7

Datteln 4 geht in den Regelbetrieb: Es gibt noch viel Schlimmeres auf der Welt!

Datteln 4 aus der Luft. Foto: Wolfgang Porrmann

Die am gestrigen Dienstag verbreitete Nachricht, dass das seit Jahren juristisch und klimapolitisch umstrittene Uniper-Kraftwerk ‚Datteln 4‘ am kommenden Wochenende offiziell in den Regelbetrieb gehen soll, kam nicht wirklich überraschend.

Seit Monaten zeichnete sich bereits ab, dass der einst von E.On begonnene Bau mit Macht seiner Vollendung entgegenstrebt. Seit Jahresbeginn stiegen dort regelmäßig Dampf- und Abgaswolken in den Himmel im Kreis Recklinghausen.

Der Probebetrieb machte offenkundig große Fortschritte, nachdem ein erster Anlauf vor Jahren noch kläglich gescheitert war. Juristisch sind noch Fragen offen, politisch wurden die Pläne bereits vor Jahren auf die erfolgversprechende Schiene gesetzt.

Für viele Beobachter der Entwicklung der vergangenen Zeit, endet damit am kommenden Wochenende eine Lebensphase, die für viel Frust gesorgt hat, am Ende jedoch als eine sehr lehrreiche Zeit in Erinnerung bleiben wird. Das gilt auch für mich ganz persönlich. Höchste Zeit für eine kleine Zusammenfassung des Erlebten.

Dass seit der Mitte der sogenannter ‚Nuller‘-Jahre dieses Jahrhunderts in der Nachbarstadt Datteln ein neues Steinkohlekraftwerk gebaut wurde, das hat mich als Waltroper zunächst nur wenig interessiert. Datteln wird seit vielen Jahrzehnten von Industrie geprägt. Auch zahlreiche rauchende Schlote und ein Kohlekraftwerk waren für Datteln aus meiner Sicht ohnehin seit meiner Kindheit typisch. Dass da nun ein neues Kohlekraftwerk das Alte ersetzen sollte, es war als Nachricht wenig interessant aus meiner Sicht.

Diese Einschätzung änderte sich, als ich im WDR-Fernsehen 2009 eher zufällig mitbekam, dass das Waltroper Landwirte-Ehepaar Greiwing mit einer Klage gegen den Neubau in seiner unmittelbaren Nachbarschaft erfolgreich war. Das weckte schlagartig mein Interesse.

Ich begann fortan mich in die Sache einzulesen, verfolgte das Geschehen auf der Baustelle und in der Politik plötzlich mit großer Aufmerksamkeit.

Was ich daraus für mich schloss, das war die Erkenntnis, dass es tatsächlich auch aus meiner Sicht eine große Ungerechtigkeit war, die der Bauherr E.On dort den betroffenen Anwohnern angetan hat. Den Neubau auf eigenes Risiko an eine Stelle zu setzen, wo er sogar nach Einschätzung des Gerichts eigentlich niemals hätte stehen dürfen. Das war aus meiner Sicht ein echter ‚Knaller‘ und ich freute mich, dass den Kritikern, die noch vor Baubeginn ihre Bedenken gegen den Standort kundgetan hatten, am Ende seitens der Richter recht gegeben wurde.

Wobei, ganz so einfach war es dann eben auch wieder nicht, denn der juristische Streit ging weiter. Zudem interessierte sich plötzlich auch die Politik vermehrt für die Vorgänge an der Stadtgrenze von Datteln und Waltrop. Und das machte es endgültig unschön.

Im Jahre 2010 schloss ich mich daher dem Ortsverband von Bündnis90/Die Grünen an, dessen Mitglieder sich größtenteils schon seit etlichen Jahren, zum Teil noch als Mitglieder der kurz darauf im Jahre 2011 endgültig aufgelösten  ‘Grünen Liste Waltrop’, gegen die Kraftwerkspläne gewehrt hatten.

