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„Der Präventivstaat kennt keine natürliche Begrenzung“


Andrej Reisin und Patrick Gensing haben zusammen ein Buch geschrieben. Die beiden Herausgeber des Blogs Publikative, den Lesern dieses Blogs als Gastautoren seit Jahren gut bekannt, beschreiben in „Der Präventivstaat“, wie die Freiheit Stück für Stück aufgegeben wird und viele dies auch noch für einen Fortschritt halten.

Ein Land lebt in Angst: Hereinströmende Ausländermassen saugen den Sozialstaat aus und sorgen für die Abschaffung der Nation, für deren Entstehen einst Herrmann der Cherusker, im Nebenberuf römische Offizier, mit seinen langhaarigen Horden ganze Legionen  vernichtete.  Wer sich davor nicht graust, erzittert vor nicht biologischen Lebensmitteln, Kraftwerken, Raucherkneipen oder Jugendlichen, die auf öffentlichen Plätzen Bier und Wein trinken. Fußballfans werden fast als Hilfstruppen Al Qaidas wahrgenommen und mit Drohnen und tausenden Polizeibeamten gejagt und überwacht.

Es soll ruhig werden in Deutschland und gesittet zugehen: Wer sich nicht einer protestantisch-ökologischen Lebensführung unterwirft, wer den Exzess liebt und keine Lust hat, sich nur in gelenkten Bahnen zu vergnügen, wer eine ganz eigene Idee hat, sein Leben zu gestalten, gerät ins Visier der Tugendwächter – all das beschreiben Andrej Reisin und Patrick Gensing in ihrem Buch „Der Präventivstaat.“ Die Angst bestimmt das Leben der Menschen, die Angst vor dem wirtschaftlichen Abstieg durch Hartz IV, vor Krankheit  und Katastrophen.

Diese Angst macht die Menschen aggressiv. Alles was sie stört, soll bekämpft werden, am besten von einem Staat, der sich  stärker in das Leben des Einzelnen einmischt – als vermeintliche Schutzmacht vor den Unbilden des Lebens. Ein Neopuritanismus greift und zu ihm gehört die Verdammung aller, die ihm nicht bedingungslos folgen wollen.

Mit zahlreichen Beispielen zeigen Reisin und Gensing diese autoritären Strömungen in der Gesellschaft auf. Sie finden sie in allen Parteien, von Boris Palmer, dem angeblich so liberalen grünen Hoffnungsträger, der Alkohol auf öffentlichen Plätzen verbieten will, bis zu Umweltminister Peter Altmaier mit seinem Nachhaltigkeitszwang – das Spektrum der Volkserzieher ist so groß wie ihre Anhängerschar. Jeder ist froh, wenn eine Belästigung, eine Angst aus dem Weg geräumt wird und erkennt nicht, dass er der nächsten sein könnte, dessen Verhalten als Belästigung,  gegen die der Staat vorzugehen hat, wahrgenommen wird. Reisin und Gensing zeichnen das Bild einer Gesellschaft, die ihre Freiheit abschafft. Sie stecken dabei einen weiten, theoretische Rahmen ab: Vom Neoliberalismus über Foucault bis zu österreichischen Philosophen Robert Pfaller, für den  Lustvermeidung und Askese die Merkmale einer Gegenwart sind, die sich damit um ihre erkämpfte Freiheit bringt – ein verheerender „Beuteverzicht“. Sie stellen dem Leser in ihrem Buch ein Theorietableau vor, dass zum weiterlesen und weiterdenken anregt. Denn die Streitschrift der beiden Hamburger Journalisten will mehr eine Diskussion anregen als endgültige Antworten geben. Gut. Denn die endgültigen Antworten haben schon die Feinde der Freiheit, zumindest ihre Freunde sollten neugierig und mutig sein.

Hier nun ein Auszug aus dem Buch „Der Präventivstaat“

Im Namen von Sicherheit und Sauberkeit lassen sich immer wieder zahlreiche Befürworter der eigenen Selbstbeschränkung mobilisieren, die dann zu Protokoll geben, dass sie auch für dieses oder jenes Verbot seien – zum Schutze der Allgemeinheit vor Belästigung. Wer sich dagegen im öffentlichen Raum aufhält, wird in zunehmendem Maße überwacht und als möglicher „Störer“ wahrgenommen. Dieser potentiellen Gefahr begegnen Städte und Kommunen im Zusammenspiel mit der Polizei dann auch in ebenso zunehmendem Maße mit Verboten und Platzverweisen.

Der Soziologe und Kriminologe Dr. Nils Zurawski, der sich seit Längerem mit der Entwicklung der Überwachung des Öffentlichen Raums beschäftigt, spricht in diesem Zusammenhang von einem „Drangsalierungszwang im öffentlichen Raum“ und einem „Erziehen zu einem guten und gesunden Leben“. Solche Formen städtischer Sicherheitspolitik können auch als Machtintervention in öffentlichen Räumen verstanden werden.

Laut dem Schweizer Stadtgeograf Prof. Francisco Klauser handelt es sich dabei insgesamt um gezielt eingesetzte Strategien, die die Städte bewusst verändern sollen. Klauser macht aber auch noch auf einen anderen Punkt aufmerksam, nämlich das, was er die „Versuchung der Überwachung“ nennt: Dabei geht es darum, Kontrolle und Überwachung nicht ausschließlich repressiv zu denken, sondern zu erklären, warum sich Phänomene wie Kameraüberwachung so rasend schnell ausbreiten.

Der IT-Gigant IBM stellt in Werbespots bereits die Utopie einer „smart city“ vor, in der Verkehrsströme dank moderner Sensoren an Autos automatisch reguliert werden, damit alle schneller an ihr Ziel kommen. Die Utopie von IBM (in der Werbung) ist eine intelligentere, nachhaltigere, für alle lebenswertere Stadt. Dass eine solche „smart city“ nur um den Preis der permanenten Überwachung der Bewegungen der Individuen und ihrer Gewohnheiten zu haben ist, verschweigen die Advokaten dieser neuen Cleverness.

Denn nur wenn sich einigermaßen präzise vorhersagen lässt, wer wann wie oft von wo nach wo fährt, lassen sich Verkehrsströme auch in Echtzeit regeln. Und natürlich lässt sich dabei auch ermitteln – oder in Zukunft über eingebaute Kontrollsensoren sogar verhindern – wer es dabei noch wagt, ein Tempolimit zu übertreten und damit den sorgsam berechneten Verkehrsfluss für alle zu stören. Alles geschieht in dieser Utopie nur zu unserem Besten.

Diese Vorstellung  entspricht nun derjenigen einer „guten Gemeinschaft“, in der herrschende Politik stets nicht nur das Beste für alle will, sondern auch noch in der Lage sein soll, das Beste für alle objektiv erkennen zu können – Interessenskonflikte ausgeschlossen. Genau darin liegt die „Versuchung der Überwachung“ von der Klauser spricht – und die nicht nur bei Grünen-Anhängern auf große Zustimmung stößt.

Doch wer definiert, was das „vernünftige“ Interesse der Allgemeinheit ist? Es zeigt sich, dass derartige Konzepte auf einer Vorstellung von der Alternativlosigkeit politischen Handelns beruhen, die als nächstes eigentlich sagen müsste, dass Demokratie und Wahlen nur die Durchsetzung der reinen Vernunft verhindern, die ein „unabhängiges“ Expertengremium ansonsten zur freien Entfaltung bringen könnte – zum Wohle aller natürlich – das versteht sich doch von selbst.

Die Begeisterung für staatliche Regulierung, für Gängelung und Verbote scheint deshalb derzeit nirgendwo so groß zu sein wie bei Politikern und Medien, die sich für tendenziell links halten: So debattierte ausgerechnet die TAZ in diesem Sommer nicht nur ein Alkoholverbot im Namen der „Volksgesundheit“ (übrigens ein Begriff, über dessen Verwendung man sich – angesichts des Nationalsozialismus – speziell in dieser Zeitung etwas mehr Gedanken machen könnte), sondern auch gleich noch ein Kussverbot in der Öffentlichkeit – im Namen von Feminismus und Ästhetik des öffentlichen Raums.

Der Wiener Philosoph Prof. Robert Pfaller hat darauf aufmerksam gemacht, dass die Linke in den letzten Jahrzehnten seiner Auffassung nach „das Ressentiment und die Viktimisierung mit dem emanzipatorischen Kampf verwechselt habe“. „Das Recht, sich belästigt zu fühlen“, sei das einzige, was die Individuen vom öffentlichen Raum noch erwarten könnten. Pfaller diagnostiziert eine uneingestandene Komplizenschaft der politischen Linken beim Prozess der Privatisierung öffentlicher Räume. Man habe angefangen, „die Standards der bisher Unterdrückten zum allgemeinen Standard“ zu erheben. Dies führe am Ende aber dazu, dass „alle nichts haben“, so Pfaller.

praeventivstaatZwar betonen die Verfechter von Anti-Diskriminierungs- und Anti-Belästigungspolitik zunächst stets, dass sie ja ohnehin nicht in der Position seien, irgendwem etwas verbieten zu wollen, sondern nur zur Reflektion des eigenen Handelns anregen wollten, doch dieses Argument ist sowohl schwach als auch unglaubhaft. Denn die Frage lautet doch, was würden sie tun, wenn sie in der entsprechenden Position wären? Die Erfahrungen mit der Entwicklung des Rauchverbots haben deutlich gezeigt, wozu ehemalige Straßenkämpfer und antiautoritäre Rebellen in der Lage sind, wenn sie erst einmal die Schalthebel politischer Macht in den Händen halten.

