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Der Saufraum oder wo ist die SPD meiner Kindheit geblieben?

Sozialdemokrat, ausgehende 60er Jahre

Die Dortmunder SPD ist gegen die Einrichtung eines Saufraums in der Nordstadt. Ein melancholischer Blick zurück…

Was sind das für Sätze heute in der Pressemitteilung der Dortmunder SPD: „Der Saufraum in der Nordstadt ist noch lange nicht installiert.“,  „Am Ende des Jahres feiert nicht der Saufraum, sondern die Suche nach ihm…“ oder gar „Die Bürgerarbeit könnte in anderen Bereichen der Stadt viel sinnvoller eingesetzt werden als für einen Saufraum.“

Mein Gott – Sozialdemokraten im Kampf gegen Alkoholiker. Kein Wunder, dass die SPD in Dortmund bei der letzten Kommunalwahl 2009 nur noch auf schlappe 37,8 Prozent kam – jeder Doppelkorn hat mehr Umdrehungen.

Ich erzähl mal wie das früher war mit der SPD hier im Ruhrgebiet, damals, als die Männer und die Schlote noch rauchten und die SPD nicht eine, sondern die Partei war. Die SPD war damals so etwas wie ein wandelnder Saufraum. Wo Schnaps stand, war ein Sozialdemokrat nicht weit. Alle bewunderten den betrunkenen Willi Brandt, wie er Heiner Geißler im Fernsehen beschimpfte. Das der Mangel an Nüchternheit als Makel zu sehen sein könnte, kam niemanden in den Sinn. Sozialdemokraten, das waren die Roten. Das hatte weniger mit der Politik zu tun, im Ruhrgebiet war die SPD schon immer konservativ, sondern mit der Gesichtsfarbe: Aus mariacrongegerbten Gesichtern stierten einen glasige Augen an Wahlkampfständen an. Als ich 1994 das Vergnügen hatte, Koalitionsverhandlungen zwischen der SPD und den Grünen in Gladbeck beizuwohnen, galt meine ganze Bewunderung einem sozialdemokratischen Ortsvereinsvorsitzenden, der es während der Verhandlungen schaffte, innerhalb einer Stunde eine ganze Flasche Schnaps zu trinken – und nichts von seiner Präsenz einbüßte. Es gab SPD-Oberbürgermeister, für die ein  jährlicher Alkoholentzug so normal war wie für andere Leute ein Skiurlaub. Schließlich sollte sich ja auch die Leber mal entspannen. Sozialdemokraten begrüßten sich auf der Straße mit einem fröhlich „Prost“.

Damals war die SPD nah an den Menschen. Der Typ, der neben Dir am Tresen umkippte, war mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Genosse. Und er war natürlich sturzbetrunken. Und die Wähler waren es auch – immer. Denn gewählt wurde in Kneipen. Wären alle nüchtern gewesen, hätte die SPD doch niemals diese irren Ergebnisse gehabt: Mehr als 50, ja zum Teil 60 Prozent, bei Kommunalwahlen – das war auch damals nur jenseits der zwei Promille zu ertragen.

Heute ist die SPD dabei, eine Schickimickipartei zu werden. So etwas wie Grüne ohne Abitur. Barolo und so. Kultur. Bionade. Nichtrauchen. Es soll sogar Sozialdemokraten geben, die Salat essen. Und das nicht als Mutprobe. Und gegen Saufräume sind sie auch. Das ist nicht mehr die SPD meiner Jugend. Und sie ist auch nicht mehr so erfolgreich.

 

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27 Kommentare zu “Der Saufraum oder wo ist die SPD meiner Kindheit geblieben?

  • #1
    Werner Jurga

    „Heute ist die SPD dabei, eine Schickimickipartei zu werden.“ – Das ist wahr.
    „Es soll sogar Sozialdemokraten geben, die Salat essen.“ – Das ist üble Nachrede.
    „Das ist nicht mehr die SPD meiner Jugend.“ – Okay, aber Du hast Dich ja zwischenzeitlich auch etwas verändert.

  • #2
    Heinz Ketschup Schleuser

    „Heute ist die SPD dabei, eine Schickimickipartei zu werden. So etwas wie Grüne ohne Abitur. Barolo und so.“

    Stimmt, schuld sind die verdammten Enkel. Seit die Combo um Engholm, Lafontaine, Schröder (schlimmer sind nur die Ur-Enkel und Schwipp-Enkel Steinbrück und Nahles) dran sind, ist die Säuferpartei Deutschlands auf den Hund gekommen. Mein Opa – er war Sozialdemokrat zu einer Zeit, als dies noch ein Way of Life war – hat fast immer ein Bier getrunken, wenn er über Politik sprach. Wenn er nicht trank, drehte er sich eine Zigarette.

    Fakt ist: In der SPD wird seit Jahrzehnten entschieden zu wenig gesoffen.

    Das Saufen war übrigens nie eine Flügelsache: Die Kanalarbeiter um Egon Franke haben genausoviel vertragen wie die Jungsozialisten. Heute trinken die Jusos Becks Gold Limescheisse und die Seeheimer picheln Riesling. Pfui!

