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„Das Judentum war für mich etwas Negatives“

Irvin D. Yalom gilt als einer der einflussreichsten Psychotherapeuten der USA. Seit dem Ende seiner Karriere als Therapeut und Professor an der Stanford-Universität schreibt der 1931 als Sohn jüdisch-russischer Einwanderer geborene Yalom einen Bestseller nach dem anderen. Zu seinen erfolreichsten Büchern zählen „Und Nietzsche weinte“ sowie „Die Schopenhauer-Kur“, die beide im Milieu der Psychoanalyse angesiedelt sind.

Im Interview spricht Irvin D. Yalom über Glück, Freuds Irrtum und die Gemeinsamkeiten zwischen Psychologie und Literatur.

Herr Yalom, Sie haben als Psychotherapeut und als Bestsellerautor Karriere gemacht. Welche Gemeinsamkeiten gibt es zwischen der Psychologie und der Literatur?

Der zentrale Berührungspunkt ist, dass beide Disziplinen das Innere des Menschen zu erforschen versuchen. Ob Freud oder Kafka – beide dringen bis zum Kern des menschlichen Wesens vor. Für mich sind Psychologie und Literatur dieselbe Seite einer Medaille. Auch deshalb hätte ich ohne Dostojewski und Mann nie Medizin studiert und mich auf die Psychiatrie spezialisiert.

Inwiefern?

Meine Eltern sind als jüdische Immigranten 1920 aus ihrem »Schtetl« in der Ukraine in die USA immigriert. Dort bin ich in Washington in einem keineswegs privilegierten Viertel aufgewachsen. In diesem Milieu wurde man entweder Arzt oder Geschäftsmann. Und da ich von klein auf Bücher geradezu verschlungen habe, entschied ich mich für die Medizin. Ich ahnte, dass die Psychiatrie mehr mit der Literatur gemeinsam hat als mit der Geschäftswelt.

War Ihnen die Literatur ein Zufluchtsort aus der Wirklichkeit? Sie sollen als Kind mit ihrer Jüdischkeit gefremdelt haben.

Ja, ich habe als Kind rebelliert. Das Judentum war für mich etwas Negatives. Ich bin säkular und glaube nicht an Gott, aber ich habe mich durch die jüdische Literatur und Philosophie dem Judentum angenähert. Derzeit arbeite ich an einem Roman über Spinoza. Meine Beschäftigung insbesondere mit jüdischen Autoren hält bis heute an.

Sie haben im vergangenem Jahr von der Stadt Wien den Internationalen Sigmund-Freud-Preis für Psychotherapie verliehen bekommen. Was verbindet Sie mit Freud?

Freud ist nicht weniger als ein Genie gewesen. Er hat mit der Psychoanalyse die Psychologie revolutioniert.

An vielen deutschen Psychologie-Fakultäten gelten seine Theorien als bloße Metaphysik, da seine Thesen oftmals weder zu beweisen noch zu widerlegen sind.

Ich stimme nicht mit dieser Kritik überein. Nach und nach werden viele Urteile von Freud bestätigt. Gleichwohl gibt es viele Aspekte, die überholt sind. Aber wie sollte das auch anders sein? Freud wurde vor über 150 Jahren geboren. Jede Wissenschaft baut auf den Ergebnissen vorangegangener Denker auf – und entwickelt sich weiter.

Das Thema Glück spielt in Ihren Büchern eine zentrale Rolle. Wie halten Sie es mit Freuds Maxime, dass Glück im Plan der Schöpfung nicht vorgesehen sei?

Es gibt keine Schöpfung, keinen übergeordneten Plan oder Zweck! Die Natur »passiert« einfach. Vor diesem Hintergrund ist Freuds Urteil weder richtig noch falsch. Wir müssen uns damit abfinden, dass es keinen Gott gibt. Aber auch ohne Glaube kann jeder Mensch glücklich sein. Auch wenn der Tod über uns kreist wie ein Damoklesschwert.

Sie bezeichnen das Bewusstsein vom Tod als Schlüssel zum Glück. Wie passt das zusammen?

Ich habe als Therapeut festgestellt, dass das Wissen vom Tod viele Menschen unglücklich macht. Aber nur, wenn man sich vergegenwärtigt, dass das Leben endlich ist, können wir es wertschätzen. Das ist für mich etwas sehr Jüdisches. Das Leben ist kostbar, also verschwende es nicht!

Das klingt reichlich positiv…

… und ist dennoch meine Überzeugung. Darauf basiert mein ganzes berufliches Leben. Wir Psychotherapeuten versuchen, unsere Klienten weniger unglücklich zu machen. Oder positiv formuliert: glücklicher. Genau wie Schriftsteller.

Sie sagen, Sie seien nicht religiös. Dennoch ist die Religion in Ihren Büchern immer präsent. Was bedeutet Ihnen der Glaube?