Es steht durchaus zu befürchten, dass die nächste Generation in zehn Jahren durchaus geneigt sein könnte, ein Alkohol- oder Knutschverbot im öffentlichen Raum von privaten Sicherheitsdiensten durchsetzen zu lassen – ohne darin ein Problem für die eigene, vermeintlich linke Politik erkennen zu können. Wem diese Vorstellung absurd erscheint, der sei daran erinnert, dass ein Verbot in der eigenen Kneipe oder gar der eigenen Wohnung zu rauchen, vor nicht einmal 20 Jahren noch als ebenso komplett absurde Vorstellung eines Paranoikers abgestempelt worden wäre – beides ist 2013 zumindest in Teilen des Landes Realität.

Der Präventivstaat kennt keine natürliche Begrenzung, seine Logik lässt sich immer noch weiter ausdehnen. Die Einschränkung der Handlungsfreiheit im öffentlichen (und auch privaten) Raum wird daher früher oder später jeden betreffen – zumal die bislang betroffenen Zielgruppen (Arme, Arbeitslose, Obdachlose, Jugendliche, Fußballfans, Gourmets und Gourmands, Raucher und Raser …) bereits einen erstaunlichen gesellschaftlichen Querschnitt darstellen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch eine Ihrer ganz persönlichen Vorlieben ins Visier des Präventivstaats gerät – mit Sicherheit!

Andrej Reisin/Patrick Gensing: Der Präventivstaat. (Amazon Link), Broschiert: 9.95 Euro, E-Book 6,99 Euro

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35 Kommentare zu “„Der Präventivstaat kennt keine natürliche Begrenzung“

  • #1
    Walter Stach

    Stefan,
    ich denke, Dein Beitrag, besser wohl die Abhandlung “ Der Präventivstaat“ wird hier im Blog intensiv diskutiert werden; und das ist gut so.

    Ich will deshalb zunächst lediglich das Folgende „in die Debatte werfen“::

    Wenn es denn „Fakt ist“, daß die Menschen, eine Mehrheit der Menschen (?) mehr und mehr Angst haben,

    „Angst vor allem Fremden, Angst vor Arbeitslosigkeit, vor schweren Erkrankungen, Angst vor stark Alkoholisierten und Randalierern, Angst vor einer „neuen Regierung“, Angst vor „zuviel“ Zuwanderern, Angst vor Neo-Nazis; Angst vor den 2ookm-Rasern auf der Autobahn, Angst vor dem Nachbarn, der in der Kneipe raucht, Angst vor Gewaltätern, Angst vor Kinderschändern, Angst davor, sich „in Dreck und Hundekot“ nicht mehr wohlfühlen zu können, Angst vor Ausspähungen im Internet, Angst vor staatlichen Verboten und Geboten, Angst vor…….
    hat das unabweisbar Auswirkungen auf das Miteinander in der Gesellschaft, und zwar zunächst völlig unabhängig davon, ob und wie der Staat reagiert.

    Bedacht werden muß zudem, daß die Gesellschaft selbst, vor allem mittels ihrer Medien, das Internet eingeschlossen, also nicht mittels staatlicher Medien, diese Angst tagtäglich befördert und laufend neue Ängstlichkeiten erzeugt.
    Die revolutionären Veränderungen in der Information und Kommunikation d.d.Internet bedürfen deshalb einer näheren Betrachtung über ihr die Angst beförderndes Potential.

    Ein solcher Angstzustand der Individuen, seine Ursachen, seine Auswirkungen auf das Miteinander in der Gesellschaft, seine Beförderung d.d.Gesellschaft selbst müßten daher im Zentrum von Analysen und Schlußfolgerungen stehen ;auch die Überlegung, ob und wie die Gesellschaft selbst dem entgegen wirken könnte, wenn sie denn wollte.

    Kein demokratisch verfaßter Staat ist auf Dauer in der Lage, einen solchen gesellschaftlichen Zustand, einen solchen gesellschaftlichen Prozess zu ignorieren. Das kann er nicht.

    Der “ Präventivstaat“ ist nicht die Ursache, sondern die Folge veränderter individueller Empfindungen -wachsende Angsgefühle- und entsprechender Veränderungen im gesellschaftlichen Miteiander und in dem , was als gesellschaftliches Bewußtsein gilt.

    Und über das „WIE“ staatlicher Reaktion -ob präventiv oder repressiv-wird in demokratischen Staaten letztlich per Mehrheit entschieden, bei uns -den Vätern und Müttern des GG und dem BVerfG sei Dank-im Rahmen der die Grundfreiheiten des Menschen garantierenden Rechtsstaates.

    So eben haben Viele eine Partei/einen Kandidaten für den Btag gewählt. Eine angstfreie Wahlentscheidung des Individuums? Ganz sicher nicht und deshalb so oder so nicht folgenlos.

    Und ich?
    Meine ersten Anmerkungen zum Kommentar von Steffan habe weder etwas mit meinen Angszuständen, mir ihrer Qualität und Quantität zu tun, noch damit, ob ich ich Erwartungen gegenüber der Gesellschaft habe und ggfls.welche, wie sie, die Gesellschaft, also letztlich meine Mitmenschen, auf meine Ängsten reagieren sollten.
    Und meine ersten Anmerkungen haben gar nichts damit zu tun, ob ich etwas und ggfls.was ich diesbezüglich vom Staat erwarte.
    Meinem Beitrag liegt der Versuch zu grunde, unstrittig vorhandenes persönliches Betroffensein zunächst ‚mal draußen vor zu lassen.

    „Ausschließlich objekitv kann er trotzdem nicht sein.

  • #2
    Stefan Laurin Beitragsautor

    Die Angst vor dem wirtschaftlichen Niedergang hat der Staat schon befördert: Hartz IV hat die Sorge vor dem Absturz weit in die Mittelschichten getragen und eine Reaktion auf diese Angst ist eine Ausweitung protestantischen Denkens: Viele glauben, das eine „rationale Lebensführung“ sie vor Unbilden bewahrt. Auch wenn Lebensrisiken individualisiert werden, ganze Lebensstile als „Unterschichtstypisch“ stigmatisiert werden – zu unrecht übrigens, nirgendwo wird mehr gesoffen als in der Oberschicht, geht das auch vom Staat aus. Und wer der zusätzlich auf alle Ängste mit mehr Verordnungen reagiert und freudig sein Betätigungsfeld ausdehnt, ist das auch staatliche Politik – ob demokratisch Legitimiert oder nicht. Natürlich findet das alles auch seine Grenzen: Die Grünen haben nicht zuletzt dank ihrer Volkserziehungspolitik bei der Bundestagswahl verloren. Wir sind – wie auch Publikative – ein Medium, dass sich dieser Tendenz entgegenstellt. Ich glaube, Angst ist die Grundlage jeder autoritären Herrschaft. Und eine Politik, die durch Angst getrieben wird, führt in einen autoritären Staat. Dem muss man etwas entgegenstellen. Patrick und Andrej tun das, andere auf diesem Blog auch.

  • #3
    Yilmaz

    Bei Freiheit und Überwachung denke ich zuerst an die NSA.

    Wurde diese Problematik auch vernünftig thematisiert ?

  • #4
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Yilmaz: Ja wurde sie – aber auch dass die tägliche Überwachung durch Sicherheitsbehörden in Deutschland stärker ist. Auch bei banalen Anlässen wie Fußballspielen.

  • #5
    Nansy

    Die Frage ist doch, ob Wohlstand (bzw. die Furcht davor, ihn wieder zu verlieren) zu vermehrter Angst in der Gesellschaft führt? Angst vor Arbeitslosigkeit, Angst vor dem Abstieg in eine andere gesellschaftliche Klasse.

    Und führt eine medizinisch gut versorgte Gesellschaft mit einer bisher nie dagewesenen Lebenserwartung nicht auch zu mehr Angst vor Krankheit und dem Verlust der „Gesundheit“?