  • #3
    allemachtdendrähten

    Mein Erlebnis mit der Sozialdemokratie in Punkto Alkohol sieht folgendermaßen aus. Auf der von mir betreuten Homepage (bürger-bündnis-gelsenkirchen)stand auf einem Laufband als Frage: Sind auch führende SPD Genossen bekennende Alkoholiker. Immer im Zusammenhang mit einer Rede der netten Frau Hetmaier (SPD Dortmund)Das nahm der Gelsenkirchener SPD Fraktionsvorsitzende Dr.Klaus Haertel zum Anlass auf der letzten Ratssitzung die Ratsfraktion BBG darüber aufzuklären, das durch mich ein Staatsverbrechen geschehen war. Zufällig wurde ich von der BBG Fraktion zur gleichen Zeit für ein Mandat vorgeschlagen, was von Dr. Haertel dann in öffentlicher Rede abgelehnt wurde. Ungefähr aber nicht wortwöso die Begründung. In den letzten 25 Jahren haben wir nie einer Nominierung von anderen Fraktionen ablehnend gegenüber gestanden, aber diesen Mann der so erbärmlich über uns schreibt den können wir nicht auf die Gelsenkirchener Bevölkerung loslassen. Also denke ich doch , das ich mit einem sehr allgemeinen Satz den Nagel voll getroffen hatte und es auch in der Gelsenkirchener SPD einige Schluckspechte gibt, was ich nicht negativ sehe , aber die SPD ist anscheinend auf dem Weg sich vom Papst demnächst heilig sprechen zu lassen, zumindest in Gelsenkirchen. Ach ja mit dem Mandat ging dann so aus. Dr. Haertel zur BBG . Den Mann als mich nicht, aber sie können jeden anderen benennen, der wird dann von uns bestätigt.Was aber die Fraktion dankend ablehnte und im Rat wurde irgendwas von Nötigung oder Erpressung gemurmelt.

  • #4
    teekay

    Ich vermute ja eher, dass immer noch alle rotgesichtigen Schnapsflaschentrinker SPD waehlen…aber das werden irgendwie weniger…denn jetzt gibt auch Frauen in der Oeffentlichkeit, Muslime, Vegetarier usw. usf. bei denen saufkumpelhafte Auftritte irgendwie nicht so gut ankommen. Im Ortsverein wird bestimmt immer noch tuechtig gebechert und der jungen Bedienung auch mal auf den Hintern geklopft, aber da bleibt die Frage wie viele Menschen unter ca. 40 (oder ueber 60 wenn ich an die fitten Rentner denke) sich da angesprochen fuehlen.

  • #5
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @teekay: Meine Recherchen haben ergeben, dass es zumindest einen großen SPD-Ortsverein in Bochum gibt, wo mittlerweile Kaffee und Streuselkuchen gereicht werden. Irgendwie rockt das nicht…

  • #6
    Arnold Voß

    War letzte Woche auf dem „Vorwärts Sommerfest“ in Berlin. Diese SPD-Party war offensichtlich unter anderem von Vodafone gesponsert worden. So gut wie alle Besucher, darunter auch Andrea Nahles, trugen um den Hals ein rotes Vodafone-Reklame-Band mit angehängtem Namensschild.

    Da ich nicht für Vodafone Reklame laufen wollte, weder auf einem SPD-Fest noch sonstwo, habe ich es unter Protest abgelegt. Meine SPD Mitgliedschaft ist sehr sehr lange her. Trotzdem fand ich es unmöglich auf einem Parteifest der SPD gezwungenermaßen mit einem Firmenlogo um den Hals herumzulaufen, weil da und nur da mein Name drauf stand.

    Ach ja, betrunken war auf dem Fest niemand und das Buffett war vorzüglich.

  • #7
    Robin Patzwaldt

    Mein Opa, lebenslang SPD-Anhänger und Wähler, hat immer (raum-)warmes Ritter-Export getrunken. Auch nicht gerade das was man sich so wünscht. Früher war doch nicht alles besser 😉

  • #8
    Robin Patzwaldt

    Was das Saufen in der Öffentlichkeit bei Politikern betrifft geht jedoch nichts über den guten alten Boris Jelzin! Erinnert sich noch jemand an diese unvergesslichen Momente als er volltrunken versuchte in Berlin das Polizeiorchester zu dirigieren? Einfach Weltklasse! 😀

  • #9
  • #10
    Werner Jurga

    @ Arnold (#6)
    http://www.vorwaerts.de/artikel/spd-in-siegerlaune-beim-sommerfest-des-ae-vorwaerts-ae#comment-10910

  • #11
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Robin: Du hättest Deinem Opa vielleicht mal einen Külschrank schenken sollen :-). Mein Opa hat übrigens auch nur warmes Bier getrunken – er glaubte das sei gesünder. Ich habe hingegen in jahrzehntelangen Selbstversuchen herausgefunden, das auch kaltes Bier prima ist 🙂

  • #12
  • #13
    Werner Jurga

    @ Stefan (#11): „jahrzehntelange Selbstversuche“
    Darf ich Dir einen Aufnahmeantrag zuschicken?