Jürgen Trittin kam im April des Jahres persönlich nach Datteln um den Interessierten vor Ort seine Einschätzung der Dinge nahe zu bringen. Er überzeugte mich in der Stadthalle von Datteln und vor Ort in der Meistersiedlung unmittelbar neben dem im Bau befindlichen Kraftwerk endgültig davon, dass ich diese Kräfte in Zukunft unterstützen müsste. Es war ein Kampf David gegen Goliath, bei dem der David meiner Meinung nach jede nur mögliche Unterstützung verdient hatte, da ihm übel mitgespielt wurde.

So begannen zwei für mich im Rückblick sehr ernüchternde Jahre in Reihen der hiesigen Lokalpolitik. Die Landes-Grünen wollten nach der Landtagswahl im Mai 2010 nämlich plötzlich nicht mehr viel von dem Thema wissen. Ganz in Gegensatz zu den Ankündigungen von vor der Wahl, als noch groß gegen den Meiler in meiner Nachbarstadt gewettert wurde. Der Erhalt der Minderheitsregierung mit der traditionell kohlefreundlichen SPD in Düsseldorf war dafür wohl mitentscheidend. Mein Ortsverband wehrte sich nach Kräften, wollte das Thema wieder nach vorne auf die Tagesordnung holen. Vergeblich!

Echt ärgerlich, was Reiner Priggen und seine Kollegen im Landtag in Bezug auf Datteln 4 ablieferten, bzw. eben nicht ablieferten. Auch im RVR war die Leistung der dortigen Grünen aus meiner und der Sicht meines Ortsverbandes in Waltrop schlicht eine Katastrophe. Das führte zu parteiinternem Streit, der in meinem Parteiaustritt im Mai 2012 mündete. Auch danach hörte man von Grüner Seite zu dem Thema nicht mehr viel.

Die Kritiker von ‚Datteln 4‘ vor Ort versuchten es kurz darauf Anfang 2014 mit der Gründung eines ‚Aktionsbündnisses gegen Datteln 4‘, suchten ihre Schlagkraft durch die Vernetzung mit Kohlegegnern im Rheinland und darüber hinaus zu stärken. Ein Vorhaben, das gründlich misslang. Das frisch gegründete Aktionsbündnis geriet in der Region rasch in Vergessenheit. Die Bauarbeiten am Kraftwerk liefen unterdessen irgendwann wieder an, nachdem die Politik den Weg freiräumte und die Bezirksregierung ‚Grünes Licht‘ dafür gab.

Die Politik schraubte Stück für Stück an den Rahmenbedingungen für das Kraftwerk, etwas, was kein Privatmann, dessen Haus um einige Zentimeter zu groß geraten wäre, oder dessen Neubau einem eigentlich nicht dafür vorgesehenen Standort errichtet worden wäre, für sich hätte erwarten könnte bzw. dürfen. Das steigerte meine Verärgerung.

Irgendwann gewöhnte ich mich jedoch dann immer mehr an den Gedanken, dass ‚Datteln 4‘ so wohl nicht mehr gestoppt werden würde. Zumindest nicht politisch. Der juristische Streit, er lief im Hintergrund über all die Jahre stets weiter.

Schon als ich 2010 bei den Bündnisgrünen eintrat, da sagte mein damaliger OV-Chef zu uns bei einem Treffen vor Ort, dass es wohl am Ende auf eine Inbetriebnahme des Kraftwerks hinauslaufen dürfte. Im Idealfall könnten die Kritiker eine Verschiebung der ursprünglich für 2011 erwarteten Inbetriebnahme wohl maximal bis in das Jahr 2018 erreichen. Eine Zahl, die mir damals noch unendlich weit entfernt schien.

Nun, es ist dann am Ende das Jahr 2020 geworden. Noch einmal ein ganz erhebliches Stück länger. Dies lag jedoch wohl in erster Linie an den bei der ersten Probephase festgestellten Mängel am Heizkessel. Sein Tipp mit 2018 war also im Nachhinein schon erstaunlich präzise.