    Tatsächlich leben die Medien und die „Gesundheitsindustrie“ (Pharmaindustrie, Wissenschaftler, Fitness-Industrie) recht gut von dieser Angst.
    Nicht zu vergessen, dass diese Ängste von einer quasi religiösen Organisation, der WHO, bewußt gefördert und angeheizt werden. Ob Übergewicht, Tabak, Alkohol, Salz oder Zucker, stets arbeitet die WHO mit dubiosen Schätzungen, um das Problem übermächtig erscheinen zu lassen. Dieser Alarmismus wird wiederum von den Medien gerne und oft aufgegriffen und führt (und soll das auch) zu weiterer Angst vor dem Verlust der Gesundheit.

    Politiker greifen diese Themen gerne auf und präsentieren „Lösungen“, die meistens auf irgendein Verbot hinauslaufen. Weitgehend von der Öffentlichkeit unbemerkt, gibt die WHO die Rahmenbedingungen für die nächsten „Kämpfe“ für eine total gesunde Welt vor, indem sie Regierungen oder die EU zur Mitarbeit an ihren Zwangsvorstellungen verpflichtet.

    Aber ohne freiwillige „Mitarbeit“ der Menschen würden diese Programme verpuffen.
    Der Psychologe Manfred Lütz hat es so ausgedrückt:
    „Es gibt Menschen, die leben nur noch vorbeugend. Sie begreifen nicht, dass Gesundheit nur eine Rahmenbedingung für das Leben ist, aber nicht das Leben selbst. Um den Tod zu vermeiden, nehmen sie sich das Leben. Und sterben dann doch.“

  • #6
    der, der auszog

    Angst ist eine in jedem Menschen und vielen Lebewesen angelegte Grundstimmung, die evolutionsgeschichtlich die Aufgabe hat, sich in Gefahrensituationen durch entsprechendes Verhalten zu schützen. Die Schnecke zieht ihren glitschigen Körper in ihr Schneckenhaus zurück, das Stinktier sondert über seine Analdrüsen ein fürchterlich riechendes Sekret ab und der Mensch setzt sich einen Fahrradhelm auf, für den Fall, dass ihm der Himmel auf den Kopf fallen könnte. Diese Bedrohung kennen wir seit Asterix und Obelix und selbst wenn sie bis heute kein einziges Mal eingetreten ist: Sicher ist sicher.

  • #7
    Nansy

    @der, der auszog:

    Der Mensch setzt sich inzwischen nicht nur einen Fahrradhelm auf, nein, er fühlt sich inzwischen nur noch sicher, wenn er sich beim Fahrradfahren in grell gelbe Plastiküberzüge – ähnlich denen der Müllarbeitern nur eben statt orange jetzt gelb – einhüllen kann. Und natürlich muss eine gesetzliche Pflicht zum Tragen eines Fahrradhelms her, damit man sich in seiner Vollausrüstung nicht so einsam fühlt.
    So ergänzen sich die Ängste vieler Bürger hervorragend mit der Suche der Politiker nach neuen Tätigkeitsfeldern, mit denen sie von den wahren Problemen ablenken können…

  • #8
    Walter Stach

    -5-Nancy

    Selbst wenn jeder bei sich zu Hause plakativ und unübersehbar die Aussage von Lütz präsent hätte, würde das im alltäglichen Leben nennenswert und nachhaltig das Bewußtsein der Menschen über ihr Leben, über ihre zeitlich begrenzte Existenz angesichts der derzeitigen gesamtgesellschaftlichen Gegebenheiten nicht ändern, also auch nicht ihren persönlichen Umgang mit allen denkbaren Ereignissen, die sie ängstiegen, demzufolge auch nicht die Konsequenzen für die Gesellschaft und deren Anforderungen an den Staat, die, wie hier diskutiert und problematisiert, stetig wachsen.

    ((Für mich ist es ein unbestreitbar, daß das gesellschaftlichen Bewußtseines in Deutschland, in Europa, (moit-)bestimmt wird von objektiven Gründen für eine wachsende, ganz reale und existentielle Lebensangst der Menschen.
    Und die können und dürfen in dieser Diskussion über den „Präventivstaat“ nicht ausgeblendet werden.
    So hat z.B.die Lebensangst unzähliger Menschen in Afrika konkrete Folgen für diese Menschen, für ihre jeweilige Staats- und Gesellschaftsordnung, aber eben auch Deutschland und Europa.

    Wir haben aufgrund der medialen Möglichkeiten, „hautnah“ diese Ängste und ihre Folgen wahrnehmen zu können bzw. wahrnehmen zu müssen, allen Anlaß, der Menschen in Afrika wegen, aber auch im eigenen Interesse besorgt -ängstlich?- zu sein; ist z.B. deshalb der „Präventivstaat“ gefordert?

    Das Leben unzähliger Heranwachsender in Europa ist zunehmend einer eigenverantwortlichen Gestaltung entzogen.
    Das Überleben vieler Menschen in Europa (!!)hängt zunehmend davon ab, daß für ihr „tägliches Brot“ in sog. Armenküchen gesorgt werden muß -sh.u.a.die aktuellen Berichten, die Groß-Br.einshließen!!!

    Ist auch deshalb der „Präventivstaat“ gefordert? ))

    Ohne diese Realitäten ausblenden zu könnenn und zu wollen, jetzt zurück zu den kritischen Grundgedanken des Kommentars von Stefan bzw. zur Abhandlung „Präventivstaat“ und der bisherigen Diskussion:

    Statt Lütz -sh.Nancy- hätte Ähnliches z.B. aus dem alten und dem neuen Testament zitiert werden können.

    Ich habe in meinem Beitrag -1-, die Überlegung angestellt, ob nicht die Gesellschaft selbst, u.a.durch ihre Medien, die heutzutage mehr als jemals vorher massiv Angstgefühle nutzt und ganz wesentlich befördert, aus welchen Gründen auch immer, nicht dazu beitragen müßte, Gegenteiliges zu bewirken.
    Ich befürchte, daß solche Überlegungen von Idealen ausgehen, die in unserer Gesellschaft bestenfalls noch die Ideale „von Randgruppen“ sind.

    Also….

    „Angstgefühle“ der Individuen werden noch weiter wachsen.

    Die Gesellschaft wird insgesamt nichts tun, um nennenswert und nachhaltig dem zu begegnen;im Gegenteil.
    Zwangsläufig werden aus der „Mehrheits-„Gesellschaft immer wieder neue Forderungen an den Staat gerichtet, mit seinen Mitteln und Möglichkeiten auf die „Angst der Menschen“ zu reagieren.

    Dem Staat kommt dann die schwierige Aufgabe zu, schwierig, solange er ein demokatisch verfaßter Staat ist,abzuwägen, zwischen der Befriedigung einschlägiger (Mehrheits-) Forderungen an ihn und der Sicherheit individueller Grundfreiheiten, solange er auch ein Rechtsstaat ist.

    Stefan,
    unstrittig ist, daß es in der Politik aus opportunistischen Gründen einen „vorbeugenden Gehorsam“ gegenüber den von mir skizzierten individuellen, angstgetriebenen Befindlichkeiten der Individuen und dem davon geprägten gesellschaftlichen (Mehrheits-)Bewußtsein gibt.

    Wir finden ja in der kath.Kirchen über 2.000 Jahre ein gemessen am Ergebnis herausragendes Beispiel dafür, wie man Urängste der Menschen, vor allem vor dem Tod und der Ungewissheit darüber, ob und was ggfls.danach passiert, aufgreifen, befördern und für sich nutzen kann mit entsprechenden Vorgaben der Kirche für ihre Angehörigen, die die individuelle Freiheit des Einzelnen, die die Eigenverantwortlichkeit für das Leben massiv negieren.

    Durchaus vergleichbar, jedenfalls in der Alltagspraxis, greift „man“ in der Poltik von sich aus“ Angstgefühle auf, auch wenn die in der gesellschaftlichen Realität nur marginal wahrzunehmen sind,“ man “ befördert diese, „man“ macht sie sich zu eigen, nicht der Menschen, nicht ihrer Ängste wegen, sondern weil das den (partei-)politischen Zielen nützlich erscheint. Und das gilt für alle Parteien , wenn auch graduell unterschiedlichen und in einer klientelgemäß jeweils anderen Wahrnehmung von „Angstzuständen.“

    Insofern widerspreche ich Deinen jetzt wider einmal vorgetragenen Grundgedanken , Stefan, nicht.
    Wenn in deren Folge z.B. hier bei den Ruhrbaronen dieser Opportunismus der Parteien aufgedeckt und massiv kritisiert wird, ist das erfreulich.

    Die damit wünschenswert zu erzielende Wirkung scheint mir ehe „nahe bei Null“ zu liegen.

    Oder läßt sich hier doch mit dem Prinzip „Hoffnung“ arbeiten?

    U.a. die kath.Kirche hat im Laufe ihrer Geschichte mehrfach aufgrund gesellschaftlicher Prozesse erfahren müssen, daß sich die Menschen entweder gar nicht mehr oder nur noch marginal davon beeinflussen lassen, was kirchlicherseits verkündet und an Regeln und Geboten vorgegeben wird bzw. vorgegben wurde; resultierend aus den Angstgefühlen der Menschen vor dem Tod und vor dem, was dann kommen kann – im Diesseits bei nicht „gottgefälligem Leben“ Krankheiten, Kriege u.ä.mehr, im Jenseits „Fegefeuer,Hölle-„.