  • #14
    Robin Patzwaldt

    @Stefan: Im Kühlschrank standen damals dann immer schon die belegten Toastbrote (halb mit Käse, halb mit Wurst) und die halbierten Eier mit Lachsersatz und Kaviarimitat. Zuimindest immer bei den Familienfeiern…. 🙂

  • #15
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Werner: Sorry, ich suche keinen Job in der Stadtverwaltung und auch keine Wohnung in einer kommunalen Wohnungsbaugesellschaft. Die klassischen Gründe in die SPD einzutreten entfallen somit.

  • #16
    Werner Jurga

    @ Stefan (#16): Das sieht Dr ähnlich. Einfach allein vor sich hinsaufen. Das ist voll kleinbürgerlich. Irgendwie auch etwas neoliberal. Ja nee, dann lass mal!

  • #17
    Heinz Ketschup Schleuser

    Das mit der Trinktemperatur war schon in den 70ern ein SPD-Thema:

    „Einziges Manko war damals, daß „Rheinlust“-Wirt Rudolf Schwarz den Schnaps wärmer als das Bier schenkte.“
    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40764071.html

    Herbert Wehners Ansprache an eine Säufertruppe (diesmal von der Union):
    http://www.youtube.com/watch?v=hKdv-7siNNU

    Prost. Mein SPD-Opa trank übrigens kaltes Wicküler aus dicken Buddeln.

  • #18
    Robin Patzwaldt

    Der Boris in Feierlaune:

    http://www.youtube.com/watch?v=R-z9wfueMAw

    Ab Sekunde 16 kommt die Situation mit dem Polizeiorchester in Berlin. Ich konnte damals gar nicht glauben was ich da sehe… Und der Mann konnte den ‚roten Knopf‘ bedienen…. Gruselig!

  • #19
    Mir

    Schauen sie sich die Schnapsnäschen in den Lokalredaktionen an… keine Legende. Hab ich selbst erlebt. Und schreiben konnten die dennoch. Die hatten mein Respekt.

    Statt Saufraum- wie wäre es wie in den USA in der Öffentlichkeit ein Tütchen über der Alkiflasche, so als Vorbeugung.

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  • #21
    Florian

    Man stammt ja aus einer SPD-Familie, von daher:

    Mein Großvater war für die SPD im Dortmunder Stadtrat und gehörte ’69 zu denjenigen die mal eben mit 60% in selbigen gewählt wurden. Bergmann und Querkopf.

    Und auch an seinen letzten Tagen im Krankenhaus gehörten Bier und Zigarette dazu … (an die Marken erinnere Ich mich leider nicht mehr.)

  • #22
    Christian S.

    „Mein Opa hat übrigens auch nur warmes Bier getrunken – er glaubte das sei gesünder.“

    Das ist so die Generation der heute 80-Jährigen, die glauben, zu kalte Getränke seien schlecht für den Magen etc. pp. Meine Oma hat immer darauf geachtet, dass meine Apfelsaftschorle nicht zu kalt war. 😀

    Und: natürlich ein super Artikel. Komm mal zu uns nach BaWü, hier wird noch gebechert. Anders hält man es ja auch nicht aus. 😛

  • #23
    Henning

    Was sagt uns der Beitrag von Arnold Voß in diesem Zusammenhang eigentlich? er ist wichtig, weil obwohl aus der spd ausgetreten aufs vorwärts Fest eingeladen. Er ist pc weil er gegen das Tragen von Sponsorenbändchen protestiert. Aber zum kostenlos durchfüttern lassen reicht es noch.
    Mit solchen Leute macht es auch keinen Spaß sich zu betrinken. Da ist einem ja schon vorher schlecht!

  • #24
    Robin Patzwaldt

    Was geht denn plötzlich hier ab? 455 ‚gefällt mir‘ bei facebook? So viele habe ich hier ja noch nie gesehen. Scheint so als hätte sich der Artikel innerhalb der SPD heute extrem verbreitet…. Wahrscheinlich bereitet man dort gerade auch schon Stefan`s Ehrenmitgliedschaft vor. Angestossen wird dann natürlich mit reichlich Pils und Korn 😀

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  • #26
    Arnold Voss

    @ Henning # 23

    Wenn ich mich schon kostenlos bei der SPD durchfresse, dann möchte ich doch wenigstens deren Zeichen um den Hals tragen, während ich das tue, und nicht das von vodafone. 😉

    War übrigens die erste Einladung zu einem SPD Fest seit über 30 Jahren. Ich war einfach neugierig wie das da jetzt ist und bin hingegangen. Politisch korrekt war es an diesem Abend allerdings, nichts zu den Vodafonebändchen zu sagen.

    P.S. Glauben sie wirklich, dass Jemand wichtig ist, wenn er als Nichtmitglied zu einem SPD-Sommerfest eingeladen wird?

  • #27
    Kh

    Leute wacht auf!! Früher war alles besser, sa hatten wir noch einen Kaiser! Politik ist Gestaltung für die Zukunft, nicht für die Vergangenheit! Die Zukunft gehört unseren Kindern, nicht uns alten Säcken!

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