Seit Jahren emotionalisiert das Thema in der Region jetzt schon bei weitem nicht mehr so sehr, wie noch vor gut 10 Jahren, als auch ich mich in den Kampf gegen das Kraftwerk in Datteln einzumischen begann. Der erwartbare Ermüdungseffekt ist eingetreten, was die Befürworter sicher gefreut haben wird.

Daran konnten bisher auch die seit Kurzem immer mal wieder am Kraftwerk auftauchenden Klimademonstranten von ‚Ende Gelände‘, Greenpeace und ‚Fridays for Future‘ nichts mehr ändern. Sie hatten zudem das Pech, dass ihre seit Herbst 2019 verstärkten Bemühungen den ‚Klimakiller‘ Datteln 4 zu verhindern, seit Jahresbeginn vom Coronavirus ausgebremst wurden. Ob es aber ohne die Pandemie wirklich anders gelaufen wäre. Es ist müßig darüber zu spekulieren.

Fakt ist, das Kraftwerk startet jetzt in wenigen Tagen offiziell in seinen Regelbetrieb. Rund neun Jahre später als ursprünglich einmal angedacht. Dieser Aufschub, er ist ein bemerkenswerter Erfolg für die Anwohner und Kritiker der ersten Stunde. Ihnen ist es zumindest gelungen das Projekt massiv aufzuhalten, auf ihre Situation immer wieder aufmerksam zu machen.

Auf der anderen Seite hat das viele Beteiligte massiv Nerven und auch Geld gekostet. Hat sich das Alles also am Ende wirklich gelohnt? Darüber werden die Meinungen rückblickend sicherlich auseinandergehen.

Ich finde schon, dass es grundsätzlich gut und notwendig war sich gegen ein solches Verhalten, wie es seitens der Bauherren hier gezeigt wurde, zu wehren. Leider hat die Politik sich in Laufe der Jahre in dieser Frage nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Die Grünen insbesondere sind für mich persönlich dadurch unwählbar geworden.

Die betroffenen Anwohner werden ihre verbleibenden Hoffnungen nun in erster Linie auf die juristische Ebene verschieben müssen. Groß sind ihre Chancen auf einen finalen Sieg dabei aber wohl nicht.

Denn wie sagte schon vor Jahren ein führender Vertreter der aktiven Widerständler am Rande einer internen Veranstaltung zu mir: ‚Wir müssen uns bei unserem Kampf gegen ‚Datteln 4‘ verstärkt auf die politische Ebene konzentrieren. Denn juristisch sind diese Verfahren quasi nicht endgültig zu gewinnen. Und wenn Kraftwerke erst einmal in Betrieb sind, dann schon gar nicht mehr.‘

An dem Punkt ist ‚Datteln 4‘ jetzt angekommen.

Ein prägendes, aber in jedem Falle auch ein sehr lehrreiches Kapitel meines Lebens geht damit zu Ende…. Bis 2038 sehe ich jetzt bei fast jedem Aufstehen wohl mit zuerst die Dampfschwaden von Datteln 4. Das ist nicht schön, erinnert es einen doch an diese Erlebnisse.

Aber soll ich euch in Anbetracht der aktuellen Sorgen dieser Tage etwas sagen? Es gibt wirklich noch deutlich Schlimmeres auf der Welt! Ich jedenfalls habe zwischenzeitlich längst meinen Frieden mit der Sache gemacht und wohl eine Menge über Politik und die Macht der Wirtschaft und des Geldes dazugelernt in all den Jahren. Das hoffe ich zumindest.  😉

 

RuhrBarone-Logo

7 Kommentare zu “Datteln 4 geht in den Regelbetrieb: Es gibt noch viel Schlimmeres auf der Welt!

  • #1
    Bert Kühlturmmann

    – GOTT sei Dank, – e n d l i c h und trotz der monokausal und weltuntergangs-angst-fanatisierten Greta-FfF-Bewegung !