    Die kath.Kirche hat jedoch im Laufe ihrer Geschichte begriffen, gelernt und gelehrt, daß christlicher Glaube auch „anders verstanden“ und in ihm und mit ihm auch anders gelebt werden kann, nämlich selbstbestimmt, furchtlos, zuversichlich , im Zweifelsfalle dem Gewissen verpflichtet, und das alles im selbstverständlichen Bewußtsein eines nie sorgen- und angstfreien und zeitlich eng begrenzten Lebens.

    ((Stefan,
    die Wahlentscheidung zu Gunsten von Frau Merkel hat ja nicht nur zu tun mit der Hoffung, mit dem Wunsch vieler Menschen, der „Präventiv-“ Staat möge sie möglichst von allen Ängsten und Sorgen befreien, sondern auch damit, daß sie sich mit all ihren Sorgen und Ängsten „in den Armen ihrer Mutti“ geborgen und umsorgt fühlen; menschlich verständlich oder?))

  • #9
    Nansy

    @Walter Stach #8:

    für mich ist ein interessanter Punkt Ihrer Ausführungen der Vergleich(?) der Ängste der Menschen in Afrika mit denen der Menschen in Europa.
    Ich gehe mal davon aus, dass wir hier nicht von Menschen in Afrika reden, die einer Verfolgung durch den Staat unterliegen oder aus Kriegsgebieten flüchten müssen. Während meiner Zeit im Ausland (Afrika und Asien) habe ich nämlich von einer „Lebensangst“ selbst bei armen Menschen nichts entdecken können.
    Im Gegenteil, es war für die meisten Europäer eher verwirrend zu sehen, wie selbstverständlich die Menschen mit dem Tod „umgingen“ – was ja nicht heißt, dass man dort keine Angst vor dem Tod hat. Die Lebensfreude, der dort unter einfachsten Bedingungen lebenden Menschen, war immer wieder inspirierend – und kann hier – glaube ich – nicht nachvollzogen werden.
    Und genau da lohnt es sich nachzufragen: warum spielen die Ängste der Menschen in hochentwickelten Staaten eine immer größere Rolle?

  • #10
    Helmut Junge

    @Nansy ,“ warum spielen die Ängste der Menschen in hochentwickelten Staaten eine immer größere Rolle?“
    Das Selbstbewußtsein sinkt vermutlich zuerst. Ich glaube dass das zusammenhängt.

  • #11
    Walter Stach

    -9-Nancy-:
    Einverstanden mit der abschließend gestellten Frage.

    Antwort(en)?

    Kann das etwas zu tun haben mit der tagtäglichen Produktion von „massenweise“ Angst in und durch unsere Gesellschaft und deren rasant schnelle weltweite Verbreitung durch das Internet; oft aus banalen Anlässen und vor allem häufig aus Gründen, über die nicht hinreichnd recherchiert und deren Auswirkungen nicht hinreichend reflektiert wurden?

    Mir fallen dazu spontan all die angeblich lebensbedrohenden Gefahren für die Menschen aufgrund diverser Lebensmittelskandale oder aufgrund îmmer neuer Grippenviren ein;davon hat z.B. die BILD wochenlang „gelebt“: und wir leben immer noch.

    Kann das auch damit zu tun, daß in der Tat in unserer Gesellschaft bei vielen Menschen mit wachsendem (relativen) Wohlstand zugleich das Gefühl gewachsen ist, daß menschliche Existenz ohne diesen (relativen)Wohlstand, der ein materiell weitgehend angstfreies Leben suggeriert, undenkbar und deshalb der Staat verpflichtet ist, diesen (relativen) Wohlstand und damit ein weitgehend materiell angstfreies Leben zu sichern?
    -Wie in einem Beitrag vorab angemerkt, ist das kein Plädoyer gegen das im GG verankerter Sozialstaatsprinzip, das fundamental Anderes beinhaltet als es Inhalt eines der sog.Versorgungsstaates ist-.

    Also, ich habe spontan keine befriedigenden Antworten auf die zurecht gestellte Frage.

  • #12
    Nansy

    Ein schönes Beispiel für Alarmismus und das Spiel von Interessengruppen mit den Ängsten der Menschen findet sich gerade wieder in den Medien:

    „Dicke Luft in den Städten der EU – Richtig durchatmen geht kaum noch“
    http://www.n-tv.de/wissen/Richtig-durchatmen-geht-kaum-noch-article11544536.html

    Das Ziel ist klar und wird auch genannt: „Nur eine radikale Verschärfung der bestehenden Gesetze könnte die Menschen schützen.“ Die Interessengruppen sind mal wieder die WHO und als Ausführende die EU-Umweltagentur. Als Unterstützer agieren mit Forderungen mehrere deutsche Umweltverbände.

    Durch völlig unpassende Vergleiche will man die Angst der Menschen vor Luftverschmutzung puschen: „Luftverschmutzung sei keineswegs nur ein Problem asiatischer Riesenstädte, mahnte beispielsweise der Bundesgeschäftsführer des Naturschutzbundes (NABU), Leif Mille. „Richtig durchzuatmen fällt auch europäischen Großstädtern schwer.“

    Wer jemals in einer asiatischen Metropole gelebt hat, kann diesen Vergleich nur als Frechheit empfinden. Ist es bloß Ahnungslosigkeit oder Bösartigkeit des NABU-Vorsitzenden? Ich fürchte es ist eskaltes Kalkül – immer in der Hoffnung, dass es nicht so viele Leute geben kann, die diesen Unfug durchschauen.
    Und natürlich darf auch nicht der Hinweis auf den (angeblichen) jährlichen volkswirtschaftlichen Schaden von bis zu 790 Milliarden Euro fehlen.

  • #13
    der, der auszog

    @Nansy (#12)

    Ich habe zwar noch nie in einer asiatischen Stadt gelebt, aber in den 1990er Jahren für ein Reiseunternehmen in Mexiko gearbeitet und mich in diesem Zusammenhang mehrmals monatelang in Mexiko Stadt aufgehalten. Von der Einwohnerzahl durchaus mit Shanghai und Peking, den größten Städten Asiens zu zu vergleichen. Mexiko Stadt liegt in einem stark Erdbeben gefährdeten Gebiet, weshalb es kaum Hochhäuser gibt und der Wohnraum sehr viel Fläche benötigt. Die Stadt liegt im Hochland auf über 2.200 Metern auf einem ausgetrockneten See umschlossen von einem Gebirge. Das ganze Tal war vor 20 Jahren bereits völlig bebaut. Die Umweltverschmutzung ist so krass, dass man die Gebirge hinter der Stadt selbst bei bestem Wetter vom Zentrum aus nicht zu Gesicht bekommt. Der Smog macht dies unmöglich. Weil sich die Luft in Mexiko Stadt wie in einem Trichter sammelt, hat man begonnen ganze Berge abzutragen, denn die einzige natürliche Schneise, über die die Metropole mit Frischluft versorgt wird, ist mit Industrie bebaut, deren Abgase bei entsprechender Windrichtung erst einmal konzentriert in die Stadt hineingedrückt werden. Atmen fällt in Mexiko Stadt extrem schwer und ich habe in meinen Reisegruppen nicht selten Gäste erlebt, die mir aufgrund von Kreislaufbeschwerden zusammen geklappt sind. Ursache war die sauerstoffarme und völlig verdreckte Höhenluft.

    In Deiner Argumentation wirfst Du den Organisationen, die im Zusammenhang mit Luftverschmutzung auf Städte in Asien und außerhalb Europas verweisen Lobbyismus vor, wenn sie davor warnen, dass sie solche Zuständen auch in Europas Metropolen befürchten. In Deiner Argumentation steckt mir zu da viel Frank Goosen „Woanders is auch Scheiße“ drin. Sollen wir in Europa jetzt wirklich anfangen, uns an Städten zu orientieren, in denen Umweltschutz ein Fremdwort ist?

    Wenn Du gegen das Rauchverbot wetterst, kann ich Deine Argumente recht gut nachvollziehen, zumal sich jeder, der Probleme mit Rauchern hat, sich diesen ohne großen Aufwand entziehen kann. Aber was die Umweltbelastungen angeht sind wir alle betroffen. In dem von Dir verlinkten Artikel wird unter anderem über die Feinstaubbelastung geredet. Da wo ich wohne, in Gelsenkirchen, bekommt man diese Feinstaubbelastung nicht in den Griff, was man daran erkennen kann, dass Autos mit einer roten Plakette mittlerweile draußen bleiben müssen und nur noch grün und gelb zugelassen sind. Smog kenne ich auch in Gelsenkirchen und wenn im Sommer vermehrt die Krankenwagen zu hören sind, die alte Leute in die Klinik bringen, weil sie Kreislaufmäßig den Klappmann machen, dann liegt das sicherlich nicht nur an den hohen Temperaturen. Das Umweltschutzverbände wie NaBU oder BUND in ihren Forderungen überreißen will ich gar nicht bezweifeln. Aber das Thema zu verharmlosen und so zu tun, als sei bei uns alles in Ordnung, ist eine genauso extreme Position.

