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Corona: Wir haben es in der Hand


Von unserem Gastautor Dirk Specht

Die beigefügte Kurve zeigt die zweiwöchentliche Veränderung bestätigter Covid-19 Infektionen in den europäischen Kernländern der Erkrankung: Italien, Spanien, Frankreich und Deutschland. Dieser Vergleich der Zahlen mit zwei Wochen Abstand ist der zeitlich längst mögliche Referenzwert zwischen Test- und tatsächlichem Infektionszeitpunkt, da die Infektion in milden Fällen dann meist bereits abgelaufen ist und in schweren Fällen überwiegend im Krankenhaus mündet, wo spätestens bei der Einlieferung ein Test erfolgt ist. Man kann diese Kurve also als eine Art maximalen Zeitraffer sehen. Da sich tatsächlich die Verzögerung von Infektionszeitpunkt zu Testzeitpunkt natürlich anders verteilt, sind die wahren Verläufe nicht ganz so steil. Aus mathematischer Sicht sind diese Kurven dennoch relevant, denn sie sagen folgendes aus:

Erstens ist klar, dass die Teststrategie und die Veränderung in der Testmenge keine Verfälschung der Infektionsverläufe ergeben hat. Im Gegenteil könnte man diese Darstellung als „Wodarg-Interpolation“ bezeichnen, denn der von diesem Herrn behauptete Effekt, die positiven Befunde seien ohnehin alle bereits im Feld gewesen und nur die Steigerung der Testmenge führe zu mehr Zahlen, ist in genau diesen Kurven maximal angenommen worden.  Diese Annahme führt eben nicht zu flacheren, sondern zu weit steileren Kurven – was mathematisch und bei nur ansatzweise auch nur einen Schritt weitergehender logischer Denkweise ohnehin glasklar ist. Hier ist das nun mal gerechnet worden, exakt so, wie Wodarg das behauptet.

Zweitens ist klar, dass eine exponentielle Ausbreitungsgeschwindigkeit der Pandemie vorlag. Ebenso ist ein exponentieller Zusammenbruch erfolgt, was allen Modellen der Epidemiologie immanent ist, weshalb die Hinweise auf die Attraktivität wirksamer Gegenmaßnahmen richtig waren. Denn: Die einzige kausale Ursache für diesen Zusammenbruch kann nur der weitgehend zeitgleiche Lockdown nebst den Grenzschließungen sein. Ein anderes Ereignis von Relevanz hat es in diesem Zeitraum nicht gegeben.

Drittens ist klar, dass bei jeder Bewertung von Übersterblichkeit im Zusammenhang mit Covid-19 selbstverständlich nur periodisch abgegrenzte Vergleichswerte und eben nicht Jahreswerte heranzuziehen sind. Schaut man auf die regionale Verteilung der Epidemie, die diesen nationalen Zahlen nicht zu entnehmen ist, muss man zudem natürlich auch regional abgrenzen. Die einzig richtigen Vergleiche sind also regionale Todeszahlen aus März und April. Die entsprechenden Vergleiche gibt es, sie sind für die Orte Bergamo, Madrid, Moulhouse und New York verfügbar und die sind so erschütternd, dass sich die ebenfalls hartnäckig haltende Frage nach der Feststellung von Todeskausalitäten ebenfalls erledigt.

Viertens ist klar, dass wir trotz der steigenden Zahlen aktuell noch keine derartige Entwicklung sehen. Das ist eine gute Nachricht, die aber richtig einzuordnen ist, denn: Dieses maximal zeitlich verdichtete Instrument taugt nicht für die a-priori Bewertung, es zeigt einen unkontrollierten Ausbruch nur nachträglich an. Wenn diese Darstellung reagiert, ist es bereits zu spät, das sieht man an dem enorm steilen Anstieg.

Wir haben aktuell also (noch) die Chance, durch eine Änderung unseres Verhaltens sowie durch gezielte Eingriffe des Staates die Wiederholung einer solchen Entwicklung zu verhindern. Das muss aber präventiv erfolgen. Warten wir hingegen, bis selbst die Wodarg-Interpolation die letzten Zweifel beseitigt, ist es zu spät. Da wir parallel mit gezielten, effektiven und regionalen Maßnahmen keine größeren Fortschritte gemacht haben, wäre dann das – unstrittig übertriebene – Instrument des Lockdowns unvermeidlich. Das will niemand!

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6 Kommentare zu “Corona: Wir haben es in der Hand

  • #1
    Walter Stach

    Dirk Specht,
    "Erstens ist klar", Zweitens, Drittens, Viertens……

    Ja, für Sie und für mich.

