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Das Dortmunder Volkswohl

 

Die Chemnitzer Straße 10 wird abgerissen. Foto: Jérome Gerull

Foto: Jérome Gerull

Wie die Ruhr Nachrichten und die Initiative für ein Utopisches Zentrum in Dortmund (UZDO) gleichermaßen berichten, wurde gestern mit dem Abriss eines 1892 errichteten Backsteingebäudes in der Chemnitzer Straße 10 begonnen. Simone Szydlak, Sprecherin des Volkswohl Bundes, der Eigentümer der Immobilie ist, erklärt die Notwendigkeit des Abrisses damit, dass die Aktionäre des Unternehmens erwarten würden, dass Investitionen auch ökonomisch Sinn machen. Darum habe man sich nach sorgfältiger Abwägung aller Möglichkeiten für den Abriss des Hauses entschieden, erklärte sie den Ruhr Nachrichten.

 

Seit nunmehr zwei Jahren stand das historische Haus an der Chemnitzer Straße leer. Vor dieser Zeit beherbergte das Gebäude viele Jahre diverse Wohngemeinschaften. Als im Jahre 2008 das benachbarte Volkswohl Bund Hochhaus, das einst das höchste Haus Dortmunds war, gesprengt und ein ähnlich hoher Neubau in Angriff genommen wurde, wurde es für die Mieter der Chemnitzer Straße 10 ungemütlich.

Der Volkswohl Bund ist nämlich nicht nur der Eigentümer des einstmals höchsten Hauses in Dortmund, sondern eben auch der Chemnitzer Straße 10. Und um den anstehenden Bauverkehr für den Neubau über das Grundstück an der Chemnitzer Straße abwickeln zu können, hat das Versicherungsunternehmen den Mietern in der Chemnitzer Straße kurzerhand gekündigt – rechtswidrig, wie UZDO in ihrem Beitrag berichtet.

Protest gegen den Abriss

Diese ließen sich allerdings nicht widerstandslos vertreiben. Mit Unterstützung des Mieterschutzbundes und weiterer Anwohnern des Viertels gelang es den Mietern, noch eine Weile in dem schmucken Altbau wohnen zu bleiben, der Baustellenverkehr musste über die Elisabethstraße geleitet werden.  2011 waren dann allerdings auch die letzten Mieter vertrieben. Diese seien „sanft herausgedrängt worden“, heißt es in dem Artikel der Ruhr Nachrichten. Was es bedeutet, sanft herausgedrängt zu werden, wird Im Beitrag der Initiative UZDO präzisiert, die mit ehemaligen Mietern gesprochen hat. „Keine Änderung des Hauptmieters, verlockende Umzugskostenbeteiligungen, keine Übernahme von Renovierungsleistungen.“ Das seien die Gründe, warum die verbleibenden Mieter gar keine Wahl gehabt hätten, als das Gebäude aufzugeben.

Gentrifizierung in Dortmund

Der Dortmunder Fotograf Jérome Gerull hat ebenfalls zwei Jahre in dem Haus an der Chemnitzer Straße gewohnt. Gerade hat er seinen Studienabschluss im Fach Fotografie gemacht. Der Titel seiner Arbeit lautet: „Die Renaissance der Innenstädte.Wie pulsierende, bunte, kosmopolitische Großstadtviertel sich in ruhige, teure, saubere Vorzeigestadtteile verwandeln.“

Und es ist ein bemerkenswerter Zufall, dass Gerulls Fotos zu diesem Thema gerade heute als Ergänzung eines Interviews mit dem marxistischen Wissenschaftler David Harvey veröffentlicht wurden, welchesChristoph Twickel für Spiegel-Online führte. Genau einen Tag, nachdem mit dem Abriss seines ehemaligen Wohnortes begonnen wurde. Bereits vor einigen Wochen hatte Gerull seine Fotos – wohlgemerkt unentgeltlich – verschiedenen Zeitungen und Online-Angeboten zur Veröffentlichung angeboten. Als er vom Abriss des Gebäudes erfuhr, machte er sich auf den Weg dorthin und schoss das Titelfoto für diesen Artikel. Auch in seiner Studienarbeit finden sich städtebaulichen Gegensätze Dortmunds. In der Fotostrecke bei Spiegel Online finden sich leider nur die Metropolenfotos.

 

Leuchtturm und Fischerhaus. Foto: Jérome Gerull

Leuchtturm und Fischerhaus. Foto: Jérome Gerull

Dass sich das Schreckgespenst der Gentrifizierung jedoch nicht nur in den Metropolen dieser Welt, sondern auch vor der heimischen Haustüre herumtreibt, wird nicht erst durch das abgerissene Backstein-Gebäude in der Chemnitzer Straße deutlich. Dass die Mieten im Dortmunder Kreuzviertel hoch sind und man gerne bereit ist, diese auch zu bezahlen, ist den zahlreichen Aushängen mit Wohnungsgesuchen, die das junge Bürgertum an die örtlichen Baumstämme und Laternenpfähle pinnt, leicht zu entnehmen. Und sollte an der Kreuzstraße nichts zu finden sein, schaut man sich einfach an der angrenzenden Saarlandstraße um, die übrigens von der Chemnitzer Straße gekreuzt wird.