    Und wenn wir beim Thema Lobbyismus sind: In den letzten beiden Tagen tackerten zwei interessante Meldungen durch die Medien. Die erste Meldung war, dass die Bundesregierung mit den deutschen Autobauern im Nacken den Termin für eine geplante Obergrenze der CO2 Grenzwerte von 95 Gramm Kohlenstoffdioxid (CO2) je Kilometer, der für 2020 vorgesehen war, erfolgreich verhindert und die Einführung erst einmal um 4 Jahre weiter nach hinten verschoben hat. Speziell geht es hier um die deutschen Oberklasseautos. Das müsste ja voll in deinem Interesse sein, denn so schlimm ist es mit der Umweltverschmutzung in Europa ja nicht.
    Die zweite Meldung war, dass die Quanterben Johanna und Stefan Quandt, sowie Susanne Klatten, die 46,7% Anteile am BMW Konzern halten, insgesamt 690.000 Euro an die Partei gespendet hat, die die Einführung einer Obergrenze für Oberklasseautos im letzten Moment gekippt hat. Ist das keine Lobbyarbeit?

  • #14
    Nansy

    @der, der auszog:

    „Sollen wir in Europa jetzt wirklich anfangen, uns an Städten zu orientieren, in denen Umweltschutz ein Fremdwort ist?“

    Ich hoffe mal, dass das jetzt ein Mißverständnis ist. Nicht ich, sondern der Bundesgeschäftsführer des Naturschutzbundes (NABU) hat diesen Vergleich von asiatischen Riesenstädten mit europäischen Städten (nicht ganz ungeschickt) gezogen. Deine Frage müsste sich also an ihn richten, warum er diesen absurden Vergleich angestellt hat.
    Mir ging es darum aufzuzeigen, wie man (im Sinne dieses Beitrages „Der Präventivstaat kennt keine natürliche Begrenzung”) mit den Ängsten der Menschen Politik macht oder auch versucht, neue Gesetze zu begründen.
    Ich glaube das fällt unter die Rubrik „Problembewußtsein schaffen“ und weniger unter den Begriff „Lobbyismus“.
    In meiner Argumentation steckt überhaupt kein “Woanders is auch Scheiße” drin, sondern der Hinweis auf die bewusste Verwendung von völlig unpassenden Vergleichen nur zum Zwecke der Angstmacherei. Ein Vergleich der Sicherheitslage in Bagdad mit der in Kopenhagen würde von jedermann sofort als Humbug entlarvt werden – bei Umweltthemen ist das offenbar anders…

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  • #16
    Walter Stach

    Der, Der…-13-
    Nancy -14-…..

    Ich neige dazu anzunehmen, daß Nancy ganz generell, so auch im konkretem Falle „Präventivstaat“, in der Artikulation extremer Gedanken, Meinungen, Überzeugen ihre Möglichkeit sieht, Diskussionen zu beleben , was zudem häufig in „zugespitzten Formulierungen“ geschieht und getragen ist von einem Verständis „individueller Freiheit“, das z.B. ganz und gar nicht das meine ist.

    Das führt zwangsläufig bei denjenigen,die ehe dazu neigen,

    Pro und Kontra „gründlich“ abzuwägen, die bereit sind, auch die eigene Positionen kritisch zu hinterfragen, die zudem dazu neigen, ein konkrete Problem beispielsweise in einem geschichtlichen Kontext zu sehen und zu bewerten und für die „Freiheit ohne Verantwortung -sich selbst und der Gemeinschaft gegenüber-nicht denkbar ist,

    zwangsläufig zu „Widerworten“; so auch jetzt wieder.

    Problematisch? Nein, ich denke, das ist gut so für unsere, für jede Diskussion.

    DER,Der…..13-abschließend-.

    Die Kanzlerin stoppt eine anstehende EU-Entscheidung, die den deutschen Autoherstellern, u.a.BMW, nicht paßt.
    Soweit so schlecht.
    Die CDU, deren Vorsitzende diese Kanzlerin ist, erhält beinahe zeitgleich mit dem „Stop“ in Brüssel von den BMWern Quandt u.CO eine Spende von 690.000 €.

    Wetten, das…………, daß

    das die Kanzlerin nicht kommentieren wird, das sitzt sie aus, und daß das die die Mehrheit in der Bevölkerung bestenfalls ganz am Rande interessiert. Medial ist der Limburger-Bischhof nach wie vor die große Nummer, nicht die Problematik einer als Auto-lobbyisten tätige und von der “ BMW-Autofamilie Quandt u.CO“ gesponsterten CDU-Vorsitzenden.

  • #17
    Nansy

    @Walter Stach #16

    Ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass mit der „Artikulation extremer Gedanken, Meinungen, Überzeugen..“ der seltsame Bundesgeschäftsführer des NABU gemeint ist – mir werden nämlich sonst eher staatstragende Gedanken zum Vorwurf gemacht…

    Auch den nächsten Absatz („Pro und Kontra “gründlich” abzuwägen, die bereit sind, auch die eigene Positionen kritisch zu hinterfragen,….usw.) werde ich mir nicht an die Backe kleben 😉

    Die von Ihnen bemühte “Freiheit ohne Verantwortung -sich selbst und der Gemeinschaft gegenüber” ist ein weites Feld und wird je nach persönlicher Empfindlichkeit gerne anlassbezogen als Vorwurf geltend gemacht.

    Zum Thema Parteispenden (als wenn das was ganz neues wäre..)
    Ich lese da zum Beispiel bei den Grünen:

    Umweltkontor, Renewable Energy = 50.000,
    Ostwind mbH = 121.000,
    BMW = 250869,
    usw.

    Quelle: www.parteispenden.unklarheiten.de

    Weitere Aufzählungen z.B. zur SPD erspare ich mir….

  • #18
    Klaus Lohmann

    Ich bin bei diesem Angstthema auch interessiert an einer anderen Schiene: Da hierzulande das UWG die direkte „Angstwerbung“ – z.B. das Drohen mit schlimmen Folgen, wenn man Produkt XYZ nicht kauft – verbietet und Werbung ala „Ich bin geil – koof mich!!“ schon längst keinen Umsatz mehr generiert, bietet sich eine Medienallianz an: Medien drehen solange am „Angst“-Button, bis die geschickt plazierte Auswegs- und Heilsbringerwerbung Wirkung zeigt. Ist z.B. immer gern gesehen bei allen Medizin- oder Nahrungsergänzungs-Mätzchen…

  • #19
    Dummkopf

    #16 | Walter Stach

    Dazudenken sollte man sich noch die für diese Leute mehr als bemerkenswerten Aussagen über die aktuelle Situation in USA:

    – Jeff Kornblum (im ÖR dieser Tage, müsste ich nachschauen):

    Die Tea_Party_Leute sind keine Politiker. Das sind Leute aus der unteren Mittelschicht, die für diesen Job bezahlt werden.

    – Andrew Denison ( vorhin Phoenix) zum gleichen Punkt:

    Die Wirtschaft hat im Moment die Mehrheit im Repräsentantenhaus….

  • #20
    der, der auszog

    @Nansy

    ich bleibe dann mal in Europa, um zu zeigen, dass die Angst, um die es in dem Artikel geht und die durch Deinen Kommentar (#12) beispielhaft als „Angst vor Luftverschmutzung“ konkretisiert und als ‚Panikmache‘ (Du redest von „puschen“) gedeutet wird, durchaus auch anders interpretiert werden kann, nämlich aus Erfahrungen die man in europäischen Großstädten gemacht hat und die es in ähnlicher Form heute immer noch in Städten außerhalb Europas gibt. Ein Vergleich, den Du persönlich, als jemand der Großstädte in Asien kennt, als „Frechheit“ empfindest. Ich wage ihn trotzdem… B-)

    In den Tagen vom 5. bis zum 9. Dezember 1952 wurde London, damals die größte Stadt der Welt, von einem dichten Nebel heimgesucht. Dieser Nebel mischte sich mit den Abgasen der Industrie und des Verkehrs, ein Phänomen, welches man seitdem gemeinhin als Smog (smoke+fog=smog) bezeichnet, mit einer SO2-Konzentration, die 8 mal höher war, als der heute in der EU zulässige Höchstwert von 0,5mg/m². An den folgen des Londoner Smog von 1952 starben mehr als 4.000 Menschen, überwiegend Babys, Kleinkinder, alte Menschen, sowie Menschen mit Atemproblemen. Andere Quellen gehen sogar von 16.000 Toten aus. Ähnliche Vorfälle, allerdings mit weniger Todesfällen hatten sich in London auch in den 150 Jahren vorher immer wieder ereignet, allerdings war die Ursache, nämlich die Wetterlage in Kombination mit der Luftverschmutzung, nicht bekannt, weshalb man erst durch die Tragödie von 1952 erstmals ernsthafte Gegenmaßnahmen in Form von Umweltschutzgesetzen getroffen hat.