  • #2
    Michael Finke

    Hallo Herr Patzwaldt,
    könnten Sie bitte folgende Stelle in Ihrem Aufsatz ändern: „Im Jahre 2010 schloss ich mich daher den örtlichen Grünen an, die sich seit Jahren gegen die Kraftwerkspläne gewehrt hatten.“ Da der Ortsverein Waltrop der Partei Bündnis 90 /Die Grünen sich m. W. erst im Jahre 2009 gegründet hat, konnte er sich nicht 2010 seit Jahren gegen die Pläne gewehrt haben.
    Ihr eifriger Leser
    Michael Finke

  • #3
    Robin Patzwaldt Beitragsautor

    Hallo Herr Finke! Danke für den Hinweis. Diesen aus meiner Sicht ziemlich kindischen Streit unter den damaligen Grünen in Waltrop, der am Ende in der Neugründung des OV von Bündnis90/Die Grünen und in der letztendlichen Auflösung der ‘Grünen Liste’ (bei der sie damals aktiv waren) im Jahre 2011 mündete, hatte ich offenbar schon erfolgreich verdrängt. 😉 Aber sie haben natürlich Recht. Ich habe die Zeile im Text oben entsprechend präzisiert.

  • #4
    schamescham

    Betreutes Demonstrieren habe ich mal einem Aktivisten gesagt, der mich verständnislos anschaute. Will sagen, gegen die EZB oder sonst wem sind Zeltlager geduldet. Aber ein gut bezahlter agent provocateur wird sich immer finden, um den Wasserwerfer zu begründen, der Oma Kasulke die richtige Meinung beibringt.

  • #5
    Wissender

    Na endlich läuft das Werk im Dauerbetrieb. War ja auch mal Zeit. Als Referenzprojekt auch für andere Teile der Welt geeignet wird es sicher den einen oder anderen Fachbesucher aus dem Ausland nach Datteln führen. Es gilt ja auch alte ausdienende Kraftwerke zu ersetzen. Derartige Stromquellen dieser Größenordnung werden wir sicherlich noch wesentlich länger als 2038 brauchen. Eben High Tech made in Germany. Kraftwerksstadt Datteln kann sich glücklich schätzen. Auch wegen der schönen Steuereinnahmen.

  • #6
    Christian

    Hallo Herr Patzwaldt,

    an dieser Stelle möchte ich mich bei Ihnen für Ihre Berichterstattung über Datteln IV hier bei den Ruhrbaronen bedanken. Ich habe das immer genutzt um mich auf dem Laufenden zu halten.
    Ein paar Gedanken noch von meiner Seite. Ich verfolge die deutsche Energiewirtschaft mittlerweile seit geschätzt 15 Jahren relativ aufmerksam, da ich beruflich in dem Umfeld arbeite. Ich stand dem Kraftwerksprojekt positiv gegenüber, allerdings war ich ehrlicherweise auch nicht in dem Ausmaß persönlich davon betroffen wie Sie. Nun ist es also trotz der ganzen Fehler am Netz, und Sie als langjähriger Gegner müssen das für sich irgenwie einsortieren, was Ihnen wohl ganz gut gelungen ist. Vielleicht kann ich Sie etwas trösten mit meiner Einschätzung dass Uniper mit diesem Kraftwerk voraussichtlich wenig Gewinn machen dürfte. Durch die langjährige Verzögerung hat sich Datteln IV einen Kostenrucksack angezogen den es wohl nie ganz abwerfen können wird. Die momentan niedrigen Erdgaspreise bei gleichzeitig gesunkenem Energiebedarf werden den Uniper-Betriebswirten auch keine Freudentränen in die Augen treiben. Ich denke die Chancen stehen gut dass Sie wesentlich früher als 2038 ihren nächsten Artikel über Datteln IV verfassen können.

    Danke für die Berichterstattung, und Gruß aus Essen!

  • #7
    Robin Patzwaldt Beitragsautor

    @Christian: Vielen Dank für die freundlichen Worte und das offenbar fortgesetzte Interesse an meinen Beiträgen rund um das Thema hier! 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.