Im kleinen Viertel zwischen Südwall, Hoher Straße, Chemnitzer Straße und Elisabethstraße besitzt der Versicherer neben Ladenlokalen auch 58 Wohnungen“, heißt es am Ende des Artikels der Ruhr Nachrichten. Anstelle des historischen Backsteinhauses soll nun ein „Mehrzweckplatz“ für die Mieter der angrenzenden Häuser entstehen. Ob der Zweck dieses Platzes auch darin bestehen wird, dem Volkswohl Bund noch mehr Geld in die Kasse zu spülen und die Aktionäre zufrieden zu stellen, bleibt abzuwarten.

http://jeromegerull.de/

Macht und Metropolen: „Man baut unsere Städte für die Oberschicht“, Artikel mit Fotostrecke auf Spiegel Online

Artikel bei den Ruhr Nachrichten

>>> volk? wohl? bund? – die Initative UZDO

 

 

 

 

 

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4 Kommentare zu “Das Dortmunder Volkswohl

  • #1
    Christopher

    Schade um das schöne Haus. Gewiss. Aber die Ruhrnachrichten waren bestimmt nicht vor Ort, sonst hätten sie gesehen, dass das Haus nicht „dem Erdboden gleich gemacht“ wurde, sondern Gestern noch stand. Und wegen des Abrisses EINES Hauses gleich wieder das Gentrifizierungsfass aufzumachen, ist doch sehr gewagt, ob da nun Omma und Oppa oder ein paar Studenten in WGs gewohnt haben.

    „Keine Änderung des Hauptmieters, verlockende Umzugskostenbeteiligungen, keine Übernahme von Renovierungsleistungen.“ Das seien die Gründe, warum die verbleibenden Mieter gar keine Wahl gehabt hätten als auszuziehen. Da kommen einem ja die Tränen, bei der Willkür. Weil die das Geld genommen und sich was Neues gesucht haben ist das Opfergerede wirklich lächerlich. Natürlich hätten sie bleiben können und das durchziehen. Wollten sie aber nicht.

  • #2
    Bettina

    Über Gentrifizierung möchte ich mich nicht äußern, aber ich finde es ein kulturelles Verbrechen, dass dieses wunderschöne Haus abgerissen worden ist für eine eiskalte Gewinnmaximierung. Man hätte es wunderbar sanieren können. Eine Schande, dass der Volkswohlbund (wohl eher Anteilseignerwohlbund) so blind und rücksichtslos handelt. Und das, wo Dortmund aufgrund der Kriegszerstörungen eh kaum schöne Altbauten hat. Traurig, stillos, kurzsichtig.

  • #3
    Mojo

    @ Christopher: Die „verlockenden Umzugskostenbeteiligungen“ gab es nur für die allerletzte verbleibende WG, welche zu dem Zeitpunkt in einem halben Geisterhaus gewohnt hat, weil alle anderen Parteien bereits raus waren. Bei den anderen Mietern hat sich der VWB z.B. geweigert den Hauptmieter auf eine andere Person umzuschreiben, als dieser ausgezogen ist. So mussten dann Mitbewohner, welche teilweise fast 10 Jahre dort gewohnt haben ebenfalls ausziehen. Das ist ein mietrechtliches Dilemma. Einerseits geniessen so Bewohner, welche unter anderen Umständen (Einzelmiete) nicht gekündigt werden können keinen rechtlichen Schutz, andererseits würde ein Vermieter ansonsten eine an eine WG vermietete Wohnung u.U. überhaupt nicht freibekommen. Die Wohnungen waren übrigens keineswegs besonders günstig, sondern eher im Viertel- Durchschnitt. Wenn ein Mehrzweckplatz tasächlich einen besseren ROI bringt, könnte man ja überlegen jedes zweite Haus im Kreuzviertel abzureissen… Zudem hätte man hier ordentlich Image- Pflege betreiben können. Vielleicht haben die VWB Mitarbeiter zu lange in einem braunen Beton- Turm gesessen, um noch einen Sinn für schönes zu haben.

  • #4
    DEWFan

    Wirklich schade um das schöne alte Haus. Dortmund hatte (wie die anderen großen Städte des Ruhrgebiets auch) viel im Krieg verloren.

    Aber in einem Punkt muss ich meine Vorrednerin Bettina widersprechen: Dortmund hat noch eine Menge schöne alte Häuser! Sogar die meisten im Vergleich zu den anderen großen Städten des Ruhrgebiets. Im Kreuzviertel besonders – deshalb ist es ja unsere „wahre Altstadt“ 😉

    Der Begriff Gentifizierung kann auch nicht auf das Kreuzviertel angewandt werden, da es ja schon immer eine gute Gegend war. Aber es stimmt schon: dort und in den genannten angrenzenden Viertel schießen die Preise durch die Decke. Vielleicht wird eines Tages auch die Nordstadt hipp – man sollte die Hoffnung nie aufgeben…

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