    Wir brauchen aber eigentlich gar nicht bis nach London reisen. Smogkrisen gab es auch direkt bei uns vor der Haustür im Ruhrgebiet. Beispielsweise vom 4. bis 7. September 1962. Die Wetterbedingungen waren ähnlich wie 10 Jahre vorher in London. Eine warme Luftschicht hatte sich über eine kalte gelegt und innerhalb dieser Kälteglocke sammelten sich die Industrie- und Verkehrsabgase, so dass sich die Schwefeldioxidkonzentration in der Luft auf bis zu 5 mg/m² erhöhten. Beim Ruhr-Smog von 1952 starben mehr als 150 Menschen, die meisten davon in Duisburg, wo die Konzentration der Stahlhütten am höchsten war. Anderthalb Jahre zuvor im April 1961 hatte Willy Brandt fast schon prophetisch gefordert: „Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden!“, nachdem Anfang der 1960er Jahre erstmals seriöse Untersuchungen bekannt wurden, die einen Zusammenhang zwischen der Luftverschmutzung und dem Anstieg von Leukämie und anderen Krebserkrankungen bei Kindern im Ruhrgebiet belegten.

    Als Reaktion auf die Smogkrise im Ruhrgebiet beschloss die NRW Landesregierung so Sachen, wie „Autofreie Tage bei austauscharmer Wetterlage“. Bis zum ersten ernstzunehmenden Umweltschutzgesetz, dem sogenannten Bundesimmissionsschutzgesetz der sozialliberalen Koalition unter Willy Brandt von 1974 sollten noch fast 12 Jahre vergehen. Die Freiburger Thesen der FDP von 1971 waren diesbezüglich übrigens richtungsweisend. (Die FDP als erste deutsche Umweltschutzpartei – heute kaum noch zu glauben) Mit diesem Gesetz konnte erstmals in Deutschland der sogenannte ‚Smogalarm‘ ausgelöst werden. An Smogalarm kann ich mich selber noch ganz gut erinnern. In den 1980er Jahren gab es deshalb nämlich öfter mal Schulfrei. Im Januar 1985 war sogar zwischenzeitlich das Autofahren verboten worden. Solche Smogalarme gab es nicht nur im Ruhrgebiet, sondern auch in Berlin, Hamburg und Braunschweig und zwar bis in die 1990er Jahren.

    Vor diesem Hintergrund finde ich die Äußerungen des Nabu-Bundesgeschäftsführer gar nicht so ahnungslos und bösartig wie Du sie darstellst. Für mich wird mit Verweis auf außereuropäische Großstädte erst mal nur deutlich, dass wir Europäern in Sachen Umweltschutz den Metropolen in Asien etc. 20 bis 30 Jahre voraus sind, bzw. diese Regionen uns 20 bis 30 Jahre hinterher hinken, je nachdem von wo man guckt.

    Um zum Thema zurück zu kommen:
    Wir haben ein Recht und auch das natürliche Bedürfnis Angst zu entwickeln, wenn wir uns bedroht fühlen. Das gilt auch für den Bereich Umwelt, denn Umweltverschmutzung kann Krankheiten und im Extremfall auch den Tod zur Folge haben, was ich mit meinen Rückblicken deutlich machen wollte. Deshalb brauchen wir Gesetze und Initiativen, die uns und unsere Umwelt schützen. Die Kunst besteht darin, ein ausgewogenes und vernünftiges Maß dabei zu entwickeln. Wo ich dir Recht gebe ist in der Vermutung, dass wir uns in Deutschland vielleicht schneller als andere vor Angst in die Hosen machen.

    hier noch ein Link zum Londoner Smog aus dem Spiegel von 1952:
    http://einestages.spiegel.de/s/tb/26121/der-great-smog-von-1952-toedlicher-nebel-ueber-london.html
    hier noch was zur Smogkrise im Ruhrgebiet aus der Zeit von 1962:
    http://www.zeit.de/1962/50/verhaengnisvoller-smog

  • #21
    Walter Stach

    Nancy,
    ich habe nur gemeint, daß………….. und das habe ich weder als gut oder schlecht, richtig oder falsch, wünschenswert oder abzulehnen klassifiziert.
    Ich habe in diesem Sinne nicht ‚mal versucht, Ihnen ‚was an die Backe zu kleben.

    In Sachen Freiheit scheint es mir so, daß wir hier prinzipiell unterschiedliche Positionen einnehmen.
    Für mich ist Verantwortung -sich selbst und der Gemeinschaft gegenüber-immanenter Bestandteil von Freiheit oder anders“ „Freiheit ohne Verantwortung -sich selbst und anderen Gegenüber-gibt es für mich nicht“.

    Aber…………: Das ist m e i n e Auffassung von Freiheit; prinzipiell und keineswegs im Sinne eines anlassbezogenen Instrument für irgend welche Vorwürfe.

    CDU-Merkel – BMW- Lobby-Dankeschön-Spende:

    Leider wird auf diesbezügliche Kritik, z.B. durch mich, mit dem üblichen Reflex reagiert, auch durch Sie: Machen andere ja auch;ist ja nicht neu.
    1,
    Eine „Sauerei“ mag andere erklären und relativieren, kann diese aber nicht rechtfertigen.

    2.
    Ich bin der Auffassung, daß Zeitpunkt und Zusammenhang es in diesem Falle rechtfertigen, von einer Dreistigkeit der besonderer Art bei Geber und Nehmer zu sprechen.

    Daß dieses mehrheitlich in unserer Gesellschaft anders gesehen wird, habe ich zur Kenntnis zu nehmen.
    Daß ich über das diesbezügliche Warum nachdenke, ist naheliegend.

    Und mein Nachdenken über Frau Merkel, nicht nur, aber eben auch in diesem Zusammenhang führt mich wieder einmal zu meinen Betrachtungen darüber, ob und wie die Sozialisierung von Frau Merkel im sozialitischen System der DDR ihre politische Kultur so geprägt haben könnte, daß für sie sog. politische Tugenden wie Glaubwürdigkeit, Handeln aus Überzeugung, Orientierung an Grundwerten wie Ehrlichkeit, Offenheit, Fairness mindestens als belanglos, vermutlich sogar als „machthindernd“ gelten könnten.
    Insofern werden auch die in diesem Falle für mich bedenklichen Umstände im zeitlich-sachlichen Zusammenhang zwischen politischem Tun (der Kanzlerin) und Eingang der Spende(n) für ihre CDU bei der Kanzlerin und CDU- Parteivorsitzenden folgerichtig nicht die geringste Nachdenklichkeit im Zusammenhang mit der politischen Kultur in Deutschland, besser wohl über „ihre politische Kultur“ verursachen.
    Das gilt so offensichtlich auch für die Mehrheitsgesellschaft, die sich offenkundig das (Un-)Verständnis von Frau Merkel über “ poliische Kultur in einem freiheitlich-demokratischen Gemeinwesen“ nach jetzt bereits 8 Jahren-Merkel-Ära zu eigen gemacht zu haben scheint.

  • #22
    Klaus Lohmann

    @#20 | der, der auszog: Als Jemand, der die Sechziger bewusst erlebt hat, darf ich den auslösenden Angstfaktor der Smog-Debatte ziemlich treffsicher auf Menges und Petersens Pseudo-Doku „Smog“ mit Erstausstrahlung in 1973 setzen (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-42602599.html) – der erste Film übrigens, der auf ein Gesetz als Drehbuchvorlage setzte und das Genre Pseudo-Doku als bildgewaltiger Angstinitiator für die nächsten 300 Jahre prägt. Der Film als solcher ist gigantisch gut, keine Frage.

    Vorher war es eher eine Elfenbeinturm-Debatte, zum Film (vorab) gab es Panikmeldungen und Verbotsanträge der damals noch prosperierenden Schwarzindustrie, danach war die Panik in den Augen der Bevölkerung sichtbar, wobei wohl das Bild der sich auflösenden Strumpfhosen plus das der Kinderwagen im Smog die stärksten emotionalen Prägungen hinterließen. Medienfaktor Angst, damals noch sehr konkret nachvollziehbar.

  • #23
    der, der auszog

    @Walter (#21)

    „CDU-Merkel – BMW- Lobby-Dankeschön-Spende“

    Die Quandts wecken bei mir immer wieder Erinnerungen an Friedrich Flick, sowohl was ihre Spendenfreudigkeit angeht als auch hinsichtlich ihrer Verstrickungen mit dem Nationalsozialismus. Sowohl Flick als auch Quandt haben einen Großteil ihres Vermögens der systematischen Ausbeutung und Vernichtung von KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern zu verdanken, was man durchaus auch im Hinterkopf haben sollte, wenn diese Familien mal eben hunderttausende Euro springen lassen.