Ich bin kein religiöser Mensch, aus diesem Grund bedeutet mir auch das Judentum relativ wenig. Wir haben diese kindliche Vorstellung, niemals altern und sterben zu müssen. In diesem Sinne wirkt die Religion wie ein linderndes Medikament gegen die schmerzliche Erkenntnis des Todes. Auf einer anderen Ebene bin ich aber sehr interessiert an religiösen Ideen. Wie gerade erwähnt, arbeite ich an einen Roman über Spinoza, der bekanntlich mit der Religion in Konflikte geriet.

Spinoza wurde als junger Mann wegen seines starken Zweifels an Gott aus der „portugiesischen« Synagoge ausgeschlossen.

Ja, all das beschreibe ich in meinem Buch: sein Verhältnis zum Judentum, der Anteil religiöser Ideen in seinem Werk und die Frage, warum er sogar von der Gemeinde verfolgt wurde. In gewisser Weise hat mein Buch auch mit dem Antisemitismus der Nazis zu tun sowie mit Alfred Rosenberg, der maßgeblich für die Nazi-Ideologie verantwortlich war.

In ihrem neuen Buch „Ein menschliches Herz“ beschäftigen Sie sich zum ersten Mal ausführlich auch mit der Vergangenheit Ihrer Familie. Sie sind Jahrgang 1931: Warum hat dieses Thema so lange nicht Eingang in ihr Werk gefunden?

Die Familie meines Onkels wurde von den Nazis in der Ukraine ausgelöscht. Ich halte es für möglich, dass ich unterbewusst Schuldgefühle hatte, da ich in den USA unter vollkommen friedlichen Bedingungen aufwuchs. Und wie so oft im Leben hält man erst im Alter Rückschau und stellt sich erst dann auch den unangenehmsten Fragen. Nachdem mir mein Freund Robert L. Berger zum ersten Mal ausführlich von seiner vom Holocaust geprägten Kindheit erzählte, schrieb ich seine Geschichte, zusammen mit ihm, einfach auf.

Das klingt nach einer Art therapeutischen Schreiben. Ihr Roman „Die Schopenhauer-Kur“ hingegen legt nahe, dass die »Bibliotherapie«, also das Lesen von Büchern, eine existenzielle Rettung bedeuten kann. Würden Sie dem zustimmen?

Es gibt viele Menschen, deren Leben von Büchern und nicht von Psychotherapeuten gerettet wird. Meine Haltung dazu bringt der Titel von Woody Allens aktuellem Film auf den Punkt: „Whatever Works“.

Das Interview erschien auch in der Wochenzeitung „Jüdische Allgemeine“

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3 Kommentare zu “„Das Judentum war für mich etwas Negatives“

  • #1
    steven

    Ein hochinteressantes Interview. Kann es sein, das vilele Juden so denken wie er? Immer wenn ich was von Juden höre, außer die Ortodoxen sind es Atheisten. Ein symphatisches Volk.

  • #2
    Simonette

    Die „Juden“ sind eine Glaubensgemeinschaft und nicht, wie das gerne von völkischen Sumpfforschern ständig wiedergekäut wird, ein Volk. Daran ändert auch
    nichts die Aussage von Ben Gurion, „Jude ist jemand, der sich selbst als solcher versteht“. Sie ist genauso falsch, wie die Annahme, dass es „Halbjuden“,
    „Viertelsjuden“ oder was weiss ich gibt. „Jüdin“ oder „Jude“ ist wer nach halachischem Recht von einer Frau jüdischen Glaubens geboren wurde. Das ist
    streng genommen das einzige Kriterium, welches über die Zugehörigkeit zu dieser Glaubensgemeinschaft entscheidet. Wer also z.B. einen jüdischen Papa hat und eine katholische Mamma, kann nicht Teil der jüdischen Glaubensgemeinschaft sein.
    Nur weil sich die Juden, als das auserwählte Volk Gottes bezeichnen, – was jetzt
    frau, mann auch immer davon halten mag -, sind sie nicht automatisch ein „Volk“,
    wie die Deutschen oder Franzosen; ganz zu schweigen von dem Begriff Rasse …
    das ist völkischer Schwachsinn … wobei diese Erklärung jetzt bitteschön, weder
    Kritik an diesem Artikel noch dem Kommentator sein soll.

  • #3
    alexander

    „Meine Haltung dazu bringt der Titel von Woody Allens aktuellem Film auf den Punkt: “Whatever Works”.“

    Wie recht der Mann doch hat. Wenn etwas hilft, hilft es. Der Erfolg gibt der Methode dann recht.

    @ Phil.: Übrigens eine super neue Homepage, die Jüdische Allgemeine!

    http://www.juedische-allgemeine.de/

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