantworten, muss ich hier leider die in der vergangenen Woche geäußerte Befürchtung wiederholen, dass bald auch wieder zunehmend Risikogruppen von Infektionen betroffen sein werden und somit die Belastung für das Gesundheitssystem und auch die Sterblichkeit erneut ansteigen wird. Der Appell an die Vernunft wird uns also weiter begleiten.

Ruhrbarone: Zum Abschluss eine Frage zur sehr rasch erfolgten Neubesetzung an der Spitze des BBK (Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe): Wie wird die Personalentscheidung im Bevölkerungsschutz wahrgenommen?

Memmeler: Als angebliche Reaktion auf den als fehlgeschlagen bewerteten bundesweiten Warntag im September will Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) den CDU-Innenexperten Armin Schuster ab November zum neuen Chef des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) machen. Schuster ist Obmann der Union im Innenausschuss des Bundestages und Vorsitzender des für die Geheimdienste zuständigen Parlamentarischen Kontrollgremiums. Zuvor war er als Bundespolizeidirektor aktiv. Er vertritt im Bundestag den baden-württembergischen Wahlkreis Lörrach-Müllheim.

Auf seiner Homepage betont Herr Schuster sehr selbstbewusst: „Es wird jetzt meine Aufgabe sein, das Potential des BBK mit den Erfahrungen aus der Corona-Pandemie spürbar zur Geltung zu bringen. Dieser Herausforderung konnte und wollte ich mich letztlich nicht entziehen.“

Offensichtlich hat Herr Schuster den Marschbefehl des Innenministers verinnerlicht und will den von uns in der letzten Woche beschriebenen Wunsch Seehofers nach mehr Einfluss bei der Pandemiebewältigung befriedigen. Nicht wenige erwarten nun ein erneutes Aufflammen der Diskussion, welche Rollenverteilung im Katastrophenschutz zwischen Bund und Ländern zukünftig Anwendung finden soll. Viele Bevölkerungsschutzakteure, denen an der Weiterentwicklung des Katastrophenschutz gelegen ist, befürchten aktuell, dass diese doch sehr polarisierende Personalentscheidung zu einer Verzögerung der erforderlichen Weiterentwicklung im Katastrophenschutz führen wird, weil nun der Kampf um den Erhalt von Kompetenzen für viele Beteiligte Vorrang haben wird.

Sehr polarisierende Personalentscheidung

Die Innenministerien der Länder, Hilfsorganisationen und der Bund werden sich nun neu in Position bringen und Deutungshoheit höher bewerten, als die zwingend notwendige Weiterentwicklung des weißen Katastrophenschutzes, der in dieser Pandemie besonders gefordert wird, ohne jemals auf offiziellem Wege eingebunden gewesen zu sein. So wie wir in den vergangenen Wochen bereits einige Drucksachen des Bundestages und Bewertungen des wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages zitiert haben, um aufzuzeigen, dass wir nicht wirklich unvorbereitet hätten sein müssen, wird diese Recherche nun auch beim Bund, in den Ländern und bei Hilfsorganisationen starten. Dieses Mal jedoch nicht, um Lösungsbeiträge zur Pandemiebewältigung beizusteuern, sondern um, so befürchten viele, lediglich den eigenen Einfluss zu stärken, der ja auch im Katastrophenschutz für die Bereitstellung von Finanzmitteln steht.

Ihre Befürchtungen zur zukünftig zu erwartenden Fehlerkultur im Bevölkerungsschutz haben am 21.09 ja bereits einige engagierte Blogger im Bevölkerungsschutz auf der Plattform AG Kritis zum Ausdruck gebracht. Ich kann deren Befürchtung, dass zukünftig wohl eher geringe Herausforderungen für Übungen formuliert werden, um Fehler zu vermeiden, statt Entwicklungspotentiale zu identifizieren, leider nur zustimmen.

Nicht wenige sprechen derzeit mehr oder weniger laut aus, dass sowohl der Zeitpunkt der Ablösung von Herrn Unger, als auch die gewählte Begründung innerhalb einer Pandemielage ebenso instinktlos war, wie die sehr polarisierende Personalentscheidung zugunsten von Herrn Schuster, der Herrn Seehofer wohl nicht nur bei der Haltung zur Migration sehr nahe stehen dürfte.

Es wird also weiterhin spannend bleiben und die Helfer-innen im Bevölkerungsschutz werden wohl auch weiterhin auf Zuruf ihren Beitrag zur Pandemiebewältigung leisten müssen, weil die strukturierte Einbindung des Katastrophenschutzes unter diesen Bedingungen wohl noch länger ausbleiben dürfte.

Ruhrbarone: Herzlichen Dank und bleiben Sie gesund.

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Ein Kommentar zu “Corona und Katastrophenschutz: Mund-Nasen-Schutz in München, aber nicht in Hamm

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    ke

    Wie immer eine großartige Situationsbeschreibung.

    Wann werden unsere Regeln endlich konsistent und auch überwacht.
    Besonders erschreckend ist für mich die Situation im ÖPNV, der offensichtlich kein Interesse an der Sicherheit der Gäste hat. Es ist gut, dass Berlin jetzt anfängt, falsche Daten in Listen zu bestrafen.

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