    Die Quandts haben sich genauso wie die Flicks immer sehr geschmeidig in die jeweils gegebene politischen Verhältnisse in Deutschland eingefügt und größtmöglich davon profitiert. Das fing im Kaiserreich, da lieferte Flick Wilhelm Koks und Kohle und Quandt nähte ihm die Uniformen. Das zog sich über den Nationalsozialismus weiter bis in die heutige Bundesrepublik hinein.

    Und um beim Thema zu bleiben. Auch solche Geldzuwendungen können einem Angst machen. Auch hier gibt es „keine natürliche Begrenzung“, um Worte aus der Überschrift dieses Artikels zu gebrauchen.

  • #24
    Dummkopf

    Um es einmal komplett zu machen:

    Quandt kündigt der CDU am Anfang diesen Jahres eine Spende an.

    „Die Kanzlerin stoppt eine anstehende EU-Entscheidung, die den deutschen Autoherstellern, u.a.BMW, nicht paßt.
    Soweit so schlecht.
    Die CDU, deren Vorsitzende diese Kanzlerin ist, erhält beinahe zeitgleich mit dem “Stop” in Brüssel von den BMWern Quandt u.CO eine Spende von 690.000 €. (#16)“

  • #25
    Nansy

    @der, der auszog #20:

    deine Beispíele für Smog aus den 50ér und 60ér Jahren sind ja richtig – nur hier in Deutschland gehören solche Probleme schon lange der Vergangenheit an (wobei es in Europa gemischter aussehen kann (Athen, Istanbul usw.).

    Aussagen wie „Richtig durchatmen geht kaum noch“ bezogen auf deutsche Städte und mit Vergleichen zu asiatischen Mega-Städten sind einfach primitive Angstmacherei und dienen nur einem Zweck, Zustimmung bei der Bevölkerung für weitere drastische Einschränkungen zu gewinnen.
    Angstmacherei als Mittel der Politik ist nicht neu (Übergewicht, Alkohol, Zucker, Sicherheit). Neu empfinde ich allerdings die Bereitschaft der Menschen, auf jede dieser Kampagnen mit Angstgefühlen zu reagieren, und Hintergründe nicht mehr zu erfragen.

    @Walter Stach #21:

    Freiheit mit Verantwortung -sich selbst und der Gemeinschaft gegenüber-wie Sie es für sich formulieren, ist etwas, dem jeder wohl im allgemeinen zustimmen wird.
    Wenn es dann allerdings im konkrete Fragen in Einzelfällen gehen sollte, wird jeder eine andere Sicht von „Freiheit“ formulieren. Insofern halte ich das für eine schöne Grundidee, die aber wenn es ins Detail geht, nicht wirklich weiterhilft.

    Kritik an Spenden an Parteien ist durchaus berechtigt, ich sehe meine Reaktion auf Vorwürfe an die Adresse von CDU oder FDP (die hier gerne gepflegt werden) nicht als üblichen Reflex (Machen andere ja auch), sondern als Versuch einseitige Schuldzuweisungen zu relativieren. Ich bin auch nicht glücklich darüber, hier quasi als „Verteidigung“ für die CDU zu erscheinen, zumal das nicht meinem politischen Standort entspricht – allerdings ist mir mancher Vorwurf hier zu einseitig.

  • #26
    Arnold Voss

    Wenn man über Angst diskutiert kommt man leider in ein sehr subjektives Feld. Deswegen wäre eine Unterscheidung zwischen Angst und Furcht sinnvoll. Furcht ist nämlich die Bezeichnung für objektiv begründete Angst. Wer z.B. in einer Firma arbeitet, die nachweislich erhebliche ökonomischen Probleme hat, der hat guten Grund um seinen Arbeitsplatz zu fürchten. Wer sich durch unbewiesenen Parolen unter Stress setzen lässt, der neigt zur Ängstlichkeit.

    Angst ist ein wesenticher Teil menschlicher Psyche der mehr mit unserer genetischen Ausstattung und unserer Erziehung zu tun hat, als mit realen Bedrohungen. Entschrechend sind die Sicherheitsbedürfnisse der Menschen sehr unterschiedlich. Die Mehrheit neigt dabei nach meiner Erfahrung eher zur unbegründeter Angst als zu begründeter Furcht.

    Dabei gilt die Grundregel, dass wer mehr zu verlieren auch die größere Verlustängste hat, vorausgesetzt er gehört zu der Gruppe der Ängstlichen. Die ängstliche Mehrheit ist also nicht dadurch zu beruhigen, dass sie gegenüber denen die wirklich wenig haben, bzw. unter wesentlicher größerer und realer Bedrohung stehen, im erheblichen Sicherheitsvorteil sind. Im Gegenteil ist sie besonder empfänglich für jeder Art der Angstmache.

    Genau deswegen lässt sich auch mit Angstmache und Angstlinderung so viel Geld verdienen, respektive Macht ausübern, was wiederum eine der wichtigsten Gründe ist, die Angst auf keinen Fall ernsthaft gesellschaftlich zu bekämpfen. Parteien die dieses unter der Parole der individuellen Freiheit und Verantwortung versuchen sind deswegen in der Regel die Vetreter einer kleinen Minderheit.

  • #27
    Helmut Junge

    Ich denke, dass ich in meinem Beitrag 10 der komplexen Frage nicht gerecht geworden bin. Ich kenne nicht genügend Menschen, die das Phänomen betrifft und dies offen diskutieren. So bin ich auf wenige eigene Beobachtungen angewiesen.
    Aber ich meine, dass es einen geschlechtsspezifischen Zusammenhang geben könnte. Mädchen und junge Frauen sind sicher in einigen Bereichen des öffentlichen Lebens mutiger geworden als das früher der Fall war, während junge Männer oft, nicht nur in beruflicher Hinsicht, weniger risikobereit sind.
    Da aber die Kernaussage des Artikels die Auseinandersetzung mit dem „Präventivstaat“ ist, „der keine Grenzen kennt“, müßte die Angst der jungen Männer, falls meine Vorstellung da richtig ist, diesem Präventivstaat sehr entgegenkommen. Möglicherweise sind die jungen Männer auch stärker von dieser Prävention stärker betroffen.

  • #28
    der, der auszog

    @Klaus (#22)

    Ich kenne die 1960er Jahre nur vom Hören-Sagen und Lesen, weil ich erst zu ihrem Ende hin geplant und realisiert wurde. Die Pseudo-Doku von Menge und Petersen kenne ich leider auch nicht, aber das, was der Spiegel dazu schreibt, erinnert ein wenig an Orson Welles Vertonung von Krieg der Welten, die seinerzeit in den USA als Radiobeitrag gesendet wurde und panikartige Reaktionen unter den Hörern ausgelöst haben soll, weil sie tatsächlich glaubten, Außerirdische wären auf der Erde gelandet. Hin und wieder schickt ja auch der WDR eine deutsche Version dieser fiktiven Reportage über den Äther.

    @Nansy (#25)

    Was die Panikmache in Sachen Zucker, Alkohol, Übergewicht und Sicherheit angeht bin ich voll und ganz auf deiner Seite. Die Liste ließe sich darüber hinaus mit unzähligen weiteren Konsumgütern (Autos, Zigaretten, Kaffee etc.) ergänzen. Und auch wenn ich in Sachen Umweltschutzangstmacherei eine andere Meinung habe als Du, erinnere ich mich noch sehr gut an eine Kampagne, wo ebenfalls die Menschen außerhalb Europas, nämlich in Afrika herhalten mussten, um Deutschland in Angst und Schrecken zu versetzen. Das war beim Thema Aids, von dem man heute in den Medien so gut wie gar nichts mehr hört, obwohl es in Afrika immer noch ein Riesenproblem ist. Aber was interessiert uns heute noch Afrika?

    @Arnold (#26)

    Unter Depressionen leiden mehrheitich die Gesellschaften, die sich Ängste leisten können. Oder anders ausgedrückt: Wer Geld für Pampers und kostspielige Psychotherapien hat, der ist auch verleitet, sich schneller in die Hose zu machen.

  • #29
    Walter Stach

    Der,Der ..28..
    bestens (!!)zum Schuß mit dem Bezug auf Arnold -26-.

    Wenn im Zusammenhang mit dem sog. Präventivstaat die „68er“ ins Spiel kommen, was ich spannend und interessant finde, besteht in der Tat Anlaß, über „Ängste damals und heute“ und über den Umgang der 68er damit nachzudenken und zu diskutieren. „Ein weites Feld.“
    Deshalb nur ein „kurzer Einwurf“:
    Die 68er, ich war damals kein Aktivist, waren zutiefst besorgt, ich auch, über den Zustand der Bundesrepublik im Innern -zurecht!- und über außenpolitische Ereignisse, die wir als bedrohlich für viele Menschen auf der Welt eingestuft haben .
    Aus dieser Besorgnis ist jedoch bei den 68er kein Zustand der Angst entstanden; ganz im Gegenteil hat man angstfrei, mutig, risikobereit – auch mit Blick auf die persönliche Karriere, den Kampf aufgenommen gegen Mißstände in Staat und Gesellschaft.