    Aber….
    -sh. u.a. die heutige "Massendemo" in Berlin, sh. aber auch die diversen Leserbeiträge in den Medien -auch bei den Ruhrbaronen….:

    Es ist zwar eine im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung kleine Minderheit, aber eine lautstarke,
    die leider, leider viel zu viel mediale Aufmerksamkeit erfährt -so wie jede Gruppierung, die sich der Einsicht in unbequeme, ja schmerzlichen Wahrheiten verweigert nebst des Nachdenkens über daraus resultierende Konsequenzen, für die ist nichts von dem klar was Sie aufgezählt und erläutert haben.

    Ich hoffe, daß "der Staat" -Bund, Ländern, Kommunen- wie bisher mit "seiner Politik" und die große Mehrheit der Menschen -wie bisher- sich prinzipiell so verhalten wie von Ihnen im letzten Absatzes Ihres Beitrages beschrieben.
    Und wenn nicht?
    Die dann zu erwartenden Folgen der Pandemie weltweit, europaweit, deutschlandweit werden "mit Sicherheit" Millionen toter Menschen sein -wir registrieren, nur zur Erinnerung- derzeit weltweit bereits ca. 670.000 sog. "Corona-Tote" , in Deutschland ca. 9.150.
    "Uninteressant" sagen einiger Zyniker, gemessen an der Gesamtzahl der auf der Welt bzw. in Deutschland derzeit lebenden Menschen und durchaus positiv zu sehen, merken zudem einige Zyniker an mit dem Verweis darauf, daß so ein erster Schritt zum längst überfällige Einhalt des permanenten weltweiten Bevölkerungswachstumes getan werde.
    Ja, auch so läßt sich argumentieren.

    Mir fällt es relativ leicht, meinen Unmut, ja meinen Zorn zu beherrschen ob der "Dummheit der Törichten", würde ich nur an mich denke und daran, daß ich mein Leben gelebt habe -jedenfalls bis auf eine unbestimmte Restgröße, aber mit Blick auf das Leben jüngerer Menschen, konkret
    meiner Frau , meiner Kinder, meines Enkelkindes könnte ich irre werden ob der "Dummheit der Törichten" von Trump bis…….

  • #2
    Arnold Voss

    "Viertens ist klar, dass wir trotz der steigenden Zahlen aktuell noch keine derartige Entwicklung sehen. Das ist eine gute Nachricht, die aber richtig einzuordnen ist, denn: Dieses maximal zeitlich verdichtete Instrument taugt nicht für die a-priori Bewertung, es zeigt einen unkontrollierten Ausbruch nur nachträglich an. Wenn diese Darstellung reagiert, ist es bereits zu spät, das sieht man an dem enorm steilen Anstieg."

    Genau das ist die Grundaussage der Warner seit vielen Wochen. Eigentlich sollten die Zahlen schon direkt nach der Aufhebung des Lockdowns "explodieren". Aber sind es bis heute nicht. Jetzt steigen sie auch in der Fläche, aber immer noch nicht so, das sie die Warner bestätigen. Und wenn sie in den kommenden Wochen wieder sinken sollten, werden einige von ihne geradezu enttäuscht sein.

    Der Lockdown wurde eingeführt, weil eine Gefährdung, bzw. ein mögliche Zusammennbruch des Gesundheitssystems in Aussicht stand. Der steht aber trotz steigender Zahlen zu Zeit und in abehbarer Zeit auch aus Sicht der Experten nicht in Aussicht. Da kann man dann natürlich sagen, dass man das immer zu spät weiß. Das reicht aber nicht, um in Deutschand Grundrechte außer Kraft zu setzen und das ist gut so. Deswegen ist zu Zeit jeder selbst gefordert, Infektionsgefahren zu minimieren, bzw. abzuwägen welches Risiko er wofür eingeht.

  • #3
    Emscher-Lippizianer

    Auch wenn ich als Klugscheißer bezeichnet werde: Einen Lockdown hatten wir in Deutschland nicht. Jedenfalls nicht im europäischen Vergleich. Geschäftebetreiber und Ladenbesitzer sehen dies tlw. berechtigterweise anders. Aber wir mussten uns keine Passierscheine ausdrucken um unsere Stunde Ausgang zu rechtfertigen. Wir durften spazieren gehen, wir durften Sport machen (Outdoor), usw.