    Arnold -26-
    danke für den Hinweis „Furcht“ ist nicht gleich „Angst“.
    Ich ergänze:
    Und „Sorgen“ sind in diesem Sinne ebenfalls nicht gleich „Furcht“ oder gleich „Angst“. Die 68er -ich auch-waren damals zutiefst besorgt, aber nicht furchtsam und schon gar nicht ängstlich.

  • #30
    Arnold Voss

    @ dda # 28

    Im Grundsatz stimme ich zu. Depressionen können allerdings zur ernsthaften Krankheit werden. Das gleiche gilt für anfallartige Angstzustände. Die davon betroffenen Menschen habe ich allerdings nicht gemeint und du wohl auch nicht.

    Dass das Leben auch Kampf bedeutet, ist in versorgungsgewohnten Gesellschaften als wesentliche Erkenntnis für viele verloren gegangen. Man sitzt auf dauerhaft gewärmten Sesseln und fängt schon an zu zittern, wenn man nur an mögliche Kälteeinrüche denkt.

    Sollte das Leben dann trotz aller Sicherheitsvorkehrungen doch einmal zuschlagen, wird gejammert was das Zeug hält und notfalls auch in die Krankheit geflüchtet. Beim in den letzten Jahren grassierenden Burn-Out ist das offensichtlich. Gerade wenn man verbeamtet oder sonstwie lebenslang beruflich gesichert ist, ist man geradezu zu dieser Art der Problemösung verführt.

    Persönlich mache ich das den Leuten gar nicht mal zum Vorwurf. Es ist das staatliche Sicherheitssystem selbst, dass Krankheit unter Mithilfe so mancher Ärzte als Ausweg fördert. In vielen Schulen z.B. führt das zur Ausbeutung der Lehrer, die die Arbeit dann mitmachen müssen, bzw. zu Unterrichtsausfällen die das vertretbare Maß bei weitem überschreiten.

  • #31
    Dummkopf

    „Unter Depressionen leiden mehrheitich die Gesellschaften, die sich Ängste leisten können. Oder anders ausgedrückt: Wer Geld für Pampers und kostspielige Psychotherapien hat, der ist auch verleitet, sich schneller in die Hose zu machen.“

    „Die“ Menschen vergleichen sich anhand der Maßstäbe, die in ihrem Lebensumfeld Gültigkeit besitzen.
    Insoweit entwickeln sich die (Versagens-) Ängste inhaltlich und quantitativ unterschiedlich entlang der jeweiligen gesellschaftlichen Norm – alle haben sie, aber nicht alle dieselben in der gleichen Ausprägung.

    (Versagens-) Ängste sind in Afrika oder Mongolei nicht per se weniger sondern eher anders ausgeprägt.

    Sach ichmaa soo..

  • #32
    mpunkt

    Genau. Prävention ist (immer) eine Einschränkung von Freiheit. Beides muss gegeneinander abgewogen werden.
    So wie Freiheit, das gehört zum Liberalismus, auch immer gegen Verantwortung (für andere) abgewogen werden muss.

    Unabgewogen, in Reinkultur, endet (totale) Freiheit in der Anarchie des jeder gegen jeden zu seinem eigenen Vorteil. Und Prävention endet unabgewogen in (gutgemeinter) Diktatur.

    Was einfach erschütternd ist, ist wie unkritisch die „Generation Fahrradhelm“, vor allem in linken Milieus, mit „vernünftigen“ Argumenten immer weiter gehende und höchst willkürliche Gängelungen voranteribt.

    Wenn Fahrradhelme so begründet werden, dann müssten Automobilkäufe, Käufe von Trittleitern und In-der-eigenen-Wohnung-ohne Stopersocken-umhergehen schon längst verboten sein. Ist nämöich viel gefährlicher als ohne Helm Fahrrad zu fahren.
    Raucverbot? Trinkverbot! Skiverbot!
    Diese zwanghafte Risikovermeidung ist einfach sick!

  • #33
    Nansy

    “Unter Depressionen leiden mehrheitich die Gesellschaften, die sich Ängste leisten können.“

    Ja, natürlich – allerdings gibt es einen wissenschaftlich-medizinischen Komplex der diese Ängste kräftig schürt. Und so mancher Wissenschaftler läßt inzwischen erkennen, dass er Demokratie und Freiheit im Sinne der „Welterrettung“ eher für hinderlich hält und dass diktatorische Staaten dafür viel besser geeignet sind:

    Ein Kommentar von Dr. Paul Ehrlich von der Universität Stanford zum „Bericht zum Stand des Planeten“ der britischen Royal Society: „Wieviel Menschen man versorgen kann, hängt vom Lebensstil ab. Wir kamen auf etwa 1,5 bis 2 Milliarden, weil man dann aktive Großstädte und Wildnis haben kann. Wenn man eine Legehennen-Welt möchte, in der jeder nur ein Minimum an Raum und Nahrung hat und alle gerade nur so am Leben erhalten werden, dann kann man vielleicht 4 oder 5 Milliarden Menschen langfristig erhalten. Aber es sind schon 7 Milliarden. Wir müssen also so human und so schnell wie möglich zu einer Schrumpfung der Bevölkerung übergehen.“

    Der Club of Rome malt die Zukunft seit Jahren in düsteren Farben – und hat auch Lösungen zur Hand: „Um die Klimakatastrophe zu verhindern, sei ein radikaler Kurswechsel notwendig, schreiben die Autoren. Und um diesen schaffen zu können, müsse das politische System geändert werden. „Wir brauchen ein Regierungssystem, das längerfristig denkt“, sagte Randers in Rotterdam, und, man höre und staune: „China wird eine Erfolgsgeschichte sein, weil es fähig ist, zu handeln.“

    Oder der „Director of Canberra’s Centre for Research & Action in Public Health“ – er fordert, um das Übergewichtsproblem in Griff zu bekommen, die Rationierung der Beschaffung von ausgewählten Lebensmitteln:

    Zitat. “
    Betrachten wir den am meisten umstrittenen von diesen Vorschlägen, das Thema Rationierung. Während des zweiten Weltkriegs (1939-1945) hat die britische Regierung Nahrungsmittelrationierungen mit einem Punkt-System in jedem Haushalt eingeführt. Jederman wurde eine Anzahl von Punkten im Monat zugeteilt und bestimmte Nahrungsmittel, wie Fleisch, Fisch, Kekse, Zucker, Fette und Tee wurden rationiert.
    Nahrungsmittelknappheit und Regierungsverordnungen während der Kriegszeit haben die Leute gezwungen, andere Essgewohnheiten anzunehmen. Sie haben erheblich weniger Fleisch, Eier und Zucker gegessen, als sie es heute tun.“
    und: „Um einen radikalen Politikwandel einzuführen, kann es für die Regierungen eine wirkungsvolle Herangehensweise sein, den Nahrungsmittelverbrauch zu regulieren und die Nahrungsmittelindustrie auf gleiche Weise zu kontrollieren wie die Tabakindustrie.“
    http://theconversation.com/the-obesity-epidemic-too-much-food-for-thought-7969

    Alarmismus und Katastrophenprophetie gehören inzwischen zum wissenschaftlichen Handwerk und schüren die Ängste der Menschen.

  • #34
    Nansy

    Diese Meldung passt dann auch wie die Faust aufs Auge zu den Aussagen in diesem Buch:

    Haus & Grund fordert von der Stadt Solingen ein Alkoholverbot auf öffentlichen Straßen und Plätzen zu erlassen:

    http://www.rp-online.de/bergisches-land/solingen/nachrichten/hausbesitzer-fordern-alkoholverbot-in-der-city-1.3754061

  • #35
    Walter Stach

    -34-Nancy

    „Haus und Grund“ fordert………

    Das paßt doch, nämlich „bestens“ zu meinen Überlegungen im Beitrag -1-.

    Individuelle Sorgen, Ängste in der Bevölkerung führen in der Gesellschaft – bei einzelnen Menschen, bei Personengruppen, bei Verbänden- dazu, den Staat (seine Kommunen)aufzufordern, p r ä v e n t i v (und repressiv)………………

    Vornehmlich nachzudenken haben wir demnach nicht über den „von sich aus“ auf Prävention bedachten Staat -nebst seiner Kommunen-, sondern über das Warum ständig neuer Forderungen an den „Präventivstaat“ -die „Präventivkommune“ aus der Gesellschaft und insofern auch über die diesbezügliche Rolle der Parteien „als Mittler zwischen Staat und Gesellschaft“.

    Simple Erwägungen „angesichts von Haus und Grund in Solingen“, aber wohl nicht gänzlich überflüssig.

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