  • #4
    Arnold Voss

    Nein, es war eigentlich alles wie sonst. Wir durften Spazierengehen, draußen Sport treiben und einige durften sogar arbeiten. Eine richtiger Lockdown fängt erst an, wenn das Militär kontrolliert und der Schusswaffengebauch möglich ist. 🙂

  • #5
    thomas weigle

    Berlin war heute ein ganz schlechtes Zeichen für die weitere Entwicklung. So mancher wird sich denken,wenn da 20.000 in Berlin stundenlang Corona-Bingo unter den Augen der Polizei spielen können, dann kann ich doch wenigstens die paar Minuten beim Einkaufen oder im ÖPNV die Maske weglassen. Wer will ihm das nach den heutigen Bildern verdenken? Veranstalter und Teilnehmer halluzinieren mehrere 100.000 bis zu 1,5 Millionen Teilnehmer. Sie werden also noch lauter werden. Ob da Stimmen wie die der Ruhrbarone noch ausreichend gehört werden? ich habe zweifel.

  • #6
    Dirk Specht

    Arnold Voss, ich weiß nicht, welche Experten sie meinen – es gibt deren ein paar zu viel. Die Entwicklung der Pandemie hängt massgeblich an menschlichem/gesellschaftlichem Verhalten. Ich finde es teilweise schon witzig, wenn Leute fordern, die Wissenschaft möge das doch mal klären, so könne man ja kaum über irgendwas entscheiden. (Was ich ihnen hiermit nicht unterstelle!)
    Tatsächlich ist das Wissen über die Ausbreitung inzwischen natürlich schon weiter gekommen: Die unkontrollierte Epidemie aus dem Winter/Frühjahr war i.W. auf eine Verkettung von Multispreader-Hotspots zurück zu führen. Die Erkrankung verläuft in unseren Sozialstrukturen wohl eher gleichbleibend bzw. allenfalls gering steigend, explodiert dann aber stets durch Ereignisse, bei denen ein einziger Infizierter an einem Abend (Skibar, Restaurant) oder in wenigen Tagen (Arbeitsplatz) Dutzende bis Hunderte ansteckt. Reihen sich solche Ereignisse aneinander, haben wir diese dramatische Ausbreitungsgeschwindigkeit in der Fläche.
    Ich denke, sie unterschätzen dieses Tempo: Hier haben sich in Mitteleuropa in wenigen Wochen Millionen infiziert. Das geht so schnell, dass man den von ihnen implizit eigentlich geforderten realen Nachweis einer Gefahr eben nicht abwarten darf, um zu handeln. Das gilt insbesondere deshalb, weil wir mit unseren Test- und Messmethoden eigentlich immer mindestens eine Woche, eher zwei hinter her laufen. Bei der dahinter liegende Mathematik bedeutet das bei epidemischer Phase, dass wir Zahlen ablesen, die sich real bereits bis zu fünf Mal verdoppelt haben – also tatsächlich bereits um Faktor 32 höher sind, als das, was wir gerade sehen.
    Was die Lockerungen in Deutschland betrifft, so sind vermutlich die Situationen mit kleineren Menschenmengen nicht so relevant, wie befürchtet. Aber auch das kann sich schnell ändern, wenn die Infektionsbasis eine andere ist, wenn also schlicht die Grundwahrscheinlichkeit steigt, dass beim Italiener am Abend eben doch ein Infizierter dabei ist. Dann können schnell zehn Infizierte nach Hause gehen und die Krankheit hat sich dort in einer Stunde lokal verzehnfacht.
    Den Massentourismus wieder zu öffnen, halte ich definitiv für einen Fehler und ebenso ist die nun immer wieder zu beobachtende Gruppenbildung nicht gut. Im Freien ist das nicht so gefährlich, aber in privaten oder öffentlichen Räumen sehr wohl.
    Vorhersagen dazu sind wie eingangs erwähnt seriöserweise nicht möglich. Es geht um Wahrscheinlichkeiten und die steigen halt mit jeder Form von Menschenansammlung in geschlossenen Räumen. Irgendwann ist es dann leider diese gnadenlose exponentielle Mathematik, die wieder zuschlägt. Wenn wir das also ignorieren, wird es im Herbst wieder zu einer solchen Ausbreitung kommen und nur mit größeren Schließungen einzufangen sein.
    Diesbezüglich sind sich nach meinem nicht unerheblichen Studium wissenschaftlicher Quellen die Experten, die in der Wissenschaft und nicht auf Youtube publizieren, einig. Wir sollten also besser jetzt handeln und nicht erst dann, wenn unser Leben sich wieder in den Innenraum verlagert.

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